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Thomas Markert: Ausgrenzung in Schulklassen

Rezensiert von Prof. Dr. Gudrun Ehlert, 01.03.2008

Cover Thomas Markert: Ausgrenzung in Schulklassen ISBN 978-3-7815-1568-0

Thomas Markert: Ausgrenzung in Schulklassen. Eine qualitative Fallstudie zur Schüler- und Lehrerperspektive. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2007. 265 Seiten. ISBN 978-3-7815-1568-0. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 52,50 sFr.

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Thema

Anlass der Forschung zu Ausgrenzung in Schulklassen sind Erfahrungen des Autors in seiner beruflichen Tätigkeit als Schulsozialarbeiter. Kinder und Jugendliche, die von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern schikaniert, abgelehnt und ausgeschlossen wurden, baten Thomas Markert um Unterstützung, um die Ausgrenzung zu bewältigen bzw. beenden zu können. Die Realität unter SchülerInnen ließ den Verfasser nach der Bedeutung von Ausgrenzungen für die Beteiligten fragen: was motiviert Kinder und Jugendliche, einzelne MitschülerInnen auszugrenzen?

Entstehungshintergrund

Die Publikation wurde 2007 unter dem gleichen Titel als Dissertation an der Fakultät Erziehungswissenschaften der Technischen Universität Dresden angenommen. Die Promotion von Thomas Markert wurde durch ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung gefördert, die auch die Herausgabe des vorliegenden Buches unterstützt hat.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in vier Hauptteile gegliedert, die den Ausgangspunkt der Arbeit, den empirischen Zugang und das Auswertungskonzept, die Ergebnisse der Fallstudie sowie eine abschließende Zusammenfassung beinhalten.

Der Verfasser klärt zunächst die zentralen Begriffe "Ausgrenzung", "Anerkennung" und "Gewalt". „Ausgrenzung“ wird als Interaktions- und Aushandlungsprozess verstanden, in dessen Verlauf sich eine Gruppe von einer Person abgrenzt, diese ablehnt und ausschließt. Ausgrenzung wird auch als Aushandlung von Anerkennung verstanden. Markert folgt Axel Honneths Anerkennungstheorie, nach der Anerkennung die individuelle Erfahrung von autonomer Identität innerhalb reziproker Interaktionen mit anderen Subjekten ist. Um "Gewalt" als ausgrenzendes Phänomen zu erfassen, wird der Interaktionskontext der Ausgrenzung in Form anderer Beteiligter wie ZuschauerInnen, Unbeteiligte etc. mit einbezogen sowie die Bedeutung von vorausgegangen Handlungen. Dementsprechend werden auch die Handlungen der LehrerInnen in die Analyse miteinbezogen.

Der Verfasser erklärt gut nachvollziehbar das methodische Design seiner qualitativen Fallstudie. Um die Sichtweisen der SchülerInnen und der Lehrkräfte auf Ausgrenzungen zu erschließen, hat er sich für einen mehrperspektivischen Zugang entschieden. Die individuellen und kollektiven Perspektiven der SchülerInnen der untersuchten 8. Klasse werden mittels Interview per narrativem Soziogramm, Gruppendiskussion und Kurzfragebogen erhoben, die Perspektiven der unterrichtenden Lehrkräfte mittels problemzentrierter Interviews. Das "narrative Soziogramm" als Variante der Interviewführung hat Thomas Markert selbst entwickelt. Die Interviewten legen mithilfe von Pappkreisen die Gruppenstruktur der Schulklasse und erläutern ihre individuelle Perspektive im Interview. Die Fallstudie wurde in einer achten Realschulklasse einer Mittelschule in einer sächsischen Großstadt durchgeführt, die zum Erhebungszeitraum von 10 Mädchen und 19 Jungen besucht wurde. Den Kurzfragebogen haben 22 der 29 SchülerInnen ausgefüllt. Der Autor hat 13 SchülerInnen (durch Losverfahren ermittelt) und 4 LehrerInnen interviewt sowie eine Gruppendiskussion mit je drei Schülerinnen und Schüler durchgeführt.

Die Auswertung erfolgt mit Bezug auf die von Bohnsack entwickelte "dokumentarische Methode" in drei verschiedenen Interpretationsperspektiven.

  1. Für die Analyse der individuellen Orientierungen der Jugendlichen werden sieben Einzelfälle ausführlich vorgestellt. Im Vergleich dieser Schilderungen arbeitet Markert die Bedeutung des Drangsalierens von MitschülerInnen heraus, in dem er die "Ärger"-Kategorien der Befragten untersucht: "In der Klasse steht so die/der 'Geärgerte' als Einzelne/r allein den Mitschüler/inne/n gegenüber. Im Kontext dieser Konstellation wird Gewalt in vielfältiger Form und Kombination genutzt. Es wird beschimpft, gelästert, beleidigt, geschlagen, getreten u.a.m. …Das Handeln geht zulasten einer Person, der es nicht oder nur unzureichend gelingt, den Eingriff in die eigenen Absichten und das eigene Wohlbefinden zurückzuweisen" (S. 155f). Der Autor interpretiert das Drangsalieren einleuchtend als ein abgrenzendes gemeinschaftliches Degradierungshandeln von Schülerinnen und Schülern gegenüber MitschülerInnen. „Um eine soziale Isolation und eine körperliche bzw. psychische Verletzung zu vermeiden, beteiligen sich – und hierin ist die Duldung enthalten – die Jugendlichen an der Degradierung Einzelner.“ (S. 160) Es geht dabei also um die Demonstration von Zugehörigkeit und darum zu vermeiden, selber Ziel von Gewalt zu werden.
  2. Mit der Analyse der Gruppendiskussion präzisiert und erweitert der Verfasser seine bisherigen Ergebnisse. Die Bedeutung des Schlagens als Ausgrenzungsritual innerhalb der Anerkennungshierachie in der Schulklasse wird in seiner Geschlechtergebundenheit interpretiert: Schlagen und Nicht-Schlagen sind Kennzeichen für die Unterscheidung der Gruppen der Jungen und Mädchen. In dieser Differenzsetzung drückt sich aber nicht eine wertschätzende Anerkennung der Degradierten durch die Mädchen aus. "Im Abgrenzungshandeln bleibt die Distanzierung der Mädchen zum Schlagen nicht nur folgenlos, sondern gemeinschaftlich wird von Jungen und Mädchen die eingesetzte Gewalt legitimiert: Drangsalierte werden zu 'Provokateuren'."
  3. Auf der dritten Interpretationsebene vergleicht Thomas Markert die individuellen Relevanzsetzungen von vier Lehrkräften in dem er der Frage nachgeht, welchen Orientierungen sie folgen, wenn sie Ausgrenzungsprozesse unter den SchülerInnen wahrnehmen. Hier wird deutlich, dass alle LehrerInnen einen umfassenden Einblick in die ausgrenzenden Prozesse in der Klasse haben und dass sie Ausgrenzung nicht als brisante Aktualität verstehen, sondern als Kennzeichen eines Handlungsmusters der Klasse interpretieren. Am Beispiel der Drangsalierung eines Jungen zeigt Markert wie der Ausgrenzte zum "herausfordernden Opfer" von den SchülerInnen und LehrerInnen gemacht wird, obwohl beide Gruppen beschreiben, "wie der Junge in der Klasse nicht nur in offenen Provokationen, sondern auch über subtile Attacken gereizt wird. Über diese Interaktionen konstruieren sie ihn zu einem aufbrausenden, gewalttätigen Jugendlichen" (224). Die ausgrenzenden Prozesse werden von den LehrerInnen nicht problematisiert, gleichzeitig bedeutet die Ausgrenzung eine Störung des Unterrichtsablaufs. Für die Jugendlichen und die Lehrkräfte wird der ausgegrenzte Schüler bzw. die Schülerin zum problematischen Störfaktor. Der Vergleich des unterschiedlichen Umgangs mit der „Störung“ und dem jeweiligen Verständnis der Lehrerrolle, die Beteiligung der LehrerInnen an einer zweiten Ausgrenzung der SchülerInnen im Unterricht werden eindrücklich analysiert. Die Lektüre der Interpretation der Interviews mit den Lehrkräften ist allen potentiellen LeserInnen dringend zu empfehlen.

Den Abschluss des Buches bildet ein kurzer Ausblick auf Veränderungen des pädagogischen Handelns von SozialpädagogInnen und LehrerInnen im Kontext des Setting-Ansatzes des WHO-Konzept einer "gesunden Schule".

Diskussion

Kennzeichnend für diese Untersuchung sind kleinschrittige und sorgfältige Interpretation von Interviewaussagen, sowohl aus der SchülerInnen- als auch der LehrerInnenperspektive. Transparenz und Nachvollziehbarkeit - wesentliche Merkmale qualitativer Forschung - sind für die LeserInnen in höchstem Maße gegeben. Interaktionen und Ausgrenzungsmechanismen werden selten so genau beschrieben und analysiert, hier werden die Möglichkeiten und Chancen von Forschung unter handlungsentlasteten Bedingungen (im Gegensatz zur Praxis) deutlich. Damit ist das Buch für Studierende der Sozialen Arbeit und der Erziehungswissenschafter, für PraktikerInnen und HochschullehrerInnen gleichermaßen wichtig.

Fazit

Die Fallstudie vermittelt neue Perspektiven auf die ausgrenzenden Prozesse in Schulklassen und im System von Schule. Die Interpretationen werden sehr gut strukturiert und nachvollziehbar aufgebaut, zur Reflexion von Interaktionsprozessen in Schulklassen, zur Reflexion von pädagogischem Handeln und für weitere, notwendige Forschungsprojekte gibt die Lektüre wichtige Anregungen.

Rezension von
Prof. Dr. Gudrun Ehlert
Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida
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Es gibt 31 Rezensionen von Gudrun Ehlert.

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Zitiervorschlag
Gudrun Ehlert. Rezension vom 01.03.2008 zu: Thomas Markert: Ausgrenzung in Schulklassen. Eine qualitative Fallstudie zur Schüler- und Lehrerperspektive. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2007. ISBN 978-3-7815-1568-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5505.php, Datum des Zugriffs 25.02.2024.


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