socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Bettina Schmidt: Der Verantwortungsdiskurs im Gesundheitswesen

Cover Bettina Schmidt: Eigenverantwortung haben immer die Anderen. Der Verantwortungsdiskurs im Gesundheitswesen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2008. 230 Seiten. ISBN 978-3-456-84552-4. 24,95 EUR, CH: 42,00 sFr.

Reihe: Gesundheitswissenschaften.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das Buch von Bettina Schmidt befasst sich mit der aktuellen Debatte zur Gesundheitsförderung, die gegenwärtig vor allem darauf abzielt, den Menschen mehr Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit abzuverlangen. Durch mehr Bewegung, gesündere Ernährung, entspannungsförderliche Stressbewältigung oder Mäßigung bei den legalen und illegalen Drogen sollen die großen Zivilisationskrankheiten zurückgedrängt und die Gesundheitsausgaben reduziert werden, werden doch die großen Zivilisationserkrankungen wie Herz-Kreislauferkrankungen und Bösartige Neubildungen auf "ungesunde Lebensstile" zurückgeführt. Die Idee der Nützlichkeit von Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit ist so einleuchtend, dass in Deutschland alle Akteure - vom nationalen Gesundheitsministerium bis zur örtlichen Krankenkasse - darauf setzen, jeden Einzelnen zu mehr Eigenverantwortung zu aktivieren bzw. zu motivieren. Die Realität sträubt sich jedoch gegen die gute Idee. Rund 50% der Bevölkerung in Deutschland gelten als übergewichtig, nahezu 20 Millionen Menschen rauchen, und knapp 90% der Bevölkerung bewegen sich weniger als die empfohlenen 90 Min. pro Woche. Man mag diese Zahlen auch als Bestätigung für die Eigenverantwortungsförderung und -forderung interpretieren, haben doch große Teile der Bevölkerung ihre Verantwortung für ihre eigene Gesundheit bislang eher unterschätzt bzw. davon überhaupt keine Kenntnis gehabt. Nur ist es auch realistisch, darauf zu hoffen, dass alle diese Menschen durch mehr Eigenverantwortung zu größerer Gesundheitskompetenz und besserer Gesundheit befähigt werden können?

Dieser Frage wird in dem Buch von Bettina Schmidt nachgegangen. Die Autorin überprüft auf theoretischer und empirischer Ebene das intuitiv durchaus plausible Konzept der Eigenverantwortung im Hinblick auf faktische Realisierbarkeit und messbare Nützlichkeit.

Aufbau …

Das Buch ist in neun Kapitel gegliedert.

Nach einem einführenden Problemaufriss zum unausgewogenen Diskurs über die Eigenverantwortung im Gesundheitswesen werden im zweiten und dritten Kapitel die Konzepte Verantwortung und Eigenverantwortung analytisch erörtert. Das vierte und das fünfte Kapitel befassen sich mit der Geschichte und der aktuellen Situation der Eigenverantwortung im Gesundheitswesen. Im sechsten Kapitel wird der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Mündigkeit dargestellt. Die dadurch entstehende Gefahr eines konstruierten Zusammenhangs zwischen Krankheit und Schuld wird im Kapitel 7 diskutiert. Das achte Kapitel dient der praktischen Übertragung des bisherigen theoretischen Diskurses: Am Beispiel des Übergewichts werden die Chancen und Risiken von Eigenverantwortung konkret untersucht. Das abschließende neunte Kapitel schließlich ist als Suche nach praktikablen Lösungen zur Verbesserung der Gesundheit für Alle angelegt.

… und Inhalt

  • Zu Beginn des Buchs erfolgt eine Annäherung an den Begriff der Eigenverantwortung. Obwohl die Eigenverantwortung in aller Munde ist, herrscht bis dato kein einheitliches Verständnis über ihren Bedeutungsbereich - bzw.: gerade weil Eigenverantwortung nicht exakt definiert ist, konnte sie zum Megatrend avancieren. Nach einer differenziellen Analyse der Konstrukte Verantwortung, Selbstverantwortung, Eigenbeteiligung etc. konkretisiert die Autorin den Begriff Eigenverantwortung und zeigt seinen expliziten und impliziten Sinnhorizont auf. Eigenverantwortung wird demnach heutzutage verwendet als grenzenlose Strategie einer "eigenständigen Lebensführung und persönlichen Verantwortungsübernahme für retrospektive und prospektive Gesundheitsrisiken, einerseits unter vorrangiger Selbstverpflichtung auf ein gesundheitsbezogenes Selbst- und Gemeinwohl, andererseits unter größtmöglichem Verzicht auf gegenseitige Verantwortungsansprüche" (S. 60).
  • In den folgenden Abschnitten diskutiert die Autorin die Frage der Definitionsmacht im Hinblick auf die Eigenverantwortung, denn ihr zufolge ist relevant, wer festschreibt, was unter Eigenverantwortung zu verstehen ist, wofür Eigenverantwortung zu übernehmen ist und von wem Eigenverantwortung zu übernehmen ist. Exemplarisch verweist die Autorin darauf, dass zwar ein Leben ohne Drogen durchaus gesundheitsförderlich ist, ein Leben ohne Auto vermutlich einen noch höheren Gesundheitsnutzen aufweisen würde.
  • In den Kapiteln 4 und 5 zeichnet die Autorin die historische Entwicklung und den aktuellen Boom der Eigenverantwortung (nicht nur) im Gesundheitswesen nach und beschreibt die engen Zusammenhänge zwischen wachsender Ökonomisierung des Gesundheits- und Sozialwesens und der steigenden Betonung der Eigenverantwortung im Gesundheitsbereich. Analog zum Motto der Agenda 2010 ("Fördern und Fordern") wird auch der Gesundheitsförderung zunehmend eine Gesundheitsforderung an die Seite gestellt. Als "nachgereichte Rationalisierung" bezeichnet die Autorin den gesellschaftlichen Argumentations- und Legitimationsprozess (Stichworte sind u.a. die Kostenexplosion im Gesundheitswesen und die Verantwortungslosigkeit der Couchpotatoes), der dazu geführt hat, dass es unhinterfragt selbstverständlich wurde, gesundheitliche Eigenverantwortung sowohl für zwingend notwendig als auch für durchschlagend nützlich zu halten.
  • Der letzte Teil des Buchs widmet sich den Risiken und unerwünschten Wirkungen der Eigenverantwortung. Die Autorin begründet ihren kritischen Standpunkt zu Recht damit, dass die aktuellen Publikationen vor allem den potenziellen Nutzen der Eigenverantwortung herausstellen. Ein redlicher Diskurs jedoch muss den zahlreichen Beiträgen über die Chancen eine umfassende Analyse der Risiken zur Seite stellen. Ziel des vorliegenden Buches ist jedoch nicht, zu klagen über die inflationäre Verwendung des Verantwortungskonzepts, sondern eine fundierte Analyse zu erstellen über die wahren Möglichkeiten und Grenzen von Eigenverantwortung für Gesundheit und Krankheit. Die Grenzen, die die Autorin aufzeigt, sind zahlreich. Sie reichen von den (doch eigentlich einzusparenden) Kosten, die für die Implementierung von flächendeckenden Eigenverantwortungsförderungs- und -forderungs- und -sanktionsprogrammen aufgewendet werden müssen bis zu den bedrohlichen Exklusionsprozessen, die sich als Kehrseite der mündigen Gesundheit in Form von schuldiger Krankheit Bahn brechen.

Fazit

Bettina Schmidt ist ein lesenswertes Buch gelungen, das geeignet ist für alle Menschen, die sich für aktuelle Trends im Gesundheitswesen und deren faktischen Realisierungsmöglichkeiten interessieren. Das Buch basiert auf einem umfassenden theoretischen und empirischen Fundament (mehr als zehn Seiten umfasst das aktuelle nationale und internationale Literaturverzeichnis), es ist analytisch präzise, und die Analyse war überfällig im Hinblick auf den gegenwärtigen Stand der Diskussion zur Verantwortung im Gesundheitswesen. Trotz des hohen Komplexitätsgrads der zugrunde liegenden interdisziplinären Analyse ist ein gut lesbarer Text entstanden, die schlüssige Struktur, eine klare Sprache und illustrierende Beispiele ermöglichen eine lesefreundliche Denkübung zum Aufweichen alter Gewissheiten.


Rezensent
Prof. Dr. Dieter Ahrens
MPH Hochschule Aalen Studiengang Gesundheitsmanagement
Homepage www.htw-aalen.de/studium/gm/
E-Mail Mailformular


Alle 10 Rezensionen von Dieter Ahrens anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Dieter Ahrens. Rezension vom 06.01.2008 zu: Bettina Schmidt: Eigenverantwortung haben immer die Anderen. Der Verantwortungsdiskurs im Gesundheitswesen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2008. ISBN 978-3-456-84552-4. Reihe: Gesundheitswissenschaften. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5581.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung