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Emilija Mitrovic (Hrsg.): Arbeitsplatz Prostitution

Rezensiert von Prof. Dr. Richard Utz, 03.10.2008

Cover Emilija Mitrovic (Hrsg.): Arbeitsplatz Prostitution ISBN 978-3-8258-9201-2

Emilija Mitrovic (Hrsg.): Arbeitsplatz Prostitution. Ein Beruf wie jeder andere? Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2007. 223 Seiten. ISBN 978-3-8258-9201-2. 24,90 EUR.
Reihe: Gender studies in den angewandten Wissenschaften - Band 4.

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Entstehungshintergrund und Erkenntnisinteresse

Das zu besprechende Buch ist als Band 4 der "Gender Studies in den angewandten Wissenschaften" durch die "Stabsstelle Gleichstellung" an der Hamburg University of Applied Sciences der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Erkenntnisinteresse der Gender Studies ist die Untersuchung der Frage, "welchen Einfluss die Kategorie "Geschlecht" in unterschiedlichen Bereichen, in der Wirtschaft, in der Technologieentwicklung, in der Politik, im Gesundheitswesen und schließlich in den Wissenschaften einnimmt."(ebd.:5). Ziel ist die Vermittlung von "Genderkompetenz", die sich aus einer "geschlechtsspezifische(n) Perspektive in der Analyse von sozialen Ungleichheitslagen, Genderdimensionen von Berufsbildern und –feldern"(ebd.) ergeben soll. Außerdem soll eine "Perspektivenentwicklung für neue Zugänge von Frauen und Männern für die Ingenieurswissenschaften sowie Beiträge zur theoretischen Genderforschung"(ebd.) durch die Gender Studies angestoßen werden. Dieses Programm wird durch drei Artikel über das Feld der Prostitution eingelöst, die den Inhalt des Buches bilden.

Aufbau

  1. Die Herausgeberin schreibt über den "Arbeitsplatz Prostitution – ein Beruf wie jeder andere?" (S.13-122) und bringt die Ergebnisse einer Feldstudie "Arbeitsplatz Prostitution" zur Kenntnis, die die "Veränderungen im Umgang mit Prostitution seit dem Inkrafttreten der neuen Gesetzgebung am 1.1.2002" überprüft. Auftraggeber war die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di.
  2. Daran schließt sich Udo Gerheim an (S.123-193), der sein Dissertationsprojekt über "Freier. Ein sich windender Forschungsgegenstand. Projektskizze einer qualitativ-empirischen Untersuchung zu habituellen Mustern heterosexueller Prostitutionskunden" vorstellt.
  3. Yolanda M. Koller-Tejeiro beschließt den Band mit einem Beitrag über "Die rechtliche Lage der Prostitution in Europa" (S.195-223).

Alle Beiträge stehen im Zusammenhang mit der verdienstvollen Ausstellung des Museums für Arbeit in Hamburg, die das Thema "Sexarbeit" 2005 nach einer Konferenz dortselbst im Jahre 2004 aufgegriffen hatte. Die Ergebnisse der Untersuchungen konnten von ver.di zur "Entwicklung eines Beratungskonzeptes und eines Musterarbeitsvertrages" (ebd.:10) verwendet werden. Das Interesse der Gewerkschaft war es, eine fundierte Grundlage für die Beurteilung der "Umsetzung und Nachbesserung des Gesetzes zur Besserstellung von Prostituierten in relevanten gesellschaftlichen Bereichen zu entwickeln und ein eigenes Beratungskonzept sowie eine Positionierung in arbeitsrechtlichen, gesundheitspolitischen und steuerrechtlichen Fragen vorzunehmen."(ebd.: 35)

1. "Arbeitsplatz Prostitution – ein Beruf wie jeder andere?"

Frau Mitrovićs Auftragsstudie für ver.di erkundet die gesellschaftlichen Wirkungen, die mit der Novellierung des ProstG seit 1.1.2002 in der Wahrnehmung der mit der Prostitution befassten Institutionen und Interessengruppen eingetreten sind; dabei wird den Prostituierten selbst ein besonderer Stellenwert eingeräumt. Gefragt wurde nach der Praxisrelevanz des ProstG für Einrichtungen der Kommunen und des Sozialstaats und für die Prostituierten selbst. Methodisch ist die Studie qualitativ orientiert, was durch halbstandardisierte Interviews am Arbeitsplatz der Befragten realisiert wurde. Die Studie bezieht ein breites Spektrum verschiedenster Akteure im Prostitutionsfeld mit ein und lässt so z.B. auch Vertreter der Finanzämter, Arbeitsämter und Ordnungsämter zu Wort kommen, die sonst eher unberücksichtigt bleiben. Zu den Befragten gehörten in Berlin eine Mitarbeiterin von Hydra, eine Bordellbetreiberin und eine selbständige Prostituierte. In Dortmund wurde eine Mitarbeiterin der Mitternachtsmission befragt, ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes, drei Prostituierte und eine Mitarbeiterin von ver.di. Ferner wurden Mitarbeiter der Ämter (Gesundheit, Kriminalpolizei, Ordnungsamt) in Dresen, in Hamburg  unterschiedliche Prostituiertengruppen: so genannte "legale" und "illegale" sowie Aktivistinnen der organisierten Hurenbewegung. In Stuttgart sind die Interviewpartner Prostituierte und Mitarbeiter des Finanzamtes und der Polizei sowie ver.di-Mitarbeiter. Darüber hinaus können die Frauenzeitschrift "EMMA", die CDU/CSU, ver.di, sowie überregionale Interessensvertreterinnen der Sexarbeiterinnen und die Polizei München ihre Sicht auf die Novellierung des Prostitutionsgesetzes darlegen.

Die als Interviewzusammenfassungen dargestellten Meinungen zum Gesetz sind so heterogen wie die Interessenlagen der Gruppen, die ihre Meinung kundgeben. Die Institutionen der sozialen Reaktion und Kontrolle sprechen über Probleme der Regulierung gemäß der Zwecke ihrer Organisation, also Finanzämter über Besteuerbarkeit, Polizei und Staatsanwaltschaft über Durchsetzung von Sperrgebietsverordnungen und ihre Sanktionierungspraxen gegenüber illegaler Prostitution sowie Bekämpfung des Menschenhandels und Ordnungsämter thematisieren die Möglichkeiten der Bekämpfung illegaler Bordellbetriebe. Demgegenüber räsonieren Hurenverbände über die mögliche und feststellbare Verbesserung des gesellschaftlichen Ansehens ihres Gewerbes und die länderspezifischen Einschränkungen der Ausübung von Prostitution durch Gesetze und Verordnungen, die in ihre professionelle Ausübung hineinspielen und sie restriktiv rahmen wie Baunutzungsverordnungen, Gaststättenverordnung, Werbeverbot und Sperrgebietsverordnungen. Und die Prostituierten selbst, sofern sie keine organisierten Aktivistinnen der Hurenbewegung sind, haben eine pragmatische, strikt instrumentelle Haltung zum Gesetz und den darin enthaltenen Möglichkeiten, Arbeitsverträge zu schließen, Sozial- und Krankenversicherungsbeiträge einzuzahlen usf. Sie bewerten das ProstG strikt in Abhängigkeit davon positiv oder negativ, ob es ihnen für den Gelderwerb zweck- und interessendienlich oder -hinderlich erscheint, also - vermittelt durch die implementierenden Behörden der sozialen Kontrolle und der Lobbyarbeit der Hurenverbände und ver.di -, Handlungs- und Freiheitsspielräume bei der Bereitstellung sexueller Dienstleistungen eröffnet oder verschließt.

Das Fazit von Frau Mitrović beurteilt die Wirkungen des ProstG vom Standpunkt der Auftraggeber, von ver.di aus. Sie kommt zum Ergebnis, dass ProstG "ein richtiger Schritt ist, wenn es darum geht, die gesellschaftliche Doppelmoral in Bezug auf die in der Prostitution Tätigen abzubauen. Eine wirkliche Veränderung in der Arbeitsrealität der Sexarbeiterinnen hat durch das Gesetz nicht stattgefunden. Es sind nur sehr wenige sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse abgeschlossen worden, der Musterarbeitsvertrag, der von der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di entwickelt worden ist und den Sexarbeiterinnen weitgehende Rechte…einräumt, ist bislang nicht zur Geltung gekommen."(ebd.:115) Verantwortlich für diese geringe Wandlung der realen Prostituiertenverhältnisse macht Frau Mitrović die halbherzige Haltung des Gesetzgebers, des gesetzlichen Partikularismus des bundesdeutschen Föderalismus und der die Prostitution nach wie vor reglementierenden Rahmengesetzgebungen (Sperrgebiet, Bordellbetrieb, Werbung etc.).

2. Freier. Ein sich windender Forschungsgegenstand

Udo Gerheim stellt in einer Projektskizze seine qualitativ-empirische Untersuchung zu habituellen Mustern heterosexueller Prostitutionskunden vor. Hier findet sich eine Reihe wertvoller Informationen und Einsichten zum vernachlässigten Forschungsgegenstand "Freier". Nach einer sehr guten Übersicht über den State of the Art der Freierforschung, einer Erläuterung des eigenen methodischen Vorgehens und der Vorstellung seines Bourdieu folgenden Bezugsrahmens kommt Gerheim zu seinen Forschungsfragen, die sich so schlicht wie gewichtig ausnehmen: "Warum treten Menschen bzw. zu einem grossen Teil Männer, in das soziale Feld der Prostitution ein und welche Motivstrukturen sowie Handlungs-, Deutungs- und Begründungsmuster bilden sie aus?…Welche Formen nimmt die prostitutionsbiografische Karriere heterosexueller Prostitutionskunden an?" (ebd.: 145) usf. Gerheim möchte erforschen, "warum nur ein kleiner Teil der Männer prostitutiven Sex in Anspruch nimmt und warum von der geschlechtlichen Grundgesamtheit aller Männer und Frauen zusammen genommen, die weibliche Nachfrage nach käuflichem Sex im Gegensatz zur männlichen einen "homöopathisch" kleinen Anteil ausmacht." (ebd.: 146)

Das theoretische Instrument, das die Beantwortung dieser Frage ermöglichen soll, ist, wie gesagt, das Bourdieusche Habituskonzept. Ziel ist also: einen speziellen Habitus der Freier zu eruieren, das Männlichkeits-/Weiblichkeitsmuster und Sexualitätskonzepte sowie ein Verständnismuster von Prostitution beinhaltet.

Die auszugsweise abgedruckten Porträts bieten interessante Einblicke in die Psyche unterschiedlicher Kunden, ihren sozialen Hintergründen (Berufstätigkeit, Einkommen, Ausbildung/Bildung, Familienstand), Einstiegsumstände in die Freier-"Karriere" (Alter, INTERNET-Community, Vernetzung), Motive und Praxis der Nutzung sexueller Dienstleistungen, Beurteilung der Prostitution, Männlichkeit und Sexualität. Diese Befragungselemente bilden die Grundlage für eine plausible Typologisierung, die den Normalen, von dem organisierten Normalen, vom Stammfreier, vom Zweifelnden, Rastlosen, Besessenen und Gelegentlichen unterscheidet. Der Leser darf auf die fertig gestellte Dissertation gespannt sein und ob es dem Autor gelingt, einen spezifischen Freier-Habitus erkennbar und sichtbar zu machen.

3. Die rechtliche Lage der Prostitution in Europa

Im dritten Aufsatz diskutiert Frau Koller-Tejeiro "Die rechtliche Lage der Prostitution in Europa", also "Regulierung, Prohibition, Abolitionismus"(ebd.:202) und geht auf die Beispiele Niederlande und Schweden in gesonderten Kapiteln ein, vergleicht also eine als liberale und eine als abolitionistisch einzustufende Prostitutionspolitik und die daraus erwachsenden speziellen rechtlichen Rahmungen von Prostitution. In einem weiteren Kapitel gibt sie summarisch eine Übersicht über die unterschiedlichen Rechtspraktiken in Europa. Sie schließt mit einer Betrachtung zum Thema "Frauenbewegung und Prostitution" (218ff), die die internen Spaltungen des Feminismus zeigt, die den zum Teil gegensätzlichen Prostitutionspolitiken der Länder in Europa parallel gehen.

Fazit

In summa haben es die Leser mit einem in der Darstellung der Sache und in seinem Informationsgehalt verdienstvollem Buch über die Prostitution zu tun, das über divergierende Sichtweisen auf dieses umstrittene Feld einen guten Überblick gibt.

Rezension von
Prof. Dr. Richard Utz
Hochschule Mannheim, Fakultät für Sozialwesen
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Es gibt 34 Rezensionen von Richard Utz.

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Zitiervorschlag
Richard Utz. Rezension vom 03.10.2008 zu: Emilija Mitrovic (Hrsg.): Arbeitsplatz Prostitution. Ein Beruf wie jeder andere? Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2007. ISBN 978-3-8258-9201-2. Reihe: Gender studies in den angewandten Wissenschaften - Band 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5664.php, Datum des Zugriffs 22.05.2024.


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