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Peter Bünder, Lilo Schmitz u.a. (Hrsg.): Neuere Konzepte und Praxis systemischer Beratung

Cover Peter Bünder, Lilo Schmitz, Doris Krumpholz (Hrsg.): Neuere Konzepte und Praxis systemischer Beratung. Frank & Timme (Berlin) 2008. 204 Seiten. ISBN 978-3-86596-147-1. D: 24,80 EUR, A: 24,80 EUR, CH: 37,20 sFr.

Reihe: Transfer aus den Sozial- und Kulturwissenschaften - 9.
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Thema und Entstehungshintergrund

Was tut sich auf dem Feld der systemischen Beratung? Und wie reagiert systemische Beratung konzeptuell auf den erhöhten Beratungsbedarf vieler Menschen, der infolge der Anforderungen und Überforderungen fragiler und prekärer Lebenslagen entsteht? Diesen Fragen stellen sich die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes und um diese Fragen ging es auch auf der systemischen Fachtagung "Beratung im Alltag – Alltag als Therapie?!", die 2006 an der Fachhochschule Düsseldorf stattgefunden hat und auf der dieser Band beruht.

Aufbau

Die Gliederung des Buches orientiert sich am Aufbau der Fachtagung: nach einer Einführung des Mitherausgebers Peter Bünder folgen die zwei Hauptvorträge und anschließend die Dokumentation der insgesamt neun Workshops, die nach dem Fokus "Individuum" bzw. "Soziale Systeme" gruppiert sind. Im Anhang finden sich eine Evaluation der Fachtagung aus Sicht der Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer sowie Informationen zu Forschungsschwerpunkten und institutionellem Hintergrund der VeranstalterInnen.

Hauptvorträge

Der erste Vortrag stammt von Marie-Luise Conen und skizziert die "Aufsuchende Familientherapie" (AFT) als neuartige, weil niederschwellige, lösungs- und  ressourcenorientierte Beratungsleistung, die in besonderem Maße auf die Charakteristika problembelasteter Familien reagieren kann. Entstehungshintergrund, Ziele, methodische Vorgehensweisen und mögliche Anwendungsbereiche der AFT werden beschrieben und die fünf Phasen des Ablaufs einer AFT werden im Überblick dargestellt. Insbesondere wird herausgearbeitet, welchen spezifischen Nutzen systemische Herangehensweisen und Haltungen (Reflecting Team, Co-Therapie, Neutralität, Orientierung an der Bedeutungsgebung der Familie) im Umgang mit mehrfach belasteten Familien haben. Bei dem Beitrag handelt es sich um einen Nachdruck aus dem Jahr 2002; eine Ergänzung aus heutiger Sicht, z.B. zur Weiterentwicklung der AFT, wäre wünschenswert gewesen.

Der zweite Vortrag von Mohammed El Hachimi zu den "Aspekten einer multikulturellen systemischen Praxis" wird ergänzt durch ein Interview, das Peter Bünder im Anschluss an die Fachtagung mit dem Autor geführt hat. Vorgestellt wird ein virtuelles Raummodell, das auf der Annahme basiert, dass sich in einer gelingenden Therapie KlientInnen und TherapeutInnen gemeinsam in multiperspektivisch ausgerichteten Wirklichkeits-, Möglichkeits- und Zielräumen bewegen, wobei den TherapeutInnen der Part zukommt, die KlientInnen in ihrer Suche nach Bedeutung und Sinn "Zwang los" und ohne Rückgriff auf dominante Deutungssysteme (z.B. das vermeintlich Gleiche im Fremden) zu unterstützen. Der Autor geht davon aus, dass eine solche Haltung für die multikulturelle Beratungsarbeit besonders hilfreich ist.

Workshops

Die Workshops sind in zwei Abteilungen gruppiert, die ersten fünf beschäftigen sich, wie in der Einführung beschrieben, mit "Belangen des Individuums", die nachfolgenden vier Workshops fokussieren auf die sozialen Systeme "Sozialraum", "Familie", "Arbeitsgruppe" und "Institution". Diese Einteilung ist nicht unbedingt trennscharf, denn mit Problemlagen, mit denen sich Individuen im Kontext ihrer Bezugssysteme auseinander setzen und die in diesen Kontexten - sei es Familie, sei es Kultur - aufrechterhalten werden, beschäftigen sich letztlich alle Beiträge. In diesem Zusammenhang wäre eine Kommentierung der Auswahl der Beiträge und ihres Bezuges zu systemischer Beratung hilfreich und interessant für die LeserInnen gewesen.

Elfie Cronauer setzt sich in ihrem Beitrag "Psychotraumatologie in der Beratung" aus einer klinischen Perspektive heraus mit Diagnose und Behandlung des posttraumatischen Belastungssyndroms auseinander. Sie gibt einen Überblick über Definition, Entstehungsbedingungen und Auswirkungen von traumatischen Erlebnissen. Anhand von Checklisten für ressourcenorientierte und -aktivierende Verhaltensweisen wird die Bedeutung einer aufklärenden, solidarischen, letztlich parteiischen Haltung seitens der TherapeutInnen unterstrichen.

In dem Beitrag "Der Körper, mein alltäglicher Begleiter. Körperarbeit als vitalisierende Wanderschaft durch Ressourcenfelder" betont auch Jürgen Kalmbach, dass die Körperlichkeit des Menschen eine wichtige, oft vernachlässigte Ebene in der systemischen Beratungsarbeit darstellt. Anhand ausgewählter Entspannungs- und Haltungsübungen wird verdeutlicht, wie über die Veränderung von Atemfluss und Körperhaltungen, Körperempfindungen und psychische Prozesse beeinflusst und Ressourcenpotentiale eröffnet werden können.

Vor dem Hintergrund systemisch-orientierter Schuldnerberatung geben Brigitte Hombach und Roland Dingerkus in ihrem Beitrag "Finanzielle Sorgen – ein unsichtbares Mitglied im Beratungssetting?" Hintergrundinformationen zu einem ihrer Erfahrung nach häufig tabuisierten Thema in der alltäglichen Beratungsarbeit und zeigen auf, wie dieses Thema zum Beispiel im Kontext von Familienberatung angesprochen und entsprechende Wechselwirkungen angegangen werden können. Leider führen die AutorInnen die Umsetzung der spannenden Idee, "die Schulden" als Mitglied des Familiensystems zu externalisieren, nicht weiter aus.

Walter Rösch zeigt in seinem theoretisch fundierten Beitrag "Die "eigentliche" Therapie findet zu Hause statt. Oder: die Utilisation von "Alltag" in der Psychotherapie" Voraussetzungen für einen gelingenden Transfer von in der Therapie angestoßenen Veränderungen in den Alltag auf; dazu gehört beispielsweise, dass KlientInnen wie TherapeutInnen im Therapieverlauf ihre Alltagstheorien reflektieren und zu einem Verständnis kommen, wie sich Alltag außerhalb und Nicht-Alltag innerhalb der Beratungssituation zueinander verhalten. Systemische Therapie versteht der Autor in Anlehnung an Arnold Retzer als Übergangsritual, das nach einer Phase der Lösung aus einem nicht mehr konstruktiv verlaufenden Alltag die Wiedereingliederung in einen neu zu konfigurierenden Alltag vorbereitet und dazu den Alltag nutzt und gleichzeitig ver-stört.

Lilo Schmitz fordert in ihrem Beitrag "Transkulturelle lösungsorientierte Beratung" mehr Kultursensibilität in der Beratungsarbeit und bringt den philosophischen Ansatz der Transkulturalität nach Wolfgang Welsch mit dem systemisch-lösungsorientierten Beratungsansatz zusammen. Beide Ansätze werden kurz resümiert und in ihren Konsequenzen für eine kultursensible Beratung durchdacht, in der die vielfältigen kulturellen Verortungen aller Menschen respektiert und Ressourcen aus den verschiedenen Zugehörigkeiten nutzbar gemacht werden können.

Der Beitrag "Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe – neue Chancen oder 'alter Wein in neuen Schläuchen'" von Ulrich Deinet ist der erste Beitrag in der Abteilung "Soziale Systeme". Der Autor erläutert Konzept und Methoden der Sozialraumorientierung und diskutiert Chancen und Risiken, die in einem stärkeren Sozialraumbezug beraterischen Handelns und in einer verstärkten Zusammenarbeit von offener Kinder- und Jugendarbeit und Beratungseinrichtungen im Sozialraum liegen könnten. Ausgehend von einer Darstellung der unterschiedlichen Mandate und Arbeitsprinzipien gibt er Empfehlungen ab, wie die Schnittstellen in der Zusammenarbeit so gestaltet werden können, dass es nicht zu einer Verflachung fachlicher Profile kommt.

In dem Beitrag "Förderung der psychischen Widerstandskräfte (Resilienz) von Kindern und Jugendlichen" erläutert Johanna Hartung ausgewählte Erkenntnisse der Resilienzforschung. Vor dem Hintergrund des bio-psycho-sozialen Modells von Gesundheit nach Aaron Antonovsky werden Schutzfaktoren charakterisiert, die Kinder befähigen, Entwicklungsaufgaben trotz widriger Lebensumstände gut zu bewältigen. Die Autorin stellt modularisierte Gruppentrainingsprogramme für Kinder und Jugendliche vor, die im Kontext unterschiedlicher Handlungsfelder eingesetzt werden und zur Förderung von Resilienz beitragen können.  

Ausgehend von den Grundlagen der Gruppendynamik skizziert Doris Krumpholz in dem Beitrag "Frauen in Leitungspositionen" häufig zu beobachtende und geschlechtertypische Verhaltensweisen von Frauen und Männern in Gruppensituationen. Die Autorin gibt konkrete Hinweise, wie Frauen, die gemischt geschlechtliche Teams, Arbeitsgruppen bzw. Sitzungen leiten (wollen), die entsprechenden Gruppenprozesse analysieren und ihr Verhalten darauf einstellen können.

Erika Pohlmann, Gabi Reitmayer, Kristin Hoffmann und Annegret Sirringhaus-Bünder erläutern anhand gut nachvollziehbarer Fallbeispiele, wie mit Hilfe der Marte Meo-Methode "Entwicklungsförderung mit Videoberatung in Integrativen Kindertagesstätten" vonstatten gehen kann. Ziel dieser im ambulanten Beratungssetting einsetzbaren Methode ist es, Eltern präzise Hinweise bezüglich ihres eigenen Verhaltens in der Interaktion mit ihren Kindern zu geben, und sie darin zu unterstützen, sowohl ihre Stärken im Umgang mit dem Kind wie auch dessen Entwicklungsbedürfnisse zu erkennen und ihr Erziehungsverhalten und ihre Art, mit dem Kind zu kommunizieren, gezielt darauf einzustellen.

Diskussion

Das Buch bietet Fachkräften aus der Beratungsarbeit einen breit gefächerten Einblick in systemisches Praxiswissen und in bewährte und neue systemische Beratungskonzepte. Es zeigt einmal mehr das große Spektrum systemischen Arbeitens mit Individuen, Familien, Gruppen, Institutionen und Gemeinwesen; vor allem aber werden aktuelle Themen wie zum Beispiel die Zusammenarbeit mit mehrfach belasteten oder von Schulden bedrängten Familien, der Umgang mit Multikulturalität oder die Arbeit an den Schnittstellen unterschiedlicher Arbeitsfelder aufgegriffen.

Aufgrund der Heterogenität der in dem Buch dargestellten Themen und Praxisfelder driftet das Systemverständnis jedoch in eine gewisse Beliebigkeit; mit anderen Worten, es hätte sicher nicht geschadet, zusammenfassend herauszufiltern, was systemische Beratung im Umgang mit aktuellen Herausforderungen auszeichnet und wie der spezifische Beitrag systemischer Ansätze zur Praxisentwicklung im Bereich Beratung aussieht bzw. aussehen könnte. Dies bleibt ein spannendes Thema, das es weiter zu bearbeiten gilt: z.B. in Bezug auf das Zusammenwirken klinischer und nicht-klinischer Hilfen, von Psychotherapie bzw. Psychiatrie und Sozialer Arbeit, in Bezug auf die Frage, wie Therapie und Beratung im Umgang mit körperlichen, seelischen und sozialen Problemen ineinander greifen bzw. nach den Erfordernissen arbeitsfeld- und professionsübergreifender Zusammenarbeit.

Für die systemisch geschulte Leserinnen und Leser ist es besonders interessant, nach zu verfolgen, an welchen Diskursen, die im Kontext systemischen Denkens und Handelns derzeit geführt werden, sich die Autorinnen und Autoren explizit oder implizit beteiligen, und vor welchem theoretischen Hintergrund sie ihre Praxiserfahrungen entfalten.

Aus Sicht der Rezensentin zeigt das Buch, dass die Kybernetik 2. Ordnung in der systemischen Beratungspraxis angekommen ist. In vielen Beiträgen finden sich die entsprechende Grundhaltung und die Umsetzung der theoretischen Postulate in praktisches Handeln wieder. Ebenso lassen sich Elemente finden, die eher der Kybernetik 1. Ordnung zuzuordnen wären (Betonung des ExpertInnenstatus, Thesen wie "sich in der Dynamik der Familie verfangen"). Hier berühren die Beiträge eine Kernfrage systemischer Beratung, leider ohne sich dieser Frage vertieft zu widmen: nämlich, inwieweit strukturelle oder psychoedukative Anteile mit einer konstruktivistisch fundierten Vorgehensweise in theoretischer und praktischer Hinsicht zusammengebracht werden können (eine Ausnahme bildet der Beitrag von Rösch, in dem explizit die Frage nach der Instruierbarkeit autonomer Systeme diskutiert wird). Erstaunlich auch, dass narrativ-systemische und sozial konstruktionistische Ansätze in der Praxis kaum eine Rolle zu spielen scheinen (Anklänge dazu finden sich in dem Beitrag von El Hachimi). Dabei könnten die aufgezeigten Entwicklungen z.B. in Sachen multiprofessioneller Zusammenarbeit von einem dialogisch-konstruktionistischen Vorgehen sehr profitieren.

Fazit

Insgesamt gesehen bereichert das Buch die Leserinnen und Leser, nicht nur durch den Einblick in vielfältige Praxisentwicklungen, sondern gerade auch dadurch, weil es das Weiterdenken über die verschiedenen Spielarten systemischen Handelns und die sich daraus ergebenden Widersprüchlichkeiten in der Beratungspraxis anregt.


Rezensentin
Prof. Dr. Gabriele Vierzigmann
Hochschule für angewandte Wissenschaften München, Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften Arbeitsschwerpunkte: Psychologie in der Sozialen Arbeit, Erziehungshilfen, Systemische Beratung und Konsultation, wissenschaftliche Weiterbildung und lebenslanges Lernen
Homepage www.hm.edu
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Zitiervorschlag
Gabriele Vierzigmann. Rezension vom 01.11.2008 zu: Peter Bünder, Lilo Schmitz, Doris Krumpholz (Hrsg.): Neuere Konzepte und Praxis systemischer Beratung. Frank & Timme (Berlin) 2008. ISBN 978-3-86596-147-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5550.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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