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Carsten von Wissel: Hochschule als Organisationsproblem

Cover Carsten von Wissel: Hochschule als Organisationsproblem. Neue Modi universitärer Selbstbeschreibung in Deutschland. transcript (Bielefeld) 2007. 353 Seiten. ISBN 978-3-89942-650-2. 29,80 EUR, CH: 48,30 sFr.

Reihe: Science studies.
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Thema

Die deutsche Hochschulpolitik ist nicht zuletzt im Zuge des Bologna-Prozesses momentan davon gekennzeichnet, möglichst rasche Umstrukturierungen vorzunehmen, die zu diversen Verbesserungen an den als defizitär betrachteten Hochschulen führen sollen und letztlich nicht nur eine Anpassung an ökonomische Erfordernisse sondern schließlich auch eine vollständige Überführung des Systems in marktanaloge Strukturen zur Folge haben können. Das Ausblendung eines auf dem Humankapitalansatz reduzierten Bildungsverständnisses von möglichen negativen Begleiterscheinungen sowie die ausschließlich positive Konnotierung spezifischer Begrifflichkeiten und die Umdeutung bestimmter Begriffe wie "Humboldt" birgt die Gefahr einer ungeprüften Akzeptanz der aktuellen Entwicklungen. Von Wissel leistet in der vorliegenden Dissertation einen wesentlichen Beitrag zur Entlarvung der verwendeten Semantik im hochschulpolitischen Diskurs.

Aufbau

Nach einem Vorwort und Danksagungen gliedert sich das Buch in sieben Kapitel.

1. Einleitung und Übersicht

Kapitel 1 umfasst die Einleitung und Übersicht über die Vorgehensweise des Autors und den Aufbau des Werkes. Die Wahl des Forschungsgegenstandes wird begründet. Kapiteln 2 bis 6 folgt jeweils ein zusammenfassendes Zwischenfazit.

2. Theorierahmen

Kapitel 2 beschreibt den Theorierahmen des Werkes. Der Organisations- und Institutionsbegriff werden geklärt. Die Auseinandersetzung mit den Begriffen der Selbstbeschreibung und des Diskurses als gewählte Beobachtungskategorie sowie die Beschreibung von "Problemen" als sozial konstruiert geben zentrale Hinweise auf die diskursanalytische Methodik der Arbeit bei einer Anlehnung insbesondere an der Luhmann"schen Systemtheorie.

3. "Eine Semantik universitärer Selbstbeschreibung"

Kapitel 3, überzeichnet mit "Eine Semantik universitärer Selbstbeschreibung", versucht die Entwicklung eines "organizational shift" anhand des universitären Redens zu belegen. Die Begriffe Humboldt, Elite, Reform, Autonomie, Internationalität und Markt werden exemplarisch in ihrem Bedeutungswandel dargestellt. So gilt das mit Humboldt assoziierte (von ihm selbst jedoch gar nicht explizit erwähnte) Postulat der Einheit von Forschung und Lehre mittlerweile nicht mehr als zeitgemäß, ein dennoch stattfindendes Festhalten wurde durch Belegung mit dem Begriff "Humboldt-Syndrom" gleichsam pathologisiert. Der Elite-Begriff fand Verwendung zunächst bei der Thematisierung und Problematisierung so wahrgenommener Vermassungsphänomenen an deutschen Hochschulen in der Zwischenkriegszeit, heute wird er zunehmend auf technische Elite reduziert, Bildungselite im klassischem Sinne oder Reflexionselite werden, wie vom Autor herausgearbeitet, kaum in ein Verständnis des Elitebegriffes miteinbezogen. Der Reformbegriff hingegen hat sich von seinem Gehalt her mittlerweile inhaltlich zu einer Fokussierung auf Verwaltungs- und Studienstrukturreform verkürzt. In der Beschwörung von finanzieller Autonomie der Hochschulen offenbart sich eine Ambivalenz, da die universitäre Abhängigkeit von Drittmitteln deutlich zugenommen hat. Internationalisierung wird als Begriff historisch hergeleitet und schließlich in seiner inhaltlichen Verknüpfung mit Vermarktlichung dargestellt. Markt als Begriff wird vom Autor vor allen in Bezug auf den Begriff der Kommodifizierung und den für Universitäten notwenigen "commodification talk" thematisiert.

4. "Rahmenbedingungen universitärer Selbstbeschreibung: Diskurse über Wissenschaft und Technik in der Gesellschaft im Wandel, zeitdiagnostische Modelle"

Kapitel 4 beschäftigt sich insbesondere mit dem vielfach verwendeten Begriff der Wissensgesellschaft und setzt sich diskursanalytisch mit ihm auseinander. Die Darlegung der historischen Perspektive zeigt selektive Empirie bei Zeitdiagnosen auf, die fälschlich Diskontinuitäten einer an sich kontinuierlichen Entwicklung konstatieren, letztlich auch, um so bestimmte Veränderungen in Bildungs- und Forschungspolitik zu legitimieren. Problematisiert wird auch ein drohender Autoritätsverfall von Wissenschaft, die sich zunehmend von der Politik instrumentalisieren lässt.

Weiterhin wird die Entdifferenzierungstheorie "New Mode of Knowledge Production, Modus 2" von Michael Gibbons, Helga Nowottny und anderen vorgestellt. Der Theorie liegt die Annahme eines Verschwindens von Grenzen zu Grunde, wobei sich dies sowohl auf nationalstaatliche Grenzen, auf Grenzen zwischen privater und öffentlicher Sphäre und auch auf die Grenzen von Wissenschaft/Technologie und Politik bezieht. Dies führe zu einer Ausweitung der Rollen von Universität, zu einer "streched university".

Der Autor setzt sich weiterhin mit der "Triple Helix of University-Industry-Government-Relations"-Theorie auseinander. Diese geht von einer tendenziellen Austauschbarkeit der Säulen Industrie, Staat und Universität aus, wobei der Staat eher nachgeordnete Relevanz innehat.

Carsten von Wissen übt an beiden beschriebenen Theorien Kritik aus und bemängelt insbesondere die Außerachtlassung anderer Gesellschaftseinflüsse etwa durch mediale Vermittlungstechniken oder Kultur sowie die grundlegende Annahme, Entdifferenzierung der Gesellschaftsfelder sei gut. Er postuliert die Institutionalisierung eines Spannungsverhältnisses von außer- und innerwissenschaftlicher Relevanzzuschreibung, da sonst ökonomisch nicht sofort verwertbare Gehalte der Geisteswissenschaften in ihrer Existenz gefährdet würden. In obigen Theorien sieht er die Gefahr einer einseitigen Auflösung des Spannungsverhältnisses zugunsten der außeruniversitären Relevanzzuschreibung.

5. Politiken und Instrumente

Kapitel 5 setzt sich mit Politiken und Instrumenten auseinander. Hier wird konkret dargestellt, wie sich der konstatierte "organisational shift" vollzieht, indem Politiken und Instrumente diskursanalytisch nachvollzogen werden. Es findet eine Auseinandersetzung mit der dominierenden Orientierung an Zahlen in Form von quantifizierender Qualitätsmessung und der Orientierung an Nutzen in Bezug auf Wettbewerb statt. Die normativ aufgeladenen Begriffe Differenzierung, Privatisierung, Internationalisierung und Europäisierung werden in ihrer diskursiven Verwendung hinterfragt. Die Begriffe des Managerialismus, der strategischen Planung, der Zielvereinbarung und Kontraktierung sowie der Qualitätssicherung werden in ihrem Gebrauch analysiert und auf ihren eigentlichen inhaltlichen Gehalt als Instrumente der aktuellen Politik hin überprüft.

6. Hochschulpolitik

Kapitel 6 beschäftigt sich mit der konkreten Hochschulpolitik. Spezifika des deutschen Staates, die sich durch seine föderale Struktur auszeichnet, werden erörtert. Exemplarisch werden der Schlussbericht der Enquete-Kommission "Globalisierung der Weltwirtschaft", eine Denkschrift von Dierkes und Merkens, die schriftliche Niederlegung der Halbzeitbilanz 2004 des BMBF, Zielsetzungen der Grünen von 2001, die "Eckpunkt eines zukunftsfähigen deutschen Wissenschaftssystems" der Volkswagenstiftung und eine Publikation der Konrad-Adenauer-Stiftung unter diskursanalytischen Gesichtspunkten betrachtet. Anhand der entsprechenden Dokumente wird festgestellt, dass sich hochschulpolitischer Dissens heute fast nur noch an den Diskursrändern auffinden lässt, während sich in den Stellungnahmen der größeren Parteien überwiegend Konsens widerspiegelt. Benennbarer Dissens manifestiere sich dort überwiegend nur noch in der Frage der Einführung von Studiengebühren.

Weiterhin werden "Multiversity", virtuelle Universität und die institutionelle Askese als Utopien vorgestellt. Während die beiden ersten zwar hinsichtlich Transgressivität versus Fokussierung auf unterschiedlichen Polen zu verorten sind, aber dennoch letztlich auf homogene Praxen und eine Kommerzialisierung des Wissenschaftsbereiches hinauslaufen, bietet die dritte Utopie der institutionellen Askese nach Fuller eine entgegengesetzte Perspektive.

7. Fazit

Kapitel 7 stellt das Fazitdar. Es liefert eine Zusammenfassung der vorherigen Kapitel und formuliert Schlussfolgerungen und Forschungsdesiderate. Um negative Aspekte von Ökonomisierung zu vermeiden, fällt der Politik nach Ansicht Carsten von Wissens die Aufgabe eines Grenzmanagement zu.

Fazit

Die Dissertation liefert einen wichtigen Forschungsbeitrag, der die aktuellen Entwicklungen der Hochschulpolitik unterhalb der Oberfläche von euphemistischer Semantik und reduzierten Darstellungen politischer Akteure untersucht. Auf einem stabilen theoretischen Fundament findet eine kluge Analyse statt, die hilft, das aktuelle Geschehen zu durchschauen und entsprechende Texte und Aussagen einzuordnen.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 15.01.2008 zu: Carsten von Wissel: Hochschule als Organisationsproblem. Neue Modi universitärer Selbstbeschreibung in Deutschland. transcript (Bielefeld) 2007. ISBN 978-3-89942-650-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5585.php, Datum des Zugriffs 20.09.2020.


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