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Andreas Häfke: Hoffnungslos arbeitslos? Psychosoziale Auswirkungen [...]

Cover Andreas Häfke: Hoffnungslos arbeitslos? Psychosoziale Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf Schulabgänger. Tectum-Verlag (Marburg) 2007. 120 Seiten. ISBN 978-3-8288-9383-2. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Thematik und Autor

In der aktuellen politischen Diskussion um die Motivation jugendlicher Straftäter, die Gründe für ihr deliquentes Verhalten und die deshalb (angeblich) nötige und nützliche Verschärfung des Jugendstrafrechts spielen die Themen „Schule und Ausbildung“ als vermeintlich oder tatsächlich präventiv wirkende Kernfaktoren der persönlichen und beruflichen Motivation eine zentrale Rolle. Der Grundtenor lautet, dass hier über „mehr Bildung“ wenn nicht eine Vermeidung von Straftaten, so doch eine Verringerung ihrer Anzahl zu erreichen ist. Ein derartiges Verhalten aufseiten der Jugendlichen sei in ihrer Hoffnungslosigkeit und Demotivation begründet, weshalb sich eine entsprechende Deliquenz als Resultat einer drohenden bzw. bereits eingetretenen arbeitsmarktlichen Exklusion mehr oder weniger notwendig bei ihnen ergebe müsse.

Der tatsächliche oder nur unterstellte ursächliche Zusammenhang von (mangelnder) Bildung und Deliquenz ist es allerdings nicht, der Andreas Häfke primär interessiert. Vielmehr legt seine Untersuchung ihren Schwerpunkt darauf, den behaupteten vorgelagerten Ursache-Wirkungszusammenhang von schlechten Ausbildungs- und Berufschancen und einer daraus folgenden (De-)Motivationslage des Klientels einer wissenschaftlichen Überprüfung zu unterziehen. Bezüglich seiner persönlichen Motivation verweist der Autor zu Beginn der Abhandlung auf seine langjährige berufliche Tätigkeit im Bereich der Jugendberufshilfe, die ihn dazu veranlasste, sich auch wissenschaftlich mit den psychosozialen Folgen von Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen zu befassen. Der vorliegende Text wurde 2007 an der Universität Kassel als Dissertationsschrift angenommen.

Inhalt

Nach einer kurzen thematischen Einleitung stellt der Autor seiner Untersuchung die aus einer Recherche größtenteils älterer Literatur zum Thema [1] (Teil 2: „Stand der Problemdiskussion“) abgeleitete (Kern-)Arbeitshypothese (Teil 3: „Ableitung der Hypothesen“) voran, dass „[…] Ausbildungslosigkeit mit zunehmender Dauer zu einer Demoralisierung der betroffenen Jugendlichen [führt]“ (S.32) und thematisiert zugleich die Frage, ob sich derartige Demoralisierungstendenzen im Rahmen seiner Untersuchung empirisch tatsächlich nachweisen lassen? Um so bemerkenswerter erscheint es dann, dass dem Autor zur äußerst knappen und auch nicht weiter problematisierten Definition von „Demoralisierung“ – immerhin dem Kernbegriff der Untersuchung – eine sechs Jahre alte Dudendefinition von zwei Sätzen sowie eine ergänzende ICD-10-Klassifikation auf insgesamt einer halben Textseite ausreichen.

In Teil 4 („Darstellung der Untersuchungsmethoden“) folgt eine Erläuterung des Untersuchungssettings. Mit Hilfe der im Text beschriebenen Analyseinstrumente wurde im Zeitraum von September 2004 bis September 2005 eine teilstandardisierte, internetbasierte Stichprobenerhebung bei 274 ausbildungssuchenden Jugendlichen im Vergleich zu 120 auszubildenden Jugendlichen im Alter von 16-25 Jahren durchgeführt, denen zur Beantwortung der Fragen jeweils ein eigene Internetzpräsenz zur Verfügung stand. Exemplare der Fragebögen selbst sind im vorliegenden Text leider nicht enthalten.

Die Präsentation der Ergebnisse erfolgt im 5. Teil. Dieser bereitet die gewonnenen demografischen und sozioökonomischen Daten, die Angaben zum persönlichen Umfeld, zu Schule und Ausbildung, zu Krankheiten sowie zu Drogenkonsum und Strafdelikten in jeweils eigenen Unterkapiteln grafisch und in kommentierender Textform auf. Die Untersuchung schließt mit einer Interpretation und der Diskussion der Ergebnisse im 6. Teil ab, bevor der Autor im letzten Teil ein kurzes allgemeines Resümee zieht.

Ergebnisse und Bewertung

Ohne hier sämtliche Ergebnisse referieren zu können, soll auf einen zentralen Fragenkomplex der Arbeit, der auch für den Autor besonders relevant ist, eingegangen werden: „Zum einen die Frage nach der beruflichen Perspektive in zwei Jahren sowie zum anderen nach der Wahrscheinlichkeit im nächsten Jahr einen Ausbildungsplatz gefunden zu haben“ (S.113). Dies deshalb, weil diese „völlig entgegengesetzt zur zusammengefassten Hypothese beantwortet wurden“ (ebd.), insofern sich diejenigen Probanden die größte Chance gaben, die am längsten einen Ausbildungsplatz suchten, was dem Autor „[…] völlig unerwartet, weil unlogisch erscheint“ (S.107). Dies wird von ihm so erläutert, „[…] dass am Anfang ein Schock steht, keine Lehrstelle gefunden zu haben, der mit zunehmender Dauer verarbeitet wird und schließlich sogar einer großen Hoffnung weicht, doch endlich etwas finden zu müssen“ (ebd.). Eine Erklärung, die eher neue Fragen aufwirft, als dass sie eine befriedigende Antwort darstellt. Denn wie aus dem im Zeitverlauf noch zunehmenden Zwang, „endlich etwas finden zu müssen, mehr Hoffnung und Zuversicht - wie immer diese inhaltlich beschaffen ist – resultieren sollen, ist tatsächlich rätselhaft und wäre gerade zu klären.

Der Autor folgert aus diesen wie aus anderen, ähnlich widersprüchlichen Ergebnissen seiner Befragung jedoch recht umstandslos, dass „[…] die von mir […] aufgestellte Hypothese, wonach Ausbildungslosigkeit mit zunehender Dauer zu einer Demoralisierung der betroffenen Jugendlichen führt, meiner Meinung nach nicht durch diese Untersuchung bestätigt worden [ist]“ (S.113). Diese Schlussfolgerung erscheint dabei nicht nur inhaltlich als problematisch. Formale Zweifel formuliert Häfke selbst auch bezüglich der Umstände seiner Untersuchung. Diese beziehen sich dabei auf die Qualität seiner Erhebung, insbesondere der Umstände, unter denen die Daten erhoben wurden: „Während meiner Erklärungen war zu keinem Zeitpunkt wirklich Ruhe in dem Unterrichtsraum […] viele Teilnehmer nahmen den Fragebogen nicht ernst […] und es wurden Begriffe wie zum Beispiel „erwerbstätig“ von vielen Personen nicht verstanden.“ (S.37). Darüber hinaus wird den Probanden wohl nicht zu Unrecht eine „Verdrängung der Realität“ und eine „mangelnde Selbsteinschätzung“ (S.107) bescheinigt. Auch die Tatsache, dass es bei der Beantwortung der Kernfrage nach der Perspektive in zwei Jahren „38,5 % Antwortverweigerer“ (S.107) bei den ausbildungsplatzsuchenden Jugendlichen gegeben habe, lassen den Autor sein dargestelltes Fazit nicht fraglich erscheinen. Schließlich stellt Häfke auch die quantitative Validität seines Datenmaterials in Frage, wenn er darlegt, dass zu einer Absicherung seiner Ergebnisse eigentlich „[…] Daten aus ganz Deutschland gewonnen und ausgewertet werden [müssten], […] um eine größere Aussagekraft einer Untersuchung auf dem Gebiet der Jugendberufshilfe zu erhalten“ (S.113-114).

Was man ebenso vermisst ist eine Antwort auf die Frage, welchen berufspraktischen Nutzen Jugendliche und Anleiter – einmal unterstellt, die nötigen Untersuchungsbedingungen wären tatsächlich erfüllt und die Ergebnisse ließen sich in gleicher Weise reproduzieren – dann daraus ziehen könnten? So mag die „Demoralisierung“ bzw. positiv gewendet die entsprechende „Motivation“ zwar eine notwendige, zugleich aber eben nicht hinreichende Bedingung einer erfolgreichen beruflichen Eingliederung darstellen. Schließlich bildet der Bedarf eines Arbeitsmarktes, auf dem Ausbildung trotz alljährlicher blumiger Versprechen weniger als „Zukunftsaufgabe“ denn als „Kostenfaktor“ kalkuliert wird, ein wesentliche externe Erfolgsvariable, die auch von entsprechend gut ausgebildeten und motivierten Jugendlichen kaum beeinflussbar ist.

Untersuchungen, die ihren Fokus im Sinne des arbeitsmarktpolitischen Aktivierungsgedankens im Wesentlichen auf die persönlichen Voraussetzungen bzw. Defizite der Klientel legen, interessieren sich damit – ganz im öffentlichen Tenor des Vorwurfs „mangelnder Ausbildungsfähigkeit“ aufseiten der Jugendlichen – eher für die Beförderung einer positiven mentalen Grundhaltung. Diese sollen die Jugendlichen entwickeln (können) und auch dann nicht verlieren, wenn sich ein schulisch-beruflicher Misserfolg an den nächsten reiht. Mit der Erweiterung der Betrachtung um diese Fragestellung hätte man sich – wenn die Themen schon „Hoffnungslosigkeit und Demoralisierung“ heißen – vermutlich eher der praktisch-moralischen Seite des Themas genähert.

Fazit

Der wissenschaftliche und berufspraktische Ertrag der Untersuchung erscheint insgesamt eher fraglich. Vor dem Hintergrund der Bedeutung des Themas für Theorie und Praxis der Ausbildungs- und Berufsbildung(sförderung) hinterlässt die Ausarbeitung dem interessierten Leser entgegen der Ankündigung des Autors, damit einen Beitrag zur „Schließung dieser Lücke“ (S.12) zu liefern, letztlich leider mehr Fragen als sie ihm eindeutige Antworten anbieten kann.


[1] Dies wird darüber begründet, „[…] dass es zu den untersuchten psychosozialen Folgen der Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen keine aktuellen und generell kaum empirische Untersuchungen gibt“ (S. 13).


Rezension von
Prof. Dr. Michael Buestrich
Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
Homepage www.buestrich.net


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Zitiervorschlag
Michael Buestrich. Rezension vom 29.02.2008 zu: Andreas Häfke: Hoffnungslos arbeitslos? Psychosoziale Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf Schulabgänger. Tectum-Verlag (Marburg) 2007. ISBN 978-3-8288-9383-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5703.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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