socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Margherita Zander: Armes Kind - starkes Kind? Die Chance der Resilienz

Cover Margherita Zander: Armes Kind - starkes Kind? Die Chance der Resilienz. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 228 Seiten. ISBN 978-3-531-15226-4. 24,90 EUR.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-17268-2 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Von Resilienz wird gesprochen, wenn Menschen extreme Belastungen unbeschadet überstehen. In der Resilienzforschung wird angenommen, dass diese Menschen über bestimmte Stärken verfügen, die in kritischen und risikobehafteten Lebenssituationen zum Tragen kommen. In verschiedenen theoretischen Ansätzen werden diese sog. Schutzfaktoren teils eher als Fähigkeiten verstanden, die sich in den Individuen im Laufe des Lebens herausgebildet haben, teils werden sie eher im näheren oder weiteren Umfeld der Menschen, z.B. in den innerfamiliären Beziehungen oder in sozialen Netzwerken von Gleichaltrigen, verortet. Im Gegensatz zu Theorien und Forschungen, die vor allem die negativen Folgen von Belastungen und die Defizite von Menschen im Auge haben, geht es der Resilienzforschung darum, entgegenwirkende Kräfte im Leben oder der Persönlichkeit der Menschen ausfindig zu machen und zu erklären.

Die übliche Rede von Schutzfaktoren weist daraufhin, dass damit nicht notwendiger Weise die Widerstandsfähigkeit handelnder Subjekte gemeint ist. Verschiedene Ansätze der Resilienzforschung unterscheiden sich auch darin, was als "normale" oder "gesunde", d.h. gelingende Reaktion auf die widrigen Umstände zu verstehen ist. Erst in jüngster Zeit wird die Kultur- und Klassengebundenheit mancher Normalitätsannahmen der Resilienzforschung kritisch diskutiert. In Deutschland werden die Anregungen und Erkenntnisse der seit den 1970er Jahren im angelsächsischen Raum praktizierten Resilienzforschung bisher vor allem in der Heilpädagogik aufgegriffen. Das hier zu rezensierenden Buch unternimmt erstmals den Versuch, Studien zur Kinderarmut aus der Resilienzperspektive zu deuten und für Präventionsansätze in der Sozialpädagogik nutzbar zu machen.

Inhalt

Mit der eingangs gestellten Frage, ob Pippi Langstrumpf als ein "resilientes Kind" zu verstehen ist (ob auch als ein "armes Kind", bleibt offen), macht die Autorin gleich deutlich, dass es ihr nicht um akademische Debatten geht. Im ersten Kapitel vermittelt sie einen anschaulichen Überblick über Begriff, Theorien und Forschungen zur Resilienz, insbesondere in Bezug auf Kinder. Trotz der Verwurzelung der Resilienzforschung in der "klinischen Psychologie" verkörpert sie nach Auffassung der Autorin einen "fundamentalen Paradigmenwechsel", der die Aufmerksamkeit weg von den "Entwicklungsstörungen" und "Fehlanpassungen" hin zu den "positiven" und "gesunden" Widerstandskräften in den Menschen gelenkt habe. Dabei kommt es der Autorin darauf an, neben der "Gesellschaftsfähigkeit" auch die individuelle "Lebensfähigkeit" der Menschen und damit auch der subjektive Sinn und die Legitimität von Normabweichungen ins Auge zu fassen, eine Perspektive, die sie in dem von Lothar Böhnisch und Werner Schefold in den 80er Jahren formulierten Konzept der "Lebensbewältigung" gegeben sieht. Die Autorin beschränkt sich nicht auf die Darstellung grundlegender Elemente der Resilienzkonzepte, sondern geht auch auf Kontroversen, Schwachpunkte und offene Fragen der Resilienzforschung ein. Um das Resilienzkonzept für sozialpädagogisches Handeln nutzen zu können, hält sie es für unabdingbar, das Kind in seinen Lebensverhältnissen und in seinem unmittelbaren und weiteren Lebensumfeld in den Blick zu nehmen. Eine isolierte Fokussierung auf das einzelne Kind und die entsprechende Fixierung auf Trainingsprogramme würde einer Individualisierung der von der Armutsproblematik betroffenen Kinder einseitig Vorschub leisten und wäre damit aus Sicht der Autorin auch gesellschaftspolitisch fragwürdig.

Im zweiten Kapitel stellt die Autorin vier im deutschen Sprachraum bisher kaum rezipierte Studien aus der angelsächsischen Resilienzforschung vor, die sich explizit mit Armut als Entwicklungsrisiko von Kindern und Jugendlichen befassen. Diese Studien haben sich sehr intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie Kinder und Jugendliche ein Aufwachsen in Armut oder die Erfahrung ökonomischer Deprivation bewältigen und was sie dabei stärkt. Sie berücksichtigen nicht nur verschiedene regionale und historische Kontexte, sondern weisen auch teilweise darauf hin, dass bestimmte Persönlichkeits- oder Verhaltensmerkmale, die in der psychologischen Forschung üblicherweise als "psychische Erkrankung" oder "Dysfunktion" interpretiert werden, für Kinder in sozial benachteiligten Lebensverhältnissen überlebensnotwendig und als angemessene Bewältigungsstrategien zu verstehen sind.

Die beiden folgenden Kapitel sind den Forschungen zur Kinderarmut in Deutschland gewidmet, an denen die Autorin teilweise selbst beteiligt war. Sie diskutiert diese Forschungen aus einer doppelten Perspektive. Zum einen betont sie die Notwendigkeit, Armut als gesellschaftliches Problem zu sehen, das politisch-strukturelle Antworten erfordert; zum anderen hält sie es für unverzichtbar, Armut immer auch als subjektiv erlebte und zu bewältigende individuelle Lebenslage in den Blick zu nehmen. Die Resilienzperspektive erscheint ihr geeignet, beide Aspekte zu verbinden, wobei allerdings die Resilienzkonzepte ihrerseits zu "politisieren", d.h. mit den gesellschaftlichen Ursachen der Kinderarmut zu vermitteln seien. In diesem Sinne versucht die Autorin, Armutslagen und -erfahrungen "mit den Augen der Kinder" zu deuten und deren unterschiedliche (und nicht immer gelingende) Weisen der Bewältigung von "Risikosituationen" zu verstehen und zu erklären.

Im abschließenden fünften Kapitel fragt die Autorin, wie die Resilienz von Kindern in Armutslagen praktisch zu fördern sei, und diskutiert entsprechende Konzepte. Sie tut dies in dem Bewusstsein, dass der Verweis auf die Bewältigungsfähigkeit von Kindern als Freibrief dafür missbraucht werden kann, auf die politische Bekämpfung der Armut zu verzichten. Entsprechend ihrem "erweiterten Verständnis" von Resilienzförderung plädiert sie deshalb dafür, nicht nur am Kind anzusetzen und seine individuelle Resilienzfähigkeit zu stärken, sondern auch verändernd auf seine äußeren Lebensbedingungen Einfluss zu nehmen.

Fazit

Wie die Autorin selbst hervorhebt, vermittelt das Buch nicht so sehr grundlegend neue Erkenntnisse zu Resilienz, sondern macht die vorliegenden Resilienzkonzepte und entsprechende Forschungsergebnisse mit Blick auf die Armut von Kindern für sozialpädagogisches Handeln und "Armutsprävention" nutzbar. Es wirkt sympathisch, wenn die Autorin betont, für sie bedeute Förderung der Resilienzfähigkeit von Kindern, "sie mit ihren eigenen Vorstellungen und in ihrer Eigensinnigkeit ernst zu nehmen" (S. 218), und wenn sie die Resilienz der Kinder nicht – wie in manchen psychologischen Konzepten – als "Anpassungsfähigkeit", sondern – unter Bezug auf ein tschechisches Märchen ("Borstenkind") – als "Widerborstigkeit" versteht. Allerdings kommen die als widerborstig verstandenen Kinder in den sozialpädagogischen Überlegungen der Autorin kaum als handelnde Subjekte zum Vorschein, die Armut nicht nur "bewältigen", sondern auch gegen sie vorgehen könnten. Hier hätte ein Blick auf die Länder des Südens neue Perspektiven aufzeigen können, wo z.B. arbeitende Kinder sich in eigenen Organisationen zusammen tun, um für bessere Lebensbedingungen und eine andere Gesellschaft zu kämpfen.


Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children‘s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
Homepage www.fh-potsdam.de/person/person-action/manfred-lieb ...
E-Mail Mailformular


Alle 95 Rezensionen von Manfred Liebel anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 04.04.2008 zu: Margherita Zander: Armes Kind - starkes Kind? Die Chance der Resilienz. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-15226-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5530.php, Datum des Zugriffs 24.01.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht