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Michael Borg-Laufs (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen

Cover Michael Borg-Laufs (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen. Band I: Grundlagen. dgvt-Verlag (Tübingen) 2007. 2., überarbeitete u. erweiterte Auflage. 808 Seiten. ISBN 978-3-87159-071-9. 49,00 EUR.
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Autor

Prof. Dr. Michael Borg-Laufs, Dipl.-Psych., ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Psychologischer Psychotherapeut. Er ist Inhaber des Lehrstuhls "Theorie und Praxis psychosozialer Arbeit mit Kindern" an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Außerdem arbeitet er als Fachleiter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie am Ausbildungszentrum Krefeld der DGVT sowie in weiteren Tätigkeiten als Dozent und Supervisor in der Psychotherapieausbildung. Fach- und berufspolitisches Engagement zeigt er in verschiedenen Gremien – unter anderem als Sprecher der Fachgruppe Kinder und Jugendliche der DGVT. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Kindeswohlsicherung, Psychologische Grundbedürfnisse bei Kindern, Diagnostik, sowie Kinder- und Jugendlichentherapie.

Thema und Entstehungshintergrund

Die professionelle Betreuung psychisch beeinträchtigter Kinder und Jugendlicher ist eine relativ "junge" Profession. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es speziell für diese Zielgruppe erste therapeutische Einrichtungen. Nachdem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem die psychoanalytisch fundierte Therapieschulen die Grundlage für die Therapie lieferten, liegen seit den 50er Jahren fundierte Ergebnisse der Therapieforschung vor, die die Effizienz der Verhaltenstherapie sowohl im Erwachsenenbereich (vgl. Grawe 1994; 1998) als auch im Bereich der Kinder- und Jugendlichentherapie eindrucksvoll belegen. Dennoch "…ist auch zu konstatieren, dass gerade die hochwirksame Verhaltenstherapie (vgl. Döpfner, 2007; Kröner-Herwig, 2004) zumindest im Bereich der Therapiedurchführung in ambulanter Praxis … geradezu grotesk unterrepräsentiert ist" (S. 918, Band 2, vgl. die Rezension). Obwohl der Herausgeber an verschiedenen Stellen seines Werkes die Entwicklung und Implementierung einer schulenunabhängigen "allgemeinen" Psychotherapie für Kinder und Jugendliche fordert, sei es jedoch aufgrund oben genannten Gründe notwendig, den verhaltenstherapeutischen Ansatz in einem eigenständigen Lehrbuch darzustellen. Zudem sei "davon auszugehen, dass Konzepte und Modelle der Verhaltenstherapie auch bei einer "allgemeinen" bzw. "psychologischen" Psychotherapie (mit Kindern oder mit Erwachsenen) eine hervorragende Rolle spielen werden" (S.11).

Aufbau

Im ersten Band des Lehrbuchs werden die Grundlagenkenntnisse, die Kinder- und Jugendlichentherapeuten für ihre Arbeit und ihre Ausbildung benötigen, dargestellt. Nach einer kurzen Einführung unterteilt Michael Borg-Laufs das Buch in vier Abschnitte

  1. Wissenschaftliche Grundlagen
  2. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen
  3. Der psychotherapeutische Prozess
  4. Therapeutische Settings

die wiederum in 24 Unterkapitel unterteilt sind. Im Folgenden werden diese kurz vorgestellt.

1. Wissenschaftliche Grundlagen

Hier wird besonders hervorgehoben, dass sich die Verhaltenstherapie in Abgrenzung zu anderen Schulen als "angewandte empirisch-wissenschaftliche Psychologie" (S. 11) verstehe. Folgende Themen werden abgearbeitet:

  • Lerntheoretische Grundlagen der Verhaltenstherapie bei Kindern und Jugendlichen (Rudi Merod)
  • Neuropsychologische Aspekte der Kinderverhaltenstherapie (Dietmar Heubrock & Franz Petermann)
  • Entwicklungspsychologische Grundlagen der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (Michael Borg-Laufs & Hanns Martin Trautner)
  • Modelle psychischer Störungen des Kindes- und Jugendalters (Albert Lenz)
  • Epidemiologie psychischer Störungen des Kindes- und Jugendalters (Marina Pitzer & Martin H. Schmidt)
  • Ergebnisse der Therapieforschung zur Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen (Manfred Döpfner)

2. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Da die Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen nur im Rahmen ihres Umfeldes gesehen und verstanden werden kann, wird in diesem eher kurzen Kapitel auf diese eingegangen.

  • Die gesellschaftliche Konstruktion von Kindheit (Holger Wyrwa)
  • Die Situation von Kindern in Familie, Schule und Freizeit: Zunehmende gesundheitliche Belastungen (Klaus Hurrelmann)

3. Der psychotherapeutische Prozess

Das längste Kapitel arbeitet folgende Themen ab:

  • Der Prozess der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (Michael Borg-Laufs & Heiko Hungerige)
  • Motivations- und Beziehungsaufbau in der Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen (Katja Mackowiak)
  • Diagnostik & Therapieplanung und Evaluation in der Kinder- und Jugendlichen-Verhaltenstherapie (Manfred Döpfner & Michael Borg-Laufs)
  • Zielerklärung (Hans-Peter Michels & Michael Borg-Laufs)
  • Probleme und Möglichkeiten begleitender Elternarbeit (Dieter Schmelzer)
  • Hänsel oder Gretel – spielt das eine Rolle? Die Geschlechterperspektive in der Kindertherapie (Monika Bormann & Werner Meyer-Deters)
  • Interkulturelle Kompetenz in der Kinderpsychotherapie (Paul Friese)
  • Ethische Aspekte der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (Heiko Hungerige & Dorothee Päßler-Abou El Khir)
  • Rechtliche Aspekte in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (Marion Schwarz)

4. Therapeutische Settings

Hier wir auf die speziellen Anforderungen in folgenden Settings eingegangen:

  • Verhaltenstherapie in der Erziehungsberatung (Michael Borg-Laufs)
  • Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in der niedergelassenen Praxis (Claudia Wendland)
  • Stationäre Kinder- und Jugendlichen-Verhaltenstherapie (Peter Altherr)
  • Verhaltenstherapie in der Kinder- und Jugendlichenrehabilitation (Hans-Peter Michels)

Abgerundet wird der erste Band durch einen Überblick über die Ausbildung in Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und ein humoristisch gemeintes Finale, in dem die Kindheit als Syndrom beschrieben wird.

Diskussion

Das Lehrbuch ist logisch aufgebaut und bietet dem Leser alles, was er im Rahmen seiner Ausbildung oder der Tätigkeit als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut benötigt. Der Titel des ersten Bandes trifft nicht ganz den Kern der Sache, da dieser Band weit über die reinen Grundlagen hinausgeht. So werden beispielsweise einige bereits tiefer gehende, praxisrelevante Themen wie beispielsweise die Zielerklärung dezidiert anhand von Fallbeispielen durchgearbeitet.

Folgerichtig ist die Trennung zum zweiten Band des Lehrbuchs (vgl. die Rezension) eher eine artifizielle, so dass das Lehrbuch im Grunde als Ganzes empfohlen werden muss. Die Trennung in zwei Bände ist sicherlich dem Umfang geschuldet. Dieses Lehrbuch geht im Vergleich zu anderen (z.B. Steinhausen 2006, vgl. die Rezension) derart in die Tiefe, dass im Grunde keine Fragen offen bleiben.

Bei dem Werk wird deutlich, dass es sich (wie auch vom Herausgeber beschrieben) um ein Lehrbuch handelt, das den Anspruch umsetzen will, störungs- und möglichst auch schulenübergreifend einen Überblick über die facettenreiche therapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu bieten. Der Aufbau orientiert sich folgerichtig auch nicht an bekannten Störungsbildern, sondern vielmehr am therapeutischen Prozess und dem Setting. Auf die relevanten Störungsbilder wird in vielen Kapiteln immer wieder eingegangen. Einen klaren Überblick bietet dieses Lehrbuch dafür jedoch kaum.

Zielgruppe

Eine Zielgruppe wird in beiden Bänden des Lehrbuchs nicht explizit genannt. Es wird anhand des immensen Umfangs von insgesamt fast 2000 Seiten jedoch deutlich, dass das Lehrbuch vor allem als Grundlage für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Ausbildung geschrieben wurde. Für Teilnehmer an der DGVT-Ausbildung ist es dann auch Pflichtlektüre. Andere Leser werden aufgrund des Umfangs jedoch wahrscheinlich eher abgeschreckt. Es lässt sich jedoch auch pointiert lesen: Wer qualitativ hochwertige Artikel zu gesuchten Themen mit hervorragenden Quellenangaben sucht, wird fündig.

Fazit

Hier muss dem Leser klar sein, was er will:

  • Einen kurzen Überblick über relevante Störungsbilder, klar strukturiert (Definition, Ätiologie, Diagnostik, Klassifikation, Therapie) im Sinne eines Nachschlagwerks,
  • oder ein monumentales Lehrbuch, das Zeit erfordert, dafür jedoch keine Fragen offen lässt.

Im ersten Falle sei dem Leser eher ein Lehrbuch im Sinne Steinhausens (2006 - vgl. die Rezension) empfohlen, im zweiten Fall kommt man um das Buch von Michael Borg-Laufs jedoch nicht herum. In jedem Falle ergänzen sich beide Werke hervorragend.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 17.07.2008 zu: Michael Borg-Laufs (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen. Band I: Grundlagen. dgvt-Verlag (Tübingen) 2007. 2., überarbeitete u. erweiterte Auflage. ISBN 978-3-87159-071-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5582.php, Datum des Zugriffs 18.02.2020.


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