socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Christine Rehklau, Ronald Lutz (Hrsg.): Sozialarbeit des Südens. Band 1: Zugänge

Christine Rehklau, Ronald Lutz (Hrsg.): Sozialarbeit des Südens. Band 1: Zugänge. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2007. 284 Seiten. ISBN 978-3-86585-901-3. 26,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Sozialarbeit als Anthropologie des Helfens

Die theoretischen Konzepte und die praktischen Vollzüge der Sozialen Arbeit werden bisher weitgehend mit dem Fokus auf die entstandenen und etablierten westlichen Modelle und Traditionen des professionellen Helfens für "Menschen in besonderen Lebenslagen" betrachtet. Hier, im Bewusstsein der historischen Entwicklung, der gesellschaftlichen und sozialpolitischen Ausformungen, entsteht insbesondere in den Gesellschaften des Nordens, "ein Produkt von Aushandlungsprozessen im Kontext der Differenzierung und Spezialisierung der Verwissenschaftlichung und der Säkularisierung moderner Gesellschaften". Erst die sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnde Welt zwingt in allen Bereichen des Alltagslebens wie der wissenschaftlichen Reflexionen dazu, den Blick "über den Gartenzaun" zu wagen und danach zu fragen, "wie Soziale Arbeit in den kulturellen Kontexten an anderen Orten entworfen und grundiert wurde bzw. sich immer wieder neu formiert und begreift, sich als Wissenschaft und Praxis scheinbar von ihren Wurzeln abhebt und sich darin organisiert".  

Entstehungshintergrund und Intention

Diesen Blick tun der Sozialwissenschaftler Ronald Lutz und die Sozialarbeiterin Christine Rehklau von der Fachhochschule Erfurt nicht zum ersten Mal. In der vom Paulo Freire Verlag neu etablierten Reihe "Internationale Sozialarbeit" liegen bisher zwei Bände vor, die den interkulturellen Blick in die "Sozialarbeit des Südens" richten: Band 2 berichtet über die Situation und die Entwicklung der Sozialarbeit in Afrika (vgl. dazu die Rezension). Band 1 will dazu die Grundlagen legen. Dabei geht es erst einmal darum, zu relativieren. Nicht die sattsam bekannten, dominanten und hegemonialen Fingerzeige dürfen die Blickrichtung bestimmen, sondern tatsächlich das, was mit der interkulturellen Forderung nach einem Perspektivenwechsel zum Ausdruck kommt: Auf Augenhöhe schauen und den gleichwertigen Dialog anstreben! Dabei kommt dann sogar heraus: "Vom Süden lernen heißt deshalb zunächst sich selbst relativieren zu können und die enge und verdeckte Verstrickung in die eigene Kultur zu sehen". Die Herausgeber versammeln in ihrem Grundlagenband zur Begründung für eine Neubewertung der Sozialen Arbeit eine Reihe von "Süd-Denkern", die, auch im Sinne des lateinamerikanischen Pädagogen Paulo Freire, zu einer "befreienden Praxis" finden wollen. Weil der Blick auf das Eigene nicht selten dadurch geschärft wird, dass man auf das Fremde, das Andere schaut, wird deutlich:  DIE  Sozialarbeit gibt es nicht! Der internationale Blick lässt vielmehr erkennen: Die Formen von Sozialer Arbeit in den Ländern des Südens, in Afrika, Asien und Lateinamerika, sind zum einen geprägt von kolonialen Strukturen; andererseits gibt es in den letzten Jahren Anstrengungen, diese überkommenen Konzepte zu decodieren und autochthone Entwicklungen in Gang zu setzen.

Inhalt

  • Christine Rehklau und Ronald Lutz unternehmen im ersten Beitrag eine Bestandsaufnahme der Chancen, der Dialoge und der Visionen, wie sie sich in der aktuellen, wissenschaftlichen Auseinandersetzung für eine "Sozialarbeit des Südens" darstellen. Dabei identifizieren die Autoren unterschiedliche Wahrnehmungen und Praxen im Vergleich zu der eher als Einzelfallhilfe sich darstellenden Sozialarbeit des Westens: "Spezifische `Sozialarbeit des Südens` ist inhaltlich vor allem Armutsbekämpfung, bewusstseinsbildende und befreiende Bildungsarbeit". Die Bestrebungen im wissenschaftlichen Diskurs, etwa in Afrika, zu einer Indigenisierung der Sozialpraxis, hin zu einer entwicklungsbezogenen Sozialarbeit zu kommen, sind unüberhörbar. Dialog auf Augenhöhe und gleichberechtigte Partnerschaft sind  die Grundlagen dazu.
  • Im zweiten Beitrag stellt Ronald Lutz seine "Thesen einer Anthropologie der Kindheit" vor. Dabei plädiert er für "einen veränderten Blick", indem er dazu auffordert, von den Kindern als Subjekten auszugehen, also "ihr Handeln als konstitutives Moment ihrer Kindheit zu begreifen". Das bedeutet nicht, sie in einem Laissez-faire verkommen zu lassen, sondern den "Blickwinkel von der Wächter-Perspektive einer behüteten Kindheit" weg- und hinzulenken "auf Augenhöhe, die Spielräume ihrer Lebenslagen zu reflektieren und zu gestalten und sie darin vor allem auch für ihre eigenen Belange zu aktivieren". 
  • Der Sozialpädagoge Manfred Liebel von der TU Berlin, der sich kürzlich mit seinem Buch "Wozu Kinderrechte" (2007, vgl. dazu die Rezension) in die internationale Diskussion eingemischt hat, informiert mit seinem Beitrag über "Arbeitende Kinder des Südens". Die sich in den Ländern des Südens mehr und mehr bildenden "Bewegungen arbeitender Kinder" zwingen die Akteure der Sozialen Arbeit zu einem anderen professionellen Verständnis, bieten ihnen aber auch Erfahrungen und Erfolge durch eine Zusammenarbeit und Unterstützung auf Augenhöhe.
  • Der Politikwissenschaftler und Sozialpädagoge von der Universität Jena und Lehrbeauftragte an der FHS Erfurt, Melha Rout Biel informiert über "Kindheit in Afrika". Indem er die Auffassungen und Verhältnisse von Kindheit in der vorkolonialen Zeit Afrikas diskutiert, die Situationen während der Kolonialherrschaft aufzeigt und die Faktoren verdeutlicht, die Kindheiten im postkolonialen Afrika belasten, plädiert er dafür, Armut und Krankheit zu bekämpfen, eine positive Entwicklung zu ermöglichen und verantwortlich zu regieren.
  • Der Sozialpädagoge Uwe von Dücker, mit langjähriger Erfahrung in der lateinamerikanischen Straßensozialarbeit, Initiator des Vereins "Freiburger StraßenSchule" und der "Internationalen Gesellschaft educacion para todos", berichtet über ein interessantes Projekt: Der Verein schickte vier junge Freiburger Punks zu einem einmonatigen, interkulturellen Straßen-Praktikum nach Lima / Peru. Die eindrucksvollen Schilderungen, die emotionalen Erfahrungen, Irritationen und Bestätigungen, die Konfrontation mit der "ganz anderen Wirklichkeit" der Straßenkinder in Peru führten dazu, dass sich bei den vier jungen Deutschen tatsächlich so etwas wie eine Veränderung vollzieht: "Nie zuvor glaubten sie das Leben so hautnah gespürt zu haben. Nie zuvor haben sie so intensiv über sich, ihre persönliche Geschichte und die Situation anderer Menschen nachgedacht. Nie zuvor haben sie so viel Anerkennung, Offenheit, Herzlichkeit erlebt. Nie zuvor sind sie so ernst genommen worden…".
  • Die Erfurter Professorin für Gender Studies, Cillie Rentmeister, reflektiert über die vielgenannte Metapher: "Entwicklung ist weiblich", nämlich über den Zusammenhang zwischen Gleichberechtigung, reproduktiven Rechten und menschlicher Entwicklung. Trotz aller Probleme, Barrieren und Rückschritte in der lokalen und globalen Entwicklung des Menschenrechts auf Gleichberechtigung, kommt doch die Hoffnung zum Ausdruck, dass "die Zukunft weiblich" ist.
  • Die promovierte Ethnologin Rita Schäfer setzt sich mit der geschlechtsspezifischen Gewalt, als Ausdruck gesellschaftlicher Strukturprobleme in Südafrika, auseinander. Nur wenn in Analyse und Prävention der historische Kontext einbezogen wird, warum jährlich über 55.000 polizeilich registrierte Vergewaltigungen und andere Gewalthandlungen von Männern an Frauen begangen werden, kann es gelingen, zu einem grundsätzlichen Wandel in diesem Land und darüber hinaus zu gelangen. Solange geschlechtsspezifische Gewalt bereits den Kindern als normativ weiter vermittelt wird, dürfte es unmöglich sein, die gesellschaftlichen Gewaltmuster zu verändern, hin zu Anti-Gewaltansätzen und präventiven Maßnahmen.
  • Die Professorin für Soziale Arbeit an der Jamia Millia Universität in Neu Dehli, Anjali Gandhi und die ebenfalls dort tätige Sozialarbeiterin Jaimon Varghese berichten in dem englischsprachigen Text über "Community Development Experience in India". Dabei beziehen sie sich auf die für den Nord-Süd-Diskurs um Sozialarbeit bedeutsamen Aspekte auf die verschiedenen Konzept- und Programmansätze, wie auch auf die Notwendigkeit, damit bei den historischen, kulturellen und ökonomischen Bedingungen anzusetzen.
  • Die Professorin für Sozialmanagement im Fachbereich Sozialwesen an der FHS Erfurt, Esther Weitzel-Polzer, stellt in einer vergleichenden Arbeit die Aspekte der wirtschaftlichen Entwicklung und der Sozialen Arbeit in Deutschland und Indien dar. Grundlage dafür ist die seit 2004 bestehende Hochschulpartnerschaft zwischen der islamischen Universität Jamia Millia Islamia in Dehli und der FHS Erfurt. Die Einsicht, die sich dabei ergibt, ist überraschend und hoffnungsvoll zugleich: Es gibt in den Gesellschaften des Nordens wie des Südens vielfach gleiche Argumentationsmuster zur Etablierung und Praktizierung von Sozialer Arbeit, nicht selten die gleichen Widerstände und Barrieren; andererseits bemerkenswerte Initiativen in der "zukünftigen Großmacht Indien", von denen wir lernen und die unseren Blick erweitern können.
  • Gesine Spieß, die an der FHS Erfurt die Lehrbereiche "Kindheit, Sozialisation und Geschlechterverhältnisse" vertritt, reflektiert in ihrem Beitrag die Erfahrungen beim Austausch von Studierenden der beiden Hochschulen in Delhi und Erfurt: "Studierende lernen Menschenrechte"; darin sieht sie die wesentlichen Chancen und bemerkenswerten Ergebnisse von Studienpraktika in diesem Partnerschaftsprogramm. Das, was internationale Partnerschaftsaktivitäten in besonderer Weise auszeichnet, registriert die Autorin auch hier: Die deutschen und indischen Studierenden kommen anders zurück, als sie weg gefahren sind.
  • Der an der thailändischen Thammasat University im Bereich der Sozialadministration lehrende Tassanee Laknapichonchat stellt ein Forschungs- und Praxisprojekt in seinem Land vor: "Developing Cooperative Networks for Agricultural Workers in Petchaburi Province" in seinem englischsprachigen Beitrag vor.
  • Der Leiter des Münchner Instituts für Sozialforschung an der dortigen FH, Gerd Mutz und die beiden BA-Studentinnen Marlies Kustatscher und Franziska Meinck von der Fakultät für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen / Brixen, berichten über einen Studienaufenthalt in der VR China und stellen "Soziale Arbeit in der Volksrepublik China" dar. In dem sich vollziehenden Werte- und ökonomischen Wandel in China gibt es "Gewinner" und "Verlierer". Die neu entstehenden Formen der Sozialen Arbeit sind mögliche Wege, den letzteren ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Eine gewaltige Aufgabe, die für die Betrachter von außen nur schwer einzuschätzen ist.
  • Die an der Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit an der FH Coburg tätige Gaby Franger nimmt Stellung zur nationalen und gesellschaftlichen Entwicklung in Peru und Kolumbien. Wie können Menschen, die durch jahrzehntelange, gewaltsame Konflikte in besonderer Weise betroffen und existentiell gefährdet sind, mit Modellen der Sozialen Arbeit ein menschenwürdiges Leben führen? Für Gaby Franger kann dies nur "Menschenrechtsprofession" als Beitrag der Sozialen Arbeit zur Befriedung und Normalisierung sein.
  • Die Diplom-Sozialpädagogin Annett Rudolph aus Chemnitz, geschult durch mehrere langfristige Auslandsaufenthalte, vor allem in Südamerika, berichtet über Modelle und Projekte der Friedensarbeit in Peru.
  • Mit dem Schlussbeitrag des Bandes erinnern die beiden Wissenschaftler Emil A. Sobottka und Mrcia S. A. Faustini von den Fachbereichen Soziologie und Sozialpädagogik der Katholischen Universität in Porto Alegre mit ihrem Beitrag "Politisches Engagement für die Freiheit. Wahlverwandtschaften zwischen Paulo Freire und der Sozialen Arbeit in Brasilien" an die Freireschen Visionen und Praxis zur Bildung eines kritischen Bewusstseins und einer Sensibilisierung bei der Wahrnehmung von alltäglichen und strukturellen Diskriminierungen. Die brasilianische Sozialarbeit hat diese Ideen aufgenommen und weiter entwickelt.

Fazit

Die beiden Bände "Sozialarbeit des Südens" : Band 1 "Zugänge" und Band 2: "Schwerpunkt Afrika" dürften Schneisen des Nachdenkens und des Veränderns in den Diskurs über die möglichen Wege für die wissenschaftliche Diskussion, die Forschungen und Praxis der Sozialen Arbeit lokal, regional und global schlagen. Weil interkulturelles Wahrnehmen und transkulturelle Kommunikation den Blick frei machen für das eigene Handeln und die Kooperation mit der Theorie und Praxis der Sozialarbeit befruchten.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1375 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.01.2008 zu: Christine Rehklau, Ronald Lutz (Hrsg.): Sozialarbeit des Südens. Band 1: Zugänge. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2007. ISBN 978-3-86585-901-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5681.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Krippenleitung (w/m/d), Jesteburg

Pädagogische Fachkräfte (m/w/d), Remseck am Neckar

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung