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Rainer Funk: Erich Fromms kleine Lebensschule

Cover Rainer Funk: Erich Fromms kleine Lebensschule. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2007. 192 Seiten. ISBN 978-3-451-05927-8. D: 9,90 EUR, A: 9,20 EUR, CH: 16,50 sFr.

Reihe: Herder Spektrum - 5927.
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Aus der Einleitung

Rainer Funk beginnt das Buch mit den Worten: "Als ich am 1. September 1972 die Klingel zum Apartmenthaus "Casa La Monda" in Muralto bei Locarno drückte und mit dem kleinen Aufzug fünf Stockwerke hochfuhr, hatte ich noch keine Ahnung, dass dieser erste persönliche Kontakt mit Erich Fromm der Beginn einer ganz besonderen Art von "Schule des Lebens" für mich werden sollte. Ich stand am Anfang einer theologisch-ethischen Doktorarbeit und wollte herausfinden, wie Erich Fromm, der sich in seinen Büchern als "Nicht-Theist" bekannte, seine humanistische Ethik begründete, ohne an eine den Menschen und sein Denken transzendierende Größe zu glauben. …" (S. 7)

Autor

Dr. Rainer Funk ist Psychoanalytiker in freier Praxis in Tübingen und Rechte- und Nachlassverwalter von Erich Fromm. Bei diesem war er zwischen 1974 und 1980 Assistent und mit der Ausgabe der Frommschen Werke betraut, die als Erich-Fromm-Gesamtausgabe in zwölf Bänden bei DVA und dtv erschienen sind. Unter dem Titel "Ich und Wir" veröffentlichte Funk 2005 seine Psychoanalyse des postmodernen Menschen (vgl. dazu die Rezension).

Der Ansatz des Buches

In dem vorliegenden Buch legt Funk eine Einführung in das Werk von Erich Fromm vor. Nun gibt es bereits eine Reihe von Einführungen in Leben und Werk von Erich Fromm, die durchwegs sehr kompetent sind. Was rechtfertigt nun eine weitere Einführung?

Hier ist zum einen darauf zu verweisen, dass Rainer Funk sich seit über 35 Jahren intensiv mit dem Werk von Erich Fromm auseinandersetzt und darauf bedacht ist, Fromm und sein Werk authentisch zu präsentieren und seine analytische Sozialpsychologie weiterzuführen. Zum anderen ist es die persönliche Nähe zu Erich Fromm in der Zeit von September 1972 bis zu dessen Tod im März 1980, die ihn in die Lage versetzt, nicht nur das Werk dieses Autors zu rezipieren, sondern mit Blick auf den Menschen dessen Schaffen zu begreifen. Schließlich verdankt Rainer Funk der Begegnung mit Erich Fromm sehr viele Anregungen, die aus dem Buch ersichtlich werden.

In der Kombination dieser drei Momente liegt das Besondere dieser Einführung. Sie ist verständlich, ohne dass Fromms Werk simplifiziert wird. Sie ist aus persönlicher Erfahrung geschrieben, so dass dem Leser Fromm in seiner Menschlichkeit gegenübertritt. Und sie ist davon geprägt, dass Funk in Fromm einem produktiven Menschen begegnet ist, der ihn in seinen Bann gezogen und zu einem Weggefährten hat werden lassen.

Fromm war weder Lehrmeister noch Schulengründer. Menschen, die ihn kannten, teilten mit, er sei im Alter zu einem liebenswerten weisen und einfühlsamen Mann geworden, der mit unbestechlichem Tatsachenblick und desillusionierender Wahrheitsbereitschaft Psychoanalyse und Sozialkritik praktizierte.

Rainer Funk teilt in seinen Beschreibungen dieses Bild und berichtet von seinen Begegnungen mit Erich Fromm, die von Unmittelbarkeit und Direktheit bestimmt waren. Doch war es nicht nur die menschliche Begegnung mit Fromm, sondern zugleich immer auch die darin ermöglichte Selbstbegegnung. Deshalb versteht Funk unter der "direkten" Begegnung nicht nur die Begegnung mit den Gefühlen, Strebungen und Leidenschaften des anderen Menschen, sondern auch die Konfrontation mit dem eigenen Unbewussten, den verborgenen Antriebskräften, Gefühlen und Ängsten. Es ist die "Begegnung mit dem Eigenen im Fremden und dem Fremden im Eigenen" (S. 25).

Im Titel des Buches ist von "Lebensschule" die Rede. Es mag sein, dass diese Wortwahl der verlegerischen "Politik" des Herder-Verlags entspricht. Funk macht jedenfalls sehr differenziert deutlich, wie er die "kleine Lebensschule" verstanden wissen möchte. Aus Sicht des Rezensenten erscheint es missverständlich und vielleicht auch überflüssig, von Lebensschule zu sprechen. Es reicht zu betonen, dass die direkte Begegnung die Selbstkräfte eines Menschen, seine produktiven Kräfte wie Liebe und Vernunft, anregt, ja etwas Heilsames bewirkt. Begegnung setzt eine innere Bereitschaft voraus, sich zu hinterfragen und auszuloten, Mut zu haben, sich mit dem Fremden, Bedrohlichen und wenig Schmeichelhaften in einem selbst zu beschäftigen, sich einzulassen auf die Tiefen und Beschädigungen des eigenen Selbst, um durch diese Selbsterkenntnis fähiger und mutiger zu werden, sich auf die äußere Welt zu beziehen, auf die Menschen wie auf die politischen Herausforderungen der Epoche mit ihren Gefährdungen, um zur gemeinsamen Lebensgestaltung fähig zu werden.

Aufbau

Neben der Einleitung enthält das Buch fünf Kapitel.

Die Einleitung, in der Funk seine direkte Begegnung mit Erich Fromm beschreibt (S. 7-27), und das letzte Kapitel mit Anregungen, wie die Fähigkeiten zur direkten Begegnung gestärkt werden können (S. 151-178), sind der Rahmen des Buches. In Bezug auf diese knapp 50 Seiten ließe sich von "kleiner Lebensschule" sprechen, wenn man diesen Begriff nun doch gebrauchen will. Inhaltlich sind alle Kapitel gelungen und repräsentieren Wesentliches aus der persönlichen Erfahrungsperspektive, ohne die kein abgerundetes Bild des Menschen und Wissenschaftlers Erich Fromm entstünde. Aber das Buch enthält weitere Kapitel, die zwar mit der Fähigkeit Fromms zur direkten Begegnung zusammenhängen, die aber nicht in die Richtung von Therapie und Selbstanalyse gehen, sondern den von ihm geschaffenen Ansatz repräsentieren: die analytische Sozialpsychologie. In diesen verbleibenden vier Kapiteln wird dieser Ansatz auf eine hervorragende Weise dargelegt: verständlich, differenziert und verbunden mit einer Haltung der Begegnung.

Leserkreis

An dieser Stelle kann bereits versucht werden, den Kreis interessierter Leser zu bestimmen. Es ist bekannt, dass der Herder-Verlag teils Erbauliches und Sinnorientierendes in seinem Programm anbietet und einen eigenen Leserkreis mit seinem Buchprogramm erreicht. Zudem verlegt er mehrere von Funk herausgegebene Taschenbücher mit Fromm-Texten. Aus der Sicht des Rezensenten reicht das potentielle Leserspektrum des rezensierten Buches jedoch über diesen Leserkreis hinaus. Es umfasst den Alltagsmenschen, der sich für Gedanken Fromms interessiert, und schließt besonders die Angehörigen sozial helfender Berufe mit ein, die an ihren reflexiven und sozialen Kompetenzen arbeiten wollen. Lehrer, Sozialarbeiter, Ärzte, Wissenschaftler wie auch andere Berufsgruppen sind nicht zuletzt auch beruflich veranlasst, ihre Fähigkeit zur begreifenden Erkenntnis von Beziehungszusammenhängen, gesellschaftlichen Verhältnissen und nicht zuletzt der eigenen Subjektivität zu steigern und sich auf Menschen so zu beziehen, dass diese auf der Grundlage einer Haltung der Begegnung in ihrem Subjektsein angenommen werden. Hier eröffnet sich mit der analytischen Sozialpsychologie ein Zugang zum Menschen und der Gesellschaft, die in ihrer Zusammengehörigkeit wie die zwei Seiten einer Medaille sich betrachten lassen. Mit dieser auf Psychoanalyse und Marxismus zurückgehenden analytischen Sozialpsychologie, die sozialkritische und ethische Dimensionen einschließt, ist ein wichtiger Schlüssel für reflexive Selbstkompetenz, Interaktionskompetenz und professionelle Fachkompetenz gegeben, mit der immer auch die Forderung verbunden ist, menschliches Handeln als das Handeln von Subjekten in einem epochalen, lebensweltlichen und situationalen Kontext zu begreifen, der zwar nicht beliebig wählbar und veränderbar, aber doch auf der Grundlage menschlicher Begegnung gestaltbar ist.

Die analytische Sozialpsychologie

Nachdem Erich Fromm in den 1920er Jahren eine Ausbildung zum Psychoanalytiker absolviert hatte, gehörte er seit 1929 für ein Jahrzehnt zum Institut für Sozialforschung, das unter Max Horkheimer als seinem Direktor später als Frankfurter Schule bekannt geworden ist. Hier kam Fromm die Aufgabe zu, mit seiner analytischen Sozialpsychologie zu einer "Theorie des Verlaufs der Epoche" beizutragen und in der Integration von Psychoanalyse und Marxismus das Verhältnis von Mensch und Gesellschaft neu zu bestimmen. Der autoritäre oder sadomasochistische Charakter ging als psychoanalytisch-soziologisches Konzept aus dieser Theoriebildung hervor. Nach der Trennung vom Institut widmete Fromm sich der Weiterentwicklung seiner Charaktertheorie und formulierte sein Konzept des "social character" (deutsch: Sozialcharakter oder Gesellschaftscharakter). Wichtige Veröffentlichungen waren diesbezüglich u.a. 1941: "Escape from Freedom" (deutsch: "Die Furcht vor der Freiheit") und 1955: "The Sane Society" (deutsch: "Wege aus einer kranken Gesellschaft").

Psychoanalyse als Zugang zum Unbewussten

In dem Kapitel "Unser Unbewusstes ist der ganze Mensch" (S. 28-57) ist es zunächst interessant zu erfahren, wie Fromm zur Psychoanalyse gekommen ist, welche Fragen ihn bewegten und welche Rolle dabei Frieda Reichmann spielte, die er 1926 heiratete. Rainer Funk versteht es, Begebenheiten aus Fromms Leben mit seinen theoretischen Einsichten zu verbinden und dabei die psychoanalytischen Grundlagen seines Wirkens als Therapeut darzustellen. In dichter aber dennoch verständlicher Form erhält der Leser eine Einführung in die begrifflichen und methodischen Grundlagen der Psychoanalyse. Erläutert werden unter anderem Grundbegriffe der Psychoanalyse wie Übertragung, Verdrängung, Widerstand, Rationalisierung, Unbewusstes, Verhalten und Charakter, Abwehrstrategien. Auf eine anschauliche und verständliche Art, teils unter Bezugnahme auf das Beispiel eines schlagenden sadistischen Vaters, macht Funk die Psychodynamik des autoritären Charakters deutlich.

Gefragt wird auch, welche Zugänge wir zum Unbewussten finden können, indem wir uns unserer Fehlleistungen und Träume, und in einer psychoanalytischen Therapie unserer Übertragungen gewahr werden.

Auch Vorschläge Fromms zur Erweiterung der Psychoanalyse als therapeutische Methode sind zu finden, ebenso werden alltägliche Fehlleistungen dargestellt, die Kunde von unbewussten Prozessen geben. So stellt Rainer Funk die folgende Begebenheit dar, die Fromm gern als Beispiel erzählte: "Vor einiger Zeit besuchte mich ein Kollege, und ich wusste, dass er mich nicht besonders mochte. Ich war sogar ein wenig erstaunt, dass er zu mir kommen wollte. Er klingelt, ich öffne die Tür, er reicht mir die Hand und sagt fröhlich "Auf Wiedersehen!" - Das heißt doch: Unbewusst wollte er schon wieder gegangen sein. Er hatte diesem Besuch nicht mit Freude entgegengesehen, und das kam zur Sprache, indem er "Auf Wiedersehen" sagte statt "Guten Tag"." (S. 50f.)

Die erste wesentliche Grunderkenntnis ist mit der psychoanalytischen Lehre vom Unbewussten gegeben. Der Mensch bildet Strebungen aus, deren Dynamik er oft nicht erkennt, aber - Bereitschaft und Bemühen vorausgesetzt - prinzipiell hinterfragen und aufklären kann. Die Hintergründe sind lebensgeschichtlicher Art, jedoch ist die Lebensgeschichte eines jeden Menschen mit der epochalen Situation verknüpft, mit der ein bestimmter Entwurf des Menschen verbunden ist, der mit seinen Voraussetzungen und Implikationen den wenigsten Menschen bewusst ist. Fromm hat hier nicht nur vom persönlichen Unbewussten gesprochen, sondern auch von gesellschaftlichen "Filtern", die die Bewusstwerdung des gesellschaftlichen Seins der Menschen verhindern (vgl. S. 80f.).

Im Verständnis von Fromm ist das Unbewusste jedoch nicht nur das Verdrängte, sondern auch ein Reservoir von Kräften, die den universalen Menschen repräsentieren und menschliches Wachstum ermöglichen.

Das vergesellschaftete Individuum zwischen Zwang und Freiheit

Ausgangspunkt des zweiten Kapitels (S. 58-83) ist die von Fromm formulierte Position, dass "das Individuum … nur als vergesellschaftetes leben (kann)". Die Einflüsse, die Fromm zu seinem Verständnis des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft geführt haben, waren vielfältig. Hier sind die seines Studiums und seines Doktorvaters Alfred Weber zu nennen, aber auch Einflüsse von Talmudgelehrten wie Salman Baruch Rabinkow, bei dem Fromm in den Talmud eingeführt wurde. Rainer Funk berichtet von einer Begebenheit, die er in einem Beitrag von Nahum Goldman gefunden hat und die die Idee der individuellen Freiheit verdeutlicht. Rabinkow, selbst kein Bartträger, soll von einem orthodoxen Juden, der das Tragen eines Bartes als jüdische Mannespflicht ansah, bezüglich seiner Bartlosigkeit in Frage gestellt worden sein. Darauf konterte Rabinkow auf seine humorvolle Art: "Nehmen wir an, mein Leben geht zu Ende und ich bin ohne Bart. Wenn ich sterbe und in der nächsten und besseren Welt vor Gottes Thron komme, ist das Schlimmste, was mir passieren kann, dass Er zu mir sagt: "Jude Rabinkow, wo ist Dein Bart?" Ich werde ihm dann antworten müssen: "Herr, hier ist ein Jude ohne Bart." Aber wenn Du vor Gott erscheinst, wird er Dich fragen: " Bart, wo ist Dein Jude?" (S. 62) - Rainer Funk kommentiert diese Begebenheit: "Die von Rabinkow vorgelebte Freiheit stellte Fromms bisherige Praxis, seine individuellen Interessen von den Erwartungen der Religion der Väter her zu definieren, grundsätzlich in Frage." (ebd.)

Für Fromm gibt es kein von der Gesellschaft und den anderen Menschen getrenntes Individuum, dieses ist immer nur als vergesellschaftetes denkbar. Deshalb muss Freiheit im gegebenen gesellschaftlichen Bezugsrahmen errungen werden. Biografisch stand bei Fromm die Frage im Vordergrund, wie ein Mensch, der der Welt gegenübersteht, eine freiheitliche Beziehung im Sinne der Zugehörigkeit zu dieser finden kann. Wie kann der Mensch nicht nur den Anforderungen der Gesellschaft entsprechen, sondern zugleich seine Individualität und Besonderheit bewahren? Statt von einem bloßen Gegenüber von Mensch und Gesellschaft auszugehen, entwickelte Fromm hier eine differenziertere Position. Er erklärte die Charakterstruktur, zum Beispiel die Formung des autoritären Charakters, nicht aus dem Erziehungsverhalten der Eltern, sondern aus der von ökonomischen Anforderungen bestimmten Lebenspraxis der Menschen. In psychoanalytischer Perspektive waren es dann auch keine in der Physiologie verankerten Triebe, sondern die gesellschaftlichen Lebensprozesse, aus denen heraus die psychische Struktur der Menschen einer Epoche zu verstehen ist. So gesehen sind es nicht Triebschicksale, sondern gesellschaftlich typische Umweltkonstellationen, die gehäuft zu spezifischen Charakterstrukturen führen, die Fromm folgerichtig als Orientierungen des Gesellschaftscharakters beschreibt. Entsprechend lässt sich die Entwicklung der Triebe nicht libidotheoretisch als Sublimierungen oder Reaktionsbildungen fassen, sondern es sind die sozialen Konstellationen und Beziehungsformen, die die Entwicklung bedingen. Damit hat Fromm eine triebtheoretische Sicht des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft hinter sich gelassen und einen auf soziale Strukturen gründenden Erklärungsansatz ermöglicht.

Dieser Perspektivenwechsel veranlasste Fromm, nach den Mustern der Bezogenheit zu forschen, die von den Eltern oder anderen Bezugspersonen als Repräsentanten der Gesellschaft an das Kind herangetragen werden und sich über die Beziehungsformen im Charakter niederschlagen.

Von Freud hatte Fromm das dynamische Charakterkonzept übernommen, dessen biophysiologische Triebbasis jedoch durch die Dynamik von leidenschaftlichen Strebungen und Beziehungen ersetzt wurde, die in der Lebenspraxis einer Gesellschaft oder gesellschaftlichen Bezugsgruppe gründen. Von hier war es nicht weit zu einer Neufassung des Charakters als Individualcharakter und Sozialcharakter (Gesellschaftscharakter).

In Anlehnung an Erich Fromm unterscheidet Rainer Funk zwischen Charakterzug und Charakterorientierung. Der Gesellschaftscharakter ist als die für eine gesellschaftliche Gruppe typische Lebensweise und Erfahrungsstruktur zu beschreiben, die von den meisten Mitgliedern dieser Bezugsgruppe - trotz deutlicher Unterschiede in ihrem Individualcharakter - geteilt werden. Die für Arbeit, Zusammenwirken und Zusammenleben der betreffenden Menschen notwendigen Strebungen, Präferenzen, Haltungen und Orientierungen schlagen sich in der Charakterstruktur nieder; bestimmte Charakterzüge verbinden sich zu einer gesellschaftlich typischen Charakterorientierung, die ein gesellschaftlich angepasstes Verhalten ermöglicht, das erwünscht ist, weil es entscheidend zum Funktionieren einer gegebenen Gesellschaft beiträgt. In einer autoritären Gesellschaft soll sich der Einzelne - ohne einen Zwang zu spüren - der Obrigkeit, einem Führer oder Vorgesetzten unterwerfen und heteronomen Gehorsam praktizieren. In einer Konsumgesellschaft sollen die Menschen gern und ausgiebig sich dem Konsum hingeben. Funk fasst zusammen: "Die Erforschung der Gesellschafts-Charakterorientierungen und ihrer Psychodynamik dient Fromm nur dazu, genauer zu erkennen, was eine bestimmte Wirtschaft und Gesellschaft zu ihrem eigenen Gelingen braucht. Fromm hat gleichzeitig sehr wohl eine Vorstellung von dem, was den Menschen gelingen lässt. …" (S. 82).

Seelische Gesundheit und menschliches Wachstum

Im nächsten Kapitel (S. 84-108) geht Funk der Frage nach, "was den Menschen gelingen lässt". Als idealen und positiven Grenzfall stellte sich Fromm eine Gesellschaft vor, die mit ihren Orientierungen des Gesellschaftscharakters nicht nur ihre Struktur sichert und ihre Weiterentwicklung fördert, sondern auch das persönliche Wachstum der Menschen unterstützt. Auch hier richtet Funk den Blick wieder auf Erich Fromm, seine Lebens- und Beziehungsgeschichte, insbesondere auf die Potentiale der Liebe und Vernunft, wie sie bei Fromm im Laufe seines Lebens angeregt wurden und sich entfaltet haben. Obwohl Funk mit dieser Darstellung auf der Ebene des Individualcharakters bleibt, weist die Vorstellung, die Fromm von menschlicher Bezogenheit und Produktivität, Liebe, Gesundheit und Vernunft ausgebildet hat, über seine Lebensgeschichte hinaus. Fromm ging es nicht um die Anpassung des Menschen an die Funktionserfordernisse der jeweiligen Gesellschaft, sondern im Gegenteil darum, dass sich die gesellschaftliche Entwicklung an der Entfaltung und dem Wohlergehen der Menschen orientiert. Von Seiten der Gesellschaft muss den Menschen ein adäquater Rahmen für die Befriedigung seiner physiologischen Bedürfnisse (wie Nahrung, Schlaf, Sexualität), aber auch für die der psychischen Bedürfnisse (nach Bezogenheit, Verwurzelung, Transzendenz, Identitätserleben, einem Rahmen der Orientierung und einem Objekt der Hingabe) vorgeben werden, der es den Menschen ermöglicht, produktive Weisen der Bedürfnisbefriedigung zu entwickeln, die die eigenen Wachstumstendenzen unterstützen und damit produktive Charakterorientierungen hervorbringen und stärken. Was mit Fromm unter den menschlichen Potentialen, Eigenkräften, unter Produktivität, Liebe und Vernunft, zu verstehen ist, wird von Funk ausführlich dargelegt. So schreibt er unter anderem: "Der Mensch hat die Möglichkeit, sein Leben mit Hilfe fremder, ihm nicht zugehörender Kräfte zu gestalten und also fremdbestimmt seine körperlichen, geistigen und psychischen Bedürfnisse zu befriedigen. Statt zu Fuß zu gehen, kann er Auto fahren; statt sich selbst Gedanken zu machen, kann er einen Ratgeber zu Hilfe ziehen. Statt seine handwerklichen Fähigkeiten zu üben, kann er das Gewünschte kaufen; statt sein Leben selbst zu verantworten und zu gestalten, kann er sich an den Erwartungen der Eltern orientieren oder an den Angeboten der Eventkultur; statt selbst zu lieben, kann er geliebt werden wollen. Der Mensch hat aber auch die Möglichkeit, seine eigenen Kräfte zu gebrauchen. Tut er dies, dann beobachtet er, dass diese mehr und stärker werden, also wachsen. Gebraucht er hingegen für den Vollzug des Lebens fremde Kräfte, dann macht er die Erfahrung, dass er diese aufbraucht. Und er spürt gleichzeitig, dass der Gebrauch fremder Kräfte statt der eigenen die eigenen Kräfte weniger werden lässt." (S. 95f.)

Das Leiden an der Gesellschaft

Unter der Überschrift "Was die Gesellschaft auf Kosten des Menschen gelingen lässt" widmet sich Funk als nächstes der Problematik, dass die Gesellschaft und Wirtschaft auf Kosten des Menschen funktioniert und dem Wohlsein nicht dienlich ist. Auch Fromm hatte nicht verkannt, dass die Gesellschaft zu seinen Lebzeiten keine überwiegend förderlichen Bedingungen für die Entwicklung menschlicher Produktivität beinhaltete. Im Gegenteil, er hatte die Brutalität des Nationalsozialismus auch in Bezug auf seine Verwandten erfahren, von denen viele in den Konzentrationslagern ermordet wurden. Seine Versuche, nach der Emigration 1934 in die USA von dort aus Verwandte finanziell zu unterstützen und zu retten, waren nur teilweise erfolgreich.

Wenn Fromm über den Nationalsozialismus schrieb, so in seinem 1941 veröffentlichten Werk "Escape from Freedom" (deutsch: "Die Furcht vor der Freiheit"), waren ihm der Massenmord in den Konzentrationslagern und die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges sehr wohl bewusst. Fromm suchte nicht zuletzt nach einer psychoanalytischen Erklärung, wie solche unfassbaren und schockierenden Ereignisse möglich werden. In der Analyse des Gesellschaftscharakters, aber auch anhand von Fallstudien etwa zu Hitler und Stalin, fand er einen Zugang zur Erklärung dieser epochalen Ereignisse.

Die Aufarbeitung der größenwahnsinnigen und menschenverachtenden Tötungs- und Kriegsmaschinerie des nationalsozialistischen Deutschlands wurde von Erich Fromm zunächst in gesellschaftscharakterologischer Hinsicht geleistet, im Rückgriff auf den autoritären oder - wie ihn Fromm auch bezeichnete - sadomasochistischen Charakter und später dann mit der nekrophilen Charakterorientierung. Hier ist auch sein praktisch-politisches Engagement für eine humane sozialistische Gesellschaft als wichtiger Teil seines Bewältigungsversuches zu erkennen, den er mit seinem Engagement für Frieden und Abrüstung verband. Seine Gesellschaftskritik wandte sich gegen die Tendenz eines "Faschismus mit lächelndem Gesicht", gegen die gesellschaftlichen Destruktionskräfte in Technokratie, Megamaschine und Konsumismus. Er setzte sich für eine "seelisch gesunde" Gesellschaft ("sane society") und damit für die produktive Wachstumstendenz im Menschen ein.

Rainer Funk stellt auf über 30 Seiten mehrere Gesellschaftscharaktere dar: den autoritären Charakter, die Marketing-Orientierung und die Ich-Orientierung. Mit dieser ausführlichen Darstellung ist das Interesse verbunden, sowohl die gesellschaftliche Funktionalität der jeweiligen Orientierung darzustellen als auch das für sie typische Selbsterleben und den "Umgang mit sich selbst".

Der "autoritäre Charakter" wird heute manchmal als eine Art Auslaufmodell beschrieben, ist aber nach wie vor als Charakterorientierung in Wirtschaft, Politik, Justiz, Kirche und Medizin sowie in extremistischen Gruppen verbreitet. Ihn gibt es, wie auch die anderen Charakterorientierungen, in einer aktiven und passiven Tendenz, die je nach Situation abwechselnd auftreten können. Die aktive ist beherrschend und überwältigend, die passive ist unterworfen und gehorsam. Aus den differenzierten Beschreibungen von Funk sei hier lediglich die Psychodynamik dieser autoritären Orientierung des Gesellschaftscharakters herausgegriffen: "Der Unterwürfige entledigt sich auf Druck des Herrschenden dadurch jener autonomen Eigenkräfte, die ihn selbst kompetent, wissend, stark, eigenständig, frei sein lassen, dass er sie auf die Autorität projiziert. Diese ist nun mächtig, weise, erhaben, stark, fürsorglich, wohlwollend, gnädig usw. Dadurch, dass er sich gleichzeitig der Autorität unterwirft, um mit ihr symbiotisch verbunden zu sein, gelingt es ihm, an seinen auf die Autorität projizierten Eigenkräften sekundär wieder Anteil zu bekommen. …" (S. 120).

Im Unterschied zur autoritären Orientierung geht es bei der "Marketing-Orientierung" nicht in erster Linie um die Herrschafts- und Unterwerfungsthematik, sondern um die Verkäuflichkeit der eigenen Person und der eigenen Fähigkeiten. Auf dem Personalmarkt wird über die Marktfähigkeit der Personen entschieden, und entsprechend sind diese Charaktere darauf ausgerichtet, ein vorteilhaftes Erscheinungsbild bei den anderen zu hinterlassen. Die psychische Dynamik dieser Orientierung beinhaltet insofern eine Gemeinsamkeit mit der autoritären Orientierung, als sich beide am Gegenüber orientieren, jedoch mit einem wesentlichen Unterschied: "Bei der Marketing-Orientierung ist dieses jedoch keine autoritäre Person oder Institution, sondern die anonyme und sich permanent verändernde Autorität des Marktes. Ihr kann man sich nicht unterwerfen. Mit ihr kann man auch keine beständige emotionale Bindung aufbauen. Wer etwas oder sich verkaufen will, der kann nur hellwach sein für die Trends, die der Markt gerade zeigt, und seine Produkte bzw. seine Persönlichkeit ganz an den Wünschen des Marktes ausrichten. …" (S. 129).

Die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte haben eine weitere Charakterorientierung mit sich gebracht, die Funk als "Ich-Orientierung" bezeichnet. Sie ist im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen von der Moderne zur Postmoderne entstanden und entspricht einer veränderten Wirtschaft, die zunehmend den Konsumenten "inszenierte Erlebniswelten" anbietet. "Der Endpunkt einer solchen Entwicklung ist eine Welt, in der praktisch jede Aktivität zum inszenierten und angeeigneten Erlebnis wird. Das Leben selbst wird zur Ware. Die Kommunikations- und Kulturindustrie stellt es für uns her, und wir kaufen ihr das Leben, die Erlebnisse und die Gefühle ab, indem wir für den Zugang zu den angebotenen Erlebniswelten zahlen." (S. 141).

In Bezug auf die Psychodynamik dieser Ich-Orientierung, die auf einer strukturellen Ich-Schwäche beruht, merkt Funk an, dass sich das Ich zwar als geradezu allmächtig inszeniert, damit aber versucht, "den Mangel an Beziehung zu inneren psychischen Strukturen und Antriebskräften, das heißt zu Eigenkräften", zu kompensieren (S. 147). "Nicht mehr der Mensch mit seinen in ihm liegenden Kräften steuert, sondern der Mensch und seine sozialen Gebilde werden von "gemachten" Instrumenten und deren intrinsischem Vermögen gesteuert." (S. 147). Ergebnis ist eine zunehmende Abhängigkeit von "gemachtem" Vermögen, also digitalen, technischen und elektronischen Geräten und Medien, die weitgehend primäre eigene Fähigkeiten, das "menschliche" Vermögen, verkümmern lassen (vgl. S. 142). Denkt man diesen Trend konsequent weiter, so würde sich das Lernen auf den Erwerb von Know-how und die "Kunst des Lebens" auf das "Finden und Verstehen von Gebrauchsanleitungen reduzieren" (S. 143). Mit seiner Begriffswahl erinnert Funk implizit auch daran, dass die Semantik des Begriffs "Vermögen", die in unserer Gesellschaft fast ausschließlich mit Besitz und Geld in Verbindung gebracht wird, ursprünglich Selbstwirksamkeit, also kompetentes Können und produktive Aktivität, meint.

Die Orientierungen des Gesellschaftscharakters, von denen hier die wichtigsten angeführt wurden, stehen im Zentrum der Frommschen Sozialpsychologie. Bei den Menschen, deren Gesellschaftscharakter wie dargestellt orientiert ist, sieht Funk Defizite in der Autonomie, der Identitätsbildung und dem Ich-Erleben, aber auch Möglichkeiten, die produktiven Kräfte zu stärken (vgl. S. 123f., 134f, 148f.). Dieser Gedanke wird in einem das Buch beschließenden Kapitel (S. 151-178) weiter entfaltet.

Diskussion

Das Buch ist eine kompetente und verständliche, ja geradezu spannend zu lesende Einführung in das Werk Erich Fromms. Besonderheit ist die Verbindung der inhaltlichen Darstellung seines Werks mit biografischen Hintergründen und Details. Diese machen manche Richtung, in die sich das Denken Fromms entwickelt hat, erst fassbar. Fromm hatte in einem Interview einmal hervorgehoben, dass ihm abstraktes, der Erfahrung enthobenes Denken fremd ist. Was liegt näher, als bei einer anspruchsvollen Einführung in sein Denken auf genau diese erfahrungsfremden Abstraktionen zu verzichten und die Leser bei der Suche nach ihrer Identität und Autonomie durch eine Form der Darstellung zu unterstützen, die Bezogenheit zu dem Menschen Fromm möglich macht.

Als Konkretisierung des autoritären Charakters gebraucht Funk einen Vater, der sein Kind schlägt. Hier wird im Fortgang mehrerer Kapitel das Beispiel immer wieder neu aufgegriffen und weitergeführt. Auch andere alltägliche Beispiele vermitteln dem Leser anschaulich den Gehalt der analytischen Sozialpsychologie Erich Fromms als einen aktuellen Zugang zum eigenen Menschsein und den gesellschaftlichen Kontexten, die den strukturellen Hintergrund für die menschliche Entwicklung bilden, im Handeln der Menschen aber immer wieder bestätigt und mit kleinen oder größeren Veränderungen neu hervorgebracht werden.

Fazit

Das Buch lässt sich lesen als eine Einführung in das Leben und Werk von Erich Fromm, in die Psychoanalyse als Therapieverfahren und sozialwissenschaftliche Theorie, in die Grundlagen einer radikalen und desillusionierenden Gesellschaftskritik, die heute vorherrschende Typen des Sozialcharakters einschließt. Es kann die persönliche Selbstreflexion mit dem Nachdenken über eigene Potentiale und Bezogenheitsmuster anregen und lässt sich nicht zuletzt als ein Beitrag zu den sozialen und fachlichen Kompetenzen von Sozialarbeitern, Pädagogen, Psychologen und anderen sozialen Berufsgruppen rezipieren.


Rezension von
Prof. Dr. Burkhard Bierhoff
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Zitiervorschlag
Burkhard Bierhoff. Rezension vom 03.01.2008 zu: Rainer Funk: Erich Fromms kleine Lebensschule. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2007. ISBN 978-3-451-05927-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5647.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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