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Cordula Neuhaus: ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen

Cover Cordula Neuhaus: ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2007. 178 Seiten. ISBN 978-3-17-019743-5. 17,00 EUR, CH: 29,90 sFr.
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Autorin

Cordula Neuhaus, Diplom-Psychologin, Diplom-Heilpädagogin, führt als Psychologische Psychotherapeutin, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, Dozentin und Supervisorin (KBV, DVT) für klinische Verhaltenstherapie eine eigene Praxis.

Thema und Entstehungshintergrund

Ein stets kontrovers diskutiertes Störungsbild, der AD(H)S im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter soll in diesem Ratgeber "greifbarer" gemacht werden. So gilt laut Klappentext "trotz zahlreicher aktueller Erkenntnisse über die neurobiologischen Ursachen … der ADHS in weiten Teilen der Öffentlichkeit nach wie vor als kaum greifbare Modediagnose." Die Folge sei starke Verunsicherung bei Betroffenen und Angehörigen. Auf Grundlage langjähriger praktischer Erfahrung versucht die Autorin, einerseits Symptome und Ursachen und andererseits Diagnose und Behandlung des ADHS zu erläutern. Zudem zeigt sie Strategien auf die helfen sollen, Folgeschäden zu vermeiden.

Aufbau

In 18 Kapiteln arbeitet sich die Autorin ausgehend von einer Einleitung über eine Begriffsbestimmung hin zum diagnostischen Vorgehen und der daraus resultierenden Konsequenzen. Hier werden unter Anderem Möglichkeiten zur Selbsthilfe und der Behandlung aufgezeigt, auf alternative Heilmethoden und praktische Fragen (z.B. Kostenfrage) eingegangen. Detailliert werden hier folgende Themen abgearbeitet:

  • Der Weg zur Diagnosestellung
  • Was ist ADHS?
  • Was ist Aufmerksamkeit?
  • Was funktioniert anders bei ADHS?
  • ADHS im Lebensverlauf
  • Was ist ADHS nicht?
  • ADHS und weitere Störungen
  • Wogegen ist "Vorbeugung" möglich?
  • Wie und durch wen wird die Diagnose gestellt?
  • Aufklärung und Erklärung
  • Möglichkeiten der Selbsthilfe
  • Möglichkeiten der Behandlung
  • Die medikamentöse Therapie
  • Alternative Medizin und Homöopathie
  • Wer trägt die Kosten der Behandlung?
  • Weiterführende Informationen (Selbsthilfegruppen und ergänzende Literatur)

Diskussion

Gleich zu Beginn bezieht die Autorin klar Stellung: Bereits in der Einleitung beschreibt sie ein präzises Bild einer durch die Forschung belegten, klar definierbaren Störung. Eine "konstitutionell bedingte Neurodynamik" führe zu einer "spezifischen Regulierungsdynamik mit unmittelbaren funktionellen Auswirkungen". Es sei nicht grundsätzlich so, dass die Aufmerksamkeit nicht aktiviert werden könne, vielmehr könne der ADHS-Patient dies "nur bei subjektiv positiver emotionaler Vorbewertung einer Sache oder einer Person" (S. 14.). Die immer wieder geäußerte Kritik, dass sich im ADS eine Symptomatik darstellt, für die es "bislang kein einziges Verfahren (gibt), mit der eine objektive Unterscheidung mittels naturwissenschaftlicher Methodik zwischen einem hirnstoffwechselgestörten ADS-Kind und einem nicht hirnstoffwechselgestörten normalen Kind möglich wäre" (Amft 2006, S. 77 – vgl. hierzu die Rezension 1 und Rezension 2 zu Leuzinger-Bohleber) kann auch in diesem Fall nicht widerlegt werden. Es bleibt dabei: Der Klassifikation eines ADS liegt die Symptombeschreibung und eine Wirkstoffevidenz zugrunde. In der Folge verweist die Autorin auch zu Recht auf die Notwendigkeit, die Diagnose von kompetenten Diagnostikern entsprechenden der definierten Leitlinien stellen zu lassen. Aus diesen Gründen schwanken die Angaben zur Häufigkeit des ADHS in der Bevölkerung stark. Cordula Neuhaus vertritt die weit verbreitete These, dass bei einer ständig steigenden Prävalenzrate die tatsächliche Anzahl betroffener Kinder immer noch deutlich unterschätzt werde. So geht sie davon aus, dass "selbst bei konservativen Schätzungen … weniger als ein Drittel der deutlich betroffenen Kinder Behandlung erhält" (S. 115). Dies ist angesichts nicht genannter Prävalenzraten jedoch nur die halbe Wahrheit. In der aktuellen KIGGS-Studie des Robert-Koch Instituts wird beschrieben, dass bei 4,8% der untersuchten Kinder (14 836 Kinder und Jugendliche zwischen 3 – 17 Jahren) ein diagnostizierter ADHS vorlag. Weiteren 4,9% der Untersuchten galten aus Verdachtsfälle (Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz 5/6, 2007). Letzten Endes kann festgehalten werden, dass wahrscheinlich sowohl die falsch positiven – also zu unrecht diagnostizierten – als auch die falsch negativen – also nicht diagnostizierten ADHS Fälle immer noch häufig sind.

Ein wenig ins Schwanken gerät die ansonsten glasklare Stellung der Autorin hinsichtlich ihrer Empfehlungen der Behandlungsmöglichkeiten. Zunächst verwendet sie viel Aufwand, den ADHS als klar definierbares, evidentes Krankheitsbild bis ins Detail zu beschreiben, dann erwähnt sie auf S. 142, dass "es nicht «die` Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung gibt, sondern jeder Betroffene eine ganz individuelle Begabung, Temperamentslage, und unter Umständen eine oder mehrere Zusatzstörungen hat … (folglich) kann es auch nicht «die` Therapie geben" (S. 142). Wenige Seiten später schließt sie jedoch die Effektivität systemischer oder psychodynamischer Ansätze kategorisch aus. Wahr ist, dass vor allem die Effektivität von Aufklärung und Beratung, ggf. mit begleitender medikamentöser und verhaltenstherapeutischer Intervention in der Wirksamkeit als belegt gelten können. Wahr ist jedoch auch, dass "die Kernsymptomatik bei ADHS an sich mit keiner Psychotherapieform behandelbar (ist), auch nicht mit Verhaltenstherapie" (S. 157).

Die Pros und Contras einer medikamentösen (Stimulanzien-) Behandlung werden von der Autorin verantwortungsvoll dargestellt. Allein auf die mittlerweile immer häufiger erfolgreich angewandte neue Substanz Atomoxetin hätte noch detaillierter eingegangen werden können, verspricht diese doch eine Behandlung, die ohne eine Stimulierung des dopaminergen Belohnungszentrums und somit auch ohne Missbrauchs- und Suchtgefahr durchgeführt werden kann.

Zielgruppe

Der Ratgeber von Cordula Neuhaus "richtet sich an jeden, der sich mit dem Störungsbild ADHS … auseinandersetzen will, einschließlich der Hilfestellungen, die sich tatsächlich in der praktischen täglichen Arbeit mit Kinder [sic!], Jugendlichen, und Erwachsenen mit ADHS bewährt haben" (S. 21). Folglich richtet sich das Buch an Betroffene, Eltern, Lehrer, Pädagogen, Therapeuten, etc. Cordula Neuhaus gelingt es, allen gerecht zu werden: Menschen ohne fachliche (z.B. therapeutische) Vorbildung können das Buch lesen und verstehen, auch Therapeuten finden auf wenig Platz hilfreiche Informationen zu multimodaler Diagnostik und viele Quellen.

Fazit

Die große Leistung von Cordula Neuhaus besteht darin, einen klaren und knappen Ratgeber, der sich an alle mit dem Störungsbild ADHS konfrontierten Menschen richtet, geschrieben zu haben. Sie bietet viele anschauliche Fallbeispiele und diverse lesenswerte Quellen. Hinsichtlich der Onlinequellen bleibt jedoch festzuhalten, dass viele zum Zeitpunkt der Rezension jedoch schon wieder aus dem Netz genommen wurden. Im Falle wissenschaftlicher Ergebnisse sollte sich die Autorin dann doch besser auf publizierte Informationen verlassen.

Die wissenschaftliche Absicherung ihrer Behauptung, dass es sich bei ADHS um ein gesichertes Krankheitsbild mit klarer äthiologischer Erklärung handelt, bleibt sie schuldig. Angesichts des aktuellen Forschungsstandes war damit jedoch auch nicht zu rechnen.

Insgesamt handelt es sich bei dem Ratgeber um ein gutes Buch, das teilweise etwas dogmatisch daher kommt. Somit wird es der Komplexität der Materie nur bedingt gerecht. Wer hier tiefer in die Kontroverse eintauchen möchte, dem sei das Herausgeberwerk ADHS – Frühprävention statt Medikalisierung von Marianne Leuzinger-Bohleber, Yvonne Brandl und Gerald Hüther wärmstens empfohlen (vgl. die oben genannten Rezensionen). Wer mehr praktische Hilfe im Alltag und ein stärker ressourcenorientertes Buch sucht, dem sei ADS – Erfolgreiche Strategien für Erwachsene und Kinder von Astrid Neuy-Bartmann ans Herz gelegt (vgl. dazu die Rezension).

Hinsichtlich der Deutlichkeit und Übersichtlichkeit, die gerade bei den Betroffenen und Angehörigen von immenser Bedeutung sind, ist dieses Buch jedoch uneingeschränkt empfehlenswert.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 24.04.2008 zu: Cordula Neuhaus: ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2007. ISBN 978-3-17-019743-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5553.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


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