socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Günther Cloerkes, Jörg Michael Kastl (Hrsg.): Leben und Arbeiten unter erschwerten Bedingungen

Cover Günther Cloerkes, Jörg Michael Kastl (Hrsg.): Leben und Arbeiten unter erschwerten Bedingungen. Menschen mit Behinderungen im Netz der Institutionen. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2007. 250 Seiten. ISBN 978-3-8253-8335-0. 24,00 EUR.

Reihe: Materialien zur Soziologie der Behinderten - Band 3. Edition S.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der vorliegende Sammelband, der als drittes Buch der Reihe „Materialien zur Soziologie der Behinderten“ beim Universitätsverlag Winter erschienen ist, setzt sich mit der „Institutionalisierung“ von Behinderung in der modernen Gesellschaft auseinander. Ausgangspunkt bildet die Feststellung, dass das, was als Behinderung gilt, als Ergebnis gesellschaftlicher Definitionsprozesse zu betrachten ist. Jenseits der gesellschaftlichen Semantik zu Behinderung sind es vor allem konkrete Institutionen bzw. Organisationen, welche dem gesellschaftlichen Zugriff auf Behinderung Gestalt geben bzw. diesen bestimmen. Diese Verankerung von Einrichtungen im Lebenslauf von Menschen mit Behinderung weist eine grundsätzliche Ambivalenz auf. Denn darüber realisieren sich soziale Sicherung und Möglichkeiten der Teilhabe und Selbstbestimmung, zugleich aber ist die Hilfe auch mit Handlungszwängen und Etikettierungen verknüpft. Wie der Titel des Buches besagt, tragen Institutionen zugleich auch zur Erschwerung des Lebens und Arbeitens von Menschen mit Behinderung bei.

Mit aktuellen Beispielen gewährt das Buch Einblicke zu dieser Ambivalenz bzw. in die Dynamik von Institutionalisierung und Deinstitutionalisierung. Der Sammelband zeichnet Prozesse der gesellschaftlichen Institutionalisierung von Behinderung historisch nach und nimmt die institutionelle Einbettung der Lebens- und Arbeitssituation von Personen mit Behinderung in den Blick.

Aufbau

Der Sammelband gliedert sich, so die Herausgeber in der Einleitung, in drei Themenblöcke. Von den insgesamt neun Einzelbeiträgen entfallen deren zwei auf Themen der rechtlichen Kodifizierung von Behinderung. Zwei weitere Beiträge sind als soziohistorische Analysen angelegt. Den grössten Teil des Buches machen jene fünf Beiträge aus, welche aktuelle institutionelle Konzepte und bestehende Institutionen thematisieren und sich dabei teilweise auch auf empirische Ergebnisse stützen.

Folgen der rechtlichen Institutionalisierung

Es sind zwei Beiträge im Buch, die sich eingehend mit der Rolle des Rechts im Zusammenhang mit der Institutionalisierung von Behinderung auseinandersetzen.

  1. Der Beitrag von Jörg Michael Kastl, dem Mitherausgeber des Sammelbandes, unterstreicht, dass die sozialstaatliche Absicherung von Leistungen statusdefinierende Zugangsnormen voraussetzt. Gesetzliche Normen über Leistungen können somit nicht nur zur Etikettierung von Personen beitragen, sondern insbesondere bei einer Konditionalprogrammierung die angemessene Berücksichtigung des Einzelfalls verfehlen.
  2. Felix Welti spannt in seinem Beitrag den Bogen von der Sozialgesetzgebung bis zum Europa- und Verfassungsrecht, das als übergeordneter Rahmen das Sozialrecht mitbestimmt. Dieser Rahmen wird im ersten Teil entfaltet, in dem etwa auf das Benachteiligungsverbot im Grundgesetz eingegangen wird. Der zweite Teil gibt einen Überblick über die neuere Sozialgesetzgebung in sechs unterschiedlichen Themenbereichen. Der Autor unterstreicht im Rahmen eines Fazits, dass eine stärkere Berücksichtigung der Belange von Menschen mit Behinderung auch in der allgemeinen Sozialgesetzgebung geboten ist, da dies breiten Bevölkerungsgruppen dient und deren Vernachlässigung letztlich nicht in der Spezialgesetzgebung aufgefangen werden kann.

Historische Analysen

Dem Umgang mit Behinderung aus einer historischen Perspektive widmen sich zwei Beiträge.

  1. Christina Vanja zeichnet am Beispiel des Bundeslandes Hessen die geschichtliche Entwicklung der institutionellen Unterbringung von Menschen mit Behinderung seit dem späten Mittelalter auf. Die Idee der (Heil-)Behandlung etabliert sich insbesondere im 19. Jahrhundert, was sich in einer Ausdifferenzierung des Anstaltswesens und im Bau grosser, in der Natur gelegener Anstalten äussert. Die wechselvolle Geschichte im 20. Jahrhundert, zu der die Infragestellung der Wertigkeit der Menschen im ersten Weltkrieg, die systematischen Ermordungen zur Zeit des Nationalsozialismus und die Heim- und Psychiatriereformen Mitte der 1970er Jahre gehören, zeichnet die Autorin mit Verweis auf einzelne Einrichtungen auch als Institutionengeschichte nach.
  2. Einen fundierten geschichtlichen Beitrag liefert Thomas Hoffmann, der sich mit der Institutionalisierung geistiger Behinderung im 19. Jahrhundert befasst. Ausgangspunkt bilden die Anfänge der Idiotenfürsorge in den 1830er Jahren und deren Ausdehnung auf etwa 100 Anstalten im deutschsprachigen Raum bis zum Jahr 1900. Aus Sicht des Autors sind für diese Anstaltsgründungen zwei gegenläufige Entwicklungen massgeblich: auf theoretischer Ebene findet eine Übertragung der Geisteskrankheit in die Zuständigkeit der Pädagogik statt, was die Erziehung der Betroffenen ins Zentrum rückt. Auf praktisch-institutioneller Ebene sind es jedoch Modelle und der Führungsanspruch der Psychiatrie, die bei der Betreuung und Unterbringung der Betroffenen Anwendung finden. Die Art der Institutionalisierung ist eng mit der gesellschaftlichen Deutung von Arbeit verknüpft, die bis heute im Spannungsfeld zwischen der Betrachtung als Lohnarbeit und Existenzgrundlage und als Form der gesellschaftlichen Teilhabe zu sehen ist.

Analyse aktueller institutioneller Konzepte

Es sind insgesamt fünf Beiträge, die sich aktuellen institutionellen Konzepten widmen und einen breiten thematischen Bogen spannen.

  1. Sandra Wagner untersucht am Beispiel von Jugendlichen mit einer Lernbehinderung den Übergang von der Schule ins Berufsleben. Sie unterstreicht zunächst, dass es in Sonderschulen zu einer Kumulation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und aus sozial schwachen Familien kommt. Das Instrument des Job-Coaching ist ein Mittel, angesichts der hohen Motivation zu einer Berufsausbildung und bei häufig fehlender Unterstützung aus dem familiären Umfeld die notwendige Hilfe bei der Ausbildungsplatzsuche geben zu können.
  2. Jürgen Hohmeier thematisiert in seinem Beitrag zwei neue Wege in der beruflichen Integration, nämlich die unterstützte Beschäftigung und die Unterstützung bei betriebsintern realisierten Ausbildungen. Der Autor skizziert ausführlich Formen, Elemente und Ergebnisse dieser beiden Massnahmen und dokumentiert auch empirisch deren Erfolge. Gegenüber stationären Massnahmen liegen die Vorteile vor allem in der Ausweitung der beruflichen Tätigkeitsfelder, der Erleichterung des Übergangs in eine Anstellung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt und bei der Möglichkeit, Personen mit Behinderung eine ambulante und individualisierte Alternative bieten zu können.
  3. Der Beitrag von Mathilde Niehaus widmet sich der Problematik der beruflichen Integration von Frauen mit Behinderung. Sie bilden auch in der Sozialgesetzgebung explizit eine Zielgruppe, für welche insbesondere wohnortnahe Rehabilitationsangebote vorgesehen sind. Diese Bemühungen reichen jedoch nicht aus, die gleichsam mehrfache Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt auszugleichen und die Barrieren der Erwerbsbeteiligung, die etwa auch in sozialen Einstellungen gegenüber Betroffenen begründet sind, zu überwinden
  4. Jörg Michael Kastl und Thomas Meyer thematisieren das sozialpolitische Instrument des Persönlichen Budgets. Dieses basiert im Kern auf der Ausrichtung von Geldern an Personen mit Behinderung, damit diese ihre notwendige Hilfe selbständig organisieren können. Wie sich für Betroffene dadurch mehr Entscheidungsmöglichkeiten und Spielräume eröffnen, illustrieren die Autoren für Personen mit einer psychischen Behinderung und anhand von vier Fallbeispielen. Sie weisen jedoch auch darauf hin, dass Bemühungen zur Bürokratisierung oder Standardisierung die Effekte der vermeintlichen Deinstitutionalisierung gefährden können.
  5. Helmut Mair und Sören Roters-Möller widmen sich den Herausforderungen, die sich aus dem Älterwerden von Menschen mit Behinderung ergeben. Die Autoren führen aus, dass die Zahl der Menschen mit Behinderung, die in den Ruhestand gehen, ständig zunimmt. In dieser biographischen Phase rücken die individuellen und persönlichen Wünsche bei der Gestaltung des Alltags im besonderen Masse in den Vordergrund. Damit dies gelingen kann, bedarf es gemäss den Autoren einerseits einer fachlichen Unterstützung, etwa in Form eines Coaching-Angebots. Zugleich sind andererseits auch die Institutionen gefordert, mehr Entscheidungsspielräume und Eigeninitiative zuzulassen.

Fazit

Der Sammelband ermöglicht einen breiten thematischen Einblick in Konzepte und Geschichte der Behindertenhilfe. Aktuelle Instrumente wie etwa Job-Coaching, persönliches Budget oder unterstützte Ausbildung kommen gleichermassen zur Sprache wie historische Analysen. Die Themenbreite und die insgesamt hohe fachliche Qualität der Beiträge dürften für Fachleute und fortgeschrittene Studierende, an welche sich das Werk richtet, gleichermassen anregend sein. Die Beiträge fügen sich in den Themenbogen des Buches, der einleitend mit dem Spannungsfeld Deinstitutionalisierung und Reinstitutionalisierung aufgespannt wird. Allerdings fehlt es an der Benennung von Verbindendem oder Verknüpfungen zwischen den Beiträgen So mögen einzelne Beiträge beispielhaft für Bemühungen zur Entinstitutionalisierung stehen (z.B. von Hohmeier oder Kastl / Meyer), doch gerade diese Gemeinsamkeit wird nur in der Einleitung benannt und bleibt dann im Sammelband unbearbeitet. Somit überzeugt der Sammelband eher durch das Nebeneinander von interessanten Einzelbeiträgen, als durch die Integration aktueller Erkenntnisse über die Institutionalisierung von Behinderung und die Dynamik zwischen einer Aufweichung von rigiden Strukturen und der institutionellen Einschränkung von Handlungsspielräumen.


Rezensent
Prof. Dr. Edgar Baumgartner
Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit
E-Mail Mailformular


Alle 3 Rezensionen von Edgar Baumgartner anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Edgar Baumgartner. Rezension vom 06.07.2009 zu: Günther Cloerkes, Jörg Michael Kastl (Hrsg.): Leben und Arbeiten unter erschwerten Bedingungen. Menschen mit Behinderungen im Netz der Institutionen. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2007. ISBN 978-3-8253-8335-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5618.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung