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Christoph Möller (Hrsg.): Sucht im Jugendalter

Rezensiert von Prof. Dr. Hans-Volker Happel, 17.01.2008

Cover Christoph Möller (Hrsg.): Sucht im Jugendalter ISBN 978-3-525-49119-5

Christoph Möller (Hrsg.): Sucht im Jugendalter. Verstehen, vorbeugen, heilen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2007. 217 Seiten. ISBN 978-3-525-49119-5. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 36,00 sFr.

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Vorbemerkung

Eine Vorbemerkung vorab. Als empirisch und wissenschaftlich arbeitender Psychologe, der zudem noch als Vorsitzender eines großen Frankfurter Drogenhilfevereins eng an die gegenwärtige Drogenhilfepraxis gebunden ist, bin ich sehr stark an einer evidenzbasierten lösungsorientierten Bearbeitung des Themas "Jugend und Sucht" interessiert. Dementsprechend sind auch meine Bewertungs- und Einschätzungsmaßstäbe für die folgende Rezension zu verstehen.

Thema und erste Einschätzung

Suchtprobleme im Jugendalter sind durch mediale Horrormeldungen zunehmend ins öffentliche Bewusstsein geraten. Ob durch fiskalische Maßnahmen der höheren Besteuerung von Alkopops, oder die Diskussion über den Einsatz von jugendlichen Testkäufern zur strengeren Kontrolle des Jugendschutzgesetzes, die Versuche angemessene Umgangsformen zu entwickeln, sind vielfältig. Im Umschlagtext wird dies zumindest auch für das vorliegende Buch in Aussicht gestellt: "Die Synthese der Sichtweisen und Erkenntnisse von Kinder- und Jugendpsychiatern, Psychoanalytikern, Pädagogen, Neurobiologen, Kriminologen und Soziologen vermittelt ein differenziertes Verständnis von Suchtentwicklung bei Heranwachsenden und zeigt konstruktive Umgangsweisen".

Diesen Anspruch löst das Buch nicht ein. Die kritische Einschätzung rührt vor allen Dingen daher, dass zwischen wissenschaftlichen Daten und dramatisierenden Szeneriebeschreibungen, Widersprüche und Diskrepanzen festzustellen sind. Beispielsweise konstatiert etwa Schulte-Markwort im Vorwort einen deutlichen Rückgang der Drogentoten; dies verschleiere jedoch den dramatischen Anstieg von Cannabis- und Nikotinmissbrauch bei Jugendlichen. Die Daten der BZgA-Umfragen in den beiden letzten Jahren zeigen jedoch einen Rückgang bei diesen Indikatoren. Im Kapitel "Drogennotfälle im Jugendalter (Backmund) werden aktuelle Daten aus Frankfurt genannt (Werse et. al), die die Ergebnisse der BZgA Verlaufsdaten nachhaltig unterstützen.

Zudem propagiert der Herausgeber, dass der Salutogenetische Ansatz sich als roter Faden durch die Beiträge zieht. Jedoch überwiegt bei fast allen Themen eine traditionell klinische und psychoanalytische Sichtweise.

Ausgewählte Inhalte

  • Während Möller in seinem Eröffnungsbeitrag "Trotzdem Ja zum Leben sagen - Salutogenese und Sucht im Jugendalter" das Antonovskysche Modell ausführlich beschreibt, wird bei der Darstellung therapeutischer Interventionsmöglichkeiten kein Bezug mehr zu dem Ausgangsmodell hergestellt. Die Erklärungsmodelle für Sucht bei Jugendlichen orientieren sich durchgängig an traumatischen und defizitären Lebenserfahrungen (Seite 18 bis 24) und der schlussfolgernde Vorschlag für erlebnispädagogische Abenteuerspiele à la Pippi Langstrumpf wirken dabei deplaziert und können den salutogenetischen Ansatz nicht retten. Die im Fazit zusammengefasste Schlussbemerkung ist eher ärgerlich und geht an den vorhandenen suchttherapeutischen Ansätzen im Jugendbereich völlig vorbei: "Ein defizit-, pathologie- und diagnoseorientierter Ansatz hat die Beseitigung von Symptomen und die (Wieder-) Eingliederung in den Arbeitsmarkt zum Ziel"(S.24). Abgesehen davon, dass es eine derartig einseitige Form der jugendtypischen Therapieansätze kaum noch gibt, ist die Reduktion auf die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt unter renten- und sozialversicherungspflichtigen Vorgaben einfach nur ärgerlich.
  • Im folgenden Beitrag dekliniert Wurmser seine fast 50 Jahre alten psychoanalytischen Heuristikfolien entlang dem Thema: "Liebe, Macht und Verrat in Sucht und Gesellschaft". Das Kapitel "Charakterperversion und Sucht" diskreditiert allein schon durch die martialische Wortwahl den salutogenestischen Anspruch und hat zudem überhaupt keinen Bezug zum Jugendthema.
  • Was der nächste Artikel von Poser, nämlich "Zur Kulturgeschichte der Suchtkrankheiten", in einem Buch über jugendliche Suchtprobleme zu suchen hat, bleibt das Rätsel des Herausgebers. Die diskreten Folgen süchtigen Tabakskonsums sieht dann der Autor auch nicht unbedingt in Bezug auf gesundheitliche Folgen, sondern dass der Tabakkonsum "… eher ästhetische Probleme verursacht (Tabakgeruch, braune Verfärbung von Haut und Wänden)." (Seite 48). Die von Poser auf Seite 56 forsch getroffene Behauptung, nach der seit 200 Jahren die Medizin und die Biologie die Führung im Suchtbereich zunehmend übernehmen, ist noch nicht einmal Geschichtsklitterung, sondern Geschichtsverfälschung. Hier sei dem Autor dringend geraten, sich bei Finzen in dem 1985 erschienenen Buch: "Alkohol, Alkoholismus und Medizin" zur wirklichen Sozial- und Kulturgeschichte der Abhängigkeitsprobleme zu informieren. Des Weiteren empfehle ich im Zusammenhang mit der Kulturgeschichte der Suchtkrankenbehandlung das Buch von Hauschild "Auf den richtigen Weg zwingen…" Trinkerfürsorge 1922 - 1945.
  • In dem Bericht von Morgenstern über ein stationäres Therapieangebot für 12- bis 18jährige jugendliche Abhängige wird - mit Bezug auf die Lorenzersche psychoanalytische Entwicklungstheorie, nach der unterschiedliche Interaktionsformen Objektbesetzungen und Konfliktbewältigungen arrangieren - zumindest ein Eindruck von den Problemkonstellationen einer solchen Institution vermittelt. Die therapeutischen Interventionen gründen dabei auf einem Theorieansatz, nachdem vorsprachliche Interaktionsformen mit fortschreitender Sprachkompetenz über symbolischen Interaktionsaustausch die Entwicklung des Selbst und der Beziehungen aktivieren und regulieren. Bei den jungen PatientInnen findet die Autorin dann auch qualitative Sprachzerstörungen und Symbolisierungsverzerrungen und sie folgert, dass Sprache nur noch zur puren Hülse wird, die keine emotionale Bedeutung mehr habe. Wie sie aber dazu kommt, die Äußerungen eines Jugendlichen: "Fick dich Alter" als pure Sprachhülse zu kennzeichnen, die kaum eine emotionale Qualität besitze (S. 68), bleibt das Geheimnis der Autorin.
  • Auf die Besprechung des Artikels "Der positive Umgang mit Sucht am Beispiel von Alkohol" von der Wiesbadener Peseschkian-Gruppe und deren transkulturellen positiven Psychotherapien wird hier verzichtet, da dieser Beitrag kaum über die Qualität eines Werbeflyers hinauskommt.
  • Möller eröffnet seinen Beitrag "Gruppentherapie im Jugendalter" mit dem Bekenntnis "Beziehungen ist alles - Methode ist nichts". Demnach sind die AWMF-Leitlinien für die Behandlung von Suchtkranken noch nicht einmal das Papier wert, auf dem sie stehen. Entgegen diesem Anfangsbekenntnis wird dann ein multimodales Therapiekonzept für Gruppenveranstaltungen in der stationären Einrichtung vorgestellt. Immerhin deutet der Autor an, dass die Jugendzeit als Übergangsphase zu sehen ist, in der unterschiedliche Entwicklungsaufgaben und Entwicklungskonflikte bearbeitet und gelöst werden müssen. Zumindest wird in diesem Artikel die therapeutische Atmosphäre spürbar, da insbesondere im Zusammenhang mit Ausagieren und dem Prinzip des szenischen Verstehens, die analytisch orientierte interaktionelle Gruppentherapie nachvollziehbar beschrieben wird.
  • Der lesenswerteste und informativste Beitrag in diesem Buch kommt aus dem Kriminologischen Institut der Universität Hannover (Gruppe um Pfeifer) zum Thema "Drogenkonsum und Gewalt im Jugendalter" (Baier). Es handelt sich um eine quasi meta-analytische Übersicht zu den unterschiedlichen diskutierten Hypothesen aus diesem Bereich. Die Datenlage zeigt, dass trotz alters- und genderspezifischen Ausprägungsformen DrogenkonsumentInnen ein höheres Gewaltrisikopotential aufweisen. Im Zusammenhang mit der Lebenslaufperspektive und der Differenzierung unterschiedlicher Konsumentengruppen entwickeln die AutorInnen ein differenzierendes Wechselwirkungsmodell zwischen Drogenkonsum und Gewalt. Gleichwohl reduzieren sie die Gewalt- und Drogenerfahrung nicht nur als Ergebnis allein frühauffälliger Personen, sie konstatieren, dass aktuelle Lebensereignisse eine ähnliche Wirkung hervorrufen können. Die Schlussfolgerungen, wonach die Prävention der Ursachen von Gewalt immer auch die Prävention von Drogenkonsum ist, kann nur unterschrieben werden.
  • Der Artikel zum "Computerspielen - Im Banne des Phantasmas, erfahrungsarm und sehr allein" diskutiert Bergmann in seinem bekannten journalistischen Stil eine geradezu kulturschockartige Problematik bei der Jugend. "Noch nie gab es eine junge Generation …, die so müde, leer und wie in einem permanenten Schwebezustand existierte" (Seite 138). Aber wie so oft, auch hier, sind die Jugendlichen, die das Computerspiel bis zum Exzess treiben, von einer ambivalenten ungelösten Bindung an die Mutter verstört und haben in diesem Kontext ein hybrides Ich-Ideal ausgebildet. In diesem Beitrag werden zumindest ansatzweise jugendspezifische Sozialisationsaspekte angesprochen. Die Veränderungen der Wahrnehmungsmuster und Wahrnehmungstechniken bei intensiven jugendlichen ComputerspielerInnen wird sicherlich auch zu Veränderungen der Realitätswahrnehmung führen (von der analogen zur digitalen Wahrnehmung) und darauf müssen auch neuere theoretische Modellbildungen abstellen.
  • Kaufmann beginnt seinen Artikel "Die Bedeutung von Erziehung, Pädagogik und Schule in Bezug auf Prävention und Ursachen des Suchtmittelmissbrauch im Jugendalter" zunächst mit negativen Klischeebildern (Vor dem Schulgebäude rauchende Lehrer, rauchende Eltern im Auto). Die Aufforderung, dass die Schule hier eine besondere Bringschuld in Bezug auf Prävention und Sorge um die Drogengefährdung hat, bezieht sich auf einen breiten Erfahrungshintergrund des Autors. Die umfangreiche Darstellung ganz unterschiedlicher Materialien, Initiativen und Präventionsprojekten werden entlang der unterschiedlichen Bedarfe der Zielgruppen übersichtlich beschrieben.
  • Der Artikel von Backmund "Drogennotfälle im Jugendalter" beschreibt die auf klassischen Leitlinien basierenden Vorgehensweisen von notfallmedizinischer Diagnostik und Behandlung bei Drogennotfällen. Inwieweit ein solcher Beitrag in einem derartigen Buch angemessen platziert ist, darf zumindest in Frage gestellt werden. Die einleitende Feststellung, nach der ein solches Thema weitgehend unabhängig von der Frage zu behandeln ist, ob der Notfallpatient ein Jugendlicher oder Erwachsener ist trifft absolut zu. Am Rande sei vermerkt, dass Backmund bei diesem Thema erstmals in diesem Buch solidere epidemiologische Daten, beispielsweise für den Alkoholkonsum, vorlegt. Das in den zuvor genannten Artikeln unscharfe Gesamtbild wird dadurch doch konkretisiert. Immerhin taucht auf Seite 172 des Buches erstmals der Begriff binge drinking auf, der in allen internationalen Studien zu einem Indikator für problematisches jugendliches Trinken gezählt wird.
  • Ohlmeier beschäftigt sich mit dem Thema "Aufmerksamkeitsdefizit - Hyperaktivitätsstörung und komorbide Suchterkrankungen bei Jugendlichen und Erwachsenen". Insbesondere bei Kokain- und Nikotinabhängigkeit gibt es signifikante Konkordanzen zwischen ADHS und Sucht. Die zentrale Frage dieses Themenkomplexes ist, inwieweit die Vergabe von Ritalin, ein Mittel das der Betäubungsmittelvergabeverordnung unterliegt, ein Suchtrisiko darstellt oder eine suchtprotektive Langzeitwirkung hat. Ohlmeier zitiert durchgängig nur Arbeiten, die dem Ritalin eine suchtprotektive Wirkung unterstellen. Gleichwohl erwähnt er, dass in letzter Zeit zunehmend statt Methylphenidat Atomexetin gegeben wird, auch deshalb, weil dieses Medikament ein geringes Suchtpotential hat. Wenn ein solches Thema in einem Buch "Sucht und Jugend" nicht darauf eingeht, dass aus US-amerikanischen High Schools und Colleges berichtet wird, dass Ritalin mittlerweile dort neben Cannabis als zweithäufigste Droge konsumiert wird (Kardison), dann ist eine solche Auslassung unverzeihlich. In der von Nutt aktuell zusammengestellten Rangliste der gefährlichsten Drogen ist Methylphenidat auf Rangplatz 15 zu finden. Am Rande sei vermerkt, dass Ritalin nicht nur von frühkindlich auffälligen Jugendlichen eingenommen wird, sondern zunehmend auch von "normalen" jungen Erwachsenen zur Verbesserung ihrer Leistungsfähigkeit, ganz im Sinne des pharmakologischen Neuroenhancment - und das bei der aktuellen Dopingdebatte.
  • In dem abschließenden Beitrag von Scheffer "Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde", wird in der präventiven Arbeit für spielerische, erkundungs- und erlebnisorientierte Aneignungsformen geworben. Hier finden sich viele Parallelen und Analogien zur vorschulischen Reggio-Emilia-Pädagogik (Dreier). Zum Schluss werden noch Elternempfehlungen zusammengestellt.

Fazit

Die Kurzkommentierungen der verschiedenen Beiträge haben bereits verdeutlicht, dass es sich bei diesem Buch um ein Sammelsurium zum Teil disparater Themen und Schwerpunkte handelt. Der Großteil der Beiträge besticht eher durch Redundanz. Neue, anregende und praxisrelevante Aspekte finden sich kaum. Zudem finden sich keine Querverweise zu aktuellen Diskussionspositionen im Bereich Jugend und Gesundheit (Hurrelmann, Klocke). Alles in allem ein nicht nur überflüssiges, sondern auch ärgerliches Buch.

Rezension von
Prof. Dr. Hans-Volker Happel
Emeritierter Prof. der Frankfurt University of Applied Sciences Vorsitzender des Drogenhilfevereins “Integrative Drogenhilfe e. V.“
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Es gibt 3 Rezensionen von Hans-Volker Happel.

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Zitiervorschlag
Hans-Volker Happel. Rezension vom 17.01.2008 zu: Christoph Möller (Hrsg.): Sucht im Jugendalter. Verstehen, vorbeugen, heilen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2007. ISBN 978-3-525-49119-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5621.php, Datum des Zugriffs 18.04.2024.


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