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Andreas Möckel: Geschichte der Heilpädagogik [...]

Cover Andreas Möckel: Geschichte der Heilpädagogik oder Macht und Ohnmacht der Erziehung. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2007. 2., völlig überarbeitete Neu Auflage. 327 Seiten. ISBN 978-3-608-94489-1. D: 24,50 EUR, A: 25,20 EUR, CH: 43,00 sFr.

Reihe: Konzepte der Humanwissenschaften.
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Thema

Heilpädagogisches Handeln steht seit jeher in der Spannung zwischen Aussonderung und Normalisierung, Assistenz und Vernachlässigung, staatlichem Oktroi und Autonomie des Einzelnen. In Andreas Möckels Geschichte der Heilpädagogik tritt dies den Leserinnen und Lesern wie in einem Zeitraffer vor Augen. Damit wird ein Werk, das seinem Titel nach nur historisch auf die zu beschreibende Wirklichkeit zugreift, ganz aufregend: Es zeigt, in welchen Chancen und Gefahren jeder und jede Einzelne steht, die im Feld der Heilpädagogik tätig ist. Die Verführungen der Macht über Menschen, die mit jedem Engagement in diesem Bereich verbunden sind, werden so bebilderte; konkrete Geschehnisse, Macht und Ohnmacht von Erziehung bekommen Namen und Gesichter.

Aufbau und Inhalt

Möckel gliedert sein Werk (eine gründliche Überarbeitung einer ersten Fassung von 1988) in neun Kapitel.

  1. Im ersten Kapitel stellt er die Geschichte der Heilpädagogik als Aufgabe dar und entfaltet den Stellenwert der Heilpädagogik in der gesamten Geschichte der Pädagogik.
  2. Im zweiten Kapitel widmet er sich besonders der Bildung taubstummer und blinder Kinder in Zeitalter der Aufklärung. Es folgen Abschnitte über
  3. Heilpädagogik in der Zeit der Revolutionskriege (hier nimmt die sog. Rettungshausbewegung eine besondere Rolle ein),
  4. die heilpädagogische Bewegung im Vormärz,
  5. die Entstehung der Sonderschulen und die Differenzierungen im Schulsystem vor dem ersten Weltkrieg,
  6. die Versuchungen der Heilpädagogik in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts,
  7. die Katastrophen in der NS-Zeit (Umgang mit Menschen mit Behinderung beeinflusst durch die Ideologie der „Rassenhygiene“) und
  8. die Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg (Normalisation, Integration und die wachsende Selbstvertretung von Menschen mit Behinderungen).
  9. Der Text schließt mit einem programmatisch zu verstehenden Abschlusskapitel mit dem Titel "Heilpädagogik - Macht und Ohnmacht der Erziehung".

Diskussion

In den ersten acht Kapiteln liegt der Schwerpunkt auf detailreich bebilderten Darstellungen der Entwicklungen in der Geschichte der Heilpädagogik in Deutschland und ihrer Protagonisten. Es wird ausführlich dargestellt, wie die jeweiligen (sozial-)politischen Bedingungen der Zeit die heilpädagogischen Vorstellungen beeinflusst haben. In dem Schlusskapitel gefällt es dem Autor, sich ausdrücklich zu seinen Wertungen zu bekennen; er erklärt, für ihn sei die Geschichte der Heilpädagogik ein Teil der Geschichte des christlichen Europas. In diesem Sinn sehe er Heilpädagogik als säkularisierte Fortsetzung der Heilsgeschichte und damit als "auf die Ganzheit des Lebens gerichtet" (S. 267). Uns gefällt dies Bekenntnis nicht deshalb, weil es andere Deutungen ausschließt. Uns gefällt es, weil es eigene Abgrenzung erlaubt, und vor allem weil es deutlich macht, dass Reden über Erziehung erst von einer eigenen ethischen Positionierung aus sinnvoll ist.

Zielgruppen und Fazit

Ohnedies werden die außerordentlich kenntnisreiche Darstellung des emeritierten Würzburger Sonderpädagogen Möckel hauptsächlich diejenigen lesen, die sich in Forschung und Lehre mit der Geschichte von heil-  und sozialpädagogischem Handeln auseinandersetzen wollen. Wir empfehlen es vor allem aber auch Professionellen in der praktischen Arbeit mit Menschen mit Behinderungen. Die Lektüre eröffnet auch denjenigen, die nicht alle Details gleich interessant finden, einen neuen, nämlich historisch reflektierten Blick auf die eigene Profession.


Rezension von
Prof. Dr. Dr. Christian Bernzen
Partner bei BERNZEN SONNTAG Rechtsanwälte und Hochschullehrer an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin
Homepage www.msbh.de
E-Mail Mailformular
und
Pastorin Anne Gidion
gottesdienst institut nordelbien, Hamburg
E-Mail Mailformular


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Zitiervorschlag
Christian Bernzen/Anne Gidion. Rezension vom 16.04.2008 zu: Andreas Möckel: Geschichte der Heilpädagogik oder Macht und Ohnmacht der Erziehung. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2007. 2., völlig überarbeitete Neu Auflage. ISBN 978-3-608-94489-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5671.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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