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Thomas Kern: Soziale Bewegungen

Cover Thomas Kern: Soziale Bewegungen. Ursachen, Wirkungen, Mechanismen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 218 Seiten. ISBN 978-3-531-15426-8. 24,90 EUR.

Reihe: Hagener Studientexte zur Soziologie. Lehrbuch.
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Thema

Soziale Bewegungen sind in den letzten Jahrzehnten zu einem alltäglichen Phänomen der Politik und zu einer treibenden Kraft des sozialen Wandels geworden. Nicht zuletzt die Demokratiebewegungen in Mittel- und Osteuropa haben dies 1989-91 eindrucksvoll unter Beweis gestellt. In enger Verbindung mit der Institutionalisierung eines Bewegungssektors in modernen Gesellschaften hat sich die Bewegungsforschung als relativ eigenständiges Feld innerhalb der Soziologie und der Politikwissenschaften etablieren können. Das Ziel des Buches von Thomas Kern besteht darin, dem Leser einen Überblick über den aktuellen Stand der Diskussion zu vermitteln. Die zentrale Frage dabei lautet: Welche Rolle spielen soziale Bewegungen im Modernisierungsprozess?

Aufbau und Inhalt

Kern geht davon aus, dass Protestbewegungen gleichermaßen Produkte und Produzenten des sozialen Wandels sind und er will in seinem Buch beiden Seiten dieses Zusammenhangs Rechnung tragen (S. 16).

Im Anschluss an die Einführung werden im Kapitel zwei (S. 21 ff.) die modernisierungstheoretischen Grundlagen der Studie dargelegt. Kern nimmt dabei auf die systemtheoretische Denktradition und ihren Ansatz der zunehmenden Ausdifferenzierung funktionaler Teilsysteme Bezug. Davon ausgehend ließen sich in der modernen Gesellschaft vier Konfliktlinien unterscheiden, die mit der Ausdifferenzierung unterschiedlicher Kommunikationsmedien verbunden seien und entlang derer sich in der Vergangenheit wichtige soziale Bewegungen gebildet hätten: Anonymität, Gewalt, Armut und Ignoranz (S. 28f.). Die ausschlaggebenden Fragen lauteten: „Was sind die Triebkräfte hinter der Modernisierung? Was sind ihre Folgeprobleme?“ (S. 22)

Angesichts der Modernisierungsfolgen beschäftigt sich Kapitel drei (S. 45 ff.) mit den Möglichkeiten der Gegensteuerung. Dazu werden im ersten Teil unterschiedliche Einflusspotenziale der Individuen beleuchtet. Im Ergebnis dessen kommt Kern zu dem Befund, dass Protestbewegungen als ein besonders aussichtsreiches Instrument zur Beeinflussung gesellschaftlicher Entwicklungen anzusehen sind (S. 17). Der zweite Teil dieses Kapitels ist der Darstellung des Stellenwerts sozialer Bewegungen in den Modernisierungstheorien zeitgenössischer Soziologen wie Touraine, Beck, Habermas und Luhmann gewidmet. Dabei wird deutlich, dass die Meinungen über die potenzielle Eingriffstiefe sozialer Bewegungen weit auseinandergehen: „Einige schreiben ihnen im Modernisierungsprozess eine Schlüsselrolle zu, andere meinen dagegen, dass von ihnen kaum relevante Einflüsse ausgehen“ (S. 52). Die Frage nach dem Gestaltungspotenzial bleibt somit noch offen. Der dritte Teil gibt einen Überblick über die Theorie neuer sozialer Bewegungen, der bisher bedeutendsten modernisierungstheoretischen Interpretation sozialer Bewegungen. Dabei handele es sich „nicht um einen einfachen Satz empirisch überprüfbarer Hypothesen über bestimmte soziale Bewegungen …, sondern um eine sozialphilosophische Gegenwartsdiagnose, die den Übergang von der industriellen zur postindustriellen (programmierten) Gesellschaft“ thematisiere (S. 60). Kern resümiert denn auch, dass die Stärke der Theorie neuer sozialer Bewegungen dabei vor allem in der Gegenwartsdiagnose liege, sie bei der Erklärung sozialer Protestbewegungen aber bei weitem nicht ausreiche (S. 62).

Im vierten Kapitel (S. 65 ff.) werden dann exemplarisch sieben, als einflussreich charakterisierte, zeitgenössische soziale Bewegungen vorgestellt, die in unterschiedlicher Weise auf die von Kern postulierten vier wichtigsten Folgeprobleme der Modernisierung (Anonymität, Gewalt, Armut und Ignoranz) reagierten: die neue Frauenbewegung, die christliche Rechte in den USA, Demokratiebewegungen, die Friedensbewegung, globalisierungskritische Bewegungen und die Ökologiebewegung. Die Darstellung konzentriert sich dabei vor allem auf drei Aspekte: die Entstehungsbedingungen, historische Entwicklungen und spezifische Ausprägungen kollektiver Identitäten (S. 65). Diese gerafften Darstellungen lehnen sich meist an einschlägige Studien an und gehen kaum über das dort präsentierte Material hinaus.

Das Kapitel fünf konzentriert sich auf die Mechanismen der Protestmobilisierung. Ausgehend von der Theorie der Koalition werden verschiedene Erscheinungsformen sozialer Koalitionen je nach Akteurskonstellation, Organisationsgrad und kollektiven Gemeinsamkeiten behandelt (S. 112 ff.). Hier stellt Kern auch die zugrunde gelegte Definition sozialer Bewegungen vor, indem er ausführt: „Zusammenfassend lassen sich soziale Bewegungen als Koalitionen beschreiben, die oft nur über einen geringen Organisationsgrad und eine abstrakte kollektive Identität verfügen“ (S. 121). Damit kommt aber Protest nicht in der Definition vor, ebenso wenig wird der soziale Wandel als Ziel von Bewegungen benannt. Im Anschluss beschäftigt sich Kern aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven mit dem Zustandekommen kollektiven Protesthandelns in modernen Gesellschaften. Dabei stützt er sich in hohem Maße auf einzelne prominente Ansätze aus der Protestforschung: Ressourcenmobilisierungstheorien, die vor allem die Bündelung von Ressourcen in den Mittelpunkt stellten; Framing-Theorien, die sich mit der Konstruktion von kollektiven Gemeinsamkeiten und der Herstellung öffentlicher Resonanz beschäftigten; Theorien sozialer Gelegenheitsstrukturen, denen es um die Frage gehe, welche Umweltbedingungen sich auf das Zustandekommen von Protesten förderlich beziehungsweise hinderlich auswirkten (S. 122).

In Kapitel sechs (S. 175 ff.) verschiebt sich das Interesse auf die Rolle von sozialen Bewegungen als „Produzenten“ der Moderne. Im Mittelpunkt steht dabei die Bewältigung der Modernisierungsfolgen. Das Kapitel geht der Frage nach, inwiefern sich der Beitrag sozialer Bewegungen von denen der anderen Teilsysteme unterscheidet. Im ersten Teil geht es dabei um die Art und Weise, wie die Teilsysteme gesellschaftliche Probleme beobachten und bearbeiten. Im zweiten Teil ist der Focus auf die Art gerichtet, in der soziale Bewegungen dies tun. Kern kommt hier zu dem Befund, dass ihre besondere Stärke darin besteht, dass sie die Betroffenheit der Individuen gegenüber den gesellschaftlichen Teilsystemen thematisieren. Der dritte Teil des Kapitels ist der Frage gewidmet, inwiefern Protestbewegungen einen konstruktiven Beitrag zu Lernprozessen im Umgang mit zunehmend steigender Komplexität leisten können.

In Kapitel sieben (S. 189 ff.) steht die modernisierungstheoretische Interpretation von sozialen Bewegungen nach den neuen sozialen Bewegungen im Mittelpunkt. Mit dem Globalisierungsschub in den 1990er Jahren habe sich die Ausgangslage grundlegend verändert: „Der weltweit zunehmende Fundamentalismus und die unerwartete Renaissance religiöser, nationalistischer und ethnischer Bewegungen fügen sich nicht in das postmaterialistische und emanzipatorische Profil der neuen sozialen Bewegungen ein (S. 190). Der Modus der Berücksichtigung individueller Ansprüche habe sich mit der Globalisierung grundlegend verändert, als Konsequenz bildeten sich neue Konfliktlinien (S. 192). Im Prozess der Globalisierung würden somit vermehrt Gelegenheiten für neue Bewegungen entstehen, die ihre Ansprüche aus ihrer kollektiven Verschiedenheit ableiteten (S. 196). Der Kampf um soziale Selbstbestimmung sei in ein neues historisches Stadium eingetreten, der Schlüssel zur Verteidigung individueller Handlungsautonomie liege somit entscheidend in der Demokratisierung der Differenzierungsfrage. Im Anschluss an Touraine fordert Kern daher „neue“ neue soziale Bewegungen, „die auf das Ziel einer Demokratisierung der Weltgesellschaft hinarbeiten“ (S. 199).

Fazit

Die Stärke des Buches besteht zweifelsohne in seinem problemorientierten Zuschnitt: die Schattenseiten der Moderne und die sich daran knüpfenden Konfliktlinien werden systematisch entfaltet. Die sich anschließende Darstellung einzelner Bewegungen ist dann aber weniger auf die Analyse ihrer Rolle im Modernisierungsprozess ausgerichtet, sondern bleibt weitgehend deskriptiv. Kern kann daher zur Beantwortung seiner eingangs gestellten Frage kaum Substantielles beitragen. Es überrascht daher auch nicht, dass das Fazit ambivalent ausfällt: einerseits stellt er fest, dass soziale Bewegungen bei der Aushandlung zukünftiger Gesellschaftsordnungen weiterhin eine zentrale Rolle spielten, andererseits konzediert er, dass die Erwartungen diesbezüglich niedriger angesetzt werden müssten (S. 200). Abschließend sei noch angemerkt, dass man sich bei einem Buch, dass in einer Lehrbuchreihe erschienen ist, eine breitere Darstellung des Forschungsstands, der Begrifflichkeiten, der Geschichte der Bewegungsforschung, aber auch einzelner Bewegungen gewünscht hätte. Seinem selbstgesetzten Anspruch, einen Einstieg in die Soziologie sozialer Bewegungen zu bieten, wird es zwar nicht ganz gerecht, ungeachtet dessen handelt es sich um eine anregende (modernisierungs)theoretische Diskussion aktueller Entwicklungen im Sektor sozialer Bewegungen.


Rezension von
Prof. Dr. Dieter Rink
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ, Department Stadt- und Umweltsoziologie
Zugleich Honorarprofessor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Mittweida, Fachbereich Soziale Arbeit
Homepage www.ufz.de/index.php?de=1662
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Zitiervorschlag
Dieter Rink. Rezension vom 23.10.2009 zu: Thomas Kern: Soziale Bewegungen. Ursachen, Wirkungen, Mechanismen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-15426-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5631.php, Datum des Zugriffs 18.01.2022.


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