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Anne Ott: Konzeptionelle Ansätze integrativer Mädchenarbeit

Cover Anne Ott: Konzeptionelle Ansätze integrativer Mädchenarbeit. Analyse von Interviews mit Pädagoginnen, behinderten und nicht behinderten Mädchen. VDM Verlag Dr. Müller (Saarbrücken) 2007. 136 Seiten. ISBN 978-3-8364-1658-0. 49,00 EUR, CH: 79,00 sFr.
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Thema

In den letzten 20 Jahren wurde zunehmend sowohl die Situation von behinderten Frauen und Mädchen als auch die Separierung von Menschen mit Behinderungen in den Blick genommen. Die Fortschritte in Richtung Integration sind vergleichsweise gering. Gerade erst wird ernsthaft an flächendeckenden integrativen Konzepten ab Kleinkindalter (z.B. in der Stadt München) gearbeitet. Im Bereich Schule sind ebenfalls nur sehr punktuell integrative Ansätze zu finden. Auch die feministische Mädchenarbeit, angetreten mit dem Vorhaben die Situation für alle Mädchen verbessern zu wollen ist für die Zielgruppe kaum erfolgreich geworden.

Frau Anne Ott geht in diesem Buch der zentralen Frage nach: wie sind Ansätze integrativ-feministischer Mädchenarbeit (in der Freizeit- und Bildungsarbeit) konzipiert, welche Bedingungen brauchen sie und welche Wirkungen erzielt eine integrative, gelingende Arbeit mit behinderten und nichtbehinderten Mädchen und jungen Frauen? Dazu stellt sie ihre Untersuchung zweier Einrichtungen der feministischen und integrativen Mädchenarbeit vor. Zur Einführung beschreibt sie im ersten Teil theoretische Zugänge und Grundlagen in den Themenfeldern Behinderung und Geschlecht, Gleichheit und Differenz, Prinzipien feministischer Mädchenarbeit und Integrationspädagogik.

Der zweite Teil ist zuerst der Untersuchungsmethodik und -anlage gewidmet. Der weitaus größere Teil beschreibt die beiden Einrichtungen und die Ergebnisse der Befragungen.

Autorin

Die Autorin ist Diplom-Pädagogin mit Schwerpunkt Rehabilitationswissenschaften und Projektleiterin des bundesweiten Projektes "Frauen sind anders - Männer auch" im Bundesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte

Aufbau und Inhalt

Die ersten 31 Seiten sind den Theorien und der Einführung in die einzelnen Themenfelder gewidmet. Frau Ott erläutert die Grundlagen für das vorliegende Verständnis von Geschlecht und Geschlechterverhältnis im Spannungsverhältnis von Gleichheit und Differenz. Sie setzt sich mit Facetten von Heterogenität - Behinderung und Nichtbehinderung, orientiert auch an der Begriffsbestimmungen der WHO. Frau Ott plädiert für die Enthierarchisierung zwischen den Geschlechtern und schlägt vor sich auf die Unterschiede innerhalb der Gruppe der Mädchen und Frauen zu konzentrieren. Dazu führt Frau Ott auch in das theoretische Konzept der "Pädagogik der Vielfalt" von Annedore Prengel ein. Sie beschäftigt sich mit der Vereinigung von Aspekten der feministischen, integrativen und interkulturellen Pädagogik in einem Gesamtkonzept von Gleichheit und Differenz. "Pädagogik der intersubjetiven Anerkennung zwischen gleichberechtigt verschiedenen" - gerichtet gegen Selektion und gegen hierarchische Strukturen.

Sie geht auch der Frage nach welchen Gewinn die Erziehung zur Gleichberechtigung verspricht. Ebenso werden gesetzliche und politische Dimensionen des Begriffs Integration aufgeführt. Die Grundlagen der Integrationspädagogik mehrerer Autoren, die Prinzipien dazu erarbeitet haben, werden erläutert. Frau Ott schildert integrative Ansätze, die überwiegend aus dem schulischen Kontext stammen, u.a. Feusers didaktisches Modell. In der außerschulischen Bildungs- und Freizeitarbeit gibt es bislang kaum Untersuchungen dazu.

Im Kapitel zur feministischen Mädchenarbeit, deren Grundlagen und Begründungen für geschlechtshomogene Arbeit stellt Frau Ott die Prinzipien der Mädchenarbeit und deren historische Entwicklung vor. Die Heterogenität weiblicher Lebenslagen und die Notwendigkeit diese konzeptionell zu berücksichtigen, da die Mädchen ja unterschiedliche Ausgangsbedingungen mitbringen, sind die Basis für ihre weiteren Überlegungen. Mädchen mit Behinderungen leiden unter verschärften Benachteiligungen. Ihre ambivalenten Anpassungsversuche auch auf Grund widersprüchlicher Anforderungen erschweren die Identitätsentwicklung behinderter Mädchen. Dazu haben sie Schwierigkeiten intensive Kontakte mit Gleichaltrigen frei zu gestalten. Frau Ott benennt auch die hohe Gefahr sexueller Gewalt, der behinderte Mädchen ausgesetzt sind. Nach ihrer fachlichen Einschätzung ist Mädchenarbeit die adäquate Arbeitsform, um Mädchen im Umgang mit diesen Widersprüchlichkeiten und vor allem mit Lebensoptionen unter erschwerten Bedingungen zu unterstützen und zu begleiten.

In den folgenden 14 Seiten stellt Frau Ott ihre Anlage der empirischen Untersuchung, die entsprechende Forschungsmethodik qualitativer Forschung und den Interviewleitfaden vor. Sie erstellt abgeleitet aus den Theorien und der Auflistung benannter Bedarfe aus der Literatur 10 Kategorien der Auswertung, die später in drei großen Themenbereichen zusammengefasst werden. Die empirische Untersuchung von Frau Ott umfasst die beiden Modelle integrativer Mädchenarbeit die zu diesem Zeitpunkt festzustellen waren - Mixed Pickles in Lübeck und LaLuna in Pforzheim. Beide Untersuchungen werden zunächst getrennt ausgewertet. Ihr Ziel ist herauszufinden inwiefern Integration Bestandteil feministischer Mädchenarbeit ist und welche Bedingungen dafür nötig sind.

Den weitaus umfangreichsten Teil des Buches machen die Schilderung der Untersuchungen und deren Auswertungen aus (72 Seiten).

  • Mixed Pickles pflegt einen Empowerment Ansatz um selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Dazu dient die Strukturierung der Angebote und Partizipation aus Prinzip und als Prinzip mit gezielter methodischer Umsetzung. Vorherrschend ist eine individualisierte, binnendifferenzierte Arbeitsform um soviel Teilhabe wie möglich zu erreichen. Die Zielgruppe wird als Expertinnen ihrer selbst betrachtet. Kooperation mit anderen Einrichtungen wird gepflegt, um Barrieren abzubauen und auch zur Rekrutierung und Werbung. Die Einrichtung wird mit 10%-20% von nichtbehinderten Mädchen besucht. Eine Aufgabe der Mitarbeiterinnen ist die Motivation der Mädchen sich mit Verschiedenheit auseinanderzusetzen.
  • LaLuna war historisch als Angebot für Mädchen mit sexuellen Gewalterfahrungen gedacht. Auf Grund guter Erfahrungen mit integrativen Einzelprojekten gab es eine Erweiterung um integrationspädagogische Inhalte auch nach den Prinzipien von Feuser. Partizipation wird durch den Mädchenrat ermöglicht. Eine enge Kooperation und Zusammenarbeit mit Institutionen der Mädchenarbeit wird zur Rekrutierung der Mädchen gepflegt. LaLuna wurde zu diesem Zeitpunkt von ¼ nichtbehinderten Mädchen im offenen Treff und 50 % Migratinnen besucht. Die Rolle der Pädagogin besteht darin den Austausch zwischen den Mädchen über Differenzen zu moderieren, Impulse zu geben und Beziehungsangebote zu machen.

Die vergleichende Analyse von Frau Ott befasst sich mit der Partizipation, der Barrierefreiheit und dem sehr unterschiedlichen Personalstand. Projektarbeit und Gruppenangebote identifiziert sie als wichtig in der Integrationspädagogik. Einzelne Ergebnisse werden als erforderliche und erfolgreiche Aspekte und Anregungen integrativer Mädchenarbeit vorgestellt. Dazu gehört z.B. die Gestaltung der Gruppeneinteilung, die konstatierte Fähigkeit der Mädchen sich selbst mit ihren Möglichkeiten einzuschätzen und zuzuordnen und den dazu nötigen Bedingungen, die dies fördern und ermöglichen.

Diskussion

Die Autorin führt auf knappe und sehr gut verständliche Art und Weise in feministische Theorien, in die soziale Kategorie Geschlecht und Geschlechterverhältnisse ein. Sie vermittelt ein Verständnis für die Themen Differenz und Dominanz, Differenz und Gleichheit, Integration und Integrationspädagogik sowie feministische Mädchenarbeit.

Die Beschäftigung mit diesen grundlegenden Theorien ist unabdingbar, um sowohl Begründungen als auch Basis für die Entwicklung und den Ausbau integrativer Arbeit (und das betrifft nicht nur die Diversität körperlicher und geistiger Verschiedenheit!) zu schaffen. Erfreulich ist daher auf so kompakte, überschaubare und verständliche Art diese vorgestellt zu bekommen.

Das Kapitel über Forschungsmethodik könnte für DiplomandInnen sehr aufschlussreich sein, für alle anderen ist es vermutlich eher langatmig. Es sollte sich keine/keiner daran hindern lassen weiterzulesen, da bereits die Beschreibung der beiden Einrichtungen eine Fülle von interessanten Hinweisen und kreativen Ideen für eine geschlechtersensible integrative Arbeit verrät. Die Beschreibung der beiden untersuchten Einrichtungen und erst recht die Auswertung der Befragung gibt viele Hinweise auf Methodik und Ansätze für den integrativen, pädagogischen Alltag feministischer Mädchenarbeit. Umso bedauerlicher ist es, wenn am Schluss erwähnt wird, dass LaLuna aus finanziellen Gründen geschlossen wurde.

Fazit

Dieses Buch ist eine Grundlagenlektüre. ErzieherInnen, PädagogInnen, BetreuerInnen von Mädchen mit und ohne Behinderungen und Fachleute, die in der Steuerung zuständig sind können sich grundlegende Informationen holen. Mit dem umfassenden Integrationsgedanken sollten sich alle in jedweder sozialen Arbeit mit Kinder- und Jugendlichen beschäftigen.

Obwohl sich das Buch mit Mädchenarbeit befasst, sind die Ergebnisse auf die Arbeit mit Jungen übertragbar.


Rezensentin
Hannelore Güntner
Dipl. Sozialpädagogin (FH), Erzieherin, Supervisorin (DGSv), Bildungsreferentin. Fortbildungen und Trainings in den Bereichen der Mädchenarbeit, Genderpädagogik, Gender Mainstreaming und geschlechtersensiblen Cross Work
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Zitiervorschlag
Hannelore Güntner. Rezension vom 20.03.2008 zu: Anne Ott: Konzeptionelle Ansätze integrativer Mädchenarbeit. Analyse von Interviews mit Pädagoginnen, behinderten und nicht behinderten Mädchen. VDM Verlag Dr. Müller (Saarbrücken) 2007. ISBN 978-3-8364-1658-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5532.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


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