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Helmut Kuntz: Drogen & Sucht

Cover Helmut Kuntz: Drogen & Sucht. Alles, was Sie wissen müssen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2007. 377 Seiten. ISBN 978-3-407-22903-8. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 26,90 sFr.

Reihe: Beltz-Taschenbuch - 903 - Ratgeber.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-407-86401-7 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Entstehungshintergrund

Es handelt sich hier um die Taschenbuchausgabe von "Das SuchtBuch – Was Familien über Drogen und Suchtverhalten wissen müssen", erstmals erschienen 2005. Die Verkaufszahlen haben den Verlag offensichtlich zu dieser Neuausgabe, ergänzt nur durch ein "Vorwort zur Taschenbuchausgabe", veranlasst.

Vorhandene und fehlende Themen

Das Buch ist ein "Ratgeber" (Kennzeichnung durch den Verlag), der sich nicht wie noch bei der Erstauflage 2005 (s.u.) an "Familien" wendet. Es handelt sich nach Auffassung des Autors um ein praktisches Handbuch, in dem "jede und jeder findet …, was er an seinem Platz in der Familie oder in seinem Umfeld braucht, um bestimmungsgemäß mit Genussmitteln oder Drogen bzw. sachgerecht mit dem Thema "Sucht" umgehen zu lernen." (12). Das ist ein anspruchsvolles Ziel, dem der Autor insofern gerecht wird, als er sich zu fast allem äußert, was dem Normalbürger, wer immer das auch sein mag, zu Drogen und Sucht einfallen könnte: Er / sie versteht, inwiefern die "süchtig agierende" Gesellschaft am Elend mit Sucht und Drogen Schuld ist, erhält Anleitungen zur Selbsterkenntnis und Selbstkontrolle, Anleitungen zur Erziehung der Kinder, Tipps für den Umgang mit der Zigarettenindustrie, Informationen über einzelne Substanzen und ihre Wirkungsweise, auch Informationen über "stoffungebundene Verhaltenssüchte" (164), Anorexia Nervosa inklusive, Anleitungen für den Umgang mit Eltern, die Suchtmittel konsumieren – und vieles mehr. Was allerdings auffällt, ist, dass der Autor keineswegs "auf therapeutische Ansätze, die der jeweiligen Droge angemessen sind" hinweist, wie der Verlag im Umschlagtext ankündigt. Auch Anleitungen für die Orientierung in dem in Deutschland durchaus komplizierten, wenn nicht unübersichtlichen Suchthilfesystem fehlen, Anleitungen, die in einem "Ratgeber" sicher hilfreich wären. Interessierte Leser/innen müssten sich mit entsprechenden Fragen vermutlich direkt an den Autor wenden? Seine Anschrift – die einer "Fachstelle für Suchtprävention" in Saarbrücken, die im Saarland keineswegs so einflussreich ist, wie dieser und andere Verkaufserfolge des Autors vermuten lassen – ist als Kontaktadresse angegeben.

Aufbau

Das Buch ist gegliedert in 16 Kapitel, von denen nur die Hälfte weiter untergliedert ist. Ein Hauptkapitel (9. Wegweiser durch die Welt der Rauschdrogen) und vier Unterkapitel (ohne Nummerierung) sind durch rote Randbalken gekennzeichnet – als Ratgeberseiten, die "direkt zum Thema kommen" (14), sollte man das Buch als Nachschlagewerk benutzen wollen. Wer nicht direkt zum Thema kommen möchte, liest alles und erhält anhand von Fallbeispielen  – Abhängige und ihre Familienmitglieder werden zitiert, auch Fachkräfte aus der Suchthilfe – interessante Einblicke in Leben und Seelen-Leben von Betroffenen. Die LeserInnen erfahren auch einiges über die Praxis der Suchtprävention. Am meisten jedoch erfahren sie über die Meinungen des Autors, über seine Erkenntnis z.B. dass erst "die unersättliche Profitgier und eine weit verbreitete, zwanghafte Überheblichkeit … uns veranlasst (haben), aus den verhältnismäßig verträglichen Rauschdrogen der Natur mit Hilfe der schier unerschöpflichen Möglichkeiten der modernen Labortechnik die Rauschgifte zu synthetisieren, welche in ihrer hochgradigen Konzentration zu einer Geisel der Moderne geworden sind." (21).

Zu den "Ratgeberseiten"

Unter "Hilfestellungen für Kinder und Jugendliche in Familien mit Alkoholproblemen", einem "Ratgeberkapitel" im Hauptkapitel 11 – "Suchtmittelgebrauch und Abhängigkeit bei Eltern" finden sich Tipps wie "Wird die Situation zu Hause unerträglich für dich, hast du das Recht, die Tür zu deinem Zimmer hinter dir zuzumachen oder wegzugehen" (188) und die Erinnerung daran, dass auch Kinder in diesem Staat gewalttätige Übergriffe anzeigen können. Wo und bei wem sie das tun sollen, das steht hier nicht. Ausführlich ist dagegen der schon erwähnte "Wegweiser durch die Welt der Rauschdrogen", Kap. 9, der Auskunft über die Substanzen, ihre Wirkungsweisen, Szenenamen, Gebrauchsmuster u.a. gibt. Der Autor, der zweifellos über fundierte Kenntnisse verfügt, kann sich allerdings selbst in diesem – im allgemeinen Kontext eher "sachlich" zu nennenden – Kapitel so genannter "ergänzender persönlicher Kommentare" nicht enthalten, die klingen wie dieser: "Psychoaktive Pilze sind kein Spielzeug, sondern hochpotente Rauschdrogen. Das unbedarfte Konsumieren von Pilzen, nur weil es andere auch tun, rächt sich leicht." (134). In Kap. 9 wird auch kurz auf das Thema Behandlung / Therapie eingegangen, keineswegs aber "auf therapeutische Ansätze, die der jeweiligen Droge angemessen sind" (der Verlag, s.o.) hingewiesen. Der Autor beschränkt sich auf allgemeine Statements, die im Falle von Kokain z.B. so lauten: "Behandlungsbedürftig sind in erster Linie die möglichen psychischen und psychiatrischen Komplikationen des Kokaingebrauchs sowie die süchtige Abhängigkeit." (136). 

Andere, nicht mit roten Randbalken versehene, Kapitel dieses Buches einzeln zu besprechen, würde sie bzw. ihren Inhalt aufwerten. Aussagen wie z.B. die folgende, die sich auf "die Mächtigen" bezieht und unter "Macht-, Herrsch- und Kontrollsucht" im Kapitel 10 "Stoffungebundene Verhaltenssüchte" nachzulesen ist, bedürfen keiner Kommentierung: "Von ihren weit reichenden Entscheidungen, die sie nur zu oft auf dem Hintergrund persönlicher Machtlüsternheit, narzisstischer Eitelkeit, mangelhafter fachlicher Kompetenz, politischen Abenteurertums oder religiösen Sendebewusstseins treffen, sind sie leider wenig persönlich betroffen." (165).

Zusammenfassend sei gesagt, dass sich hier Drogen/Sucht-Autor Nummer 792 (bei geschätzten 20 einschlägigen Publikationen pro Jahr seit 1968) als Guru outet, als der, der Bescheid weiß und der Welt und ihren in Sucht und Drogen verirrten Normalbürgern in durchaus missionarischem – und unzweifelhaft gut gemeintem – Eifer sagt, was Sache ist.

Wie einem "Ratgeber" durchaus angemessen, werden in diesem Buch Verhaltensweisen von Abhängigen sehr konkret angesprochen. Nicht nur das "Schmeißen der Lehrstelle" (298) und "verwaschene, schleppende Sprache als mögliche Folgeerscheinung von akutem und gewohnheitsmäßigem Cannabiskonsum" (299) werden hier genannt, sondern auch "auffällige Grandiositätsphantasien mit entsprechendem Größengehabe". Dass derlei in der Tat für Abhängige typische Grandiositätsphantasien "ansteckend" auf Sucht- und Drogenexperten unterschiedlicher professioneller Provenienz wirken und Gurus und Missionare in diesem Arbeitsbereich häufig anzutreffen sind, hat sich aber nach 40 Jahren mehr oder minder geglückter Suchtarbeit doch inzwischen herumgesprochen? Fachkräfte sollten besonnen mit derlei "Ansteckungen" umgehen können? – Die Psychoanalyse würde hier von "Gegenübertragung" sprechen; andere Theorien würden andere Konzepte bemühen. Da der Autor angibt, dass "theoretisches Fachchinesisch" genauso wenig seine Sache ist "wie überdrehter oder gar sich anbiedernder Szenejargon" (13), soll mit dem Hinweis auf mögliche "Ansteckung"  ebenfalls eine "deutliche Sprache" (12) gesprochen werden. –  Rundumschläge, wie dieser Autor sie austeilt (z.B. gegen die "süchtig agierende Gesellschaft", Kap. 2) sind sicher verständlich auf dem Hintergrund der Arbeitsbedingungen vieler Fachkräfte im Sucht- und Drogenbereich, auf dem Hintergrund auch ihrer unzähligen Misserfolgserlebnisse im Einsatz für Gesundheit und Leben ihrer KlientenInnen. Dennoch müssen sie nach Meinung der Rezensentin nicht unbedingt gedruckt werden.   

Zielgruppen und Fazit

Der ursprünglichen Zielgruppe "Familie" mag dieses Buch tatsächlich ein nützlicher Ratgeber sein. Einige "Pressestimmen" und die Verkaufszahlen lassen das vermuten. Voraussetzung dürfte allerdings sein, dass es sich um eine deutsche Familie handelt, in der deutsch gesprochen wird und in der Individualität und Eigenständigkeit grundsätzlich geschätzt werden. Mit der Frage "Wie wurde oder wird in meiner Herkunftsfamilie generell mit Bestrebungen nach Eigenständigkeit oder mit Halten in Abhängigkeiten umgegangen?" (357, eine Frage zur Selbstreflexion bzgl. der Suchtbiografie) werden drogenabhängige junge MigrantenInnen, die aus Ländern stammen, in denen das, was bei uns als "Abhängigkeit" in und von Familien bezeichnet wird, unbedingt positiv bewertet wird, nur wenig anfangen können.
Fachkräfte aus dem Bereich der Suchthilfe werden das Buch mit einem Nicken – oder, auch das ist möglich, verärgert – zur Seite legen. Studierende einschlägiger Fächer werden es seines Titels wegen lesen – und dann hoffentlich auch zur Seite legen und sich mit in "theoretischem Fachchinesisch" geschriebenen Büchern zu Drogen und Sucht beschäftigen.
Denjenigen, die in diesem "Fachchinesisch" schreiben, sollte der offensichtliche Erfolg dieses Buches zu denken geben. Vielleicht könnte das die eine oder den anderen motivieren, ein Sachbuch zum Thema zu schreiben, das auch für "Normalbürger" verständlich und hilfreich ist.


Rezensentin
Prof. Dr. rer. soc. Angelika Groterath
Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin, Professorin für Psychologie und Leiterin des Studiengangs Soziale Arbeit Plus - Migration und Globalisierung am Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt.
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Zitiervorschlag
Angelika Groterath. Rezension vom 22.10.2008 zu: Helmut Kuntz: Drogen & Sucht. Alles, was Sie wissen müssen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2007. ISBN 978-3-407-22903-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5617.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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