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Dagmar Domenig (Hrsg.): Transkulturelle Kompetenz (Lehrbuch Pflege)

Cover Dagmar Domenig (Hrsg.): Transkulturelle Kompetenz. Lehrbuch für Pflege-, Gesundheits- und Sozialberufe. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2007. 2., vollst. überarbeitete und erweiterte Auflage. 575 Seiten. ISBN 978-3-456-84256-1. 49,95 EUR, CH: 84,00 sFr.

Reihe: Pflegepraxis - Fachpflege.
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Thema

Mit der Entwicklung der deutschsprachigen akademischen Pflegeausbildung konnten Themen aufgegriffen  werden, die in anderen Ländern  schon länger verankert sind. Ein solches Thema ist das der Transkulturellen Pflege. Der Begriff   bezeichnet einen Diskurs, der in den Vereinigten Staaten seit den 50er Jahren  des letzten Jahrhunderts entfaltet wurde und seitdem zahlreiche Forschungsaktivitäten, unterschiedliche Schulen und akademische Programme  hervorgebracht hat.  In einer ersten Annäherung kann festgehalten werden, dass der Diskurs eine Auseinandersetzung  mit Themen von  "Pflege und Kultur"  umfasst.  Bei näherem Besehen sind es dann aber vor allem fremdkulturelle Phänomene, die im Fokus der Transkulturellen  Pflege waren und heute noch sind. Transkulturelle Pflegeforscher und –theoretiker sind  vorwiegend mit  der  Exploration von theoretischen Grundlagen, nachweisbaren Defiziten und  der Erarbeitung von Praxisempfehlungen für die Pflege von Menschen  im interkulturellen  Setting befasst. Es geht darum, die kulturell als "Andere" wahrgenommenen Mitglieder ethnischer Minoritäten oder Zugewanderte  und somit als vulnerable erachtete, soziale Gruppen  angemessen in die Gesundheits- und Pflegeversorgung einzubeziehen. Es gibt zahlreiche Erkenntnisse der Forschung im internationalen, europäischen und nationalen Kontext, dass dieser Fokussierung  hohe Bedeutung beikommt: Ethnische Minoritäten und Migranten haben oft  geringere Gesundheitschancen und sind unzureichend in Versorgungsprozesse eingegliedert.

Aufbau und Inhalt

Auch in den deutschsprachigen Ländern sehen sich Vertreterinnen und Vertreter der Transkulturellen Pflege  als Anwälte derjenigen, die aufgrund  kultureller Dimensionen  eine unzureichende Versorgung erfahren. Eine erste Aufbereitung  entsprechender Anliegen hat die Herausgeberin, Dagmar Domenig in einem Sammelband 2001 vorgelegt. Der jetzt erschienene Band ist als  eine zweite, vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage angekündigt.  Der Band ist unter Mitarbeit von zahlreichen Autoren aus den deutschsprachigen Ländern, vor allem der Schweiz und Deutschland, entstanden. Er umfasst drei thematische Perspektiven, die in  insgesamt 11 Einzelbeiträgen  ausgearbeitet werden. Jedes Kapitel verfügt über eine Zusammenfassung und ein Literverzeichnis. Es gibt ein Sachwort- und Autorenverzeichnis. Ein Geleitwort hat Prof. Thomas Zeltner, Direktor des Schweizer Bundesamtes für Gesundheit verfasst.

  1. Der erste Abschnitt ist den Hintergründen von Migration, Integration und Gesundheit gewidmet.  Neben einer  Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff  (J. Dornheim) und Begriffen im Kontext von Migration (H.-R. Wicker) als grundlegende, einführende Kapitel werden religiöse Hintergründe und soziale Praktiken (J.Baumgartner Biçer), Grund- und Menschenrechte im transkulturellen Kontext (W.Kälin und J.Wyttenbach) Rassismus und rassische Diskriminierung (A.Kilcher), Gewalt und Migration (O.Besic) sowie Gesundheit und Migration (M.Loncarevic)  bearbeitet.
  2. Im  zweiten Abschnitt  sollen Grundlagen transkultureller Kompetenz in Praxis und Lehre verdeutlicht werden. Neben einer Einführung  in das Konzept der transkulturellen Kompetenz (D.Domenig), Gesundheits- und Krankheitskonzepte (A.Zielke-Nadkarni), Behandlung und Pflege in soziozentrierten Kontexten (D.Domenig) sowie  professionelles Übersetzen (R.Stuker),  werden folgende Themen beleuchtet: Die Bedeutung des Nonverbalen in der Kommunikation (A. Altorfer und M.-L.Käsermann) sowie der leiblichen Kommunikation im Kontext der transkulturellen Pflege (C.Uzarewicz), die Bedeutung der Kommunikation in der transkulturellen Pflege (R. Bühlmann und Y.Stauffer), die Transkulturelle Pflegeanamnese (D.Domenig, Y.Stauffer, J.Georg), die Transkulturelle Kompetenzerweiterung als Herausforderung für die Aus- und Weiterbildung (A. Sprung), die Vermittlung der transkulturellen Pflege in der Aus- und Weiterbildung (K.Stanjak), Transkulturelle Organisationsentwicklung (D.Domenig).
  3. Der abschließende dritte Teil ist spezifischen Themenstellungen und Populationen gewidmet, wie Migrationskindern (A.Lanfranchi), Alter und Migration (H. Hungerbühler), Migrantinnen in der Altenpflege (U.Koch-Straube), Migrantinnen in der Gesundheitsversorgung (Th.Borde, M. David), Schwangerschaft und Geburt im Migrationskontext (L.Kuntner), Verhütung und Schwangerschaftsabbruch bei Migrantinnen (Ch.Sieber),  Frauenbeschneidung oder weibliche Genitalverstümmelung (D.Béguin Stöckli) psychische Störingen im Migrationskontext (Ch. Haasen), Krisenintervention im Migrationskontext (D.Nyfeler), eine Traumatisierung von MigrantInnen mit Folter- und Kriegserfahrungen (C.Moser) und Schmerz im Migrationskontext (C.Hüper, R.Kerkow-Weil).

Zielgruppe

Als Zielgruppe des Bandes sind  in erster Linie Pflegende in der Aus- und Weiterbildung,  und Lehrende in Pflegeberufen zu sehen. Mitglieder anderer Gesundheitsberufe wie z.B. LogopädInnen, ErgotherapeutInnen und PhysiotherapeutInnen  können Anhaltspunkte zum Verständnis von spezifischen Problematiken  in ihrem Berufsfeld finden. Ihre spezifischen Tätigkeitsbereiche werden aber in keinem der Beiträge explizit reflektiert.  

Diskussion

Der Band versammelt zahlreiche AutorInnen zum Thema  Migration und Kultur im Pflegewesen. Die Beiträge sind von unterschiedlicher Dichte und  Tiefgründigkeit und  werden daher auch unterschiedliche Leserschaften ansprechen können.  Manche Abschnitte sind länderspezifisch aufbereitet (z.B. I.4, Rechtsfragen im Zusammenhang mit Grund- und Menschenrechten). Eine Übersicht zu allen deutschsprachigen Ländern wäre hier im Sinne einer breiten Leserschaft und Nutzungsmöglichkeit hilfreicher.

Wesentlich ist allen Beiträgen, dass sie "Transkulturelle Pflege" als gerichtet auf Migranten und Minoritäten betrachten. Pflegewissenschaftlich wäre es demgegenüber wünschenswert,  Unterschiede und Gemeinsamkeiten interkultureller Pflegesituationen auch mit dem Instrumentarium genuin pflegetheoretischer Zugänge zu  thematisieren.  Damit wäre dem Anspruch einer tatsächlichen "transkulturellen"   Gesellschaftsentwicklung, wie mit dem  Philosophen Wolfgang Welsch  als Grundlage des theoretischen Zugangs zum Kulturbegriff im vorliegenden Handbuch  postuliert, auch eher Rechnung getragen. Soziokulturelle Pluralität in der Gesellschaft wäre dann als Ausgangspunkt jeder Theorienbildung und Praxisentwicklung in der Pflege zu betrachten. Eine ausschließliche Ausrichtung  der "Transkulturellen Pflege"  auf  Migrationskontexte birgt dagegen immer die große Gefahr,  eine Kulturalisierung von Problemen vorzunehmen. Nicht soziale Hintergründe, oder gesellschaftliche und professionelle Konstruktionen von "Fremdheit"  werden dann als Grundlage interkultureller Probleme erachtet, sondern die "Kultur" der Pflegebedürftigen  wird zum Leitbegriff der Analyse. Eine große Stärke des vorliegenden Handbuchs liegt daher auch in der guten Darlegung von Theorien und Praxisbeispielen die der Diskussion von Migration und  Gesundheit  gewidmet sind  und  Migrationstheorien als Rahmenkonzept  aufgreifen (vgl. z.B. I,2, S.49).

Im Zeichen der allseits geforderten wissenschaftlichen Begründung und Absicherung von Pflegehandeln ist es auch überraschend, dass Ergebnisse internationaler, klinischer Pflegeforschung nicht häufiger vorgestellt werden. So wäre es z.B. hilfreich zur erfahren, ob es neben den Modellen zur Analyse der  Transkulturellen Kompetenz oder von Schmerzverhalten und –behandlung im interkulturellen Kontext auch auf Validität und Reliabilität hin geprüfte Assessmentinstrumente gibt (vgl. z. B. S. 182ff).

Fazit

Insgesamt eröffnet die breite Bündelung von Themen des Handbuchs eine gute Möglichkeit, sich auf dem Feld von Migration, Pflege und Gesundheit einen Überblick zu verschaffen. Der Band sollte deshalb in der Bibliotheksausstattung beruflicher und wissenschaftlicher Weiterbildungseinrichtungen nicht fehlen und kann auch Praxiseinrichtungen, die sich einer interkulturellen Öffnung verpflichtet sehen zur  Gewinnung eines Überblicks und zum  Einstieg in die Diskussion von Veränderungsprozessen nützlich sein. Eine pflege- und gesundheittsheoretische Grundlegung des Arbeitsbereiches muss aber erst noch erarbeitet werden.


Rezension von
Prof. Dr. Monika Habermann
Zentrum für Pflegeforschung und –beratung, Hochschule Bremen
Homepage www.zepb.de


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Zitiervorschlag
Monika Habermann. Rezension vom 13.07.2008 zu: Dagmar Domenig (Hrsg.): Transkulturelle Kompetenz. Lehrbuch für Pflege-, Gesundheits- und Sozialberufe. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2007. 2., vollst. überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-456-84256-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5615.php, Datum des Zugriffs 18.01.2020.


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