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Renate Breitenbach: [...] Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen

Cover Renate Breitenbach: Dokumentationssystem für die Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. (DSP-KiJu). dgvt-Verlag (Tübingen) 2007. 265 Seiten. ISBN 978-3-87159-909-5. 24,80 EUR.

Reihe: KiJu - 9.
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Autor

Renate Breitenbach, Dipl.-Psych., ist seit 1992 in eigener Praxis Verhaltenstherapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Lehrbeauftrage zum Thema Verhaltenstherapie bei Kindern und Jugendlichen an der LMU München, anerkannte Supervisorin der DGVT und der Bayrischen Psychotherapeutenkammer.

Thema und Entstehungshintergrund

Aus dem Klappentext: "Für die Diagnostik bei Kindern und Jugendlichen gibt es bisher kein Erhebungsinstrument, das die eng zusammenhängenden Bereiche der Eingangs- und der Verlaufsdiagnostik gemeinsam erfasst. Das Dokumentationssystem für die Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen (DSP-KiJu) schließt diese Lücke. Mit einem System von Fragebögen werden die beteiligten Personen (Eltern, Kinder und Jugendliche, Lehrer, Therapeut) zu Beginn, während und am Ende der Therapie befragt. Dadurch kann das DSP-KiJu auch zur Qualitätssicherung eingesetzt werden." Folglich soll das DSP-KiJu in 2 Arbeitsfeldern zum Einsatz kommen:

  1. Zur Diagnosestellung (inkl. Formulierung von Therapiezielen und Erstellung eines Therapieplanes) und
  2. zur Qualitätssicherung (Prozess- und Ergebnisqulität).

Aufbau

Grundsätzlich teilt sich das 268-seitige Buch in zwei Teile auf:

  1. Ein 27-seitiges Manual, in dem nach einer Einleitung die inhaltliche Gestaltung des Dokumentationssystems erläutert wird, auf die Diagnostik und Therapieplanung eingegangen wird, das DSP-Kiju in seiner Anwendung als Instrument der Qualitätssicherung beschrieben wird und abschließend die konkrete Anwendung erläutert wird, sowie
  2. ein 239-seitiger "Anhang", der sämtliche Fragebögen, Konkordanztabellen, sowie die Quellenangaben enthält.

Zudem wurde dem Buch eine DVD beigefügt, auf der sämtliche Fragebögen als PDF-Dateien zum Ausdruck beigefügt wurden.

1 Einleitung

Zunächst werden die bereits oben genannten Ziele des DSP-Kiju erläutert. Anschließend nennt die Autorin die Vorteile von Fragebögen als Erhebungsinstrument (v. a. Objektivierung und Vermeidung vorschneller Hypothesenbildung), bevor sie die zu erhebenden diagnostischen und evaluativen Daten den drei Abschnitten der Therapie (Beginn, Verlauf und Ende) zuordnet. In einem kurzen Ausblick verweist sie auf die derzeit laufende Auswertung einer ersten Stichprobe und den Plan, sowohl Problemskalen zu bilden, als auch das DSP-Kiju zur Darstellung von Zusammenhängen zwischen der Veränderung von Problembereichen, vorhandenen Belastungsbereichen und Ressourcen zu nutzen.

2 Inhaltliche Gestaltung des Dokumentationssystems

In diesem Abschnitt werden sämtliche Fragebögen vorgestellt. Im Einzelnen handelt es sich hierbei um:

  • Die Anamnesefragebögen für Eltern, Kinder und Jugendliche, Lehrer und Therapeuten,
  • die Prozess- und Katamnesefragebögen für Therapeuten, Eltern, Kinder und Jugendliche, sowie
  • den Katamnesefragebogen für Lehrer.

3 Diagnostik und Therapieplanung

Hier wird das erste Einsatzgebiet des DSP-KiJu beschrieben. Vordergründig kann und soll es zur kategorialen Diagnostik im Sinne des multiaxialen Diagnoseschemas (ICD-10) und des DSM-IV genutzt werden, zudem ermögliche es jedoch auch eine dimensionale Diagnostik im Sinne einer "Erfassung von Problemverhalten auf Basis einer kontinuierlichen Verteilung von Verhalten in einer Population" (S. 21). Die umfassende Datenerhebung erfolgt unter 5 wesentlichen Gestaltungsgesichtspunkten:

  1. Erhebung der aktuellen Symptomatik (auf sämtlichen Achsen der ICD-10).
  2. Erhebung einer horizontalen funktionalen Verhaltensanalyse (im Sinne des SORKC-Modells).
  3. Vertikale Verhaltensanalyse (familiäre und biografische Entstehungsbedingungen des Problemverhaltens).
  4. Erhebung von Ressourcen (und unterstützenden Umweltfaktoren).
  5. Spezifische Notwendigkeiten der Diagnostik mit Kindern und Jugendlichen (Entwicklungsdiagnostik, Mehrebenendiagnostik, Mehr-Personen-Diagnostik).

4 Das Dokumentationssystem als Instrument der Qualitätssicherung

Als zweites Einsatzgebiet soll das DSP-KiJu neben der Diagnosestellung auch zur Qualitätssicherung eingesetzt werden können. Konkret geht es um die Erfassung von Prozess- und Ergebnisqualität mittels subjektiver Prä-Post-Veränderungsmaße und subjektiver retrospektiver Veränderungsmaße. Hierbei werden neben der Veränderung von relevantem Problemverhalten auch die Verstärkung und/oder Neuschaffung von Ressourcen berücksichtigt.

5 Anwendung

In diesem Abschnitt wird dargelegt, wie und wann welche Fragebögen eingesetzt werden.

Diskussion

Positiv hervorzuheben ist vor allem der Anspruch, eine komplexe Diagnostik sowohl kategorial als auch dimensional durchzuführen. Eine horizontale funktionale Verhaltensanalyse ist ebenso enthalten, wie die Möglichkeit, mittels des DSP-KiJu Qualitätssicherung durchzuführen. Zudem trägt das System Entwicklungsschritten Rechnung, indem es altersentsprechende Fragebögen bereithält.

Insgesamt sind die Fragebögen sehr umfangreich ausgefallen. Dies überrascht angesichts des hohen Anspruchs nicht. So umfasst der Anamnesefragebogen für Eltern 25 Din-A-4 Seiten, der für die Jugendlichen immer noch 14 Seiten. Die Beschränkung der Fragebögen für Lehrer und Therapeuten auf acht bzw. drei Seiten kann der Compliance der Beteiligten nur förderlich sein.

Besonders reizvoll ist vor allem der bislang noch nicht umgesetzte Teil des Dokumentationssystems: Die wissenschaftliche Auswertung des DSP-KiJu ist noch nicht abgeschlossen. Das Auswertungsprogramm ist weder auf der DVD enthalten noch, wie im Text angekündigt, auf der Homepage der Autorin erhältlich. Insofern können die umfangreichen Fragebögen nicht oder nur umständlich mit Hilfe der Konkordanztabellen ausgewertet werden. Ob sich die Eingabe der umfangreichen Fragebögen in das (noch zu erstellende) Programm letzten Endes im klinischen Alltag als ökonomisch sinnvoll erweist, bleibt somit reine Spekulation.

Zielgruppe

Das DSP-KiJu richtet sich laut Klappentext an Kinder- und Jugendlichentherapeuten aller Therapierichtungen. Es bündelt die zentrale Stärke der Verhaltenstherapie: Objektivierung mittels Standardisierung und Qualitätssicherung. Mit seiner klar verhaltenstherapeutischen Ausrichtung wird es jedoch wahrscheinlich vor allem von ebensolchen Therapeuten genutzt werden.

Fazit

Das DSP-KiJu könnte als sinnvolles Erhebungssystem Eingang in die therapeutische Praxis verhaltenstherapeutisch arbeitender Psychotherapeuten finden. Hierzu bedarf es jedoch noch die Bewährung in der Praxis. Ebenso bleibt abzuwarten, inwiefern die Evaluierung des DSP-KiJu zu einer Modifikation bzw. Weiterentwicklung führt. Besonders enttäuschend ist der Umstand, dass man das Gefühl hat, hier mit einem "unfertigen" Werk konfrontiert zu werden. So wird im Text und auf der DVD das Auswertungsprogramm angekündigt, auf der Homepage der Autorin bleibt hingegen alles im Vagen. Der Umfang des fast 300 Seiten dicken Einbandes täuscht über den Inhalt hinweg: Hier wäre eine DVD inkl. 30-seitigem Begleithefts vollkommen ausreichend gewesen. Eventuell hätte der Verlag mit der Veröffentlichung noch ein wenig warten sollen. Bei Bewährung könnte das DSP-KiJu eventuell als praktische Ergänzung zum hervorragenden Störungsübergreifenden Diagnostik-System für die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (SDS-KJ) von Michael Borg-Laufs dienen (vgl. die Rezension). Dass beide Werke im selben Verlag erschienen sind, kann kein Zufall sein.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 31.01.2008 zu: Renate Breitenbach: Dokumentationssystem für die Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. (DSP-KiJu). dgvt-Verlag (Tübingen) 2007. ISBN 978-3-87159-909-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5583.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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