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Christian Schrödter: Späte Sehnsucht. Sinnsuche im höheren Lebensalter

Cover Christian Schrödter: Späte Sehnsucht. Sinnsuche im höheren Lebensalter. Tectum-Verlag (Marburg) 2007. 130 Seiten. ISBN 978-3-8288-9376-4. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Thema

Die "späte Freiheit" von annähernd drei nachberuflichen Jahrzehnten nach dem Berufsaustritt könnte Sinnlosigkeit und Leere erzeugen. Begriffe wie "Desozialisation" und "rollenlose Rolle" machen für das Alter die Runde. Da gehen angesichts des demografischen Wandels allenthalben Gerontologen und Geragogen auf die Sinnsuche. So legt Diplom-Gerontologe Christian Schrödter, Absolvent des Instituts für Interdisziplinäre Gerontologie der Hochschule Vechta, im Tectum-Verlag Marburg das Buch "Späte Sehnsucht. Sinnsuche im höheren Lebensalter" vor.

Inhalt - Überblick

Schrödter spricht sich für Sinngebungs-Autonomie des Individuums aus, wiewohl seine Herleitungen von der Humanistischen Psychologie und der spirituellen Theologie geprägt sind. Er stellt Konzepte sozialkommunikativer Beziehungen, der Erfahrungsintegration und der Selbsttranszendenz vor. Folglich plädiert er für Sinngebungen in sozialen Bezügen, in frei gewählten Aktivitäten und in transzendierender Spiritualität.

Inhalte im einzelnen

  1. Im seinen mit 130 Seiten gut verdaulichen, gestaltpsychologisch illustrierten Gedanken leitet Schrödter im ersten Teil seines Anstoß-Buches von den persönlichkeits- und entwicklungspsychologischen Systemen Abraham Maslows und Eric Eriksons zur für ihn zentralen Logotherapie Viktor Frankls. Sie öffnet ihm jenseits aller physiologischen, sozialen und affektiven menschlichen Strebungen eine über die existentielle Befindlichkeit hinaus weisende, transzendierende Dimension. Im schon bei Erikson nahe liegenden Bezug aufs Alter gewinnt er nochmals anhand der Hinweise auf Freya Dittmann-Kohlis Arbeiten Zugang zu den kognitiven, motivationalen und affektiven Sinngebungs-Versuchen im höheren Alter.
  2. Die empirisch-methodischen Möglichkeiten  der nicht einfachen Beobachtung von Innenwelten verfolgt Schrödter in seinem zweiten Teil. Hier ist die Selbstbewertung der Befragten neben quantitativen und qualitativen Verfahren von besonderem Interesse.
  3. In der Meta-Analyse seines dritten Teils geht Schrödter den Zufriedenheitsphänomenen nach der Zurruhesetzung nach. In dynamischen Lebensverlaufs-Modellen gewinnen hier nach Bezogenheiten auf das zurück liegende mittlere Alter und nach Aufgreifen verbliebener Möglichkeiten neu Dienste für andere, die Dualität zwischen Aktivität und Muße, Lebensbilanzierungen und die transzendierenden Praktiken von Religiosität und Spiritualität an Bedeutung.
  4. Im zentralen vierten Teil zieht Schrödter eine Bilanz seiner Überlegungen zur Sinnstiftung im Alter mit einem Tableau  aus dem Knüpfen familialer und sozialer Beziehungen, aus dem Verfolgen von Freizeit-Aktivitäten und aus dem Eindringen in Religiosität und Spiritualität.
  5. Schließlich eröffnet der Autor fünftens mit dem Aufweis von Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunfts-Bezug geragogischer Arbeit eine mögliche animatorische Programmatik zur Setzung sinnstiftender Impulse.

Diskussion

Verständlich und übersichtlich durchqueren wir mit Christian Schrödter das vielgestaltige Grenzgebiet der Lebenssinnsuche zwischen Philosophie, Theologie und Psychologie. In diesen Regionen, wo es vor allem Stand- und Aussichtspunkte nur aus Glauben, Spekulation, persönlichen Präferenzen und subjektiven Positionierungen geben kann, hilft uns der Autor mit scholastisch wohl geordneten Hierarchien von Betätigungen und Erlebnisebenen. Thomistische konzentrische Kreise gestatten es uns, das zerklüftete Gebiet zu vermessen, so dass wir weder in Schluchten von Trauer und Verdruss versinken müssen, noch zu nicht mehr tragenden Höhenflügen ansetzen. Empirisch bahnt sich der Autor außer dem Einstecken von Schildern gängiger Verfahren keinen eigenen Weg durch die Sinnlandschaft. Dafür wird Vorgedachtes sinnvoll referiert und für den handlichen Gebrauch in der Alten-Animationsarbeit aufbereitet. Aber nicht nur der Multiplikator, auch der Endverbraucher wird das Buch mit Gewinn lesen.

Fazit

Unsere Seele schwebt unbewacht in freien Flügen, wie uns Hermann Hesse beim Schlafengehen zuflüstert. Christian Schrödter schaut sich ihre Flugbahnen an und zeigt uns mögliche Fluggesetze.      


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 15.05.2008 zu: Christian Schrödter: Späte Sehnsucht. Sinnsuche im höheren Lebensalter. Tectum-Verlag (Marburg) 2007. ISBN 978-3-8288-9376-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5535.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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