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Kathrin Audehm: Erziehung bei Tisch

Cover Kathrin Audehm: Erziehung bei Tisch. Zur sozialen Magie eines Familienrituals. transcript (Bielefeld) 2007. 224 Seiten. ISBN 978-3-89942-617-5. 24,80 EUR.
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Rituale - Identitätshilfen oder symbolische Ordnungszeichen?

"Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst…", den Spruch kennen wir. Nicht zuletzt die vermeintlich überholten, tradierten Ordnungsvorstellungen der Altvordern haben in der Aufbruchstimmung der 60er Jahre dazu geführt, Rituale (zu Recht!) zu hinterfragen, zu kritisieren und sie aus dem Alltagsleben heraus zu kippen. Freilich sind dabei auch Formen über Bord gegangen, die durchaus sozial- und gemeinschaftsstiftende Werte haben. In der Sozial- und erziehungswissenschaftlichen Forschung, wie auch in der pädagogischen Praxis, werden, weil sich die Infragestellung von bestimmten Ritualen zu einem "Laissez-faire" entwickelt hat, immer deutlicher die Forderung erhoben, den Wert von Ritualen wieder stärker in das Bewusstsein und die Praxis von Bildung und Erziehung zu bringen. Das Tischritual gehört dazu!

Die Erziehungswissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Anthropologie und Erziehung der Freien Universität Berlin, Kathrin Audehm, befasst sich in ihrer Dissertation, die sie mit dem o. a Titel vorgelegt hat, mit Ritualforschung, pädagogischer Ethnographie und interkultureller Erziehung. Weil Rituale "konstitutive Elemente des Familienlebens" sind, jedoch bisher in der pädagogischen Forschung wenig Erkenntnisse darüber vorliegen, gleichzeitig aber die öffentliche Aufmerksamkeit darüber zu wachsen scheint, dass Familienrituale notwendig sind und sich zudem im gesellschaftlichen Diskurs Tendenzen zeigen, "Rituale nicht mehr ausreichend von Gewohnheiten und Routinen abzugrenzen" - besteht die Gefahr, "Risiken und Machteffekte von Ritualen zu unterschätzen und in ihnen lediglich zweckmäßige (therapeutische) Instrumente zu sehen".

Wenn es richtig ist, "dass Familien darauf angewiesen sind, sich in Ritualen und Ritualisierungen immer wieder neu als Einheiten interagierender Personen hervorzubringen", also als soziale Institution zu bestehen, dann kommen zweifelsohne Aktivitäten zum Tragen, die von allen Familienmitgliedern erkannt und akzeptiert werden. Die Frage nach der Zukunft der traditionell verstandenen Familie, als ein Verbund von Verwandten aus mindestens zwei Generationen, wird immer deutlicher beantwortet mit alternativen, pluralen Familienformen. Die klassische (Klein)Familie - Vater, Mutter, Kind(er) - wird im vermehrtem Maße abgelöst durch 1-Eltern-Familien,  Stieffamilien, gleichgeschlechtlichen Verbindungen und anderen Formen von eheähnlichen Lebensgemeinschaften. Ein Strukturwandel der Familie ist in vollem Gange. Dabei steht im Vordergrund der Menschenrechtsanspruch auf individuelle Autonomie. Wenn in Artikel 16 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 als Norm für alle Menschen auf der Erde proklamiert wurde, in Absatz 1 steht: "Männer und Frauen im heiratsfähigen Alter haben ohne Beschränkung aufgrund der Rasse, der Staatsangehörigkeit oder der Religion das Recht, eine Ehe einzugehen und eine Familie zu gründen", und in Absatz 3 formuliert wird: "Die Familie ist die natürliche und grundlegende Einheit der Gesellschaft und hat Anspruch auf Schutz der Gesellschaft und Staat" - ist damit nicht allein die überlieferte Familienform angesprochen; vielmehr lassen sich darin auch die modernen gesellschaftlichen Entwicklungen subsumieren.

Weil Tischrituale mehr sind als eine alltägliche "Abspeisung" und die Befriedigung von physiologischen Bedürfnissen, zumindest im pädagogischen und erzieherischen Sinn sein sollen, sind, so die Autorin, eben gelernte, eingeübte und von der Tischgemeinschaft akzeptierte Handlungen "komplexe kulturelle Aufführungen". Ja sogar, das zeigen gemeinsame Mahle zu verschiedenen Festen und familiären Anlässen, bei allen Konflikten, die dabei auch auftreten können, Formen von "Vergemeinschaftung", bis hin zu den in verschiedenen Kulturen mehr oder weniger ausgeprägten Ritualen der Gastfreundschaft. Sie vermögen zudem den "Gemeinschaften Sicherheit und Stabilität verleihen, indem sie angesichts von Kontingenz Abgrenzungen vollziehen und zunächst Ordnung ins Chaos bringen".

Aufbau und Inhalt

Während die Autorin im ersten Teil den Zusammenhang von Familien und Ritualen diskutiert, entwirft sie im zweiten Teil eine "pädagogische Ethnografie des Tischrituals". Sie begründet ihre Methode bei der empirischen Beobachtung von Alltags- und Festritualen in Familien. Im Rahmen des Sonderforschungsbereichs "Kulturen des Performativen" an der FU Berlin, waren sieben Familien, die bei den verschiedenen Forschungsvorhaben an einer reformpädagogischen Berliner Grundschule involviert waren, bereit, sich an dem Projekt zu beteiligen: vier deutsche, zwei polnische und eine deutsch-türkische Familie. Die gesellschaftlichen Verortungen der beteiligten Familien - das dürfte dann auch eine Eingeschränktheit der erhobenen Daten und Analysen bedeuten - werden als "relativ stabil" vorgenommen, "deren Schichtzugehörigkeit, Familienstrukturen und Lebensstil aus einer pädagogisch-soziologischen Perspektive den Konstruktionen von Normalität entsprechen". Im Vorfeld der Informationen und Absprachen der Forscherin mit den Familien ergab sich allerdings, dass bei einer Familie, bei der die Eltern getrennt leben, die Konflikte so groß wurden, dass von deren Beteiligung abgesehen wurde. So blieben sechs Familien übrig. Deren Denke, ihre Gewohnheiten und Aufgestelltheiten werden mit der Methode der teilnehmenden Beobachtung in gebührender Distanz und gleichzeitiger Dichte empirisch erfasst und analysiert. Dabei stellt sich für die Forscher natürlich die grundsätzliche Frage einer verantwortlichen Rekonstruktion dessen, was sich in der jeweiligen familialen Situation vollzieht: "Wie weit kann man gehen?".

Im dritten, vierten und fünften Teil der Arbeit schließlich werden einige Erkenntnisse der Beobachtungen bei den Familien fokussiert auf Stichwörter, die für die anthropologisch-pädagogische Analyse von besonderer Bedeutung sind, wie z. B.: Mütterliche und väterliche Autorität beim gemeinsamen Frühstück, Wechsel von Disziplin und Gelassenheit, gemeinsame Übereinkommen und Versuche, Grenzen zu überschreiten, usw. Insgesamt wird dabei deutlich, dass das Forschungsziel im wesentlichen verortet ist in der Frage: "Wie erziehen Rituale?".

Fazit

Ein wesentliches Verdienst der Forschungsarbeit dürfte deshalb sein, Formen und die Praxis von Tischritualen "nicht als erstarrte, stereotype Vollzugspraxen festgefrorener Gemeinschaften (darzustellen), sondern als flexible und anpassungsfähige kollektive Handlungskomplexe, in denen die Familien ihre Differenzen aufführen" - und zu bewältigen versuchen. Dadurch werden Autoritäten und Grenzüberschreitungen nicht als postulierte unumstößliche Normen diktiert, wie dies in einigen "pädagogischen Ratgebern", wie etwa in "Lob der Disziplin" (Bueb) versucht wird, sondern sie werden ausgehandelt. Das Tischritual ist dafür, wie wir in der Forschungsarbeit erkennen, ein gutes Beispiel. Das Buch ist deshalb nicht nur für die anthropologische und Ritualforschung von Bedeutung, sondern auch für die erziehungswissenschaftliche, wie auch für die pädagogische Praxis in der familiären und institutionellen Erziehung.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.12.2007 zu: Kathrin Audehm: Erziehung bei Tisch. Zur sozialen Magie eines Familienrituals. transcript (Bielefeld) 2007. ISBN 978-3-89942-617-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5562.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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