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Otto Speck: Hirnforschung und Erziehung

Cover Otto Speck: Hirnforschung und Erziehung. Die pädagogische Auseinandersetzung mit neurobiologischen Erkenntnissen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. 192 Seiten. ISBN 978-3-497-01959-5. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 34,70 sFr.
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Thema

Dieses Buch beschäftigt sich aus pädagogischer Sicht mit der durch die Gehirnforschung aufgeworfene aktuelle Frage, wie frei der Mensch in seinen eigenen Entscheidungen ist.  

Autor

Prof. em. Dr. phil. Otto Speck lehrte an der Fakultät für Psychologie und Pädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Aufbau und Inhalt

Über die Medien wird seit einiger Zeit öffentlichkeitswirksam ein Diskurs verbreitet, der von der modernen Gehirnforschung ausgeht und auf den provokanten Satz ÈDer Mensch ist nicht freiÇ gebracht werden kann. Danach soll das Gefühl, dass unser Wille oder wir selbst unsere bewussten Handlungen entscheidend steuern, eine Illusion sein, folgt man den Aussagen der Gehirnforscher Gerhard Roth, Wolfgang Prinz und Wolf Singer. Aufgeschreckt durch die Tatsache, wie "wenig sich die Erziehungswissenschaft (in diesem Diskurs – PB) zu Wort meldet" (S. 84), hat sich Otto Speck an die Aufgabe begeben, eine erziehungswissenschaftliche Position zu solchen Aussagen zu beziehen.

Im ersten Kapitel "Hirnforschung und Selbstbestimmung – Herausforderungen" setzt er sich detail- und zitatenreich mit den Erkenntnissen der neueren Gehirnforschung auseinander, wobei er auch u.a. das häufig angeführte Libet-Experiment anführt.

In drei folgenden Kapiteln referiert er neurobiologische Befunde, die sich auf das Zusammenleben mit Anderen, speziell im Hinblick auf Erziehungsfragen, beziehen. Er vollzieht nach, dass unser physikalisches Gehirn unser Fühlen, Denken und Handeln steuert, wehrt sich aber mit vielen Belegen dagegen, das Ganze nur als ausschließlich Physikalisches abzutun, sondern besteht auf der Sichtweise, dass es so etwas wie ein autonomes ÈIchÇ gibt, welches physikalische Prozesse im Gehirn steuern und regulieren kann. Alle Erfahrungen zeigen, dass Menschen bei ihren individuellen Handlungen durchaus Entscheidungen subjektiv frei treffen können. Speck anerkennt die Aussage der Gehirnforschung, dass das Gehirn ein soziales Gehirn ist, das "in seiner individuellen Entwicklung wesentlich von seiner Umwelt bestimmt und geformt wird" (S. 118). Daher legt er großen Wert auf stabile Verhältnisse für Kinder, damit sich diese – unterstützt durch Erziehung – in einer tätigen Auseinandersetzung mit ihrer Welt entwickeln können.

Der Autor versucht dann, aus den neurobiologischen Forschungsergebnissen die zweifache Aufgabe der Erziehung deutlich zu machen: Die bereits im Kind angelegten moralischen Intuitionen durch Belehrung und praktisches Einüben in moralischen Regeln zu pflegen und zu festigen, um dann in einem zweiten Schritt seine spontanen Neigungen gemäß moralischen Maximen ordnen zu lernen (S. 148). Speck schließt das Buch ab, in dem er einen interdisziplinären Dialog anregt, in der die Erziehungswissenschaft ihr anthropologisches Wissen um die neuen neurobiologischen Erkenntnisse erweitern kann, um sie danach auch in ihre Praxis übersetzen zu können (S. 183).

Zielgruppen

Fachkräfte aus Pädagogik und Sozialer Arbeit, die sich in die Thematik Gehirnforschung und Erziehung vertiefen wollen, sowie die Studierenden der entsprechenden Disziplinen.

Fazit

Es ist ein übersichtlich gegliedertes und didaktisch gut strukturiertes Buch, welches fundiert analysiert, hinreichend provoziert und auch Brücken baut. Speck, der sich ohne Berührungsängste den neueren neurobiologischen Erkenntnissen stellt, hat damit ein anregendes und lesenswertes Buch vorgelegt.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 16.05.2008 zu: Otto Speck: Hirnforschung und Erziehung. Die pädagogische Auseinandersetzung mit neurobiologischen Erkenntnissen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. ISBN 978-3-497-01959-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5673.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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