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Michael Klundt: Von der sozialen zur Generationengerechtigkeit?

Rezensiert von Prof. Dr. Jürgen Boeckh, 03.01.2009

Cover Michael Klundt: Von der sozialen zur Generationengerechtigkeit? ISBN 978-3-531-15665-1

Michael Klundt: Von der sozialen zur Generationengerechtigkeit? Polarisierte Lebenslagen und ihre Deutung in Wissenschaft, Politik und Medien. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 306 Seiten. ISBN 978-3-531-15665-1. 34,90 EUR.

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Thema und Entstehungshintergrund

Die Frage nach der gerechten Verteilung des Wohlstandes einer Gesellschaft zieht sich wie ein roter Faden durch die Sozialpolitik. Dabei zeigt sich, dass das jeweilige Verständnis von Armut und Reichtum in funktionalem Verhältnis zur Wahrnehmung, Skandalisierung und der Formulierung von politischen Strategien gegen Armut und soziale Ausgrenzung steht. Ausgehend von der These, dass seit "Beginn der 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts (…) die Polarisierung zwischen Arm und Reich in der Bundesrepublik wieder zu einem zentralen sozialpolitischen Problem geworden" ist, fragt der Autor danach, welches Bild unsere Gesellschaft von der Verteilungswirklichkeit zeichnet, denn – so seine These – sozialpolitische Diskurse werden nicht nur "von politischen sowie sozioökonomischen Interessen geleitet" (S. 19), die sich daraus ableitenden Deutungsmuster werden wiederum funktional für die Einstellungen, Haltungen und konkreten (sozial-)politischen Lösungsansätze.

Es handelt sich bei dem vorgelegten Band um die Veröffentlichung der Inauguraldissertation mit der der Verfasser an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln promoviert wurde. Die Untersuchung wurde gefördert durch ein Promotionsstipendium der Hans-Böckler-Stiftung.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich in drei inhaltliche Blöcke. Nach einer zusammenfassenden Einleitung zeichnet der Autor in Kapitel 2 kenntnis- und detailreich die Entstehung und Entwicklung der Armuts- und Reichtumsdiskurse in Deutschland nach. Resümierend wird festgehalten, dass sich die Thematisierung von Armut und Reichtum zwischen den Polen "Neid-Gesellschaft" und "Reformulierung des Klassenbegriffs" bewege (S. 49f.). Zugleich hält der Autor fest, dass die Armuts- und Reichtumsdebatte zu Beginn des 21. Jhdts. "vorwiegend in Bezug auf (mangelnde soziale) Gerechtigkeit und den Umbau des Sozialstaates" geführt werde (S. 50).

Im 3. Kapitel referiert der Autor Stand und Richtungen der (Kinder-)Armuts- und Reichtumsforschung. Dabei werden die Ressourcen- und Lebenslageansätze dargestellt. Der Autor hebt vor allem die "Duale Armutsforschung" hervor, die ihm als besonders praktikables Untersuchungsinstrument erscheint. Gemeint sei der Versuch, "fundierte Gesellschaftskritik und anspruchsvolle Empirie" zu verbinden, dabei (Kinder-)Armut und soziale Ausgrenzung in Deutschland auch in Zusammenhang mit "weltmarktdynamischen Prozessen" zu denken. Dieses solle dann wiederum die Situation der dauerhaft abgehängten Gesellschaftsschichten ("underclass der Dauerarbeitslosen, Obdachlosen etc.") sowie der Working poor mit berücksichtigen. Ziel der dualen Armutsforschung sei es, "sozialpolitische Handlungsperspektiven auf der Basis des Lebenslagenansatzes [zu] entwerfen und gleichzeitig subjektorientierte Handlungsansätze mittels ihres Lebensweltkonzeptes aufzuzeigen." (S. 81) Die Quintessenz dieses analytischen Zugangs formuliert sich für den Autor im Rückgriff auf ein Zitat des Ökonomen Dierk Hirschel darin, "(…) dass es sich beim Kapitalismus um ein Gesellschaftssystem handelt, welches aus sich heraus Ungleichheit produziert." (S. 122) Insofern müsse es aus sozialpolitischer Sicht besonders interessieren, wenn der Diskurs über (mehr) Verteilungsgerechtigkeit an Bedeutung verliere, die "alte soziale Frage" mithin als beantwortet gelte und "durch neue demografie-, generationen-, nachhaltigkeits- und familienpolitische Konfliktlinien ersetzt" werde (S. 147).

Im 4. Kapitel setzt sich der Autor schließlich mit der Rolle von (Kinder-)Armut und Reichtum  in generationen- und familienpolitischen Deutungsmustern auseinander. Der Autor spürt dabei der Entstehung und Entwicklung des Begriffs der "Generationengerechtigkeit" nach (S. 150ff.) und stellt sich die Frage inwieweit die Diskussion über die finanzielle und rentenpolitische Nachhaltigkeit letztlich als "Vorwand für mehr soziale Ungerechtigkeit" herhalten müssen (S. 225ff.) In diesem Kontext thematisiert er auch die Frage der "Generationenungerechtigkeit" ("Sind die Jungen arm, weil die Alten reich sind?", S. 192ff.) sowie den Zusammenhang von Kindern und familiärer Armut (S. 243ff.).

In seiner Gesamtbilanz hält der Autor fest, dass die Debatten über (Kinder-)Armut und Reichtum "von einem ständigen Wechsel zwischen Skandalisierung und Tabuisierung gekennzeichnet seien. Zugleich erkennt er eine "Wechselwirkung zwischen extremen sozialen Disparitäten einerseits und der Politik von Sozialstaatsreduktion andererseits (…)." Aktuell sieht er bei den politischen, wissenschaftlichen und medialen Akteuren vorrangig jene am Werk, die mit "wiederholten, nicht begründeten Glaubenssätzen" die "Ökonomisierung des gesellschaftspolitischen Denkens" vorantrieben und damit auf den (neoliberalen) Abbau von Sozialstaatlichkeit abzielten – kritische Positionen hingegen, blieben "beinahe durchgehend ausgeblendet." (S. 259)

Fazit

Der von Michael Klundt vorgelegte Band will empirische Realanalyse und Ideologiekritik miteinander in Beziehung setzen. Er ist ein starkes Plädoyer für mehr "Wahrheit und Aufklärung" (S. 266) in Politik, Wissenschaft und Medien. Er sensibilisiert die Leser dafür in Politik, Wissenschaft und Medien hinter Gemeinwohlformulierungen zu schauen, um mögliche Partialinteressen sichtbar zu machen. In bester (sozial-)politikwissenschaftlicher Tradition fragt er deshalb nicht nur nach sozialen Interessen, deren Trägern und ihrer Wahrnehmung in Wissenschaft, Politik und Medien sondern analysiert auch die (persönlichen) Interessenslagen und weltanschaulichen Hintergründe zentraler Akteure in den angesprochenen Bereichen. Der Autor arbeitet dabei sehr gründlich eine Vielzahl von Quellen ab. Hier liegt aber auch eine Schwäche des Bandes: Er will zuviel auf einmal abdecken. So werden viele empirische Daten zu (Kinder-)Armut und Reichtum ausgewertet, dieses geschieht allerdings an unterschiedlichen Stellen im Band (Kapitel 3 und 4). Hier könnte eine klarere Binnenstruktur und die Verwendung von Grafiken und Tabellen die Lesbarkeit erleichtern. Auch wird nicht immer deutlich, welchen gesellschaftspolitischen Einfluss die von dem Autor zitierten Wissenschaftler, Medien und politischen Strömungen tatsächlich haben. Und schließlich könnten die zentralen Bereiche der Arbeit, also (Kinder-)Armut und Reichtum sowie die Deutungsmuster von Armut und sozialer Ausgrenzung in Politik, Medien und Wissenschaft jeweils Gegenstand einer eigenständigen Untersuchung sein. So ist die Stärke des Bandes – nämlich integrativ zu denken und zu argumentieren, gleichzeitig auch seine Schwäche, bleibt er doch auf der Analyseebene damit hin und wieder zu plakativ. Alles in allem legt der Autor aber einen lesenswerten Band vor, der all diejenigen ansprechen wird, die den sozialpolitischen bzw. ökonomischen Zeitgeist gegen bürsten möchten.

Rezension von
Prof. Dr. Jürgen Boeckh
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften
Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel
Studiengang Soziale Arbeit
Fachgebiet: Sozialpolitik
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Es gibt 8 Rezensionen von Jürgen Boeckh.

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ISSN 2190-9245