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Ulrike Müller: Migration und Lokalpolitik

Cover Ulrike Müller: Migration und Lokalpolitik. Ethnographie eines Ausländerrates. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2007. 122 Seiten. ISBN 978-3-8258-6975-5. 9,90 EUR, CH: 15,90 sFr.

Reihe: EuroMed - Band 3.
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Thema

Das Thema der politischen Partizipation von Migrantinnen und Migranten beschäftigt die bundesdeutsche Politik seit einigen Jahren und stellt für die sozialwissenschaftliche Forschung ein fruchtbares Arbeitsgebiet dar. Mit der vorliegenden Studie wird der Versuch unternommen, anhand der Wahl zum Ausländerrat einer (anonymisierten) Stadt mittlerer Größe Partizipationsprozesse, aber auch Exklusionsprozesse nachzuzeichnen, die zur Reproduktion von Ethnisierung und Ethnizität beitragen. Dabei hat die Autorin den Anspruch, die in der Migrationsforschung bislang vernachlässigte ethnologische Perspektive zu stärken.

Aufbau und Inhalt

Das mit 122 Seiten schmal gehaltene Buch besteht aus insgesamt acht Kapiteln, woran sich noch das Literaturverzeichnis sowie die Namensliste der Akteure anschließen.

Im Vorwort erläutert die Autorin Ulrike Müller den Hintergrund ihrer Studie, die auf der Auswertung einer Wahl zum Ausländerbeirat im Jahr 2000 in einer mittleren Stadt in Baden-Württemberg fußt.

  1. Das erste Kapitel stellt das Forschungsfeld und die Forschungsmethode dar, wobei letztere sich vornehmlich auf Gespräche mit Mitgliedern des Ausländerrates sowie teilnehmende Beobachtung konzentriert, die durch Materialauswertungen aus der Presse sowie verschiedenen städtischen Quellen ergänzt werden. Obwohl die Autorin davon spricht, dass sie mit einem Interviewleitfaden gearbeitet hat, wird leider an dieser Stelle nicht ganz deutlich, welche Themenfelder bei den Interviews im Einzelnen erfragt wurden.
  2. Das zweite Kapitel bietet einen knappen Überblick über die Migrationsforschung in der Bundesrepublik Deutschland seit den 60er Jahren, wobei besonders der Ansatz der Ethnisierung des Fremden hier einen prominenten Stellenwert erhält.
  3. Im dritten Kapitel werden die politischen Beteiligungsmöglichkeiten von Ausländerinnen und Ausländern in Deutschland dargestellt, wobei die Autorin hier besonders auf die Ausländerräte eingeht. Hier wird dann auch die zentrale Fragestellung der Studie erläutert, die darin besteht, die Interaktion von AusländerInnen und Deutschen im lokalpolitischen Kontext zu beleuchten. Um dies operationalisieren zu können, stellt Müller die ethnologischen Ansätze zur Betrachtung von Kontaktsituationen dar, die – so die Autorin – zwar bislang schon Eingang in die Migrationsforschung erhalten haben, aber nicht von EthnologInnen, sondern von Forschenden anderer sozialwissenschaftlicher Disziplinen. Um einen dezidiert ethnologischen Blick auf die Thematik zu werfen, stellt die Autorin vor allem die Methode der teilnehmenden Beobachtung in den Mittelpunkt. Zuvor stellt sie allerdings noch ihr Forschungsobjekt, den Ausländerrat der Stadt Lindenburg, dar.
  4. Das vierte Kapitel widmet sich der ausführlichen Darstellung der ersten Sitzung des Ausländerrates, die detailliert analysiert und interpretiert wird. Hierbei bedient sich die Autorin zunächst der Handlungsebene, wie beispielsweise der Rede des Oberbürgermeisters als Sprechhandlung, bevor sie in einer weiteren Analyseebene Interessengruppen und Grenzziehungen in den Mittelpunkt der Betrachtungen stellt.
  5. Das fünfte Kapitel rückt die politische Partizipation von Ausländer/innen unter dem Aspekt der ethnischen Zugehörigkeit in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Nach einigen begriffsklärenden Vorbemerkungen hebt Müller die herausragende Bedeutung der ethnischen Zugehörigkeit bei der Erstellung der Listen zum Ausländerrat der Stadt Lindenburg hervor, die de facto nur mit StaatsbürgerInnen einer Nationalität besetzt waren. Im weiteren Verlauf dieses Kapitels unternimmt die Autorin den Versuch, dieses Phänomen unter ethnologischen Gesichtspunkten zu analysieren und stellt hier einige interessante Überlegungen zu ethnischen Netzwerken und Interessenvertretungen sowie Grenzziehungen und Ausschlussmechanismen an.
  6. Im sechsten Kapitel rückt Müller einzelne ausländische Akteure der Lokalpolitik in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen, die sie exemplarisch darstellt und in den Kontext ethnisch-lokaler Netzwerke verortet. Dabei bedient sie sich der ethnologischen Konzepte des „Brokers“, des „Patrons“ sowie des „Repräsentanten“ und legt diese an ausgewählte Mitglieder des Ausländerrates an. Auffällig ist hierbei, dass es sich ausschließlich um Männer handelt, was Müller bedauerlicherweise nicht thematisiert, wie überhaupt die Geschlechterdimension in ihren Betrachtungen keinen Stellenwert einzunehmen scheint.
  7. Das siebte Kapitel beschreibt die Sitzung des Ausländerrates der Stadt Lindenburg, in dem die Ergebnisse der Studie von Müller vorgestellt wurden sowie die weitere Entwicklung, die in eine Klausurtagung mit einer externen Moderatorin mündete.
  8. Das achte Kapitel stellt schließlich die Schlussbetrachtung der gesamten Studie dar, die in einer sehr kritischen Bewertung von Ausländerräte endet, denen die Autorin lediglich einen Übergangsstatus zubilligen möchte – aber letztlich echte Partizipationsmöglichkeiten von Ausländer/innen anmahnt.

Diskussion

Die Studie nimmt eine Art Zwitterstellung ein: einerseits enthält sie politischen Sprengstoff, der der Integrationspolitik – zumindest auf kommunaler Ebene – kein gutes Zeugnis ausstellt und dies eindrucksvoll empirisch untermauert. Andererseits versucht die Autorin, die bislang vernachlässigte ethnographische Perspektive in die Migrationsforschung einzubringen. Für eine gewinnbringende Lektüre ist das Buch daher zweifelsohne voraussetzungsvoll, insofern man es ohne grundlegende ethnologische Kenntnisse nicht ohne weiteres lesen kann.

Zielgruppen

Zwar spricht die Autorin Ulrike Müller davon, dass die Studie für die Stadt Lindenburg erstellt wurde und auch vorgestellt wurde – insofern ist sie für Praktiker/innen aus der Lokalpolitik von hohem Interesse. Auf der anderen Seite stellen auch Ethnolog/innen und Wissenschaftler/innen angrenzender Disziplinen eine Zielgruppe der Studie dar.

Fazit

Das Buch kann keiner Zielgruppe eindeutig zugeordnet werden, insofern es für Praktiker/innen aus der Lokalpolitik möglicherweise doch zu sehr auf ethnologische Konzepte abstellt. Von daher ist es vornehmlich für Ethnolog/innen und Migrationsforscher/innen von Interesse, die das Buch sicherlich mit Gewinn lesen werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 04.03.2009 zu: Ulrike Müller: Migration und Lokalpolitik. Ethnographie eines Ausländerrates. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2007. ISBN 978-3-8258-6975-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5665.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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