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Michael Borg-Laufs (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen

Cover Michael Borg-Laufs (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen. Band II: Diagnostik und Intervention. dgvt-Verlag (Tübingen) 2007. 2., überarbeitete u. erweiterte Auflage. 952 Seiten. ISBN 978-3-87159-072-6. 58,00 EUR.
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Autor

Prof. Dr. Michael Borg-Laufs, Dipl.-Psych., ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Psychologischer Psychotherapeut. Er ist Inhaber des Lehrstuhls "Theorie und Praxis psychosozialer Arbeit mit Kindern" an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Außerdem arbeitet er als Fachleiter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie am Ausbildungszentrum Krefeld der DGVT sowie in weiteren Tätigkeiten als Dozent und Supervisor in der Psychotherapieausbildung. Fach- und berufspolitisches Engagement zeigt er in verschiedenen Gremien – unter anderem als Sprecher der Fachgruppe Kinder und Jugendliche der DGVT. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Kindeswohlsicherung, Psychologische Grundbedürfnisse bei Kindern, Diagnostik, sowie Kinder- und Jugendlichentherapie.

Thema und Entstehungshintergrund

Die professionelle Betreuung psychisch beeinträchtigter Kinder und Jugendlicher ist eine relativ "junge" Profession. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es speziell für diese Zielgruppe erste therapeutische Einrichtungen. Nachdem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert vor allem die psychoanalytisch fundierte Therapieschulen die Grundlage für die Therapie lieferten, liegen seit den 50er Jahren fundierte Ergebnisse der Therapieforschung vor, die die Effizienz der Verhaltenstherapie sowohl im Erwachsenenbereich (vgl. Grawe 1994; 1998) als auch im Bereich der Kinder- und Jugendlichentherapie eindrucksvoll belegen. Dennoch "…ist auch zu konstatieren, dass gerade die hochwirksame Verhaltenstherapie (vgl. Döpfner, 2007; Kröner-Herwig, 2004) zumindest im Bereich der Therapiedurchführung in ambulanter Praxis … geradezu grotesk unterrepräsentiert ist" (S. 918). Obwohl der Herausgeber an verschiedenen Stellen seines Werkes die Entwicklung und Implementierung einer schulenunabhängigen, evidenzbasierten "allgemeinen" oder "psychologischen  Psychotherapie für Kinder und Jugendliche fordert, sei es jedoch notwendig, aufgrund der genannten Unterrepräsentierung verhaltenstherapeutischer Konzepte, diese in einem eigenständigen Lehrbuch darzustellen. Zudem sei "davon auszugehen, dass Konzepte und Modelle der Verhaltenstherapie auch bei einer "allgemeinen" bzw. "psychologischen" Psychotherapie (mit Kindern oder mit Erwachsenen) eine hervorragende Rolle spielen werden" (S.11).

Aufbau

Nachdem im ersten Band des Lehrbuchs (vgl. die Rezension) die Grundlagenkenntnisse, die Kinder- und Jugendlichentherapeuten für ihre Arbeit und ihre Ausbildung benötigen, vermittelt wurden, konzentriert sich der zweite Band auf die eigentliche therapeutische Arbeit: Die Diagnostik und die Intervention. Nach einer erneuten kurzen Einführung, in der Michael Borg-Laufs einen Überblick über störungsspezifische Indikationen für diagnostische und therapeutische Indikationen liefert, gliedert er den zweiten Band in 4 Abschnitte:

  1. Diagnostische Methoden
  2. Interventionsmethoden
  3. Komplexe multimodale Trainings
  4. Kinder- und Jugendlichenverhaltenstherapie in Kombination mit anderen Verfahren

Diese sind wiederum in folgende 26 Unterkapitel unterteilt.

1. Diagnostische Methoden

  • Das Explorationsgespräch mit Eltern (Heiko Hungerige)
  • Das Explorationsgespräch mit Kindern (Monika Bormann unter Mitarbeit von Werner Meyer-Deters)
  • Informationsgewinnung durch weitere Beteiligte (Klaus J. Schmidt-Bucher & Birgit Alby)
  • Verhaltensbeobachtung (Katja Mackowiak)
  • Testdiagnostik in der Kinder- und Jugendlichenverhaltenstherapie (Günter Esser & Anne Wyschkon)
  • Selbstbeobachtungsverfahren als Hausaufgaben im diagnostisch-therapeutischen Prozess (Jürgen Bellingrath)

Bereits am Titel des letzten Unterkapitels wird deutlich, dass die sich die inhaltlich klar zu trennenden Bereiche Diagnostik und Intervention in der Praxis häufig überschneiden. Bereits zu Beginn des therapeutischen Kontakts werden Interventionen thematisiert, im weiteren Verlauf die Diagnostik fortgesetzt.

2. Interventionsmethoden

Hier werden konkrete Interventionen die störungsübergreifend angewendet werden können dargestellt. Die jeweiligen Indikationen wurden in der Einführung beschrieben.

  • Rollenspiel (Heiko Hungerige & Michael Borg-Laufs)
  • Entspannungsverfahren (Rudi Merod)
  • Systematische Desensibilisierung und Konfrontationsverfahren (Rudi Merod)
  • Konfrontation und Reaktionsverhinderung (Manfred Döpfner, Blanka Hastenrath & Hildegard Goletz)
  • Reaktionsumkehr (Georg Vogel & Martin Schäfer)
  • Operante Verfahren (Michael Borg-Laufs & Heiko Hungerige)
  • Modelllernen (Birgit Alby & Klaus J. Schmidt-Bucher)
  • Rational-emotive Therapie und die Möglichkeiten der rationalen Disputation mit Kindern und Jugendlichen (Renate Breitenbach)
  • Selbstinstruktionsmethoden in der Therapie mit Kindern und Jugendlichen (Katja Mackowiak & Heiko Hungerige)
  • Problemlösetraining (Jürgen Bellingrath)

3. Komplexe multimodale Trainings

An dieser Stelle werden eher störungsspezifische komplexere Trainingsprogramme vorgestellt.

  • Trainings des Sozialverhaltens (Michael Borg-Laufs)
  • Patientenschulung bei chronisch-pädiatrischen Erkrankungen (Hans-Peter Michels)
  • Stressbewältigungstrainings (Johannes Klein-Heßling & Arnold Lohaus)
  • Konzentrations- und Aufmerksamkeitstrainings (Gerald W. Lauth)
  • Verhaltenstherapeutische Eltern-Kind-Therapie (Manfred Döpfner, Christiane Rademacher, Tanja Wolff Metternich & Stephanie Schürmann)
  • Elterntrainings (Andreas Warnke, Norbert Beck & Uwe Hemmiger)

4. Kinder- und Jugendlichenverhaltenstherapie in Kombination mit anderen Verfahren

Verhaltenstherapeutische Methoden können im Sinne eines Lehrbuchs das sich schulenübergreifend versteht nicht alleine stehen. Folgerichtig werden an dieser Stelle weitere Methoden, die gut in Kombination mit dem verhaltenstherapeutischen Repertoire genutzt werden können, dargestellt.

  • Systemische Therapie und Verhaltenstherapie (Wolfgang Jänicke & Michael Borg-Laufs)
  • Hypnose in der Kinder- und Jugendlichenverhaltenstherapie (Hans-Christian Kossak)
  • Spieltherapie und Verhaltenstherapie (Siegfried Mrochen & Hiltrud Bierbaum-Luttermann)
  • Kombinierte Verhaltenstherapie und Pharmakotherapie bei Kindern und Jugendlichen (Martin Holtmann & Martin H. Schmidt)

Abschließend bietet Michael Borg-Laufs einen Ausblick zur bisherigen und weiteren Entwicklung der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie.

Diskussion

Das Lehrbuch ist logisch aufgebaut und bietet dem Leser alles, was er im Rahmen seiner Ausbildung oder der Tätigkeit als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut benötigt. Im zweiten Band können therapeutisch tätige aus dem Vollen schöpfen: Auf fast 1000 Seiten wird die gesamte Palette an relevanten diagnostischen und therapeutischen Interventionen hervorragend inklusive anschaulicher Fallbeispiele dargestellt.

Das alles hat seinen Preis: Zeit. Wer sich in Ausbildung zum Therapeuten (v.a. der Verhaltenstherapie) befindet, für den sollte dieses Lehrbuch (mit beiden Bänden) Pflicht sein. Für Teilnehmer der DGVT-Fortbildung ist es das auch. Als solcher hat man dann ja aber auch gut 3 bis 5 Jahre Zeit, es durchzuarbeiten.

Für alle anderen gilt die unbedingte Kaufempfehlung dennoch: Die Fachartikel sind durchweg gut und interessant geschrieben. Sie bieten jeweils einen adäquaten Überblick auf für sich genommen wenigen Seiten zu den jeweiligen Themen. Die Literaturangaben sind hervorragend und bieten viel Futter zur Weiterbildung.

Zielgruppe

Eine Zielgruppe wird in dem Buch nicht explizit genannt. Es wird anhand des immensen Umfangs von insgesamt fast 2000 Seiten jedoch deutlich, dass das Buch vor allem als Grundlage für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Ausbildung geschrieben wurde. Für Teilnehmer an der DGVT-Ausbildung ist das Lehrbuch dann auch Pflichtlektüre. Andere Leser werden aufgrund des Umfangs jedoch wahrscheinlich eher abgeschreckt. Es lässt sich jedoch auch pointiert lesen: Wer qualitativ hochwertige Artikel zu gesuchten Themen mit hervorragenden Quellenangaben sucht, wird fündig.

Fazit

Bereits zu Beginn des ersten Bandes fordert der Herausgeber eine schulenübergreifende Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Diese wird in diesem verhaltenstherapeutischen Lehrbuch jedoch (noch) nicht geboten. Diesen Anspruch erhebt Michael Borg-Laufs aus genannten Gründen (vgl. die Rezension zu Band 1) auch gar nicht. Dennoch wäre es spannend, von Michael Borg-Laufs ein solches paradigmatisches Werk zu lesen. Wenn die Zeit denn reif dafür ist…


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 17.07.2008 zu: Michael Borg-Laufs (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen. Band II: Diagnostik und Intervention. dgvt-Verlag (Tübingen) 2007. 2., überarbeitete u. erweiterte Auflage. ISBN 978-3-87159-072-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5589.php, Datum des Zugriffs 18.02.2020.


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