Ulrich Beck (Hrsg.): Generation Global. Ein Crashkurs
Rezensiert von Gerd Schneider, 10.07.2008
Ulrich Beck (Hrsg.): Generation Global. Ein Crashkurs. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2007. 267 Seiten. ISBN 978-3-518-45866-2. D: 8,00 EUR, A: 8,30 EUR, CH: 14,70 sFr.
Reihe: Suhrkamp-Taschenbuch - 3866 - Suhrkamp Globalisierung.
Autor/Herausgeber
Ulrich Beck, geboren 1944 in Stolp/Hinterpommern. Nach verschiedenen Professuren, u.a. in Münster und Bamberg lehrt er heute an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und an der London School of Economics and Political Science. Beck ist im Konvent und Vorstand der deutschen Gesellschaft für Soziologie. In seinen Arbeiten befasst er sich unter anderem mit den Themen Globalisierung und gesellschaftlichem Wandel und den damit verbunden Folgen für die Menschen. Titel aus der Liste seiner zahlreichen Veröffentlichungen sind: "Schöne neue Arbeitswelt – Vision Weltbürgergesellschaft" (Campus-Verlag 1999), "Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter: neue weltpolitische Ökonomie" (Suhrkamp Verlag 2002), "Weltrisikogesellschaft" (Suhrkamp Verlag 2007).
Thema
Ereignisse wie der 11. September 2001, der Irakkrieg, aber auch die Fußballweltmeisterschaft oder große Show-Events in der Musik- und Filmbranche werden auf dem ganzen Erdball wahrgenommen – und zwar gleichzeitig von vielen Millionen Menschen. Die Medien machen es möglich, das Internet verbindet alle Ecken der Welt. Wer das Neue der Globalisierung verstehen wolle, hebt Beck in seiner Einleitung hervor, müsse erkennen, wie die neuen Kommunikationsmedien in alle Bereiche gesellschaftlichen, und wirtschaftlichen Handels vorgedrungen seien und diese in ihren Grundlagen veränderten.
Das führt zu einer gemeinsamen Gegenwart: Die "Generation global" wird sozusagen live mit ganz fremden Sitten, Gebräuchen und Kulturen konfrontiert, mit neuen Risiken und Herausforderungen, die sie zuvor nicht kannte und oft gar nicht verstehen kann, da es keine gemeinsame Vergangenheit gibt. Alles ändert sich schnell, wie in dem Buch aufgezeigt wird, und für die Zukunft kann es kaum noch Modelle oder Handlungsanleitungen geben.
Beck hat Beiträge von zwölf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen versammelt. Entsprechend breit gefächert ist das Angebot an Bestandsaufnahme, Analyse, Kritik und Perspektive der globalen Themen, die hier dargestellt werden.
Ausgewählte Inhalte
- "Mythen der Globalisierung". So wendet sich David Held etwa in seinen Thesen "die Mythen der Globalisierung" gegen gängige Verallgemeinerungen wie Globalisierung sei gleichzusetzen mit Amerikanisierung oder die Entwicklungsländer seien in ihrer Gesamtheit die Verlierer des Welthandels.
- "Weltrisikogesellschaft". Sein von ihm in den 80er
Jahren geprägtes Wort von der "Risikogesellschaft" greift Beck in seinem Essay auf und denkt über das "Leben in der
Weltrisikogesellschaft" nach, die neue Konfliktlinien und –logiken produziere.
Folgerichtig dann der Aufsatz von Mary
Kaldor über den "neuen Krieg" im Irak, in dem die Frage zur Diskussion
gestellt wird, ob im Zeitalter der Globalisierung noch dieselben Fragen für die
"alte Form" der Kriegführung gelten oder der Irakkrieg als Testfall für die
Grundthese der Autorin gelten könne, welche Gefahr es mit sich bringe, die
eigene Vorstellung vom Krieg nicht an die neuen globalen Umstände anzupassen.
Was den Irakkrieg angehe, wie sich Mary
Kaldor sehr verhalten ausdrückt, falle es schwer, optimistisch zu sein.
Hingewiesen sei im Kontext des Themas "Risikogesellschaft" auf den Essay von Navid Kermani: "Der neue Terrorismus: Dynamik des Geistes". Ein bemerkenswerter und bis heute nicht hinreichend reflektierender Umstand der Terroranschläge des 11. September 2001 sei es, dass sie ohne jedes Bekenntnis ausgekommen seien. Dieser bekenntnislose Terror richte sich heute gegen einen Feind, der zur Abstraktion geronnen sei, konstatiert Kermani; gegen eine schon metaphysisch zu nennende Übermacht. Erschreckend, wie sich die Rhetorik westlicher Politiker (Bush sprach vom "Kreuzzug", Berlusconi von "Eroberung der islamischen Welt") spiegelbildlich in der Mechanik und Religiosität in den Argumenten zu derjenigen Osama Bin Ladens verhalte. - "Globale Ungleichheiten". Eine Fülle von Datenmaterial legt David Held in seiner Analyse "Globale Ungleichheiten" vor. Sie belegt im wesentlichen, dass die absolute Kluft zwischen den reichsten und ärmsten Nationen der Erde heute so groß ist wie noch nie und weiter wächst. "Afrika? Haben wir nicht auf der Agenda" überschreibt Heribert Prantl seinen Beitrag und hält ein leidenschaftliches – so der Untertitel – "Plädoyer gegen die Ignoranz und für eine neue Flüchtlingspolitik".
- Mit der "Weibliche Seite der Globalisierung"
befassen sich Barbara
Ehrenreich und Arlie Russel
Hochschild. Am Schluss ihres Essays formulieren sie die sich ergebenden
Fragen: "Wie können wir die Lebensbedingungen und –möglichkeiten von
Migrantinnen, die wie Kinder- und Dienstmädchen in eine legale Beschäftigung
eingebunden sind, verbessern? Wie können wir Menschenhandel und Sklaverei
verhindern? Finden wir einen Weg, den systematischen Transfer von
Pflegediensten aus armen in reiche Länder auszugleichen und damit das unvermeidliche
Trauma der zurückgelassenen Kinder auszugleichen?"
"Türkische Bräute und andere Opfergeschichten" heißt der Artikel von Elisabeth Beck-Gernsheim, der sich dem Umgang der Medien mit dem Islam annimmt. - Über die Arbeit. Von André Gorz, dem 2007 verstorbene französische Sozialphilosophen, wurde in dem Band der Beitrag "Die entzauberte Arbeit" aufgenommen. Gorz, in dessen Überlegungen stets die Arbeit im Mittelpunkt stand, ihre gerechte Verteilung und die Entfremdung des Menschen durch Arbeit und in ihr, stellt fest, dass wir heute "das Verschwinden einer spezifischen Weise erlebten, der Gesellschaft anzugehören und einer spezifischen Gesellschaftsform". Gemeint sei damit die, wie Michel Aglietta es gesagt habe, die "Lohngesellschaft" oder die – nach einem Wort von Hannah Arendt – "Arbeitsgesellschaft". Gorz, der zu den entschiedenen Verfechtern eines bedingungslosen Grundeinkommens gehörte, findet in seinem Aufsatz griffige Formulierungen für die Situation der arbeitenden Menschen in der globalisierten Welt. Aus der Losung "Egal welche Arbeit, Hauptsache eine Lohntüte" wurde "Egal wie viel Lohn, Hauptsache ein Arbeitsplatz". Anders ausgedrückt heiße das: Seid zu allen Zugeständnissen und Demütigungen, zu jeder Art von Unterwürfigkeit und Niederträchtigkeit im Konkurrenzkampf bereit, wenn ihr einen Arbeitsplatz wollt oder er auf dem Spiel steht! Dabei werde es, so Gorz, nie wieder "genug Arbeit" (entlohnte, feste Vollzeitarbeit) für alle geben.
- Weitere Beiträge. Einige Aufsätze des Bandes sind ausführlich beschrieben worden, andere können nur noch ergänzend erwähnt werden. Es sind von Seyla Benhabib ("Zwielicht der Souveränität der kosmopolitischen Normen?"), ein weiterer von Navid Kermani ("Europas Realisten"), von Ulrich Beck ("Bevölkerungsentwicklung im kosmopolitischen Blick"), von Daniel Levy und Natan Sznaider ("Vom Holocaust zur kosmopolitischen Erinnerungskultur"), von Roger Silverstone ("Die Stimme des Hufschmieds – Zur Moralität der Massenmedien").
Fazit
Wie kann eine gemeinsame Zukunft in der globalisierten Welt gestaltet werden? Diese Frage, ohne dass sie in dieser Bestandsaufnahme direkt beantwortet wird, schwingt in den meisten Beiträgen des Buches mit. Vermutlich kann sie so einfach auch gar nicht beantwortet werden, denn dazu sind diese Themen, die hier angesprochen werden, viel zu komplex. Alle Welt weiß ja, dass es Gewinner und Verlierer der Globalisierung gibt. Prantl zeigt es sehr eindrücklich in seinem Essay über Afrika. Einer internationalen Konferenz folgt die nächste, überall in der Welt sitzen die Chefs der Wirtschaftsforen zusammen. Weltbank, IWF und andere bestimmen das Geschehen. Alle sind sich einig, dass etwas passieren muss (gerade in Bezug auf Afrika). Doch jeden zweiten Tag sieht man in den Magazinen und Nachrichtensendungen die Bilder der drohenden Hungerkatastrophen, der weltweiten Energieknappheit, zum Teil ausgelöst durch die anonymen und verantwortungslosen Spekulationsmechanismen in den Finanzmetropolen.
Von dem unheilvollen Wirken der Finanzmärkte ist in diesem Buch vielleicht zu wenig die Rede, auch kaum von den Problemen der Umwelt. Gleichwohl ist es als, wie es im Untertitel heißt, "Crashkurs" sicher geeignet, sich im Wust der zahlreichen Publikationen aus den unterschiedlichsten Perspektiven zum Thema einen Überblick zu verschaffen.
Ein Bild wird auf jeden Fall in Erinnerung bleiben, wenn man das Buch weggelegt hat. Im Titel gebenden Schlusskapitel "Generation global" von Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim heißt es: Wie diese Generation – und das ist nicht die westliche, sondern gerade umgekehrt die nicht-westliche - sich über die Grenzen hinweg gegen die Ungleichheit auflehnt, das eigene Leben nicht mehr als Schicksal hinzunehmen gewillt ist (denn sie hat durch Fernsehen und Internet andere Lebenswelten kennen gelernt), an den Grenzgittern der westlichen Gesellschaften steht, heftig an ihnen rüttelt und ruft "Ich will da rein!" Kommt uns der Satz nicht bekannt vor?
Rezension von
Gerd Schneider
Schriftsteller, Drehbuchautor
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