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Johannes Huinink, Dirk Konietzka: Familiensoziologie. Eine Einführung

Cover Johannes Huinink, Dirk Konietzka: Familiensoziologie. Eine Einführung. Campus Verlag (Frankfurt) 2007. 246 Seiten. ISBN 978-3-593-38368-2. 16,90 EUR.

Reihe: Campus Studium.
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Thema

Die Einführung in die Familiensoziologie von Johannes Huinink und Dirk Konietzka erschien im Juni 2007 in erster Auflage. Im Vorwort beschreiben die beiden Autoren ihre Absicht zu Beginn der Erstellung des Buches mit den Worten, "eine verständliche, systematische Einführung schreiben, die auf einem übergreifenden theoretischen Fundament ruhen und gleichzeitig die Vielfalt des Forschungsgebietes abdecken sollte." (S.9) Dies - so viel vorweg - ist ihnen weitestgehend gelungen: Im systematischen Teil des Buches werden zunächst die Forschungsfelder und Forschungstraditionen der Familiensoziologie benannt sowie grundlegende Begrifflichkeiten und theoretische Grundlagen expliziert. Im inhaltlichen Teil gehen die beiden Autoren vor allem auf Geschichte und Wandel familialer Lebensformen ein. Daran an schließt sich die Darstellung relevanter soziologischer Erklärungsansätze sowie die Behandlung des Themas Familie im Kontext von sozialer Ungleichheit und mit Blick auf die interne Dynamik des Familienlebens.

Aufbau und Inhalt

Nach einer kurzen Einleitung werden in Kapitel 1.1 drei Betrachtungsweisen von Familie Grund gelegt, auf die im weiteren Verlauf des Buches immer wieder zurückgegriffen wird:

  1. Familie, in der gesellschaftlichen Makroperspektive,
  2. Familie als soziale Gruppe und schließlich
  3. Familie aus der Perspektive des Individuums.

Daran an schließt sich eine sehr knapp - vielleicht zu knapp - gehaltene Übersicht über die wesentlichen Forschungstraditionen im Feld der Familiensoziologie (Kap. 1.2), gefolgt von einer definitorischen Annäherung an die Heterogenität heutiger Familien- bzw. Lebensformen (Kap. 2.1). Ausgehend von der aktuell zu beobachtenden Vielfalt an Lebensformen stellen die beiden Autoren in Frage, ob als Norm unterstellte Stufenmodelle - wie z.B. das klassische Model des Familienzyklus -, die vergleichsweise statisch sind, gegenwärtig noch in der Lage sind, die Komplexität der Familienentwicklung angemessen zu beschreiben (falls sie es überhaupt je waren). Diese Kritik dient zugleich als Abstoßpunkt für die Skizzierung eines Handlungsmodells (Kap. 2.3.2) in dessen Kern subjektiv - mehr oder minder - rational agierende Individuen stehen, deren individuelle "Erwartungen, Aspirationen und Lebenspläne sowie deren Realisierungschancen (abhängen) von den gebotenen Opportunitäten und Restriktionen sowie den zur Verfügung stehenden Ressourcen verschiedenster Art." (S.53) Das folgende, historisch angelegte dritte Kapitel umreißt dann die Entwicklung der Familie von der Vor- und Frühgeschichte bis zur Gegenwart und erläutert unter funktionalen Gesichtspunkten Aufgaben und Leistungen der modernen Familie (Kap. 3.4).

Mit den Kapiteln 4 und 5 wenden sich die beiden Autoren dann erneut dem Thema Familie aus der Makroperspektive zu: Überwiegend deskriptiv werden in Kapitel 4 zentrale demographische Indikatoren wie Heirats- und Scheidungsziffern, Kinderzahl oder nichteheliche Geburten zunächst im europäischen Vergleich und daran anschließend, im deutschen Ost-West-Vergleich dargestellt. Bemerkenswert sind dabei besonders der unterschiedliche Verbreitungsgrad nichtehelicher Lebensformen und - stark dadurch beeinflusst - die erheblich differierenden Anteile nichtehelich geborener Kinder. Hierbei reicht die Spannbreite innerhalb Europas mit einem Anteil von 55,4 % in Schweden bis zu einem vergleichsweise geringen Anteil von 13,3 % in der Schweiz. Ins Auge fallen aber auch die extremen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland mit 57,8% bzw. 22,0 %. Hinweise darauf, welche Faktoren diese enorme Varianz erklären könnten - auf die übrigens, bezogen auf das Deutsche Reich, schon Othmar Spann im Kontext der Entwicklung der Berufsvormundschaft zu Beginn des 20. Jh. hingewiesen hat - erhält der Leser in Kapitel 5: Nach Darstellung und Kritik der auch in der medialen Öffentlichkeit immer wieder rezipierten Makrotheorien zum familialen Wandel (gesellschaftliche Differenzierung, Deinstitutionalisierung, Individualisierung, zweiter demographischer Übergang), weisen Huinink & Konietzka vor allem auf den Einfluss moderner Wohlfahrtsregimes hin und formulieren zusammenfassend: "Institutionelle Merkmale des Wohlfahrtsstaats sind damit wesentliche Aspekte der makrostrukturellen Rahmenbedingungen von individuellen Entscheidungen im Hinblick auf die Gründung von Lebensgemeinschaften und die familiale Entwicklung." (S.121).

Ebenso wie individuelle Handlungs- und Verhaltensweisen durch makrostrukturelle Rahmenbedingungen beeinflusst werden, beeinflussen diese umgekehrt aber auch die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie stattfinden. Indem Individuen Entscheidungen über ihren Beziehungs- und Familienverlauf treffen, schaffen sie zugleich die Faktizitäten, die zum Gegenstand wohlfahrtsstaatlichen Handelns werden (können). Gemäß dieser Logik folgt in Kapitel 6 eine Auseinandersetzung mit Theorieansätzen, aus deren Perspektive die Gestaltung familialer Prozesse wie Partnerwahl, Trennung oder Familiengründung als Folge - mehr oder minder - kalkulierter Wahlhandlungen, eingebettet in den individuellen Lebenslauf, erscheint. Diese Remodulierung biographierelevanter Entscheidungen aus der Perspektive des Individuums unter den Prämissen von Tausch und wechselseitiger Vorteilsmaximierung ist zwar nachvollziehbar, unterschlägt aber häufig, dass nicht nur Handlungsalternativen individuell wählbar sind, sondern - wie die Autoren in Kap. 2.3.2 erwähnen - teilweise auch die Situationsdefinitionen, die Akteure zugrunde legen, und die die Rahmung solcher Entscheidungen bilden. Damit wird die Rekonstruktion biographierelevanter Entscheidungen wie Heirat, Scheidung oder die Entscheidung für Kinder, zu einem sehr komplexen Unterfangen, dessen Logik sich nur in Teilen aus den dargestellten theoretischen Überlegungen erschließt.

Das siebte Kapitel stellt Familie in den Kontext sozialer Ungleichheit. Hervorgehoben werden hier besonders die Wechselwirkungen zwischen individuellen biographischen Entscheidungen, wohlfahrtsstaatlicher Einflussnahme und der Reproduktion sozialer Ungleichheit im Generationentransfer. Ein zentraler Indikator für unterschiedliche familiale Verhaltensmuster sind dabei Bildungsunterschiede und damit zusammenhängend, eine differente Erwerbsbeteiligung von Frauen sowie Unterscheide im Einkommen, die weitere Benachteiligungen nach sich ziehen.

Im daran anschließenden Kapitel 8 wenden sich die beiden Autoren nochmals den familialen Binnenverhältnissen zu: "Interaktion, Sozialisation und Alltagsorganisation" bilden den Inhalt des Kapitels, das versucht, diese Aspekte aus einer gruppensoziologischen Perspektive zu erhellen.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich als Einführungsband in erster Linie an Studierende, ist aber durchaus geeignet für alle, die sich einen Überblick über Gegenstand, zentrale Fragestellungen und die wichtigsten Theorietraditionen in der Familiensoziologie verschaffen wollen. Der einführende Charakter des Buches wird noch unterstrichen durch Orientierungsfragen am Ende eines jeden Kapitels sowie durch Hinweise auf weiterführende Literatur. Gelungen sind ebenfalls die abgesetzten Einfügungen, die lockere und informative Ergänzungen zum Haupttext bilden.

Fazit

Das Buch bietet einen ausgezeichneten Einblick und ersten Zugang in die die familiensoziologische Theoriebildung. Die Gliederung ist ausgesprochen übersichtlich und in ihrer Struktur nachvollziehbar, so dass auch einzelne Kapitel für sich alleine mit Gewinn gelesen werden können. Den beiden Autoren ist damit das Kunststück gelungen, eine komplexe und vielschichtige Materie systematisch und übersichtlich aufzubereiten und zugleich einen kompakten und fundierten Überblick über das gesamte Feld zu leisten.


Rezensent
Prof. Dr. Peter Hansbauer
Fachhochschule Münster, Fachbereich Sozialwesen, Soziologie.
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Zitiervorschlag
Peter Hansbauer. Rezension vom 21.02.2008 zu: Johannes Huinink, Dirk Konietzka: Familiensoziologie. Eine Einführung. Campus Verlag (Frankfurt) 2007. ISBN 978-3-593-38368-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5611.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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