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Simone Fuoss-Bühler: Werturteile in Westafrika

Cover Simone Fuoss-Bühler: Werturteile in Westafrika. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2007. 445 Seiten. ISBN 978-3-88939-852-9. 28,90 EUR.
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Gegenseitig zuhören - miteinander analysieren - interpretieren

Dieser methodische, kommunikative Dreischritt ist Grundlage jeder empirischen Forschung; vor allem, wenn sie mit dem Anspruch initiiert ist, Werturteile von Menschen zu befragen. Dabei sind, weil Werteentscheidungen immer im sozialen und kulturellen Kontext entstehen, "kulturelle Differenzerfahrungen und das Bewusstsein kultureller Differenz bei der Generierung universalisierbarer Werte" bedeutsam. Das ist die Forschungsfrage, die sich die Diplom-Pädagogin Simone Fuoss-Bühler, geb. 1970, für ihre Dissertation stellt, die sie an der Universität Tübingen vorgelegt hat. Ihr Forschungsansatz hat sich für die, seit 1998 an der Pädagogischen Hochschule Weingarten tätige Erziehungswissenschaftlerin und Lehrerfortbildnerin dadurch entwickelt, dass sie beim Graduiertenkolleg "Globale Herausforderungen - transnationale und transkulturelle Lösungswege" mitarbeitet und im westafrikanischen Netzwerk "Reseau Ecole et Développement" (RED - Schule und Entwicklung) die didaktischen und methodischen Grundlagen der "Befreiungspädagogik" einbringt.

In der Erziehungswissenschaft gibt es mittlerweile eine Reihe von interkulturellen Ansätzen und Auseinandersetzungen mit den Folgen der Globalisierung. Die Autorin stellt jedoch in diesem Kontext fest, dass "die Gefahr eines verkürzten Diskurses (besteht), indem Positionen des Südens, insbesondere aus Afrika, kaum wahrgenommen werden". In unserem Bewusstsein ist zwar, dass interkulturelle Verletzungen, Vorurteile und Missverständnisse vorhanden sind; sie lassen sich auch theoretisch erklären; sie sind aber nur selten im Voraus zu erahnen und damit auch kaum zu steuern. Interkulturelle, interethnische, interreligiöse, ökonomische, politische, geschlechterbezogene und bildungstheoretische Differenzerfahrungen, so die These der Autorin, werden individuell auf verschiedenen Ebenen bearbeitet. In ihrer Arbeit wendet sie sich zweien zu: Der strukturell-argumentativen und der inhaltlichen Begründungsebene von Werturteilen. Gerade das Konzept der Befreiungspädagogik, wie es vor allem von Paulo Freire in seiner "Pädagogik der Unterdrückten" entwickelt wurde, kann dazu dienen, Aufschlüsse über Wertvorstellungen und -urteilen von Menschen aus anderen Kulturen, in unserem Fall, aus Westafrika, speziell aus Kamerun und Togo, zu erhalten und sie im Dialog zu klären.

Aufbau und Inhalt

Simone Fuoss-Bühler beginnt ihre Arbeit mit einer Fallgeschichte: Ein 15jähriger Junge aus einer wenig intakten Familie, hat in einem Dorf in Kamerun Hühner aus einem Hühnerstall gestohlen, unweit des Hauses, in dem die Autorin mit ihrer Familie wohnte. Es war leicht heraus zu finden, wer der Hühnerdieb war. Doch Familie Bühler unternahm nichts, um etwa den Jungen anzuzeigen oder sonst irgendwie zur Rechenschaft zu ziehen. Die moralischen Bedenken überwogen: Familienverhältnisse, Unsicherheit. Einige Tage später war vor dem Haus ein großer Lärm zu vernehmen. Einige Erwachsene haben den Jungen, der sich wieder in der Nähe des Hühnerstalls aufhielt, ergriffen und "Korrektur" ausgeübt, wie das bei den Bamileke in Kamerun heißt. Sie haben ihn mit Stöcken verprügelt und in die blutenden Wunden Salz gestreut. Die zuschauenden "Weißen", für die vermutlich die Aktion mit veranstaltet worden war, fuhren anschließend mit dem verletzten Jungen ins Krankenhaus, wo er medizinisch versorgt wurde.

Die Autorin erzählt diese Geschichte nun in Fortbildungsseminaren vor Lehrerinnen und Lehrern des RED. Daraus entwickelt sich das, was in vielen afrikanischen Kulturen als "Palaver" bezeichnet und als alltägliche Kommunikationsform angewandt wird. Traditionell ist das Palaver durch die Metapher Nyereres in unser Methodenbewusstsein gelangt: "Die Alten sitzen unter einem Baum und reden, bis sie übereinstimmen". Die TeilnehmerInnen setzen sich engagiert und lebhaft mit dem Für und Wider der "Strafaktion" auseinander und bringen dabei wesentliche Aspekte ihrer kulturellen Identitäten ein. In mehreren Leitfadeninterviews werden die im Palaver geäußerten Positionen konkretisiert. Daraus entstehen die Ergebnisse der Arbeit, die sich in prägenden und kulturstiftenden Argumentationsmustern darstellen. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zeigen sich dabei. Bemerkenswert aus der philosophiegeschichtlichen Erfahrung des von einer Europäerin initiierten und geleiteten Forschungsansatzes in Afrika dürfte sein, dass der Begriff "Wert" im afrikanischen Kontext eng mit dem der Norm verknüpft ist. Daraus ergeben sich für die Werteerziehung in Afrika und in unserem Fall, speziell für die beteiligten RED-Schulen in Kamerun und Togo, Konsequenzen. Weil auch "der Umgang mit Armut … ein sozial verträgliches Verhalten beinhalten" muss, ist nicht allzu überraschend, dass, in den kulturellen, afrikanischen Tradition ein Wert auch Gemeinschaft und Identität stiftet. Für den interkulturellen Dialog könnte dies bedeuten, dass die unterschiedlichen Zieldimensionen nicht nur verschiedenen institutionalisierten Rechtsformen zugeordnet werden, sondern auch einem differenzierten wissenschaftlichen Denken unterliegen; etwa für das "afrikanische" Wertebewusstsein psychologische, kosmologische und historische Einflüsse. Für die Frage nach einer Menschenrechts- und Menschenwürde-Ethik im lokalen und globalen Verständnis bleibt deshalb nur der Weg: Differenz zu kommunizieren und im Sinne eines "Palavers" auszuhandeln. Im afrikanischen, wissenschaftlichen Diskurs gibt es eine Reihe von Entwürfen für eine "afrikanische Ethik", wie sie z. B. vom Schweizer Moraltheologen Bénézet Bujo formuliert werden. Danach sind oberstes Prinzip des Handelns in einer afrikanischen Ethik die Förderung und der Schutz allen Lebens auf der Erde, um die Würde zu erhalten. Dies aber müsse von der Gemeinschaft durch die Etablierung von Sitten und Moral garantiert werden.

Fazit

So entsteht aus der ursprünglichen Zielsetzung der Arbeit, Überlegungen zur Werteerziehung im RED zu entwickeln, eine Denkschulung für interkulturelles und globales Lernen. An der von Simone Fuoss-Bühler vorgelegten Dissertation bestechen insbesondere die ausführlich formulierte Forschungsmethologie und die interessanten Ansätze, wie sie im westafrikanischen Denken vorfindbar sind. Auch wenn die Trennschärfe von philosophischen und kulturellen Wertvorstellungen bei den verschiedenen afrikanischen Kulturen nicht immer deutlich heraus gearbeitet wurde - aber das war ja auch nicht hauptsächliche Zielsetzung der Arbeit - lässt sich sagen: Fuoss-Bühlers empirische Untersuchung über Werturteile in Westafrika ist ein Baustein für den europäisch-afrikanischen, wie auch für den globalen, interkulturellen Dialog.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.12.2007 zu: Simone Fuoss-Bühler: Werturteile in Westafrika. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2007. ISBN 978-3-88939-852-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5512.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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