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Andrea Kleeberg-Niepage: Kinderarbeit, Entwicklungspolitik und Entwicklungspsychologie

Cover Andrea Kleeberg-Niepage: Kinderarbeit, Entwicklungspolitik und Entwicklungspsychologie. Arbeitende Kinder als Herausforderung für die universalisierte eurozentrische Konstruktion von Kindheit. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2007. 380 Seiten. ISBN 978-3-8300-3370-7. 78,00 EUR.

Reihe: Studien zur Kindheits- und Jugendforschung - 51.
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Einführung in das Thema

Nach gängigen Vorstellungen ist Kinderarbeit eine scheußliche Sache, ein Zeichen von Armut, Unterentwicklung und Rückständigkeit und sollte daher möglichst schnell und vollständig abgeschafft werden. Sie wird meist in den Ländern des globalen Südens verortet. In den Ländern des Nordens gilt Kinderarbeit dagegen als düsteres Kapitel des Frühkapitalismus, das mittels gesetzlicher Verbote und allgemeiner Schulpflicht abgeschafft wurde. Oft wird die heutige Kinderarbeit im Süden mit den damaligen Zuständen gleichgesetzt und als Konsequenz werden die gleichen Maßnahmen zu ihrer Abschaffung auch dort propagiert.

Ein Überblick über die internationale Forschung zeigt, dass eine solche Gleichsetzung den Sachverhalt zu sehr vereinfacht. Auch im Norden arbeiten (wieder) viele Kinder, während sie gleichzeitig die Schule besuchen. Im Süden arbeiten viele Kinder nicht nur, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt, sondern auch deshalb, um sich und ihren Geschwistern den Schulbesuch zu ermöglichen, vor allem aber weil sie ihren Familien beistehen wollen. Verbote lösen ihre Probleme ebenso wenig, wie die Pflicht zum Schulbesuch die Kinderarbeit gegenstandslos macht. Im Süden wie im Norden hat die Arbeit der Kinder sehr viele Facetten und findet in vielen verschiedenen Formen statt. Statt die Arbeit der Kinder pauschal zu verdammen, wird heute von vielen Forscher/innen dafür plädiert, genauer auf die Bedingungen der Arbeit zu achten, ausbeuterische von nicht-ausbeuterischer Arbeit zu unterscheiden und ggf. die Vor- und Nachteile der Arbeit für die Kinder miteinander abzuwägen. Weitgehende Einigkeit besteht darin, dass die lokalen und kulturellen Kontexte und vor allem die Sichtweisen der arbeitenden Kinder selbst stärker bei der Analyse und Bewertung berücksichtigt werden müssen.

Inhalt

Die Autorin knüpft in ihrem Buch, das auf ihrer Dissertation an der FU Berlin beruht, an diese Forschungen an und richtet ihr besonderes Augenmerk auf die Frage, auf welchen normativen Grundlagen die (einseitigen) Bewertungen der Kinderarbeit und die politischen Programme und Maßnahmen zu ihrer Abschaffung beruhen. Das Buch geht von der These aus, dass sie auf bürgerlichen ("westlichen") Modellen von Kindheit sowie von individueller und gesellschaftlicher Entwicklung basieren, die in Europa entstanden sind und nicht einfach auf die Situation von Kindern im südlichen Teil der Welt übertragen werden können. Die Autorin arbeitet die historisch, kulturell, sozioökonomisch und politisch spezifischen Vorannahmen dieser Modelle und ihre gegenseitigen Verflechtungen heraus und zeigt die oft kontraproduktiven Konsequenzen für arbeitende Kinder auf. Damit soll der westliche Kindheits- und Entwicklungsdiskurs, an dem die Entwicklungspsychologie einen erheblichen Anteil hat, auf seinen spezifischen Ursprungskontext verwiesen werden.

Zunächst zeigt die Autorin, wie sich die gesellschaftliche Rolle der Arbeit von Kindern im Kontext der kapitalistischen Industrialisierung tiefgreifend verändert hat und im 19. Jahrhundert in einen normativen Kindheitsdiskurs mündete, in welchem Arbeit als unvereinbar mit Kindheit gilt. In diesem Zusammenhang arbeitet sie die historischen Entstehungsbedingungen der Entwicklungspsychologie heraus und geht der Frage nach, welchen Einfluss sie auf den modernen westlichen Kindheitsdiskurs und den theoretischen wie praktischen Umgang mit Kinderarbeit ausgeübt hat. Im empirischen Hauptteil analysiert sie die UN-Kinderrechtskonvention, die Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zur Kinderarbeit, die Spendenwerbung zweier Kinderhilfswerke (UNICEF, terre des hommes) und schließlich Dokumente aus den Bewegungen arbeitender Kinder unter der Frage, welches Verständnis von Kindheit ihnen zugrunde liegt und inwieweit sie der Situation arbeitender Kinder des Südens gerecht werden. Im abschließenden Kapitel ihres Buches greift die Autorin die Dokumente der Kinderbewegungen erneut auf und lotet die Chancen aus, die sich aus ihnen für eine Veränderung des vorherrschenden Denkens über Kinderarbeit ergeben.

Diskussion

Der Autorin gelingt es auf eindrucksvolle Weise, sichtbar zu machen, welche Probleme sich aus dem mit der westlichen Moderne entstandenen Entwicklungsdenken für das Verständnis des sozialen Phänomens der Kinderarbeit und seinen historischen Formwandlungen ergeben. Eine Stärke des Buches besteht darin, dass die von der Autorin ausgewählten Dokumente immer in ihrem konkreten Entstehungs- und Anwendungskontext "diskursanalytisch" untersucht werden. Auf diese Weise wird es möglich, nicht nur ihren ideologischen Gehalt bzw. Realitätsbezug zu erkennen, sondern auch, welches "Gewicht" sie für das Denken über und den Umgang mit Kinderarbeit haben oder erhalten könnten. Die Darstellung gewinnt zudem an Glaubwürdigkeit, indem die Autorin zu erkennen gibt, in welcher Weise sie selbst im persönlichen Umgang mit arbeitenden Kindern gelernt hat, mit überkommenen Vorstellungen von Kinderarbeit kritischer umzugehen.

Fazit

Die Lektüre des Buches ist nicht immer einfach, aber wer sich erst einmal auf sie eingelassen hat, wird eher in der Lage sein, das vielfältige und widersprüchliche Phänomen Kinderarbeit aus der Sicht arbeitender Kinder zu verstehen. Angesichts seines stolzen Preises werden sich gewiss nicht viele das Buch leisten können; umso häufiger sollte es in Bibliotheken verfügbar sein.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children‘s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
Homepage www.fh-potsdam.de/person/person-action/manfred-lieb ...
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 18.02.2008 zu: Andrea Kleeberg-Niepage: Kinderarbeit, Entwicklungspolitik und Entwicklungspsychologie. Arbeitende Kinder als Herausforderung für die universalisierte eurozentrische Konstruktion von Kindheit. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2007. ISBN 978-3-8300-3370-7. Reihe: Studien zur Kindheits- und Jugendforschung - 51. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5677.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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