socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Klaus J. Bade, Pieter C. Emmer u.a. (Hrsg.): Enzyklopädie Migration in Europa

Cover Klaus J. Bade, Pieter C. Emmer, Leo Lucassen, Jochen Oltmer (Hrsg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2007. 1156 Seiten. ISBN 978-3-506-75632-9. 78,00 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema und Hintergrund

Wenn auch mittlerweile von allen maßgeblichen politischen Strömungen in Deutschland akzeptiert wird, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, erwecken die aktuellen politischen Diskussionen über Integration dennoch den Eindruck, als ob die diesbezüglichen gegenwärtigen Herausforderungen eine historische Ausnahmesituation wären. Die meisten Diskutanten zeigen dabei einen eklatanten Mangel an Information und an historischem Bewusstsein hinsichtlich Migration und Integration. Denn, abgesehen von kleinräumigen Wanderungen, z.B. Arbeitswanderungen vom Land in die Stadt, Ausbildungs- oder Heiratswanderungen, hat es, seit Menschengedenken, schon immer auch die verschiedensten Formen von grenzüberschreitenden Wanderungen gegeben. So prägt Migration auch die europäische Geschichte von ihrem Beginn an.

Mit der hier zur Rede stehenden Enzyklopädie liegt ein Gemeinschaftswerk internationaler Fachleute vor, das diesem Zustand durch das Bereitstellen von notwendigem Wissen über Migration und Integration in Europa von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart Abhilfe schaffen könnte, vorausgesetzt, die betroffenen Politiker sind daran interessiert, ihren Horizont darüber mit mehr historischer Tiefe zu erweitern.

Das Erkenntnisinteresse der Enzyklopädie beschreiben die Herausgeber wie folgt: "Leitaspekt ist … die konkrete historisch-empirische Frage, warum einzelne Zuwanderergruppen in bestimmten Aufnahmekontexten in dem in Selbst- und Fremdbildern überkommenen Zeiterlebnis und im kollektiven Gedächtnis auf beiden Seiten vergleichsweise lange als zugewanderte Minderheiten bzw. als Diaspora erkennbar blieben, während andere Zuwanderungen nur wenige bzw. historisch >kurze< gar keine Spuren hinterließen." (S. 24f.)

Wie im Vorwort von Klaus J. Bade skizziert wird, entstand diese 1156 Seiten starke und 2,6 Kilo schwere Enzyklopädie als ein Produkt fast zehn Jahre währender mühevoller Arbeit von rund 230 Wissenschaftler/innen, die sich in unterschiedlichen Zusammenhängen in aller Welt mit Migration befassen. Von Micha‘l Amara aus Brüssel über Prof. Dr. Gian Paolo Brizzi aus Bologna, Prof. Dr. Nancy L. Green aus Paris, Prof. Dr. Eric Lohr aus Washington und Prof. Dr. Klaus Schriewer aus Guadelupe/Spanien bis hin Dr. Sergej Žuravlev aus Moskau haben mehr als 200 Autoren aus zahlreichen Ländern und aus unterschiedlichen Disziplinen mit ihren rund 220 Artikeln an der Entstehung dieses Werkes mitgewirkt. Zudem wurde die Arbeit von einem wissenschaftlichen Beirat begleitet, der aus 32 anerkannten, auch als Länderkoordinatoren fungierenden Wissenschaftler/innen bestand.

Herausgeber

  • Dr. Klaus J. Bade, Professor für Neuere Geschichte und Begründer des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück sowie des bundesweiten Rates für Migration (RfM).
  • Dr. Pieter C. Emmer, Professor für die Geschichte der europäischen Expansion im atlantischen Raum und die damit verbundenen Migrationen an der Universität Leiden.
  • Dr. Leo Lucassen, Professor für Sozialgeschichte an der Universität Leiden und Amsterdam.
  • Dr. Jochen Oltmer, Apl. Professor für Neuere Geschichte und Vorstand des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück.

Aufbau

Die Enzyklopädie ist hervorragend gegliedert, sowohl der wissenschaftlich als auch allgemein an Migrationsgeschichte Interessierte findet immer, was er sucht. Das zehnseitige gesamte Inhaltsverzeichnis mit Kapiteln und Abschnitten hier zu thematisieren würde den Rahmen sprengen. Deshalb ein kurzer Überblick über die einzelnen Teile.

Teil 1 Raumbezogene Beiträge

Teil 1 enthält neben dem Vorwort von Klaus J. Bade einen Artikel von den Herausgebern zu Enzyklopädie: Idee - Konzept - Realisierung. In dem nächsten Artikel erläutern Dirk Hoerder, Jan Lucassen und Leo Lucassen Terminologien und Konzepte in der Migrationsforschung. Hierzu gehören Formen und Klassifikationen der Migration, Regime und Systeme der Migration genauso wie "Eingliederung".

Des Weiteren werden in den folgenden, recht ausführlichen 17 Überblicksartikeln alle europäischen Großregionen und Länder behandelt.

  • NORDEUROPA Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland (Knut Kjeldstadli).
  • WESTEUROPA Großbritannien (Kenneth Lunn), Irland und Nordirland (William J. Smyth), Niederlande (Jan Lucassen und Leo Lucassen), Belgien und Luxemburg (Frank Caestecker) Frankreich (Leslie Page Moch).
  • MITTELEUROPA Deutschland (Klaus J. Bade und Jochen Oltmer), Österreich (Sylvia Hahn), Schweiz (Marc Vuilleumier).
  • SÜDEUROPA Italien (Federica Bertagna und Marina Maccari-Clayton), Spanien und Portugal (Horst Pietschmann).
  • OSTMITTELEUROPA Baltikum: Estland, Lettland und Litauen (Michael Garleff), Polen (Dorota Praszałowicz), Tschechien und Slowakei (Hermann Zeitlhofer).
  • SÜDOSTEUROPA (Holm Sundhaussen).
  • OSTEUROPA Rußland und Weißrußland (Richard Hellie), Ukraine (Frank Golczewski).

In all diesen Überblicksartikeln werden die Wanderungsgeschichte der jeweiligen Räume und der Weg der Wanderer/innen von der Ausgangsgesellschaft in ihre neue Heimat beschrieben und die sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen von Migration und Integration erläutert.

Diese insgesamt 300 Seiten umfassenden raumbezogenen sowie zeitraumübergreifenden Artikel bilden zugleich den Orientierungsrahmen für die im nächsten Teil der Enzyklopädie unter "Gruppen" alphabetisch geordneten rund 220 Lexikonartikel.

Teil 2 Gruppenbezogene Beiträge

Diese Beiträge stellen die Vielfalt der Migration in ihrer religiösen, ethnischen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Perspektive detailliert dar. Die Themen erstrecken sich von "Ägyptische >Sans-papiers< in Paris seit den 1980er Jahren" über "Muslimische Bruderschaften in Südosteuropa seit der Frühen Neuzeit" bis "Zyprioten in Großbritannien seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs". Andere Artikel sind beispielsweise "Afrikanische Sklaven in Großbritannien in der Frühen Neuzeit", "Albanische Siedler in Italien", "Chinesische Restaurantbetreiber in den Niederlanden und in Deutschland", "Deutsche Senioren in Spanien seit dem späten 20. Jahrhundert", "Deutsche Siedler in Russland", "Hugenotten in Europa seit dem 16. Jahrhundert", "Italienische Saisonarbeiterinnen im italienischen 'Reisgürtel'", "Pakistaner in Großbritannien", "Philippinische 'Mail-Order-Bräute'", "Schweizer Söldner in Europa", "Zwangsarbeitskräfte in Deutschland … im Zweiten Weltkrieg". Es finden sich ferner auch zahlreiche Artikel zu den unterschiedlichsten Gruppen von politischen Flüchtlingen oder Vertriebenen.

Anhang

Der Anhang enthält neben Angaben zu Autorinnen und Autoren, zu Mitgliedern des Wissenschaftlichen Beirates und Länderkoordinatoren und zu den Herausgebern auch ein Verzeichnis der Wanderungsformen, ein Verzeichnis der Länder, Regionen und Orte sowie einen Bildnachweis.

Erwähnenswert ist ferner beim Aufbau, dass die Enzyklopädie ein Verweissystem enthält. Zwischen den einzelnen Artikeln werden durch die Verweise Querverbindungen hergestellt. Die raumbezogenen Artikel verweisen in Fußnoten auf entsprechende Gruppenartikel

Fazit

Die "Enzyklopädie Migration in Europa" füllt nicht nur eine Lücke, sondern sie ist auch ein ausgezeichnet gelungenes, sehr umfangreiches und kompetentes Nachschlagewerk von internationalem Rang.

Das Buch gefällt mit einem durchdachten Aufbau und einer insgesamt verständlichen Sprache, wenn auch die einzelnen Artikel sprachlich wie inhaltlich unterschiedlich sind, was allerdings bei der großen Anzahl der Autoren und Autorinnen der Enzyklopädie nicht wundert. Die zahlreichen, vortrefflich ausgewählten Bilder bzw. Abbildungen, Karten und Tabellen tragen sehr zur Veranschaulichung bei.

Wer sich zuverlässig und schnell über die Eigenheiten bestimmter Wanderungsbewegungen informieren will, hat hier das geeignete Handwerkszeug. Das Buch ist auch eine höchst informative Handreichung für all jene Politiker, die ihre Zerrbilder über Migration und Integration mit historischer Tiefe zurechtrücken können. Nicht zuletzt bietet die "Enzyklopädie Migration in Europa" für künftige Forschungen eine gute Grundlage. Es ist zu hoffen, dass sie einen Anstoß für weitere Forschungen gibt.

Zusammengefasst kann man sagen, dass diese Enzyklopädie in jedem gut sortierten Bücherregal eines an Migration und Integration Interessierten zur Grundausstattung gehören sollte.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...


Alle 97 Rezensionen von Süleyman Gögercin anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 15.02.2008 zu: Klaus J. Bade, Pieter C. Emmer, Leo Lucassen, Jochen Oltmer (Hrsg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2007. ISBN 978-3-506-75632-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5500.php, Datum des Zugriffs 26.06.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!