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Hermann Kolbe: Pädagogische Qualität

Rezensiert von Prof. Dr. Michael Schmidt, 01.06.2001

Cover Hermann Kolbe: Pädagogische Qualität ISBN 978-3-8080-0444-9

Hermann Kolbe: Pädagogische Qualität. Mit Qualitätsmanagement nach ISO zur umfassenden Qualität im Behindertenheim. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2000. 249 Seiten. ISBN 978-3-8080-0444-9. 22,50 EUR.

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Einführung in das Thema

Mit der Novellierung der §§ 93,94 BSHG wurde das Abrechnungsverfahren zwischen Kostenträgern und Einrichtungsträgern der Behindertenhilfe zum 01.01.1999 nachhaltig verändert. Alle Einrichtungen, die Eingliederungshilfe erbringen und mit dem Träger der Sozialhilfe abrechnen wollen, müssen demnach auf der Grundlage von internen Maßnahmen zur Qualitätssicherung mit den Kostenträgern Leistungsvereinbarungen (über Inhalt, Umfang und Qualität der Leistungen), Vergütungsvereinbarungen (über die Vergütung, die sich aus Pauschalen und Beträgen für einzelne Leistungsbereiche zusammensetzt) sowie Prüfungsvereinbarungen (zur Überprüfung der Wirtschaftlichkeit und Qualität der Leistungen) abschließen.

Sozial-rehabilitative Dienstleistungsorganisationen, zu denen auch Wohnstätten für Menschen mit Behinderung gehören, sind in komplexe Relationen zwischen Politik, Kostenträgern und NutzerInnen eingebunden und benötigen ein Qualitätsmanagementsystem, das in der Lage ist, inter- und intraorganisationale Komplexität, Dynamik und Paradoxie zu erfassen, ein Gleichgewicht der Interessen der verschiedenen Akteure herzustellen sowie transparente Strukturen als Voraussetzung sinnvoller Entscheidungsalternativen zu entwickeln.

Zur Zeit werden unterschiedliche Ansätze sowohl aus dem Bereich der Privatwirtschaft (z.B. DIN EN ISO 9000:2000, TQM, EFQM) als auch aus dem Bereich der Sozialwirtschaft (z.B. LEWO) diskutiert, um die Qualität der Arbeit in Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung zu erfassen, weiterzuentwickeln und nachhaltig zu sichern. Es stellt sich die Frage, welche QM-Ansätze in welchem Rahmen geeignet sind, diese Aufgabe zu erfüllen.

Hintergründe für die Entstehung des Buches

Der Autor des Buches, Hermann Kolbe, studierte klinische Psychologie, Politik sowie Geschichte und ist seit 1986 in einer großen Wohneinrichtung der Diakonie Stetten, u.a. als Qualitätsbeauftragter, tätig. Ein Teil der Einrichtung wurde 1997 nach der DIN EN ISO 9001 zertifiziert. Das Buch ist vor dem Hintergrund von Kolbes Erfahrungen als leitender Mitarbeiter und Qualitätsbeauftragter in dieser großen Einrichtung mit einem hohen Anteil nicht sprechfähiger, mehrfachbehinderter Menschen entstanden.

Kolbe wendet sich mit seinem Buch an Mitarbeiterinnen in Wohneinrichtungen, die entweder im Management oder an der Basis für das Wohl der Bewohnerinnen mit einer geistigen Behinderung verantwortlich sind. Das Ziel des Buches besteht in der Unterstützung der Mitarbeiterinnen, die Lebensqualität der Bewohnerinnen zu beschreiben und das Wohl der Menschen gezielt, systematisch, nachhaltig und umfassend durch entsprechend gelenkte Qualitätsmanagementmaßnahmen zu steigern. Darüber hinaus soll das Buch auch als Hilfsmittel im Rahmen einer Zertifizierung eingesetzt werden können.

Aufbau und Inhalte des Buches

Kolbe beschreibt in seinem Buch die Implementation eines umfassenden Qualitätsmanagementsystems in Wohnstätten am Beispiel einer Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderung. Er favorisiert dabei Total-Quality-Management (TQM) als ein System, dass den Kunden als "Organisationszweck" in den Mittelpunkt aller aufbau- und ablauforganisatorischen Bemühungen sowie sämtlicher Verwaltungsentscheidungen und aller Investitionen stellt.

Das vorliegende Buch ist in sieben Kapitel untergliedert:

1. Einführung in das Thema

2. Was ist Qualität ?

3. Zielfindung und erste Schritte

4. Die Umsetzung von Prozeßqualität: Wir sind für die BewohnerInnen da

5. Qualitätselemente im Heimalltag

6. Die institutionalisierte nachhaltige Verbesserung der pädagogischen Arbeit

7. Der Alltag während und nach der Einführung von QM

Im ersten Kapitel führt Kolbe in die Thematik ein. Er beschreibt zunächst ausführlich, aus welchen Gründen die Auseinandersetzung mit Qualitätsmanagement notwendig ist (z.B. veränderte gesetzliche Rahmenbedingungen, Verbesserung der Effektivität in der Betreuung, Verbesserung der Lebensqualität der BewohnerInnen) und weist anschließend auf Gefahren von Qualitätsmanagement unter besonderer Berücksichtigung der DIN EN ISO 9000 hin (z.B. sinnloser Bürokratismus, zu geringe Berücksichtigung der MitarbeiterInnen). Weiterhin beschreibt er den strukturellen Aufbau des Buches und gibt Lesehinweise für bereits fachlich informierte LeserInnen (z.B. mit Kapitel 3 beginnen).

Im zweiten Kapitel stellt Kolbe die DIN EN ISO 9001 vor und schlüsselt den Qualitätsbegriff nach Struktur- (Potential-), Prozeß-, und Ergebnisqualität auf. Die formalen Forderungen des im ersten Kapitel favorisierten Ansatzes des TQM werden inhaltlich ausgefüllt und im Kontext pädagogischer Qualität definiert. Darüber hinaus wird das Evaluationsinstrumentarium "LEWO" der Lebenshilfe skizziert.

Das dritte Kapitel setzt sich primär mit der Struktur-/Potentialqualität und der Entwicklung eines Qualitätsmanagement-Handbuchs auseinander (z.B. Leitbild, Qualitätspolitik, Konzeption). Weiterhin werden sechs wesentliche Schritte zur Einführung eines TQM - Konzeptes beschrieben.

Im vierten Kapitel beschreibt Kolbe den Bereich der Prozeßqualität. Es wird aufgezeigt, wie der Betreuungsprozeß inklusive der Formen seiner Sicherung und Weiterentwicklung mit Hilfe von Planungsinstrumenten so beschrieben werden kann, dass die MitarbeiterInnen einerseits klare Vorgaben für professionelle Qualitätserwartungen ihrer Organisation haben und ihnen andererseits noch genügend Spielraum bleibt, um mit ihrem pädagogischen Fachwissen eigenverantwortlich im Alltag zu handeln.

Das fünfte Kapitel befasst sich mit der Nutzbarmachung der übrigen ISO-Normen (Elemente 4.1 bis 4.19) und ihre Übertragung auf die praktische Arbeit in einer Wohneinrichtung. Darüber hinaus wird der Aufbau eines QM-Handbuchs zur Unterstützung eines QM-Systems gem. der DIN EN ISO unter Berücksichtigung der großen Revision 2000 beschrieben.

Im sechsten Kapitel wird das gesamte Qualitätsmanagementsystem einer Wohneinrichtung als Regelkreis beschrieben. Der Autor weist u.a. darauf hin, dass eine Zertifizierung nicht notwendiges Ziel der Einführung eines Qualitätsmanagements sein muss, da eine Zertifizierung zwar formale Abläufe aber nicht die tatsächliche Qualität eines Produkts oder einer Dienstleistung messe. Erheblich bedeutender sei die Umsetzung der Prinzipien des TQM (ständige Verbesserung, Mitarbeiterbeteiligung usw.).

Kolbe beendet seine Ausführungen im siebten Kapitel mit einer zusammenfassenden Betrachtung der Kapitel 1 bis 6. Er diskutiert den notwendigen Aufwand zur Implementation eines QM-Systems im Verhältnis zum erreichbaren Nutzen. Um die Normen inhaltlicher Qualität einrichtungsübergreifend definieren zu können, schlägt Kolbe ein gemeinsames Benchmarking in Koordination durch die Kostenträger oder Verbände vor.

Tauglichkeit für potentielle Leserinnen

  1. Kolbe beleuchtet in seinem Buch dialektisch das Thema "Pädagogische Qualität". Er bezieht sich dabei auf Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung und orientiert sich am Ansatz des TQM sowie der DIN EN ISO. Das Buch liefert interessante und wichtige Anregungen zur Diskussion pädagogischer Qualität (als Teilbereich eines komplexen Qualitätsmanagements), zumal Kolbe bei der Darstellung der wichtigsten Aspekte von Qualitätsmanagement die Theorie und QM-Fachsprache in den Hintergrund stellt und sich primär auf praktische Fragestellungen des pädagogischen Handelns bezieht.
  2. Für LeserInnen, die sich generell und umfassend über Qualitätsmanagement in sozialrehabilitativen Einrichtungen informieren möchten, bietet das Buch nicht genügend Substanz. Es fehlt der inhaltlichen Beschreibung und Auseinandersetzung mit den Grundgedanken des TQM, der DIN EN ISO sowie des Modells der EFQM an Tiefe. Kolbe beschreibt gemäß der Thematik des Buches zwar ausführlich Möglichkeiten einer Verbesserung der pädagogischen Qualität im Sinne eine Effektivitätsoptimierung durch erweiterte Reflexivität, berücksichtigt jedoch kaum Aspekte des Finanzwesens im Sinne eine Effizienzoptimierung durch größere Rationalität.
  3. Der Autor spricht in seinem Buch von "Behindertheimen", "Behinderten" und "behinderten Bewohnern". Es sei darauf hingewiesen, dass in der Fachwelt inzwischen andere Termini üblich sind (z.B. "Menschen mit Behinderung", "Wohnstätten" oder "Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung").

Fazit

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, das Kolbe mit seinem Buch einen theoretisch fundierten Erfahrungsbericht vorgelegt hat, der einen wichtigen Beitrag zur konstruktiv-kritischen Diskussion pädagogischer Qualität (als Teilbereich eines umfassenden Qualitätsmanagements) liefert und daher für MitarbeiterInnen in sozial-rehabilitativen Wohneinrichtungen in jedem Falle empfehlenswert ist.

Rezension von
Prof. Dr. Michael Schmidt
Diplom Pädagoge, Diplom Sozialpädagoge, TQM-Assessor DGQ, Coach (FH), Professor für Management und Organisation Sozialer Arbeit an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden sowie Dozent an der Steinbeis Hochschule Berlin Leadership and Competencies
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Es gibt 12 Rezensionen von Michael Schmidt.

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Zitiervorschlag
Michael Schmidt. Rezension vom 01.06.2001 zu: Hermann Kolbe: Pädagogische Qualität. Mit Qualitätsmanagement nach ISO zur umfassenden Qualität im Behindertenheim. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2000. ISBN 978-3-8080-0444-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/56.php, Datum des Zugriffs 17.07.2024.


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