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Astrid Kaiser: Menschenbildung in Katastrophenzeiten

Cover Astrid Kaiser: Menschenbildung in Katastrophenzeiten. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2007. 190 Seiten. ISBN 978-3-8340-0225-9. 18,00 EUR, CH: 31,60 sFr.

Reihe: Grundlagen der Schulpädagogik - Band 58.
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Thema

Die namhafte Grundschulpädagogin und Sachunterrichtsdidaktikerin Astrid Kaiser, Professorin in Oldenburg, stellt sich in ihrer jüngsten, sehr persönlichen Buchpublikation der Sinnfrage von Pädagogik angesichts kumulierender politischer sozialer, technologischer und ökologischer Katastrophen. Sie will mit ihre Schrift Mut machen und knüpft in ihren Gedanken an Themenkreise aus Ökopädagogik und Umweltbildung an. Die Darstellung bietet jedoch mehr als ein Update entsprechender Strategien und Konzepte, weil die Verfasserin ihren Ausgangspunkt konsequent bei den Zukunftsängsten von Kindern und er Ratlosigkeit Erwachsener setzt. Ihre Kernaussage dreht, rückbesinnend auf Kant, die bekannte Hentigsche Kurzformel von Bildung, "Die Sachen klären, die Menschen stärken", dahingehend, dass nur gestärkte Menschen aufklärend zu wirken vermögen, weil das Erkennen von Welt und ihren Problemen ausgehalten werden muss. Die eigentliche Substanz dieser Stärke liegt nicht in Macht und Profit, sondern ist in der Liebe zum Leben begründet. Weil das, was geliebt wird, leben soll, geht es - im doppelten Sinne - um die Erhaltung von Zukunft für alle und alles Lebenswerte, in Zeiten, in denen diese Stärke schneller wachsen muss, als die Katastrophen in Ausmaß und Reichweite zunehmen. Für Astrid Kaiser kann Schule für Kinder, Heranwachsende wie auch Erwachsene zu dem zentralen Ort werden, der Menschen durch Denken und Lernen von Menschlichkeit stärkt, indem ihre Ängste und eigentlichen Fragen keinem Tabu mehr unterliegen. In ihrem eschiatologischen Glaubensbekenntnis an eine Idee von Schule auf der Grundlage freier und damit humaner Lerntätigkeit sieht sich die Verfasserin durch Ideen, Ansätze und Konzepte bestätigt, die quer zum aktuellen, fremdbestimmt und kleinschrittig kontrollierten Leistungsschule liegen und die das double binding von "heimlichen Lehrplänen" (Jackson, Zinnecker) und "Unterrichtspathologien" (Flügge) mit pädagogischen Mitteln zumindest in Augenblicken durchbrechen. Was diese pädagogischen Mittel vermögen, welche veränderte Sicht auf Welt sie eröffnen und auch, was ihre fragile Einfachheit kennzeichnet, berichtet Astrid Kaiser in biografischen Rückblicken auf die eigene Kindheit, auf eigene pädagogische Berufstätigkeiten sowie in Kurzberichten prägender Eindrücke von Weltreisen. Didaktisierende Lesehilfen heben Kernaussagen hervor und bieten weiterführende Stichworte, für diejenigen, die Wege einer eigenen Umsetzung suchen.

Inhalt

Im Zentrum der sehr persönlichen, deshalb auch stark impressionistisch und assoziativ gefärbten Ausführungen, die durch themengewaltige Bildsujets aus der abendländischen Kunst (u.a. Van Gogh, Goya, Rubens, Michelangelo ...) verstärkt werden, steht das Dilemma der "weichen", weil eben humanen Wege einer Menschenbildung in der konfrontativen Auseinandersetzung mit den alltäglichen und allzu oft verdrängten Härten heutiger Zivilisation. Das Erhalten von Zukunft mit und für Kinder und Erwachsene wird mit direkter Offenheit verhandelt. Klimawandel, Kriege, Armut, Hunger, Dürre, GAU, Überschwemmungen und Terror widersprechen dem "glatten" Bild gern propagierten pädagogischen Fortschritts, das so bequem Widersprüche und Brüche kaschiert. Da die eigentlichen und damit unbequemen Fragen nach Zukunft zu oft nicht gestellt werden (dürfen und sollen), setzen zu häufig resignative Gewöhnungen ein, die wiederum durch die totale Instrumentierung dessen zu einem Konsumattribut verstärkt wird, was in fortschrittskritischen Konzepten vor nicht allzu langer Zeit als "nachhaltig" und "zukunftsfähig" bezeichnet wurde. Nahezu all das, was vor einigen Jahren mit großem pädagogischen Pathos an Konzepten einer humanen, ökologischen und sozial-verträglichen gesellschaftlichen Erneuerung propagiert wurde, mündete sehr schnell und konturlos in die alltäglich üblichen Konglomerate dessen ein, was Schule Heranwachsenden und Erwachsenen wie gewohnt bietet. Astrid Kaiser unternimmt vor diesem Hintergrund eine zentrierende Rückbesinnung auf das, was Kinder suchen und brauchen, eben auf das, was eine ernsthaft um Reflexivität bemühte Schulung des Denkens ihnen bieten kann. In ihrem Vorwort verweist die Verfasserin auf die exponentielle Zunahme von Katastrophen und stellt die Frage, ob wir stark genug sind, um ihnen zu begegnen. Anhand von Beispielen folgen im ersten Kapitel Konkretisierungen. Im zweiten Kapitel wird herausgearbeitet, was aus Katastrophen gelernt werden kann, nämlich sie zukünftig zu vermeiden. Welche Kompetenzen die Bewältigung von Katastrophen erfordert, ist Inhalt des dritten Kapitels, an das im vierten Kapitel Gedanken darüber anschließen, wie statt einer "Pädagogik der Katastrophenhilfe" ein eigentliches Leben-Lernen erfolgen kann. Prinzipien zur Umgestaltung von Schule werden im fünften Kapitel angerissen, bevor die Verfasserin in ihrem Ausblick die eigentliche, sprich menschliche Qualität von Schule an ihrem Grad kommunikativer und politischer Offenheit bemisst. Zur Illustrierung der Leistungsfähigkeit derartig "weicher" Lernstrukturen zieht Astrid Kaiser das Scheitern der USA im Vietnamkrieg heran.

Fazit

Die Publikation ist leicht lesbar und behandelt scheinbar bekannte Leitgedanken; dies jedoch in einer nicht "prüfungskompatiblen" Form, die zum Nachdenken anstiftet. Stilistisch erinnern zahlreiche Passagen an die Literatur der "pädagogischen Klassik". Andere Abschnitte sind hingen in heute eher üblicher Form mit Literaturhinweisen verfasst. Bei der Lektüre verstärkt sich gerade als Folge dieser Durchmischung der Eindruck eines ernsthaften Gesprächs mit Astrid Kaiser, in dem sie ihren Glauben an Pädagogik sowie ihre Vorstellungen von Schule erläutert, einen Orientierungsrahmen gegen die "Pädagogik aus dem Methodenkoffer" bietet und erkennen lässt, dass - nicht nur für sie - pädagogisches Handeln nur dann authentisch sein kann, wenn die Personen "fassbar" sind. Sich einem kritischen Lesemarkt in dieser Fassbarkeit zu präsentieren, erfordert mit den zugehörigen Gratwanderungen Mut und ist zu oft den "Abschiedspublikationen" älterer Kolleginnen und Kollegen vorbehalten. Es mag wohl symptomatisch sein, wenn gerade Studierende mir rückmeldeten, dass ihnen, bei ihren Suchprozessen, diese Formen einer "fassbaren" Positionierung helfen und sie diese oftmals vergeblich suchen.


Rezensent
Prof. Dr. Dirk Plickat
Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbuettel Fachbereich Fakultät Handel und Soziale Arbeit. Nach langjähriger eigener pädagogischer Praxis in Jugendhilfe und Schule als Erziehungswissenschaftler in Hochschule in Schnittfeldern von Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie beruflicher Bildung (auch historisch und vergleichend) tätig
Homepage www.fh-wolfenbuettel.de/cms/de/fbs/not_in_menu/pers ...
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Zitiervorschlag
Dirk Plickat. Rezension vom 03.12.2007 zu: Astrid Kaiser: Menschenbildung in Katastrophenzeiten. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2007. ISBN 978-3-8340-0225-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5496.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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