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Sieglind Ellger-Rüttgardt: Geschichte der Sonderpädagogik

Cover Sieglind Ellger-Rüttgardt: Geschichte der Sonderpädagogik. Eine Einführung. UTB (Stuttgart) 2007. 370 Seiten. ISBN 978-3-8252-8362-9. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 50,50 sFr.

Reihe: UTB L (Large-Format.
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Thema und Zielsetzung

Mit dem vorliegenden Buch legt die Autorin eine Einführung in die Geschichte der Sonderpädagogik vor. Hierbei geht sie davon aus, dass bisherige diesbezügliche Werke primär eine Geschichte der einzelnen sonderpädagogischen Disziplinen gewesen seien und zudem oftmals in einem behindertenpädagogischen Referenzsystem eingebunden blieben. Diesen Weg einer Geschichtsbetrachtung möchte die Autorin nicht verfolgen. Vielmehr will sie bei ihrer Betrachtung von dem Universalitätsanspruch einer Bildung für alle Kinder und Jugendliche ausgehen. Schließt dieser Anspruch zunächst einmal auch Kinder und Jugendliche mit Lebens- und Lernschwierigkeiten ein, erweist sich die Umsetzung dieses Anspruches in der praktischen Realisierung als ein sehr ambivalenter – und dies seit dem Entstehen der Pädagogik als Fachdisziplin im 18. Jahrhundert.  Bildsamkeit als zentraler Begriff der Pädagogik kann zwar als universell angesehen werden, in der Umsetzung und Realisierung spielen jedoch Aspekte der Partikularität, der Differenz und vielfältige Differenzierungsprozesse eine Rolle. Erst mit der stärkeren Einbeziehung von immer mehr Kindern und Jugendlichen in einen gesellschaftlich organisierten Bildungsprozess kommt es auch nach und nach zur Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen mit Lebens- und Lernschwierigkeiten in derartige Bildungsprozesse, jedoch zunächst einmal abgespalten von den allgemeinen Bildungsbemühungen in speziellen Institutionen. Zentral bleibt aber auch über viele Jahrzehnte, dass bestimmte Kindern und Jugendliche – die als nicht bildungsfähig angesehen werden – aus diesen Bemühungen ausgeschlossen werden und bleiben. Die Autorin versucht nun auf der einen Seite zu zeigen, wie überhaupt Kinder und Jugendliche mit Lebens- und Lernschwierigkeiten in die öffentlich organisierten Bildungsbemühungen – wenn auch in spezifischen Einrichtungen – einbezogen wurden. Zudem beschreibt sie auch solche Entwicklungen, welche die Diskrepanz zwischen den allgemein und speziell ausgerichteten Bildungsbemühungen überwinden wollen, die jedoch zunächst einmal immer die Tendenz bestärkten, die speziellen Bildungsgänge erneut zu fixieren. Sie beschreibt drittens auch die immer wieder aufweisbaren Ausgrenzungsprozesse aus den Bildungsbemühungen überhaupt und Bemühungen zur Überwindung derartiger Prozesse. Letztendlich geht es der Autorin in der vorgelegten Geschichte der Sonderpädagogik darum zu zeigen, dass es sich um eine 200jährige Geschichte der Anstrengungen um Bildung und Erziehung behinderter Kinder und Jugendliche und um das Entstehen einer Heil- und Sonderpädagogik handelt, die sowohl Glanzlichter und Triumphe, aber auch Schatten und Niederlagen aufweist.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin geht bei ihrer Darstellung der Geschichte der Sonderpädagogik periodisch vor, die Betrachtungen erfolgen entlang von sechs historischen Perioden.

  1. Begonnen wird mit in der ersten Periode mit einer Betrachtung der "Pädagogik der Aufklärung: Das späte 18. Jahrhundert" (Kapitel 2). Hier geht es zunächst einmal überhaupt um die Idee der Bildsamkeit behinderter Kinder und sodann dominieren Betrachtungen zu den ersten pädagogischen Bemühungen und Instituionen für blinde und gehörlose Kinder und Jugendliche.
  2. Die zweite Periode umfasst das 19. Jahrhundert bis etwa 1860 (Kapitel 3). Der Akzent liegt hier auf der preußischen Reformära und die Auswirkungen dieser Reformen auf die Bildung behinderter Kinder – auch hier zunächst einmal ausgerichtet auf blinde und gehörlose Kinder. Sodann wird auch auf der Einbeziehung von geistig behinderten und körperbehinderten Kindern eingegangen, wie auch auf die Auseinandersetzung über die adäquate institutionelle Absicherung der Bemühungen.
  3. Die dritte Periode umfasst das Kaiserreich von 1817 bis 1918. Schwerpunkte sind hier Prozesse der Ausdifferenzierung und Weiterentwicklung bisheriger sonderpädagogischer Bildungsbemühungen und -einrichtungen. Ein besonderes Gewicht wird auf die Entstehung und den Ausbau der Hilfsschule berichtet, wie auch auf die Kritik an der Hilfsschule und der diesbezügliche Blick auf andere Länder. Zudem wird auf die Entwicklung der Heilpädagogik – eingebunden zwischen Biologie, Ökonomie und allgemeiner Pädagogik – und die Professionalisierung von Sonderpädagogen im Allgemeinen eingegangen.
  4. Die vierte Periode umfasst die Zeit von 1918 bis 1933 und markiert die als "Blüte der Heilpädagogik" eingeschätzte Zeit.  In der Skizzierung dieser Periode werden insbesondere die Bezüge der Heilpädagogik zur allgemeinen Pädagogik und zur Reformpädagogik sowie das erneute Streben nach Internationalität herausgestellt, zudem werden Akzente einer jüdischen Heilpädagogik und die Bedeutung der Frauen in der Sonderpädagogik markiert.
  5. Die fünfte Persiode umfasst die Zeit des Dritten Reiches von 1933 bis 1945. Zunächst einmal wird auf die ideologischen Grundlagen der Zeit und auf die Praxis der nationalsozialistischen Behinderungspolitik eingegangen. Eine besondere Betrachtung erfahren die Hilfsschule in dieser Zeit wie auch die Sonderschulpädagogen dieses Schultyps. Allgemein wird auch auf behinderte Menschen im Nationalsozialismus eingegangen.
  6. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1989 umfasst die sechste Periode. Unterstrichen wird, dass es in der Sonderpädagogik keine "Stunde Null" geben hat. Es werden dann die Entwicklungen einer Sonderpädagogik in der Bundesrepublik Deutschland wie auch in der Deutschen Demokratischen Republik aufgezeigt. Die beiden parallelen Entwicklungen werden sodann verglichen und Folgerungen aus diesen Entwicklungen gezogen.

Ein Ausblick – überschrieben mit "Erfolge, Niederlagen, Gefährdungen" (Kapital 8) – schließt die Betrachtungen zur Geschichte der Sonderpädagogik ab und mündet angesichts der historischen Erfahrungen und der gegenwärtigen Debatten in der Auffassung, dass die Frage nach der "richtigen Institution" und der Ruf nach Reformen heute mehr denn je nur denk- und machbar ist innerhalb einer Reform des gesamten Bildungs- und Erziehungswesens (S. 324).

Diskussion

Das vorliegende Buch ist als Lehrbuch konzipiert. Zur schnellen Orientierung ist das Buch durchgängig mit Randspalten versehen. Neben zentralen Stichworten werden auch Piktogramme benutzt, die den Blick auf Begriffsklärungen und Definitionen, auf Pro und Contra Positionen sowie Kritiken und auf Beispiele richten sollen. Das Buch ist insgesamt gut lesbar. Ein besonderer Akzent liegt darin, dass vielfältige Quellenbezüge zu den jeweiligen Perioden herausgestellt und in den Text eingebunden werden.

Im Vorwort betont die Autorin, dass es nicht "die" Geschichte gibt, sondern wir uns immer nur Ausschnitte vergangener Wirklichkeit in unser Gedächtnis zurückholen können und wir Vergangenheit nur unter dem Aspekt gegenwärtiger Bedeutsamkeit auswählen können. Eine Einleitung in die Geschichte kann also nicht anders verfahren, als begündet auszuwählen. Die von der Autorin vorgenommene Auswahl führt letztendlich dazu, dass die vorliegende Geschichte der Sonderpädagogik nicht als ein kontinuierlich aufgebautes und systematisches Geschichtsbuch angesehen werden kann. In den insgesamt zur Darstellung kommenden Perioden werden die in einer Zeit besonders auffallenden und neuen Aspekte in der Sonderpädagogik gut zum Ausdruck gebracht. Damit bleiben jedoch auch gewisse Aspekt etwas weniger deutlich akzentuiert. So wird sehr z.B. intensiv über erste pädagogische Bemühungen bezogen auf blinde und gehörlose Kinder berichtet (Kapitel 2), jedoch dann im Fortgang der Betrachtung nicht in ähnlicher Breite auf diesbezügliche Entwicklungen bezogen auf geistig behinderte, körperbehinderte und verhaltensproblematische Kinder eingegangen. Insbesondere fällt auf, dass die Gruppe von körperbehinderten Kindern insgesamt nur einen schmalen Raum in der vorliegenden Geschichte einnimmt. Auch die Betrachtungen zur Rettungshausbewegung (Kapitel 3.4) bleiben bezogen auf systenmatische pädagogische Bemühungen um Kinder mit Verhaltensproblemen nach meinen Vorstellungen etwas zu allgemein. Weiterhin ist auffallend, dass die Autorin einer Reihe von Einzelaspekten einen sehr breiten Raum verschafft. So wird die Entwicklung der Hilfschule im Deutschen Reich nur eine Darstelltung der diesbezüglichen Debatte in Frankreich gegenübergestellt. Warum erfolgte diese Auswahl und nicht ein – kürzeres – Eingehen auf diesbezügliche Prozesse in anderen Ländern? Im Kapitel 5.4 wird einer "Jüdischen Heilpädagogik" eine besondere Aufmerksamkeit zuteil, jedoch vermisst man eine ähnliche Betrachtung bezogen auf evangelische und katholische Akzente in einer ähnlichen Art und Weise. Auch war für mich nicht nachvollziehbar, warum im Kapitel "Frauen in der Sonderpädagogik" (Kapitel 5.5) die Ausführungen zu Friede Buchholz einen so breiten Raum einnehmen und hier nicht mehr in die Breite begangen wurde. 

Fazit

Im Vorwort fixiert die Autorin, was eine Einleitung in die Geschichte der Sonderpädagogik überhaupt leisten kann. In diesem Sinne möchte die Autorin mit ihrer Einführung ein Verständnis für historisches Denken anbahnen, Kenntnisse in Hinblick auf in der Vergangenheit diskutierte Fragen und Probleme vermitteln, die auch noch heute eine Relevanz besitzen, das Bedürfnis nach historischer Orientierung befriedigen und die Fähigkeit erzeugen, historische Entwicklungen zu erkennen und zu verstehen. Folglich kann dieses Buch all jenen empfohlen werden, die eine geschichtliche Betrachtung der Sonderpädagogik benötigen, die über die Betrachtungen der jeweiligen sonderpädagogischen Einzeldisziplinen hinausgeht und die sich insbesondere bemüht, die Geschichte der Sonderpädagogik kritisch unter dem Aspekt der Einlösung der Vorstellungen von Jan Amos Comenius, allen alles zu lehren, betrachtet. Das die Sonderpädagogik bei einer derartigen historischen Betrachtung nicht nur als Leuchtturm in der Geschichte der Pädagogik dasteht, sondern durchaus auch Aspekte der Separierung und Ausgrenzung von Kindern und Jugendlichen mit Lebens- und Lernproblemen die Geschichte der Sonderpädagogik prägen, wird in diesem Buch gut herausgearbeit. Gerade die Verhinderung derartiger Prozesse kann aktuell nach wie vor als eine Herausforderung der Sonderpädagogik angesehen werden.


Rezension von
Prof. Dr. Norbert Störmer
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Zitiervorschlag
Norbert Störmer. Rezension vom 26.06.2008 zu: Sieglind Ellger-Rüttgardt: Geschichte der Sonderpädagogik. Eine Einführung. UTB (Stuttgart) 2007. ISBN 978-3-8252-8362-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5556.php, Datum des Zugriffs 29.11.2021.


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