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Matthias Ballod: Informationsökonomie - Informationsdidaktik

Cover Matthias Ballod: Informationsökonomie - Informationsdidaktik. Strategien zur gesellschaftlichen, organisationalen und individuellen Informationsbewältigung und Wissensvermittlung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2007. 544 Seiten. ISBN 978-3-7639-3426-3. 31,50 EUR.
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Kontext, Thema und Zielsetzung

"Gegen Ende des zweiten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung haben mehrere Ereignisse von historischer Tragweite die gesellschaftliche Landschaft des menschlichen Lebens verändert. Eine technologische Revolution, in deren Mittelpunkt die Informationstechnologien stehen, hat begonnen, die materielle Basis der Gesellschaft in zunehmendem Tempo umzuformen." Es sind monumentale Sätze, mit denen Manuell Castells den Leser in jenes Informationszeitalter geleitet, deren globale Wirkungszusammenhänge auf fundamentale Weise alle gesellschaftlichen Systeme und Sphären erfasst und verändert haben. Die  informationstechnologische Revolution konstituiert eine Weltwirtschaft, in der die drei Bereiche Produktion, Distribution und Reproduktion auf grundlegende Weise überformt und restrukturiert werden; sie generiert Sozialstrukturen: neue Ungleichheiten, neue Lebensformen und neue – soziale wie ökonomische – Netzwerke; und sie verändert kulturelle Muster der Wahrnehmung, der Kommunikation und nicht zuletzt der Selbstrepräsentation. Von der sozialwissenschaftlichen Forschung wurden diese Transformationen schon früh und mit unterschiedlichen theoretischen Akzenten aufgenommen. Exemplarisch genannt seien hier nur Bells Beschreibungen der "Nachindustriellen Gesellschaft" (1973), Tofflers stadientheoretische  Begründung der "Dritten Welle" (1980), Bühls Konzept der "Virtuellen Gesellschaft" (1997), Castells Rekonstruktion eines globalen "Informationellen Kapitalismus" (2001), aber auch Guggenbergers kulturkritische Einlassung zur "Online-Welt" (1997).

Ungeachtet der im Begriff angelegten Gefahren eines Reduktionismus, konnte sich die "Informationsgesellschaft" als Schlüsselkategorie in den sozialwissenschaftlichen wie politischen Diskursen etablieren. Sie verweist plausibel auf weit reichende gesellschaftliche Veränderungen, die in Anlehnung an Steinbicker (2001) in fünf Dimensionen umrissen werden sollen:

  1. die Entfaltung neuer Produktivkräfte,  die sich vor allem auf die Ressource Wissen als Produktionsfaktor stützen;
  2. die Implementierung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), die alle ökonomischen, politischen und sozialen Aktivitäten durchdringen;
  3. eine forcierte Durchsetzung "lernender Organisationen" mit hohen Anforderungen an ein informiertes Management komplexer Systeme;
  4. strukturelle Veränderungen der Arbeitswelt, in deren Verlauf effiziente "Wissens- und Dienstleistungsarbeit" (Fraunhofer IAO) an Bedeutung gewinnt;
  5. die Institutionalisierung eines dynamischen Bildungssystems, das die Menschen zur eigenständigen Daseinsgestaltung in komplexen und wissensintensiven Lebens-, Lern- und Arbeitswelten befähigen soll.

Informationstechnologien virtualisieren und transformieren alle Lebensbereiche der modernen Gesellschaft. "Neue Medien" haben die Kommunikation und Vermittlung von Wissen revolutioniert. Dies schließt auch den sozialen Sektor und hier insbesondere die Soziale Arbeit mit ein. Diese ist zwar immer schon in Form wissensintensiver Dienstleistungen organisiert, und sie kann in ihrem kognitiven Kern traditionell als eine Form des "Wissenstransfers" gesehen werden, die Menschen befähigt, ein eigenständiges, verantwortliches und sinnerfülltes Leben zu führen. Gleichwohl lassen sich im Kontext der Informationsgesellschaft Herausforderungen definieren, die eine intensivierte Auseinandersetzung mit den Bereichen des Wissensmanagements, der medialen Kommunikation und der Informationsdidaktik rechtfertigen.

Wenden wir uns zunächst dem Management sozialer Organisationen unter den Bedingungen der Neuen Steuerung zu. Hier stellen dynamische Umwelten hohe Anforderungen an die Beschaffung und Bewertung von Informationen. Prozessorientierte Organisationsformen sind ohne die Entwicklung und Pflege personenbezogener Kompetenzen nicht zu realisieren (Hasler Roumois 2007). Darüber hinaus sieht Soziale Arbeit als System fachlich qualifizierter Hilfe sich zunehmend gezwungen, eigene Leistungen und Bedeutungen wirksam zu inszenieren. Bedingung für ein solches "Eindrucksmanagement" (Otto) ist einerseits Wissen über die jeweiligen Sinn- und Sprachräume (Döbler 1997), an die Anschluss gesucht wird, andererseits Wissen über den Umgang mit und die Wirkung von Medien.

Richten wir den Blick auf die Zielsetzung Sozialer Arbeit, so rücken Fragen in den Mittelpunkt, die sich auf die Herausforderungen der globalisierten Informations-  und  Wissensgesellschaft für die alltägliche Haushalts- und Lebensführung beziehen. Orientierungs-, Auswahl- und Entscheidungsprobleme sowie der Umgang mit Risiken belasten die Lebensgestaltung (Thiele-Wittig 2003): Sind die Menschen diesen Anforderungen gewachsen? Welche Kompetenzen sind erforderlich, um diese Risiken, Kontingenzen und Entscheidungsdilemmata adäquat zu kommunizieren? Unter welchen Bedingungen können Bürger die technologischen Herausforderungen und Lernanforderungen bewältigen und mitgestalten? Als Antwort auf diese Frage ist die Forderung nach einer verstärkten Vermittlung von Alltagskompetenzen – sowohl im Rahmen der schulischen Allgemeinbildung als auch über unterschiedliche Formen außerschulischer Bildung und Beratung – zwar konsequent …, aber eben auch wertlos, solange sie ohne didaktische Fundierung in Bildungsprogramme oder konkrete Beratungsangebote überführt wird. In dieser Hinsicht (!) ruht soziale Bildungs- und/oder Beratungsarbeit oft auf einem dünnen, eher mit gutem Willen als mit fachdidaktischem Wissen gesetzten Fundament.

Mit einigen Erwartungen darf man sich deshalb dem von Matthias Ballod vorgelegten 544-seitigen "Kompendium" zur Informationsdidaktik zuwenden, das 2004 als Habilitationsschrift eingereicht und nun bei Bertelsmann verlegt wurde. Matthias Ballod ist seit 2001 Mitglied in der Expertenkommission "Umgang mit Wissen" (FUTUR-Projekt) des BMBF. Der von ihm vorgelegte Text kann, rekapituliert man seine bisherige Publikations- und Lehrtätigkeit, als eine Art Synthese verstanden werden, die sprachwissenschaftliche Analysen und die mehrdimensionale Auseinandersetzung mit I&K-Technologien im Grundriss einer Informationsdidaktik  zusammenführt. In kritischer Distanz zur bloß informationstechnologischen Qualifizierung zielt sein Entwurf auf Informationskompetenz als unabdingbare Voraussetzung für eine gesellschaftlich, organisational und individuell wissende bzw. informierte Auseinandersetzung mit dynamischen, komplexen und schwer prognostizierbaren Lebens-, Lern- und Arbeitswelten. "Der situationsgerechte, verantwortungsvolle, ethisch vertretbare und reflexive Umgang mit unterschiedlichen Medien und den über sie vermittelten Inhalten wird sich [nach Ballod – J.D.] zur gesellschaftlichen Schlüsselqualifikation entwickeln." Die Vermittlung bzw. der Erwerb von Informationskompetenz erfordere die Nutzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien, eine veränderte Lernkultur, neue Bildungsstrategien und eine Informationsdidaktik, die vor allem die intendierten formellen und informellen Vermittlungsarten, -medien und -situationen fokussiert.

Aufbau

Auch wenn der hier rezensierte Textkörper in nicht weniger als 150 (!) Kapitel bis in die vierte Gliederungsebene segmentiert wird, so lassen sich mit Ballod doch folgende Hauptkapitel unterscheiden:

  1. Bedingungsfelder des Forschungskonzepts
  2. Bezugsfelder des Forschungskonzepts
  3. Zur Theorie einer Vermittlungswissenschaft
  4. Zieldimensionen des Forschungskonzepts
  5. Anwendungsfelder des Forschungskonzepts   

Man muss sich schon in die Ausführungen vertiefen, um hinter diesem zunächst wenig aussagekräftigen (und wenig attraktiven) Labelling eine logische Struktur zu erkennen, die Prolegomena zu einer Informationsdidaktik (meinethalben auch: "das Forschungskonzept") in einem klassischen Fünf-Satz entwickelt, der im Weiteren inhaltlich erläutert werden soll.

I. Relevanz der Themenstellung und Exploration der Rahmenbedingungen

Ausgehend von begrifflichen Annäherungen, erschließt Ballod zunächst das als "Informations- und Wissensgesellschaft" bezeichnete gesellschaftliche Bedingungsgefüge, das von der Makroebene der globalen Informatisierung über politische Programme zur Implementierung von I&K-Technologien bis auf Gefahrenanalysen zur "digitalen Spaltung" heruntergebrochen wird. Ein zweiter Blick richtet sich auf das Funktionssystem "Wissenschaft" in den Spannungsfeldern zwischen Verwertbarkeitserwartungen und Bildungsauftrag, zwischen Ausdifferenzierung und Diffusion. Mit dem Stichwort "Diffusion" ist zugleich die bildungstheoretische Frage aufgeworfen, wie digitale Medien in institutionalisierten Lehr-Lern-Kontexten sinnvoll eingesetzt werden und welche Erwartungen wir an das Lernen mit Neuen Medien richten können. Eine kritische Auseinandersetzung mit der bildungspolitischen Parole "Lebenslanges Lernen" und ihrer Konsequenzen für eine neue Lernkultur beschließt dieses Kapitel.

Stichworte: Informationsgesellschaft – Informationsflut – Informatisierung – digitale Demokratie – digitale Spaltung – Wissenschaft – Wissensgenerierung – Verwertbarkeit – Differenzierung – Wissensdiffusion – Neue Medien – Multimedialität – institutionelles Lernen – Lebenslanges Lernen – Erfahrungslernen – neue Lernkultur – Lernstrategien – kollaboratives Lernen – informelles Lernen.

II. Forschungsstandanalyse und Forschungsdesiderat

"Der Themenkomplex des Umgangs mit Informationen und der Vermittlung von Wissen bildet ein Konglomerat aus institutionellen, gesellschaftlichen, medialen und technischen Aspekten." (124) Unerlässlich sei nach Ballod deshalb eine fachübergreifende vermittlungswissenschaftlich orientierte Forschung. Diese beweise ihre Leistungsfähigkeit u.a. in der methodischen Modellierung von Wissensprozessen, sei es in personalen, organisationalen oder technischen Systemen (135f). Sie sei dabei angewiesen auf eine systematische Analyse der Zeichensysteme zur Strukturierung von Wissen (143). Besondere definitorische Anstrengungen richtet Ballod deshalb, anknüpfend an den Pragmatismus von Charles Sanders Peirce, auf einen semiotischen Informationsbegriff (173), dem zufolge Bezeichnungen und Bedeutungszuweisungen in Prozessen des Gebrauchs erfolgen. Der allem Wissen vorausgehende Prozess des "Verstehens" sei insofern emergent; es sei ein schöpferischer, dem Lehrenden nicht unmittelbar zurechenbarer Akt der Transformation.  

Stichworte: Vermittlungswissenschaft – Informationswissenschaft – Wissen: Speicherung, Verteilung, Austausch – digital rights – open source – Wissenskommunikation – Wissensmanagement – Wissenstransfer – Wissenstreppe – Wissenstypologie – Semiose – Zeichen und Information – Verstehen – didaktische Modelle – Mediendidaktik – Deutschdidaktik – Sprachdidaktik

III. Begründung einer Theorie der Vermittlungswissenschaft

Sprache als Zeichensystem und elementare Organisationsform von Wissen ist konstitutiv für die von Ballod begründete Informationsdidaktik. Aufbauend auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Modell semiotischer Transformation und im Rückgriff auf kognitionspsychologische Forschungsansätze, weist er ihr die Aufgabe zu, neue Vermittlungsstrategien zu erproben, die sich in mehrdimensionalen Prozessen den Wahrnehmungs- und Rezeptionsgewohnheiten von Lernenden annähern. Dabei dominieren zwar Nichtplanbarkeit und Kontingenz das Lerngeschehen; dies kann Mediendidaktik und Medienpädagogik als intentionale Gestaltung von Lernvoraussetzungen und Wissenstransfer aber nicht von der Aufgabe entbinden, (unter Berücksichtigung intentionaler, personaler, inhaltlicher, situativer, methodischer und medialer Variablen) (249) verstehbare Zeichensysteme, verständige Rezipienten sowie verständigungsorientierte Vermittlungskontexte hervorzubringen.

Stichworte: Wissenstransformation – Semiose – Ch. S. Peirce – Pragmatik – Wissenserwerb – Bedeutung(szuweisung) – Verstehen(shorizont) – Kommunikation – Verständigung – Verständlichkeit – Lernen – Informationsgestaltung – Informationsverarbeitung – Aufmerksamkeit – Erleben – individuelles Wissensmanagement – Informationskompetenz – Wissenstransfer – lernende Systeme

IV. Ziel- und Handlungsorientierung

Aufbauend auf dem theoretischen Fundament zur Planung, Analyse und Bewertung von Wissenstransformationsprozessen, wendet Ballod sich abschließend ziel- und handlungsorientiert drei Themenfeldern zu: erstens der Begründung und Operationalisierung des Begriffs "Informationskompetenz", der in den Dimensionen "Recherchieren und Organisieren, Analysieren und Evaluieren, Präsentieren und Kommunizieren" entfaltet und hinsichtlich der Anforderungen an die Lehrerausbildung exemplarisch erläutert wird (291). Ballods zweiter Blick gilt der Frage, wie Forschung als verständliche Wissenschaft an gesellschaftliche Vermittlungsprozesse angekoppelt werden kann, wobei dem Transfer über Online-Systeme eine besondere strategische Bedeutung zugewiesen wird. Im dritten Themenfeld wendet Ballod sich dem organisationalen Wissensmanagement zu (373). Sein besonderes Augenmerk gilt der Realisierung von E-Learning-Konzepten, während der Kernfrage prozessorientierten Knowledge Managements, der Transformation und Generierung von Wissen (Nonaka/Takeuchi) im organisationskulturellen Kontext, nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Stichworte: Informationskompetenz – Medienkompetenz – Hochschuldidaktik –  Wissenschaftsjournalismus – Experten-Laien-Kommunikation – Informationsdienste – Digitale Bibliotheken – Fachinformationszentren – Bildungsportale – Online-Lexika – Wissensmanagement – Kommunikationskultur – Mitarbeiterentwicklung

V. Illustrationen

Der Habilitationsschrift ist abschließend eine Auswahl wissenschaftlicher Untersuchungen zu informationsdidaktischen Themen angehängt. Diese Beiträge können jedoch allenfalls als Illustrationen gewertet werden, die exemplarisch methodische Ansätze zur Analyse neuer Medien aufzeigen.

Diskussion          

"Wird jemand Zeit haben, das vorliegende Buch von A-Z, Wort für Wort zu lesen?" Diese Frage des Autors, die er im Vorwort an den ahnungslosen Leser stellt, hätte mir zu denken geben sollen! Heute, einige Tage und zahlreiche kleine Fluchten später, ist mir klar, dass diese Frage rhetorisch gemeint ist. Ballod kennt die durchaus absehbare Antwort und stellt sie aus taktischen Gründen in den Raum. Nein, einen solchen Leser wird es nicht geben! …es sei denn, er arbeitet die ihm auferlegte Besprechungspflicht gewissenhaft ab. Nach Beendigung der Lektüre stellt der Rezensent erschöpft eine jener bleischweren teutonischen Habil-Schriften in das Regal, die wohl nur das deutsche Hochschulsystem, oder besser gesagt das bildungsökonomisch beschleunigte deutsche Hochschulsystem hervorbringen kann. Vorbei scheinen die Zeiten, in denen man sich Zeit nehmen konnte, um Gliederungen zu überarbeiten, Redundanzen auszumerzen, Gedanken zu pointieren und an Formulierungen zu schleifen. Wer heute nicht rechtzeitig promoviert oder habilitiert, ist abgehängt. Im Ergebnis blicken wir, um im semantischen Feld der Informatisierung zu bleiben, auf mühsam "gepatchte" Zettelkästen mit zahllosen "Hotfixes" und bescheidener "Selbstbeschreibungsfähigkeit". Über Didaktik und Verständlichkeit zu schreiben, heißt nicht, verständliche oder gar lesefreundliche Texte zu produzieren. Aber was heißt schon verständlich, wenn Ballod Recht hat mit der These, dass nicht die Texte selbst verständlich sind, sondern sprachliche Botschaften, d.h. ihre Wirkungen im Bewusstsein eines Textbenutzers. Die Wertigkeit einer Information sei also immer eine subjektive Größe und werde von Erwartungen bestimmt (271). Insofern sind Rezensionen – wer will das bestreiten? – zugleich Ausdruck der Kognitionen, Stimmungen und Motive, mit denen Rezensenten/Rezipienten sich auf einen Text einlassen. Dessen ungeachtet blicken wir auf einen Textkörper, den Ballod selbst als "eine Art Kompendium" bezeichnet. Es ist das Relikt der schönen Illusion, "die vielfältigen Implikationen des Umgangs mit Information und der Vermittlung von Wissen umfassend und angemessen [...] beschreiben, [...] analysieren und [...] bewerten" zu können (10). Deshalb beschränkt der Autor sich, auch wenn dies nicht explizit ausgewiesen wird, im Grunde auf Prolegomena zu einer Informationsdidaktik. Gestützt auf eine außerordentlich breite transdisziplinäre Rezeption fachwissenschaftlichen Schrifttums, bietet seine Arbeit terminologische Klärungen, Gegenstandsbestimmungen, theoretische Begründungen und bildungsstrategische Überlegungen für einen Kompetenzentwurf, der auf eine souveräne Teilhabe an der modernen, wettbewerbsorientierten "Netzwerkgesellschaft" (Castells) abhebt. Gleichwohl ist es unbefriedigend, wenn auf empirische Bezüge und Aussagenbildungen fast vollständig verzichtet wird. Konfrontiert mit Programmen und Konzepten zur  Medialisierung und Informatisierung von Lehre (E-Learning, LDL, Blended Learning), ist der professionelle Informationsvermittler mehr denn je auf Studien angewiesen, die konkrete Vermittlungskontexte und -prozesse, also den (fach)didaktischen Zusammenhang von Zielen, Inhalten, Medien und Lernumfeld sowie Lehrenden und Lernenden transfer- und wirkungsorientiert analysieren. Diese strukturelle, d.h. in der Grundkonzeption der Habilitationsschrift angelegte Insuffizienz kann auch abschließend durch die exemplarische Darstellung kleinerer Studien nicht kompensiert werden. Ein Verzicht auf eigene empirische Forschungen tangiert aber auch den Kern der Arbeit, nämlich ihre vermittlungswissenschaftliche Grundlegung. So wird die Semiotik zwar als zentrale Bezugswissenschaft begründet; ihre Leistungsfähigkeit hinsichtlich der Analyse medialer Kommunikationsprozesse und der Transformation von Wissensstrukturen bleibt jedoch im Dunklen. Um hier erhellend zu argumentieren, bedarf es der Zusammenführung von Logischem und Soziologischem. Was leistet die Zeichentheorie in der operativen Umsetzung, also im konkretisierenden Bezug auf das Design, die Vermittlung und die Verarbeitung von Informationen? In Buchbesprechungen ist es eine billige Übung, dem rezensierten Werk die Nicht-Berücksichtigung enorm relevanter anderer Publikationen vorzuhalten. Dies wäre angesichts der ungeheuren Breite, in der Ballod seine Arbeit entfaltet, ebenso leicht wie selbstgefällig. Viel bedeutsamer ist aus meiner Sicht, dass die Prolegomena zu einer Informationsdidaktik gerade aufgrund der Überfülle immer neuer gegenständlicher und begrifflicher Annäherungen zwischen den Disziplinen, gleichsam in der wissenschaftlichen Schwerelosigkeit hängen bleiben. Da hilft kein Gezappel mit Zitaten. Die hastigen Wechsel der theoretischen Bezüge und der Argumentationsfiguren bestärken den Eindruck disziplinärer Verlorenheit, wo im Grunde eine klare erziehungswissenschaftliche Positionierung erforderlich wäre – zumal  Ballod sein Konzept der Informationskompetenz in der Lehrerausbildung des Faches Deutsch verankert sehen will. Von einer solchen Position aus könnte auch, Lohmanns (2002) und Krautz' (2007) Kritik der Bildungsökonomie folgend, die in interdependenten Prozessen der Kommerzialisierung und der Informatisierung des Bildungssystems begründete Produktion von Bildungsrisiken analytisch und ethisch überzeugend dargestellt werden.

Fazit

Die von Ballod vorgelegte Habil-Schrift liefert Grundskizzen zu einer Theorie der Informationsdidaktik, d.h. der vermittlungswissenschaftlichen Fundierung jener Anforderungen an die Organisation von Bildungsprozessen, die eine kompetente Teilhabe an der Wissensgesellschaft erst ermöglichen. Als opus magnum ist das Werk unverdaulich, dem hoch motivierten Leser bietet es zahllose Ansätze zum Nachlesen, Vertiefen und Querdenken. Die Halbwertszeit der so inkorporierten Informationen dürfte allerdings mit der des Elements Cobalt vergleichbar sein. Da auch die Themenfelder des individuellen Wissensmanagements (234), der Informationsrecherche (292) und der Aufmerksamkeitssteuerung (229) nicht ausgespart bleiben, ist allerdings unverständlich, warum ein solches Kompendium ohne Stichwortverzeichnis ausgeliefert wird.

Links


Rezension von
Prof. Dr. Dipl.-Soz. Joachim Döbler
Ostfalia, Fakultät Soziale Arbeit, BA-Studiengang „Soziale Arbeit“, MA-Studiengänge „Sozialmanagement“ und „Präventive Soziale Arbeit: Kriminologie & Kriminalprävention“
Homepage www.doebler-online.de


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Zitiervorschlag
Joachim Döbler. Rezension vom 29.05.2008 zu: Matthias Ballod: Informationsökonomie - Informationsdidaktik. Strategien zur gesellschaftlichen, organisationalen und individuellen Informationsbewältigung und Wissensvermittlung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2007. ISBN 978-3-7639-3426-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5538.php, Datum des Zugriffs 22.01.2021.


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