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Martin Bellermann: Sozialpolitik

Cover Martin Bellermann: Sozialpolitik. Eine Einführung für soziale Berufe. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2008. 5., aktualisierte u. ergänzte Auflage. 271 Seiten. ISBN 978-3-7841-1801-7. 21,50 EUR.

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Thema

Ein Lehrbuch über die aktuelle deutsche Sozialpolitik zu schreiben, gleicht in letzter Zeit einem Wettlauf zwischen Hase und Igel. Kaum ist das Buch auf dem letzten gesetzgeberischen Stand erschienen, schon hat der Sozialpolitik-Gesetzgeber wieder Bestimmungen geändert. Martin Bellermann tat deshalb gut daran, in seine 2008 in fünfter Auflage mit 271 Seiten wesentlich erweiterte (4. Auflage 2001 noch 192 Seiten) "Sozialpolitik. Eine Einführung für soziale Berufe" zusätzliche ordnungspolitische Kapitel einzubauen. Sie veralten nicht so schnell wie teils die sozialpolitische Rechtslage en detail. Diese Rahmenbedingungen geben aber auch übergeordnete Gesichtspunkte und Fingerzeige im sehr heterogenen Gebiet der Sozialpolitik.

Autor

Professor Dr. Martin Bellermann lehrt das Gebiet der Sozialpolitik an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum und tritt regelmäßig als Referent auf in der kirchlichen und gewerkschaftlichen Bildungsarbeit.

Inhalte im einzelnen

Die nun 20 Kapitel von Martin Bellermanns "Sozialpolitik" (in den Vorauflagen begnügte er sich noch mit zwölf Kapiteln) lassen sich in vier Abschnitte zusammen fassen.

In einem ersten Teil werden

  • Begrifflichkeit,
  • Geschichte,
  • Strukturmerkmale und
  • europäische Einbindung der deutschen Sozialpolitik behandelt (Kapitel 1 bis 6).

Die zweite Kapitelfolge legt die eigentlichen sozialversicherungsrechtlichen Gebiete dar:

  • Arbeitsförderung, Kapitel 7,
  • Krankenversicherung, Kapitel 8,
  • Rentenversicherung, Kapitel 9,
  • Unfallversicherung, Kapitel 10, und
  • Pflegeversicherung, Kapitel 11.

Im dritten Teil seines Sozialpolitik-Buchs gelangt der Verfasser zum steuerfinanzierten Ausgleich besonderer Bedarfslagen mit

  • Familienpolitik,
  • Kriegsopfer- und Gewaltopfer-Ausgleich,
  • Wohngeld, Ausbildungsförderung,
  • Behindertenleistungen sowie
  • Kinder- und Jugendhilfe (Kapitel 12 bis 17).

Die vierte und abschließende Kapitelfolge 18 bis 20 behandelt aktuelle sozialpolitische Fragen wie

  • Armut,
  • Rechtsschutz besonderer Personengruppen und
  • die mögliche Abfederung der Veränderungsprozesse gesellschaftlichen Wandels.

Diskussion

Das Buch beschreitet erfolgreich einen gangbaren Mittelweg zwischen zwei sozialpolitischen Extrempositionen: Weder folgt es maximalen, krisen-paranoiden Ausweitungsforderungen, noch redet es dem angeblich zur Wirtschaftsgesundung erforderlichen, neoliberalen Kahlschlagsgebot das Wort. Martin Bellermanns Sympathie für das von ihm dargestellte, konsensuelle sozialpolitische System mittlerer Reichweite - ökonomie-theoretisch zwischen John Maynard Keynes und Milton Friedman angesiedelt - gründet sich auf die ausführlich dargestellten, historischen und prinzipiellen Herleitungen der deutschen Sozialpolitik und die Erhellung ihrer grundlegenden Prinzipien, verfassungsrechtlichen Verankerungen und Strukturen. Fast schulterzuckend beklagt der Autor die Kompromiss-Realität zwischen "linken" Parteigängern von Gleichheits-Ideen und konservativ-liberalen Freiheits-Verfechtern (Seite 36).

Die strukturellen und prinzipiellen Näherungen sind differenziert und kenntnisreich vorgetragen. Sie stehen in ihren aufgezeigten, verzweigten Verästelungen aber auch in einem gewissen Widerspruch zu manchen in den späteren Teilen des Buches oft eher knapp und kursorisch skizzierten Bedarfssituationen und ihren Befriedigungsmöglichkeiten defizitärer Lebenslagen. Immerhin stehen sich 110 Seiten historischer und prinzipieller Einleitungen (Kapitel 1 bis 6) und "nur" 130 Seiten an Ressourcen-Behandlung für die Soziale Arbeit gegenüber.

Für die Hauptadressatengruppe des Buches, die Träger sozialer und gesundheitsorientierter Berufe, hätten einige Einzelprobleme (Armut, Arbeitslosigkeit, Gesundheitsprävention, Pflegebedarfe, Bildungsdefizite) tiefgehender analysiert werden können. Auch vermisst man eine systematische Darstellung des Sozialgesetzbuchs SGB (mit den Inhalten seiner allgemeinen, übergreifenden Bücher), das der Beratungspraxis mehr Rechtssicherheit gibt.

So bleibt manches eher kursorisch. In Kapitel 19 sind Mitbestimmung, Arbeitsschutz, Betreuungsrecht, Jugendschutz und Mieterschutz lediglich in lexikalischer Kürze behandelt (Seiten 245 bis 255). Den ökonomischen Hintergrund erhellt Verfasser zu sehr mit relativen (Vergleichs-), weniger mit absoluten Zahlen. So bekommt die Leserschaft nicht immer ein realistisches Bild von den tatsächlichen Größenverhältnissen des Sozialleistungsapparats (Seiten 65 bis 77).

Sehr differenziert und geradezu spannend behandelt sind die Reformen bei der Arbeitsförderung (Kapitel 7) und im Gesundheitswesen (Kapitel 8). Bei der Arbeitsförderung wird die Unausgewogenheit zwischen hartem, sanktionsbewehrten Fordern und "luftigem", für den Arbeitssuchenden nicht einklagbaren Fördern zurecht kritisiert (Seite 132). Auch Defizite der Arbeitsverwaltung beim Umgang mit ihrer Klientel werden moniert (Seite 139). Hier hätten die Erörterungen zur Armut (Seite 233 ff.) gliederungsmäßig besser angefügt werden sollen.

Für die Dauer-Baustelle Gesundheitswesen macht der Autor drei Strukturdefizite verantwortlich: Berufsständische Interessen und Gewinn- versus Gemeinwohl-Orientierung (Seite 157). Das Tempo der sozialpolitischen Reformgesetzgebungs-Maschine hat dem Autoren im Fall der Pflegeversicherungsreform 2008 dahingehend einen Streich gespielt, dass er die seit 1.7.2008 gültigen Pflege-Leistungssätze in seinem Schaubild auf Seite 186 nicht mehr aktualisiert hat (lediglich teilweise in einen Nachtrag auf Seite 189 einbrachte).

Positiv zu vermerken ist es, dass für den "eiligen Leser" (Beratungspraxis der Sozialen Arbeit und Gesundheitsdienste) schnelle Fundstellen für die komplizierte Einzelgesetzgebung eingebaut sind. So bei der Arbeitsförderung der Aufbau von SGB III mit Kapiteln und Paragraphen auf Seite 127, für die Rentenarten die Tabelle mit Bestimmungen aus SGB VI auf Seite 161 und für die Rehabilitation die Eingliederungsmaßnahmen bei den verschiedenen Trägern nach SGB IX und den anderen einschlägigen SGB-Büchern auf Seite 216. Ein Stichwortverzeichnis vermisst man hingegen leider.

Fazit

Eine sorgfältig aktualisierte, neue Auflage eines fundierten, sozialpolitischen Ratgebers wird vorgelegt. Sie hilft sowohl dem Praktiker bei der schnellen Ressourcen-Suche für seine sozialarbeitliche und Patienten-Klientel. Sie befriedigt aber auch das Theoriebedürfnis des an der Sozialpolitik grundsätzlich Interessierten, der die Wege von den Sozialideen zu ihrer praktischen politischen Realisierung aufspüren möchte.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 18.02.2009 zu: Martin Bellermann: Sozialpolitik. Eine Einführung für soziale Berufe. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2008. 5., aktualisierte u. ergänzte Auflage. ISBN 978-3-7841-1801-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5590.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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