Laurenz Aselmeier: Community Care und Menschen mit geistiger Behinderung
Rezensiert von Prof. Dr. Erik Weber, 14.10.2008
Laurenz Aselmeier: Community Care und Menschen mit geistiger Behinderung. Gemeinwesenorientierte Unterstützung in England, Schweden und Deutschland. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 235 Seiten. ISBN 978-3-531-15650-7. 34,90 EUR.
Thema
Eines der vielen neuen Schlagwörter, das in der modernen Behindertenhilfe in den letzten Jahren aufgetaucht ist, ist das der Community Care. Vielerorts hat dieses Schlagwort bzw. die dahinter stehende Konzeption Eingang in das Selbstverständnis von Einrichtungen und Diensten gefunden, an anderen Orten ist es aber noch eine große Unbekannte. Wie viele andere Begriffe und Konzeptionen ist aber auch die Idee von Community Care mit vielen unpräzisen Konnotationen, Widersprüchen und Unklarheiten verbunden, so dass es einen willkommenen Anlass darstellt, dass Laurenz Aselmeier mit seiner Veröffentlichung hier wesentlich dazu beiträgt, mehr Klarheit in diese Diskussion zu bringen.
Hintergrund der Debatte ist die Initiative der Europäischen Union, eine Harmonisierung der Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen in den Mitgliedstaaten zu erreichen. Dies findet statt unter den großen Überschriften bzw. Leitlinien der personenzentrierten und gemeinwesenbasierten Hilfeformen, der Selbstbestimmung, der Chancengleichheit, der Teilhabemöglichkeiten und Bürgerrechte. Jedoch ist das Vorhandensein und die Diskussion um die o.g. Begriffe noch kein Garant dafür, dass alle Beteiligten das Gleiche darunter verstehen. Daher hat der Autor drei Länder der EU (England, Schweden und Deutschland) stellvertretend ausgewählt, um den Ansatz der vergleichenden Wohlfahrtsstaatenforschung mit der Behindertenhilfe zu verknüpfen. Die Studie von Aselmeier setzt genau an dem Punkt an, wo es "kritisch" wird: Nämlich bei der Frage der Vergleichbarkeit von Realitäten und Bedingungen in unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen wohlfahrtsstaatlichen Modellen (einem liberalen, einem sozialdemokratischen und einem konservativen).
Dabei ist es für den Autor von grundlegender Bedeutung, folgender Annahme eine klare Absage zu erteilen, dass "sich aus der Zuschreibung einer geistigen Behinderung ein gruppenspezifischer Hilfebedarf ergibt, der in Sondereinrichtungen zu decken ist" (16).
Aufbau und Inhalt
Der Autor geht wie folgt vor:
Nach einer kurzen Einführung werden der Leser und die Leserin mit jeweils 2 Geschichten aus den drei Ländern bekannt gemacht (Kapitel 2). Es handelt sich hierbei um die skizzenhafte Darstellung von Lebensgeschichten von Menschen mit geistiger Behinderung in England, Schweden und Deutschland, die im Sinne eines Prologs unkommentiert am Anfang der Arbeit stehen, aber bereits Unterschiede in den jeweiligen Lebenssituationen erkennen lassen.
Es folgt als Teil A der erste Hauptteil der Arbeit, in dem der Autor zunächst Geschichte, Ziel und Anforderungen der Behindertenpolitik der Europäischen Union vorstellt (Kapitel 3). In dem sich daran anschließenden Kapitel 4 diskutiert Aselmeier so genannte Wegbereiter der Gemeinwesenorientierung, indem er sich kritisch mit den Begriffen Institutionalisierung, Deinstitutionalisierung und dem sog. Perspektivenwechsel in der Behindertenhilfe auseinandersetzt. Hier bezieht sich der Autor u.a. auf den Klassiker Goffman und seine Beschreibung der totalen Institutionen, zieht erneut und fruchtbar das Normalisierungsprinzip heran und beschreibt letztlich das Konzept der Valorisation Sozialer Rollen nach Wolfensberger. Kapitel 5 widmet sich ganz dem Modell der Community Care, indem Herkunft und Ansätze vorgestellt, Grenzen und Herausforderungen benannt und eine kritische Reflexion getätigt werden.
Der sich nun anschließende Teil B der Arbeit umfasst drei Kapitel (Kapitel 6 bis 8), die sich mit der Unterstützung für Menschen mit geistiger Behinderung in England, Schweden und Deutschland auseinandersetzen. Kapitel 6 nennt Referenzpunkte für vergleichende Untersuchungen im Feld der Behindertenhilfe und hier setzt sich Aselmeier hauptsächlich mit der vergleichenden Wohlfahrtsstaatenforschung auseinander, die für ihn zentrale Aspekte für eine vergleichende Untersuchung europäischer Behindertenhilfe ermöglicht. Die drei Modelle, die die vergleichende Wohlfahrtsstaatenforschung herausgearbeitet hat, sind das liberale, das sozialdemokratische und das konservative Wohlfahrtsstaatenmodell. Nachdem er die Entwicklung der Behindertenhilfe in den drei genannten Ländern eingehend beschrieben hat (Kapitel 7) untersucht Aselmeier schließlich in Kapitel 8, inwiefern eine wohlfahrtsstaatliche Ausrichtung als Erklärungsansatz für die unterschiedlichen Entwicklungen in den drei vorgestellten Ländern England, Schweden und Deutschland taugt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass (mit wenigen Abweichungen) wesentliche Merkmale der untersuchten Entwicklungspfade der jeweiligen Behindertenhilfe in England, Schweden und Deutschland den Merkmalen der zugrunde liegenden Wohlfahrtsstaatenmodelle entsprechen oder zuzuordnen wären: England mit einem System, das von Regulierungstendenzen auf dem Behindertenhilfemarkt in einem liberal geprägten Wohlfahrtsstaat gekennzeichnet ist, Schweden mit einem System, das durch Bürgerschaftlichkeit in einem sozialdemokratisch geprägten Wohlfahrtsstaat gekennzeichnet ist und schließlich Deutschland mit einem System, das durch Versorgungsdenken in einem konservativ geprägten Wohlfahrtsstaat gekennzeichnet ist.
Teil C mit den Kapiteln
9 und 10 rundet die Studie von Aselmeier
ab, indem er sich abermals an Lebenssituationen von Menschen mit geistiger Behinderung
im Kontext gemeinwesenorientierter Unterstützung annähert. Er macht dies mit
einer von ihm durchgeführten illustrativen Studie, indem Interviews mit Menschen
mit (leichter!) geistiger Behinderung in den genannten Ländern anhand folgender
Kategorien zusammengefasst werden: Zugang zu Hilfesystem, Wahlmöglichkeiten,
Fremd- und Selbstbestimmung, Individuelle Lebensgestaltung, Gesellschaftliche
Teilhabe, Rolle der Angehörigen, der professionellen Helfer/-innen und
öffentlicher Sozialverwaltung und das eigene Rollenverständnis. Dies dient
nicht einer Überprüfung der zuvor gemachten Forschungsthesen oder einer
Generierung von Hypothesen (199), sondern der illustrativen Darstellung von
Unterstützungsleistungen im Sinne von Personenzentrierung und
Gemeinwesenorientierung in den vorgestellten Ländern. Hier wird nochmals das
Spannungsfeld zwischen fremdbestimmten und wenig Teilhabemöglichkeiten
bietenden Realitäten (teilweise in Endland und Deutschland) und solchen, die
eher dazu beitragen, dass Community Care ermöglicht wird (Schweden) deutlich,
wenngleich diese vorgestellten Lebensgeschichten nicht repräsentativ sein
können und in dem englischen Beispiel der Tatsache geschuldet sind, dass dort
Personen befragt wurden, die in einer fortschrittlich arbeitenden Region leben.
Das letzte und sehr knapp gehaltene Kapitel 10 befasst sich
dann abschließend im Sinne eines Ausblicks mit begünstigenden und begrenzenden
Rahmenbedingungen für gemeinwesenorientierte Unterstützungsleistungen und
benennt mit den "Faktoren zögerliche und nicht konsequente politische Steuerung
und dominanter und machtvoller Anbietersektor" (215) zwei zentrale Hemmfaktoren
für einen gemeinwesenorientierten Umbau von Unterstützungssystemen und einer
flächendeckenden Etablierung von Community Care. Mit einer Warnung vor der
Überbetonung von Selbsthilfepotentialen, die in der gegenwärtigen Diskussion
immer wieder zu vernehmen ist, beschließt der Autor seine Ausführungen und
nennt als hohe Anforderungen an Unterstützungsleistungen im Sinne von Community
Care folgende Aspekte: "(1) verlässlich, bedarfsgerecht und personenzentriert
zu sein, (2) zudem auf eine Sensibilisierung der Gesellschaft für die Belange der
Menschen hinzuwirken, die als geistig behindert bezeichnet werden, (3)
Ressourcen im Gemeinwesen zu erschließen sowie (4) zugleich auf eine
allumfassende Verantwortlichkeit zu verzichten und sich dort zurückzunehmen, wo
andere Formen der Unterstützung vorhanden bzw. möglich sind" (vgl. S. 219).
Diskussion
Wenngleich der Titel des Buches ein sehr spezielles Feld abzustecken scheint, berührt Aselmeier mit seinem Buch einen zentralen Punkt in gegenwärtigen Diskussion um den Umbau von Unterstützungssystemen in der Behindertenhilfe: Die Frage nach einer leitenden Konzeption. Seine Erkenntnisse sind von hohem Wert für eine in Deutschland teils unlauter geführten Diskussion, wenn ökonomische Rahmenbedingungen hinter pseudo-fachspezifischen Schlagworten, die dann auch noch als Perspektivenwechsel verkauft werden sollen, versteckt werden. Somit ist es fast wohltuend, dass der Blick Aselmeiers über unsere Grenzen hinweg und seine Auseinandersetzung mit der vergleichenden Wohlfahrtsstaatenforschung einige Entwicklungen erhellen können und vor allen Dingen dazu beitragen, das Konzept der Community Care präzise und handlungsleitend zu beschreiben, um es kritisch zu reflektieren.
Aselmeiers Buch ist ein lesenswertes und gut lesbares Buch, wenngleich Dissertationen immer etwas der Makel anhängt, dass hier auch akademische und wissenschaftstheoretisch fundierte Auseinandersetzungen nachgewiesen werden müssen. So ist meines Erachtens die Diskussion um den Begriff der Deinstitutionalisierung (vgl. Kap 4.2) immer noch sehr verkürzt geraten und wiederholt bekannte Ausführungen beispielsweise Schädlers. Den Anspruch, in Rahmen der hier getätigten Diskussion auch den Begriff der geistigen Behinderung kritisch zu hinterfragen, löst der Autor leider nicht ein, obschon es denkbar und spannend gewesen wäre, gerade im Rahmen der Diskussion um Deinstitutionalisierung die Schriften Jantzens mit zu berücksichtigen. Auch die Perspektive von Menschen mit schweren geistigen Behinderungen und/oder erheblichem herauforderndem Verhalten im Rahmen der Community-Care-Diskussion wäre hierdurch vielleicht stärker in den Mittelpunkt gerückt worden.
Fazit
Insgesamt aber stellt Aselmeiers Veröffentlichung einen wertvollen Beitrag zur Diskussion um die zukünftige Gestaltung von Hilfesystemen für Menschen mit geistiger Behinderung dar und muss den Beteiligten in diesem Feld als Pflichtlektüre empfohlen werden.
Rezension von
Prof. Dr. Erik Weber
Diplom-Heilpädagoge, Professur Inklusive Bildungsprozesse bei geistiger und mehrfacher Behinderung
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