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Margret Gröne: Wie lasse ich meine Bulimie verhungern?

Cover Margret Gröne: Wie lasse ich meine Bulimie verhungern? Ein systemischer Ansatz zur Beschreibung und Behandlung der Bulimie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2007. 5. Auflage. 287 Seiten. ISBN 978-3-89670-582-2. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 44,00 sFr.

Reihe: Systemische Therapie.
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Autorin und Thema

Prof. Dr. Margret Gröne ist Professorin für Gesundheitsförderung an der Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst, Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen. Daneben ist sie als Therapeutin in freier Praxis und als Lehrtherapeutin und Lehrsupervisorin am Niedersächsischen Institut für systemische Therapie und Beratung in Hannover tätig.

Die Autorin betont schon in der Vorbemerkung, wie essentiell Ressorcenorientierung und Wertschätzung in der therapeutischen Arbeit mit bulimischen Frauen sind, was nicht selbstverständlich ist in der Essstörungsliteratur, wenn man beispielsweise im Vergleich dazu so manche psychoanalytischen Texte liest. Schon allein aus diesem Grund lädt dieses Buch, das als Dissertation aus einem Forschungsprojekt entstanden ist und mittlerweile in fünfter Auflage verlegt wurde, zum Lesen ein.

Aufbau und Inhalt

  1. Das erste Kapitel, welches Bulimia nervosa definiert und sich mit Symptomatik sowie Epidemiologie dieser Erkrankung befasst, beginnt mit einem kurzen, exemplarischen Dialog zwischen Therapeutin und Klientin in einem Erstgespräch. Dieses Kapitel ist ansonsten recht knapp gehalten, was durchaus erfrischend ist, zumal die meisten Leserinnen und Leser ohnehin wissen werden, was Bulimie ist, welche Symptomatik genau damit verbunden ist und welche schwerwiegenden körperlichen Folgen diese Erkrankung haben kann.
  2. Im zweiten Kapitel werden die Grundlagen der systemisch-konstruktivistischen Therapie allgemein und in Bezug auf die Behandlung von Bulimie erläutert. Das Unterkapitel Gesellschaftliche und soziokulturelle Aspekte der Bulimie beschäftigt sich damit, wie nach Meinung der Autorin die in den letzten Jahrzehnten sich verändert habenden sozialen Konstruktionen von Weiblichkeit und die erhöhte Prävalenz von Essstörungen in Zusammenhang stehen. Sie zitiert auch feministische Autorinnen wie Susie Orbach und fasst zusammen, dass die gegenwärtige Situation junger Frauen durch ein typisches "double-bind" gekennzeichnet sei: Man würde von Frauen erwarten, dass sie den gängigen, traditionellen Rollenbildern entsprechen. Frauen sollen selbstlos und rücksichtsvoll sein und ihre Interessen den Interessen Anderer unterordnen. Gleichzeitig sollen sie erfolgreich sein, in einer knallharten Berufs- und Lebenswelt, in der Rücksichtslosigkeit und Durchsetzungsfähigkeit erst das Fortkommen ermöglichen. Margret Gröne selbst ist keine feministische Autorin, sie bezieht aber die Überlegungen feministischer Autorinnen in ihre therapeutische Arbeit ein, was für ihre Klientinnen sicher wichtig und hilfreich ist.
  3. Im drittel Kapitel wird die systemisch-konstruktivistische Betrachtungsweise in Bezug auf Bulimie näher erläutert. Es beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen bulimischer Symptomatik und der Art und Weise, nach welchen Prämissen, Glaubenssätzen und Modellen Frauen ihre Wirklichkeit konstruieren. Besonders das Unterkapitel mit dem Titel "Die Idee, dass Vernunft immer vernünftig sei – oder: Die Geschichte von der Unvernunft der Vernunft"ist wohl eines der Schlüsselkapitel dieses Buches.
  4. Das vierte Kapitel ist der umfangreichste Teil des Buches und behandelt ausführlich die systemisch-konstruktivistischen Therapie der Bulimie. Es enthält eindrucksvolle und teilweise auch berührende Ausschnitte aus Therapiegesprächen, die nicht nur für systemisch arbeitende Therapeutinnen und Therapeuten sondern auch für Fachleute aus anderen therapeutischen Richtungen sowie für Betroffene und deren Angehörige interessant sein werden. Besonders hervorzuheben sind die Unterkapitel "Positive Zielformulierung – oder: Was muss ich mir bieten, damit die Bulimie geht?" und "Die Suche nach Ausnahmen – oder: Alle Fähigkeiten und Ressourcen sind schon vorhanden". Das vierte Kapitel enthält zudem ausführliche technische Hinweise und Erläuterungen für die systemische Arbeit mit Bulimikerinnen, die wohl auch für Vertreterinnen und Vertreter anderer therapeutischer Richtungen informativ und lehrreich sind. Denn es ist ohnehin so, dass viele erfolgreiche Therapeutinnen und Therapeuten mitunter auch Denkweisen und Techniken anderer psychotherapeutischer Richtungen in ihre Arbeit miteinbeziehen, was eine echte Bereicherung sein kann.
  5. In der Schlussbemerkung des Buches fasst Gröne (S. 253) zusammen: "Sobald sich die Frauen erlauben, ihren eigenen Weg zu gehen, ihren Hunger nach eigenem Leben und Lebendigkeit zu stillen, geht auch der Heißhunger." Ein Mut machendes Schlusswort.

Fazit

Ein sehr gutes, praxisnahes und leserInnenfreundlich geschriebenes Buch über systemisch-konstruktivistische Erklärungsmodelle und Therapieansätze für Bulimie, das die Betroffenen wertschätzt und von Empathiefähigkeit der Autorin zeugt. Die Beispiele aus den Therapiegesprächen sind sicher auch für Betroffene und deren Angehörige lesenswert. Vor allem aber ist der Text für (angehende) Therapeutinnen und Therapeuten, die mit bulimischen Frauen arbeiten oder sich in Ausbildung dazu befinden, technisch interessant und lehrreich – und das nicht nur für systemisch arbeitende Fachleute. Ein empfehlenswertes Buch, das sich – im Gegensatz zu so mancher psychoanalytischer Literatur über Essstörungen – auf die Ressourcen der Betroffenen konzentriert und ihnen wertschätzend begegnet. Ein erfrischendes Buch, in Zeiten wie diesen, in denen sich eine Rückwärtsbewegung in der Magersuchtsforschung abzeichnet und es wieder salonfähig geworden ist, Essgestörte als schwer Persönlichkeitsgestörte darzustellen. So gesehen stellt der Text von Margret Gröne beinahe einen Gegenpol zu dieser Rückwärtsbewegung dar. Es wird klar, dass die Autorin tatsächlich daran glaubt, dass Gesundung möglich ist: Wohl eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass eine Therapie überhaupt gelingen kann.


Rezensentin
Prof. Dr.phil. Dr.rer.nat. Annemarie Rettenwander
Professorin für Psychologie – Organisationspsychologie, Kommunikationspsychologie und Psychologie der Essstörungen an der Hochschule Niederrhein/ Mönchengladbach
Homepage web.hs-niederrhein.de/oecotrophologie/ueber-den-fac ...


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Zitiervorschlag
Annemarie Rettenwander. Rezension vom 12.04.2008 zu: Margret Gröne: Wie lasse ich meine Bulimie verhungern? Ein systemischer Ansatz zur Beschreibung und Behandlung der Bulimie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2007. 5. Auflage. ISBN 978-3-89670-582-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5655.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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