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Georg Bollenbeck, Waltraud Wende (Hrsg.): Der Bologna-Prozess [...]

Cover Georg Bollenbeck, Waltraud Wende (Hrsg.): Der Bologna-Prozess und die Veränderung der Hochschullandschaft. Beiträge zum Symposium "Der Bologna-Prozess und die Veränderungen in der Hochschullandschaft". Synchron (Heidelberg) 2007. 174 Seiten. ISBN 978-3-939381-04-4. 19,80 EUR.

Reihe: Forum Synchron.
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Entstehung und Autoren

Der vorgestellte Band stellt die Beiträge zum Symposium "Der Bologna-Prozess und die Veränderungen in der Hochschullandschaft" zusammen. Die Tagung fand auf Einladung der Herausgeber am 2. und 3. Dezember an der Universität Siegen statt. Autoren sind vor allen Hochschullehrer. Es haben Vertreter aus Frankreich, Dänemark und den Niederlanden Beiträge geliefert.

Thema

Um das europäische Hochschulwesen vergleichbar zu machen, fanden innerhalb der EU in den 90er-Jahren verstärkte Bemühungen statt vor allen die Mobilität zu erhöhen und die so genannte "employability" - die Beschäftigungsfähigkeit von Hochschulabsolventen zu erhöhen. Insgesamt sollte so auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Universitäten  verbessert werden. Auf der Grundlage der Sorbonne-Erklärung der Bildungsminister Frankreichs, Deutschlands, Italiens und Großbritanniens wurde am 19. Juni 1999 die Erklärung der Bildungsminister von Vertretern aus 29 europäischen Ländern in Bologna verfasst und unterzeichnet. Die Vorarbeiten und Ausführungen, die schließlich zu dieser Erklärung geführt haben, werden als Bologna-Prozess bezeichnet. Die Ziele des Bologna-Prozesses lassen sich drei großen Themen subsumieren: Der Förderung von Mobilität, von internationaler Wettbewerbsfähigkeit und von Beschäftigungsfähigkeit. Im Jahre 2010 sollen die vorgenommenen Veränderungen in den Nationalstaaten umgesetzt worden sein.

Im Symposium wurde diskutiert, inwieweit hier für die Hochschulen Möglichkeiten und Chancen, aber auch Gefahren liegen. Es zeigen sich insbesondere Befürchtungen, die im Zusammenhang mit einer zunehmenden Ökonomisierung entstehen, die konträr zum humanistischen Bildungsideal den Menschen und seine Arbeitskraft zu funktionalisieren droht.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung in die Thematik finden sich zwölf Beiträge zum Symposium. Im Anschluss an diese Texte werden die Autoren in alphabetischer Reihenfolge vorgestellt. Eine kurze Zusammenfassung fokussiert noch einmal den Tenor der Befürchtungen der meisten Autoren, der im Titelbild des Buches durch eine Abbildung einer Skulptur Wilhelm von Humboldts vor der Humboldt-Universität in Berlin mit den darunter befindlichen Jahreszahlen 1810-2010 zum Ausdruck gebracht wird. Im Folgenden sollen in aller Kürze die Inhalte der Beiträge umrissen werden.

  • Was soll man gegen Bologna sagen? Zur Einleitung. Der Beitrag von Georg Bollenbeck und Waltraud Wende skizziert die zentralen Fragestellungen des Symposiums, wie weit die Umbauprozesse im Zuge des Bologna-Prozesses schon vorangeschritten sind und inwieweit der eigentliche Gehalt in einer intendierten Ökonomisierung des Hochschulwesens liegt.
  • Humboldts Tod. Über die Effekte der Hochschulreform. Georg Bollenbeck und Jens Saadhoff setzen sich in diesem Beitrag sehr kritisch mit dem Bologna-Prozess und seinen Folgen wie Homogenisierung der europäischen Hochschullandschaft und zunehmende Ökonomisierung auseinander. Thematisiert wird insbesondere die Inkompatibilität von marktanalogen Steuerungselementen und Geisteswissenschaften.
  • Universitätskonzept, Bildungsidee und Politik. Der Beitrag von Heinz Sünker gliedert sich in drei Abschnitte. Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit den Aufgaben der Wissenschaften und der Einflussnahme von politischen und ökonomischen Interessen. Der zweite Abschnitt zitiert vor allem Heydorn, nach dem Bildungsinstitutionen zur Subjektwerdung des Menschen beitragen sollen. Der dtritte Abschnitt überträgt unter anderem das "Mindestmaß-Prinzip" des zitierten Steinvorth, welches eine Ressourcenzuteilung unterhalb eines Mindestmaßes, dass Partizipation ermöglicht, verbietet, auf universitäre Bildung.
  • Der Weg der Universitäten aus der Krise. Wolfgang Bergsdorf liefert einen unkritischen Beitrag, der im wesentlichen mit den während des Bologna-Prozesses festgelegten Zielvorstellungen konform ist.
  • Die europäische Hochschullandschaft zwischen Politik und Kommerz. Konrad Schily kritisiert unter anderem die Einführung der BA- und MA-Studiengänge in Deutschland und problematisiert die durch die Exzellenzinitiative drohende Polarisierung innerhalb der deutschen Hochschullandschaft. Auch die neue Besoldungsordnung für Hochschullehrer wird kritisch hinterfragt.
  • Die Veränderungen der deutschen Hochschullandschaft und der Bologna-Prozess. Der Beitrag von Ralf Schnell thematisiert ebenfalls die Exzellenzinitiative und daraus resultierende Polarisierung und die Hochschullehrerbesoldung. Auch die zur Normalität werdende Forschungskooperation der Hochschullehrer mit der Wirtschaft wird hier beleuchtet. Nach der dargestellten Perspektive auf die aktuelle Situation werden speziell für die Universität Siegen als Regionaluniversität der Ist-Zustand und mögliche Folgen ausgelotet.
  • Die deutsche Studienreformdiskussion und der Bologna-Prozess. Über die These einer Konvergenz der Studiensysteme in Europa und ihre Auswirkungen auf die Bildungspolitik in Deutschland. Nach einer Einführung, die begriffliche Voraussetzungen klärt, charakterisiert Ulf Bancherus die Veränderungen im deutschen Hochschulsystem als Ergebnis einer langjährigen Entwicklung, deren Anfänge weit vor Einsetzen des Bologna-Prozesses lagen. Er sieht in den Umbauprozessen vor allem die Durchsetzung altbekannter (ökonomisch determinierter) Interessen unter dem Vorwand der europäischen Vereinheitlichung und des Sachzwanges.
  • Die Germanisten in Europa: ratlos. Über disziplinäres Driften in Zeiten der Studien- und Hochschulreform. Ganz in der Manier eines Germanisten finden sich literarische Zitate im Text von Holger Dainat, die einen allegorischen Rahmen bilden. Angesichts festgestellter Missstände wird vom Autor mangelndes Handeln seitens der Professoren konstatiert. Nach der Darstellung der eigenen Sicht auf die aktuelle Situation an den Hochschulen wird speziell die Lage der Germanistik thematisiert.
  • Wozu Germanistik? Der Bologna-Prozess als Chance für längst überfällige Modernisierungsprozesse. Waltraud Wende sieht Möglichkeiten einer zukünftigen Legitimation der Germanistik als Wissenschaft, die Orientierungskompetenzen und Umgangshilfen mit anwachsenden Wissensbeständen und zunehmenden Halbwertszeiten des Wissens liefert. Der Bologna-Prozess wird als Chance zu einer neuen Absteckung des Aufgabenbereichs der Germanistik gesehen, der auch in der Betrachtung europa-spezifischer Fragestellungen liegt.
  • Internationalisierung, Ökonomisierung und die disziplinenkulturelle Vielfalt aus der Perspektive eines (einst) großen Faches. Wolfgang Asholt stellt aus seiner Perspektive die Situation der Romanistik als von Rationalisierungen bedrohter Fachbereich dar. Die Ursachen für die pessimistisch gesehene Lage sieht er in der Globalisierung und Ökonomisierung und auch in den Folgen des Bologna-Prozesses, den er als Metonymie zu den beiden vorigen Begriffen betrachtet.
  • Allen wohl und niemand weh? Der Bologna-Prozess in Frankreich. Karl Heinz Götze skizziert das französische Universitätssystem und die dort (weniger gravierend erlebten) Auswirkungen des Bologna-Prozesses. Er stellt zudem ein in seinem Institut konzipiertes Master-Curriculum "Deutsch-französischer Kultur-Transfer" vor, das einen Auslandsaufenthalt beinhaltet.
  • Nicht die BA-MA-Struktur ist der Bösewicht. Betrachtungen zur Lage der Germanistik in Dänemark. Peter Colliander stellt die aktuelle Situation der Hochschulen in Dänemark vor, wo das Prinzip der gestuften Abschlüsse schon seit 1993 besteht. Er setzt sich mit Problemen der Geisteswissenschaften allgemein auseinander und kontrastiert eigene Erfahrungen aus der Studienzeit mit der Lage und den Einstellungen der Studierenden in Dänemark heute. Er geht ebenfalls auf spezielle Probleme der Germanistik an der Wirtschaftsuniversität Kopenhagen ein. Er konstatiert die von ihm durchaus bedauerte Notwenigkeit einer aktiven argumentativen Verteidigung der Existenz der Geisteswissenschaften.
  • Hat das Bildungsideal Schwindsucht? Bologna und Germanistik an der Fakultät der Geisteswissenschaften der Universität von Amsterdam. Carla Dauven-van Knippenberg geht von einer Vereinbarkeit der Folgen des Bologna-Prozesses mit Bildung aus und versucht dieses am Beispiel des neu konzipierten Studiengangs für Deutsch an der Universität von Amsterdam zu belegen. Abschließend warnt sie jedoch auch vor den "Viren des homo oeconomicus". Den Wandel der Hochschullandschaft sieht sie als durch den Bologna-Prozess lediglich begünstigt.

Fazit

Der vorliegende Band liefert einige sehr kritische Beiträge, die sich mit den aktuellen Problemen der Hochschulen in Europa auseinandersetzen und dabei die Euphemismen der Politik vielfach entlarven. Es ergibt sich ein vielfältiges Spektrum der Meinungen, das an unterschiedlichen Kritikpunkten ansetzt und sich innerhalb von pessimistischen Sichtweisen und Hoffnungen auf sich ergebende Chancen auf positive Erneuerung entfaltet. Die Lektüre der Beiträge lässt wünschen, bei dem offensichtlich sehr fruchtbaren Symposium, das geisteswissenschaftliche Größen hat zusammenkommen lassen, dabei gewesen zu sein. Unter Umständen wäre der Beitrag eines Naturwissenschaftlers zusätzlich interessant gewesen. Die gesamteuropäische Perspektive wird jedoch in lobenswerter Weise neben der deutschen ebenfalls berücksichtigt.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 01.01.2008 zu: Georg Bollenbeck, Waltraud Wende (Hrsg.): Der Bologna-Prozess und die Veränderung der Hochschullandschaft. Beiträge zum Symposium "Der Bologna-Prozess und die Veränderungen in der Hochschullandschaft". Synchron (Heidelberg) 2007. ISBN 978-3-939381-04-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5577.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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