socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Harald Künemund, Klaus R. Schroeter (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten [...] in Lebenslauf und Alter

Cover Harald Künemund, Klaus R. Schroeter (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten und kulturelle Unterschiede in Lebenslauf und Alter. Fakten, Prognosen und Visionen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 234 Seiten. ISBN 978-3-531-15753-5. 34,90 EUR.

Reihe: Alter(n.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Ist der Sozialstatus eines Menschen im Alter nur Ergebnis einer aus seinen jüngeren Lebensjahren in den Ruhestand hinein ragenden Soziallage, wie man sein Sparbuch und seinen Doktortitel mitschleppt? Wenn man nur an erworbene Rentenversicherungszeiten und angesammelte Bankkonten denkt, könnte man das meinen. Wie die Ameise in der Fabel frohlockt: Hättest Du mal in Deinem früheren Leben mehr zur Seite gelegt!

Doch kann die Altersentwicklung noch eine Menge ändern. Nicht nur durch plötzliche Erbschaft oder überraschenden Lottogewinn. Auch Umstände und Aktivitäten im Alter können den in der Lebensreise mitgeführten Status überholen. Solchen alterswirksamen Momenten gehen die Autoren des von Harald Künemund und Klaus R. Schroeter heraus gegebenen 236seitigen Sammelbandes "Soziale Ungleichheiten und kulturelle Unterschiede in Lebenslauf und Alter" nach.

Inhalte im Überblick

In dem im VS Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden erschienenen Aufsatz-Band obwaltet nicht ausschließlich die gerontologische Perspektive. Auch Gender-Gesichtspunkte fließen in die vielen Variablen für die Status-Bestimmung ein. Zu Rate gezogen werden unter anderem die Systeme der Sozialen Sicherung, Ernährungsgewohnheiten, Pflegearrangements, Heimaufenthalte, Erbschaften, Netzwerke und kulturelles Kapital. Entsprechend vielfältig ist die Sammlung der Beiträge. Pierre Bourdieus Zusammenschau von ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital hat mehr als einmal Pate gestanden. Methodisch werden von den von Harald Künemund, der Gerontologie an der Hochschule Vechta lehrt, und von Klaus R. Schroeter, Soziologe an der Universität Kiel, heran gezogenen Autoren unterschiedliche Vorgehensweisen gewählt: Sekundär-Datenanalysen, Aktenauswertungen, Repräsentativbefragungen und standardisierte Interviews.

Einleitend schildern die Band-Herausgeber Harald Künemund und Klaus R. Schroeter ihr Anliegen, sich mit den zehn folgenden Arbeiten der Ungleichheiten im Alter empirisch und konzeptionell nicht nur mittels traditionell ökonomischer Kriterien, sondern auch mit verhaltensleitenden Größen zu nähern.

 Theoretische Zugänge

  • In drei theoretischen Zugängen zeigt erstens Wolfgang Clemens, dass im Alter neben traditionalen vertikalen Statusmerkmalen in horizontaler Hinsicht soziale Beziehungen und Netzwerke an Bedeutung gewinnen. Lebenslagen folgten nicht nur sozialen Strukturen, sondern vermöchten auch neue Strukturen zu schaffen.
  • Andrea Kortmann bezieht zweitens neben den vormaligen Positionen in der Erwerbswelt auch die aktuelle Bewegung in Netzwerken und Kultur in die Betrachtung ein. Sie untersucht die altersbezügliche Sozialstruktur im Zeitablauf und sieht hier immer kürzere stabile Kohortenphasen.
  • Negative Momente im Alter sehen drittens Gertrud M. Backes und Ludwig Amrhein besonders für Frauen im Alter. Beim "negativen Alter" ergeben sich Kumulationseffekte vom ökonomischen Bereich in die Verhaltensleitung.

Exemplarische Ungleichheitsanalysen

  • In den folgenden sieben exemplarischen Ungleichheitsanalysen sieht zunächst Ursula Dallinger aufgrund unterschiedlicher Gerechtigkeitsvorstellungen der verschiedenen Sozialschichten eine zunehmende Akzeptanz von Ungleichheits-Phänomenen wirksam werden.
  • Egalitäre Tendenzen machen fünftens auf der Grundlage von Vorschriften zur Existenzsicherung im Alter Traute Meyer und Birgit Pfau-Effinger aus; Ansichten zum generellen Sozialabbau sehen die Autorinnen somit als widerlegt an.
  • Unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten spürt sechstens Cordula Kropp nach, wobei sie  in ihren vergleichenden Befragungen in München und Leipzig unerwartet auf Vielfalt und Offenheit in der Mahlzeitengestaltung Älterer stieß.
  • Den Einkommenseinbußen bei der Zurruhsetzung gehen siebtens Andreas Motel-Klingebiel und Heribert Engstler nach. Sie sehen auf immer mehr Brüche zwischen Erwerbszeit und Altersrentenbeginn, was sich auf Dauer einkommensmindernd auswirkt.
  • In einem Fünf-Länder-Vergleich von Pflegearrangements findet achtens Hildegard Theobald besonders bei gesundheitlichen Beeinträchtigungen starke Exklusionsphänomene mit Ausgrenzung und Autonomieverlust.
  • Die Heimkarrieren befragen neuntens Wolfgang Voges und Lars Borchert nach früherem Erwerbsstatus und Familienstand, wobei sich frühere Statuslagen einebnen, Nichtverheiratete zwar das größere Heimrisiko haben, dort aber länger überleben.
  • Schließlich sehen zehntens Harald Künemund und Claudia Vogel mit der Vererbung weitere entscheidende Ungleichheiten herauf ziehen, die positiv mit den übrigen Statuslagen im Lebensverlauf korrelieren.

Diskussion

Die beschrittenen, vielfältigen Zugänge zur Ungleichheit im Alter können sicher eines nicht suggerieren: Dass vor dem und im Alter – wie im Tode – alle gleich seien. Im Ergebnis ist zu resümieren, dass die bis zum Alterseintritt erworbene Statuslage im Alter bei entsprechendem sozialem Kapital und bei gezielten sozialpolitischen Interventionen noch leicht zum Besseren hin veränderbar ist. Ernährungsumstellung und Grundsicherung sind hier positive Beispiele. 

Zugleich zeigen diese Gebiete thematisch die Heterogenität auf, unter der der Sammelband doch leidet. Wer eine geschlossene Sozialstrukturanalyse des Alters in der deutschen Gesellschaft sucht, wird mit der hier zusammen getragenen Vielfalt von Statuslagen keine rechte Antwort finden. Ganz zu schweigen, dass er sich in vielen Datenfriedhöfen kaum mehr zurecht findet (besonders der Beiträge sieben bis neun zu Rentenübergang, Pflegearrangements und Heimkarriere). Warum wurde der im Alter besonders wichtigen Wohnsituation kein eigener Beitrag gewidmet?

Einige berichtete Ergebnisse werfen auch Fragen auf. Die von Andrea Kottmann behauptete Verringerung der Verständigungshorizonte zwischen den Generationen aufgrund des sich beschleunigenden sozialen Wandels könnte sich ja doch durch innerfamiliale Austausche relativieren. Der im Beitrag von Traute Meyer und Birgit Pfau-Effinger mehrfach gebrauchte Begriff zur weiblichen Rentenabsicherung "Vereinbarkeitsmodell der männlichen Versorgerehe" bleibt unklar; außerdem ist der für die Existenzsicherung im Alter verwandte Begriff "Grundrente" falsch; eingeführt ist in Deutschland die Grundsicherung im Alter. Zu appellhafte Töne schlagen Gertrud M. Backes und Ludwig Amrhein in ihrem Beitrag mit "es muss", "es gilt", "müssen" und "Erfordernis" an. Im Aufsatz von Wolfgang Voges und Lars Borchert sind die Grautöne für sechs Alternativflächen im Polygon-Diagramm auf Seite 204 nicht mehr unterscheidbar; außerdem hat Abb. 7 auf Seite 213 die falsche Überschrift und ergibt sich zwischen Seite 195 und Seite 199 ein Widerspruch zur Beziehung zwischen Status und Morbidität/Mortalität.

Fazit

Im Detail zuweilen interessant, in der generellen Diktion praktisch unüberschaubar und unverdaulich gibt sich dieser in Themenstellung wie methodischer Anlage völlig uneinheitliche Sammelband von Einzelarbeiten. Zieht man das Resümee so: Der in den mittleren Jahren erworbene Sozialstatus wirkt im Sinne von Kontinuität stark ins Alter hinein; dort ist er aber in Maßen noch korrigierbar – dann stellt man fest: Das haben wir doch auch vorher schon gewusst.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
E-Mail Mailformular


Alle 89 Rezensionen von Kurt Witterstätter anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 25.04.2008 zu: Harald Künemund, Klaus R. Schroeter (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten und kulturelle Unterschiede in Lebenslauf und Alter. Fakten, Prognosen und Visionen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-15753-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5700.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung