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Frank Dammasch (Hrsg.): Jungen in der Krise. Das schwache Geschlecht?

Cover Frank Dammasch (Hrsg.): Jungen in der Krise. Das schwache Geschlecht? Psychonanlytische Überlegungen. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2007. 176 Seiten. ISBN 978-3-86099-732-1. 17,90 EUR, CH: 27,60 sFr.
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Das schwache Geschlecht - die "Verlierer" brauchen Aufmerksamkeit

Besonders Psychologen und Psychoanalytiker sind erstaunt darüber, dass in den letzten Jahren in der öffentlichen, medialen und gesellschaftlichen Aufmerksamkeit ein Phänomen diskutiert wird, das in ihren Praxen und ihrer Praxis seit langem bekannt ist, "dass Jungen psychotherapeutische oder psychiatrische Ambulanzen und Erziehungsberatungsstellen mit ihren störenden externalisierenden Verhaltensauffälligkeiten weit mehr füllen als Mädchen". Im pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Diskurs freilich wird dieser Aspekt erst ernsthaft wahr genommen, seit entsprechende Hinweise und Belege in den nationalen und internationalen Bildungsvergleichsuntersuchungen lesbar geworden sind. Das ist erstaunlich auch deshalb, weil, nicht erst seit den Forschungsergebnissen des Deutschen Bildungsrates in den 60er Jahren, auf den Zusammenhang von Sozialisation und Bildungserfolg hingewiesen und darauf aufmerksam gemacht wurde, dass "starre Geschlechterstereotype" den Bildungs- und Erziehungsprozess beeinträchtigen. Freilich interpretiert Klaus Mollenhauer die an den Geschlechtsrollenerwartungen der Gesellschaft orientierte Erziehungspraxis als die "vielleicht entscheidende Bedingung für die geringeren Bildungschancen der Mädchen". Im Bildungsbericht der Bundesregierung (2003) kann man den Satz lesen: "Innerhalb des allgemein bildenden Schulwesens sind inzwischen tendenziell Jungen benachteiligt".

Herausgeber, AutorInnen und Fragestellungen

In der schulischen Bildung ist es alltägliche Erfahrung, "dass Jungen leistungsmäßig … hinter den Mädchen zurückliegen". Dabei geraten die abenteuerlichsten Modelle und Theorien auf den pädagogischen Markt, wie etwa, in der Schule (wieder!) geschlechterhomogene Lerngruppen zu etablieren und die Koedukation abzuschaffen. Selten gelingt es den Theoretikern und Praktikern, über ihren pädagogischen Tellerrand zu schauen, hinein in die gesellschaftlichen Prozesse und neurobiologischen Erkenntnisse. Der an der Fachhochschule Frankfurt/M. tätige Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Frank Dammasch versammelt in dem Handbuch eine Reihe von Expertinnen und Experten aus den Bereichen der Psychologie, Psychoanalyse, Psychotherapie, Soziologie und der Neurobiologie, um weniger die "sichtbare Außenhaut der Sozialität und die sozialen Wandlungen im Detail theoretisch oder empirisch zu sezieren, sondern … um Einblicke in die unsichtbare, innere Erlebniswelt und die unbewussten Lebensentwürfe einzelner Jungen" zu analysieren. Ist die "Krise der Jungen", die sich vor allem in Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität darstellt, eine "mediale Dramatisierung", wie dies noch vor wenigen Jahren auch von feministischer Seite vermutet wurde; oder handelt es sich um eine "in konkreten sozialen und pädagogischen Erfahrungsfeldern sich manifestierende(n) reale(n) Entwicklungskrise einer wachsenden Zahl von männlichen Kindern und Jugendlichen"? Sind gar Anforderungen, die eine rasant sich verändernde Gesellschaft von den Menschen erzwingt, kontraproduktiv zu den traditionellen Männlichkeitsmodellen?

Inhalt

  • Eine Antwort darauf wird im Beitrag von Frank Dammasch versucht: Es sei "das intrapsychische Fehlen eines libidinös besetzten Vaterbildes, das mit dem Mutterbild positiv verbunden ist, der den Bodensatz der meisten psychosozialen Störungen von Jungen bildet". Neue Väter braucht das Land!
  • Der Gehirnforscher an der Universität Göttingen, Gerald Hüther setzt sich damit auseinander, ob das "schwache Geschlecht und sein Gehirn" eine Antwort auf das Dilemma geben könnte. Wenn es so ist, dass "Männer ( ) mit einem genetischen Handicap an den Start (gehen)", dann müsste sich die familiale und gesellschaftliche Erziehung darauf einstellen. Deshalb, so der Autor, "brauchen kleine Jungs weniger Angst-machende Entwicklungsbedingungen (also mehr Liebe) und bessere Halt-bietende Orientierungsangebote (also starke männliche Vorbilder)".
  • Der Psychotherapeut Hans Heinz Hopf diskutiert in seinem Beitrag über "die unruhigen Jungen" geschlechtsspezifische Störungsbilder, wie sie etwa von Michael Balint in den Diskurs gebracht wurden. Auch hier die Forderungen nach "einer Gleichverteilung der Elternschaft über Vater und Mutter" im Erziehungs- und Identifikationsprozess der Jungen. Pädagogik, Psychologie und Medizin, wie auch das gesellschaftliche Bewusstsein von Erziehung, haben diese Aufmerksamkeit noch nicht in ausreichendem Maße aufgenommen.
  • Der niederländische Psychoanalytiker Douwe Jongbloed reflektiert die Aspekte von Übertragung und Gegenübertragung "von Mann zu Mann" und zeigt dies an einem Fallbeispiel auf. Um einen "non-mother-space" zu schaffen und erlebbar zu machen, ist es notwendig, "dass der Analytiker sich als Person mehr involviert als traditionell vorgeschrieben ist".
  • Der Leipziger Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Kai von Klitzing spricht über die "Bedeutung früher Familienbeziehungen für die Identitätsentwicklung des Jungen". Das Dilemma, dass das Selbstbild und die Selbsterfahrung von Jungen durch ein Zerrbild "zwischen der Identifizierung mit dem Vater - Monster … und dem idealisierten Vaterbild" geprägt ist, bestimmt die Identitätsentwicklung.
  • Die Schweizer Psychotherapeutin Gisela Zeller-Steinbrich informiert anhand von Fallbeispielen über Auswirkungen von frühen Beziehungsdefiziten und traumatischen Erfahrungen auf die Persönlichkeitsentwicklung bei Jungen. Hergeleitet vom biblischen Samson-Mythos bezeichnet sie die beschriebenen Risikokonstellationen als "Samsonkomplex". Wenn Jungen "der Last des fremden, ihm auferlegten Lebens nicht gewachsen" sind, bedarf es eines starken Halts; dann müssen sie "nicht mehr so stark tun, weil sie nicht mehr so schwach sind".
  • Frank Dammasch diskutiert in einem weiteren Beitrag das Problem von vaterlosen Jungen "zwischen Größenphantasien und Verfolgungsangst". Weil Mütter ohne Lebenspartner in ihrem Sohn unbewusst den männlichen Partnerersatz suchen, tragen sie frühzeitig zu einer erhöhten psychosexuellen Stimulation bei, wie er am Fallbeispiel "Michael" aufzeigt. Größen- und Machtphantasien der unterschiedlichsten Art werden so zum Hindernis männlicher Entwicklung.
  • Die aus dem Iran stammende Frankfurter Psychologin und Gruppenanalytikerin Mahrokh Charlier wendet sich den Problemen von religiösen Traditionen und der Sozialisation des muslimischen Mannes zu. Eingeengt zwischen religiöser Autorität, wie sie der Islam erzwingt, der traditionellen väterlichen Autorität, der autoritär-partriarchalischen Gesellschaft und der Familienstrukturen, entstehen männliche Überidentifizierung, Neid, Hass und Aggressivität, und im schlimmsten Fall paranoide Zustände.
  • Die Psychologin, Soziologin und Psychoanalytikerin Ilka Quindeau berichtet über die Konzeptualisierung der psychosexuellen Entwicklung von Männlichkeit. Ausgehend von den nicht sehr zahlreich vorliegenden Forschungs- und Therapiekonzepten legt sie einen integrativen Denkansatz vor, mit der der vorherrschenden Geschlechterhierarchie und dem eingeschränkten Verständnis von Männlichkeit in unserer Gesellschaft begegnet werden könnte.

Fazit

Das Autorenteam legt in dem Wirrwarr von Vermutungen, Behauptungen, Analysen und Theorien, die in der pädagogischen und gesellschaftlichen Diskussion über die "schwachen Jungen" gehandelt werden, einen Standpunkt aus der psychosozialen Sicht vor. Sie rufen gemeinschaftlich dazu auf, über einen Perspektivenwechsel in der Kommunikation und Sozialisation bei Orientierungs- und Identifikationskrisen von Jungen nachzudenken und ihn einzuleiten. Der Sammelband sollte in der pädagogischen Diskussion Ernst genommen werden.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.12.2007 zu: Frank Dammasch (Hrsg.): Jungen in der Krise. Das schwache Geschlecht? Psychonanlytische Überlegungen. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2007. ISBN 978-3-86099-732-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5576.php, Datum des Zugriffs 28.11.2020.


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