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Eckart Hammer: Männer altern anders

Cover Eckart Hammer: Männer altern anders. Eine Gebrauchsanweisung. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2007. 219 Seiten. ISBN 978-3-451-29717-5. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 27,30 sFr.
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Thema

Wenn man(n) es als rechte Haltung des alternden Mannes sähe, auf seine nachlassende Manneskraft mit reduzierteren libidinösen Erwartungen zu reagieren, dann hätte man die Anliegen von Eckart Hammers neuem Buch "Männer altern anders" richtig verstanden. Hammer stößt uns weniger auf etwas ganz Besonderes am alternden Mann. Sondern er warnt vor den beiden möglichen Fehlhaltungen: Dem "Immer-Noch"-Festhalten um jeden Preis oder dem Abschlaffen. Im Sex-Thema gesprochen: Vor dem Viagra-Mann ebenso wie vor dem alten Hagestolz ohne Liebkosung und Freundlichkeit seiner Partnerin gegenüber.

Zentrale Inhalte

Das Männer-Buch Hammers maßt sich nicht so sehr an, wohlfeile Empfehlungen fürs Älterwerden zu geben. Hammer hält es da mit dem von ihm in anderem Zusammenhang (zum Generationenkrieg) zitierten Reimer Gronemeyer, der die Alten-Schulung durch Jüngere bereits 1989 als Perversität verurteilte. Das macht Hammers Buch, wiewohl im Untertitel als "Gebrauchsanweisung" bezeichnet, so sympathisch. Doch so ganz ohne Merkposten kommt auch Hammer nicht aus. Wozu sollte man schließlich sein Buch sonst kaufen?

Hammer zeigt uns in fünf zentralen Lebensbereichen des alternden Mannes die Gefahren sowohl des pessimistischen Defaitismus (Rückzugs) als auch des frohgemuten "Immer noch". So stellt er vielfältig lauernden Krisen die Balance entgegen. Die gilt es in den fünf Bereichen

  1. Arbeit,
  2. Sozialkontakte,
  3. Gesundheit,
  4. Geld und
  5. Lebenssinn

zu finden, denen Hammer mit einem gestaltpsychologischen Identitäts-Gebäude jeweils ein fast genau gleich langes Kapitel von 40 Seiten widmet.

Autor

Der von der Sozialpädagogik her kommende Hammer lehrt als Professor an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigsburg Gerontologie und arbeitet nebenberuflich als Seniorenberater.

Inhalte im einzelnen

  1. Nach der Erwerbsarbeit soll man Hammer zufolge zum ersten nicht noch zwanghaft in den alten Gefilden herum tingeln. Vielmehr gilt es im Alter, für Betätigungen Neuland zu entdecken. Dazu sind Neugierde und Unternehmungslust erforderlich: Das Alter muss ein jeder für sich selbst neu erfinden.  
  2. Die Kontaktnetze der Männer laufen zweitens vornehmlich über die Frau. Fällt sie aus, machen die "sprachlosen" Männer eine Bruchlandung: Benötigen Therapie, einen Hund oder werden wirklich einsam - "überlegene" Kommentatoren, "ironische" Besserwisser.
  3. Der alternde Körper bedarf drittens der Aufmerksamkeit, Zuwendung und Pflege. Ein Gleichgewicht zwischen pflegendem Üben und wohltuender Entspannung ist geraten. Wobei man die Freiheit haben darf, sich nicht in Folterwerkzeuge und Jogg-Lauf zu zwängen.
  4. Beim Geld zeigt sich viertens auch im Alter die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich. Die einen leben großzügig, gefährden damit sogar die Nachwachsenden, die anderen ärmlich. Als Auswege aus der Heim-Misere werden Hausgemeinschaften und Altenwohngemeinschaften gesehen.
  5. Bei der Sinnfrage schließlich empfiehlt Hammer im Anschluss an die Feststellung der Androgynisierung des alternden Mannes/der alternden Frau das Mentoring der (Enkel-)Jungen durch die Großeltern mittels produktiven Fragens. Auch sollten die Langsamkeit und die Sperrigkeit des Alters dankbar genutzt werden.

Diskussion

So gerät Hammer in seinem Buch des goldenen Maßes nolens volens doch immer wieder in die Rezeptologie, obwohl er es ursprünglich nicht unbedingt wollte (Seite 36). Sein in jedem Kapitel wiederkehrendes Fünf-Säulen-Identitätsschema fordert uns bereits auf Seite 20 auf: Sei doch nicht so gelangweilt, werde bloß nicht hypochondrisch, verfalle nicht in Armutswahn, bleib auf dem Teppich und werd' nicht illusionär. Als Ausweg betont Hammer immer wieder, dass der alte Mann über seine Lebensumstände selbst entscheiden soll. Dazu hält Hammers Buch dann schon eine ganze Menge an Merkzeichen bereit.

Wieweit die immer nur auf den Mann zugeschnitten sind, ist die zweite Frage an das leicht, oft sogar vergnüglich lesbare Buch. Sind die Unterschiede von Männern und Frauen in einer aus der Gleichstellung ins Alter driftenden Population tatsächlich noch so groß, dass dem alten Mann zu Arbeit, Geld, Gesundheit und Sozialkontakten spezifische Gesichtspunkte vermittelt werden müssen? Hammer weiß um die Androgynität des Alters und handelt sie ab (Seite 180). Die thematisierten Fehlhaltungen, wie sich in Demenz fallen zu lassen, alles immer doch noch hinkriegen zu wollen und sich bis zuletzt an das bisschen Irdische zu klammern, sind gewiss geschlechtsübergreifend.

Was sich Hammer im Epilog für sein eigenes hohes Alter vorstellt, nämlich in einem Altenwohnprojekt zu leben und gemütlich in dessen Wohnhof zu sitzen, kann sich genauso gut eine alte Frau wünschen. Auch die gepriesenen großen Alterstugenden der Langsamkeit und Sperrigkeit sind alten Männern wie alten Frauen möglich.

Vieles an gerontologischem Theoriegehalt hat Hammer an richtiger Stelle eingebracht und mitunter sogar elegant versteckt. So sind Gesichtspunkte der Disengagementtheorie (auf Seite 47), des Reziprozitätstheorems (Seite 105) und des Crossover-Modells (Seite 180) abgehandelt, aber nicht explizit mit ihren Termini benannt; da hätte der Autor die Etiketten seines Instrumentenkoffers durchaus auch vorzeigen können.

Wie er auch einleitend untertreibt, wenn er vom alternden Mann als "unbekanntem Wesen" (Seite 11f.) behauptet, es sei von ihm noch kaum etwas erforscht, dann aber selbst viele Forschungsergebnisse zu Suizidneigung (Seite 168), Sexualverhalten (95), Alleinleben (77) und Erkrankungen bei alten Männern (100) referiert. Die Fehler von Seite 30, Bismarck habe die Rentenversicherung 1871 eingeführt (in Wirklichkeit 1889) und deren Alterszugang sei von 70 Jahren erst 1957 auf 65 Jahre gesenkt worden, werden im zweiten Fall auf Seite 132 mit dem richtigen Jahr 1916 korrigiert.

Fazit

Es wurde ein gefällig geschriebenes Buch zum Nachdenken über das Alter vorgelegt. Allerdings eher für Mann UND Frau. Dem Leser wird die profitable eigene Positionierung "zwischen Pest und Cholera", nämlich zwischen den Fehlhaltungen Rückzug und Überaktivität, erleichtert. Angesichts der zunehmenden Angleichung der Lebensverhältnisse von Männern und Frauen sind Zweifel darüber angebracht, inwieweit das viele Beherzigenswerte, das Hammer zusammen getragen hat, nur für Männer gelten soll.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 07.01.2008 zu: Eckart Hammer: Männer altern anders. Eine Gebrauchsanweisung. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2007. ISBN 978-3-451-29717-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5605.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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