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Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Kinder- und Jugendbeteiligung in Deutschland

Cover Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Kinder- und Jugendbeteiligung in Deutschland. Entwicklungsstand und Handlungsansätze. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2007. 290 Seiten. ISBN 978-3-89204-937-1. 25,00 EUR, CH: 43,90 sFr.
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Thema

Die Partizipation von Kindern und Jugendlichen ist zu einem zentralen Thema sowohl in der Jugendarbeit und in der Politik als auch in der Kindheits- und Jugendforschung avanciert. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Ein Grund liegt in der ausgeprägten Distanz der nachwachsenden Generation zur traditionellen Politik. Durch die Bereitstellung von Teilhabemöglichkeiten im (kommunal)politischen Bereich will man der vielfach diagnostizierten Skepsis junger Menschen gegenüber politischen Parteien sowie ihrem fehlenden Vertrauen in politische Institutionen und deren Vertreter entgegenwirken. Weiterhin werden mittlerweile nicht nur von Erwachsenen, sondern auch von Kindern und Jugendlichen vermehrt Kompetenzen zur Bewältigung von Pluralisierungs- und Individualisierungsprozessen gefordert. Gesellschaftliche Modernisierungsprozesse führen zu Verunsicherungen, beispielsweise durch eine gesteigerte Bindungslosigkeit, durch ungewisse offene Biographien und gesellschaftliche Desintegrationsprozesse. Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in unterschiedlichen Bereichen – wie in der Schule, in der Kommune oder in Kindertagesstätten - zielt unter anderem darauf ab, den negativen Folgen gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse entgegen zu wirken. Partizipation von Kindern und Jugendlichen wird in diesem Kontext als Modus der sozialen und politischen Integration angesehen

Zielsetzung

Der Sammelband versteht sich laut Verlagsinformation „als Kompendium zu Fragen der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen.“ Ziel ist es, sowohl einen Einblick in den aktuellen Diskussionsstand zur Thematik zu geben als auch Handlungsperspektiven zur Verbesserung der Beteiligungssituation von jungen Menschen in Deutschland zu vermitteln. In diesem Kontext werden unter anderem Ergebnisse einer im Rahmen der von der Bertelsmann Stiftung geförderten Initiative „mitWirkung“ durchgeführten quantitativen empirischen Kinder- und Jugendpartizipationsstudie vorgestellt.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist in drei Teile unterteilt.

Nach einer Einführung durch Sigrid Meinhold-Henschel, Projektleiterin der Initiative „mitWirkung“, setzt sich Reinhard Fatke in ersten Teil mit dem Begriff der Partizipation auseinander. Dabei werden strukturelle, individuelle und gesellschaftliche Voraussetzungen der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen thematisiert. Einer Darstellung von Argumentationsmustern und Begründungen für eine nachhaltige Partizipation der jungen Generation durch Thomas Olk und Roland Roth folgt eine Vorstellung zentraler Befunde der Jugendpartizipationsstudie. Hier wurden in 42 Kommunen unter anderem circa 12000 junge Menschen zwischen 12 und 18 Jahren zu Ihren Partizipationserfahrungen in Familie, Schule, Freizeit und Kommune befragt. Die Autoren, Reinhard Fatke und Helmut Schneider, kommen zu dem Ergebnis, dass die Intensität der Mitbestimmung in Deutschland nach wie vor gering ist. Dies gilt vor allem für den Bereich der Schule und für den Wohnort.

Im zweiten Teil des Bandes widmen sich Ingo Richter, Michael Freitag und Gundel Berger den Rahmenbedingungen der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Sie beleuchten die rechtlichen Möglichkeiten und Grenzen der Partizipation in unterschiedlichen Feldern, z.B. in der Familie, in der Schule, in Vereinen, in der Kinder- und Jugendhilfe und oder in der Kommune.

Die Beiträge im dritten und umfangreichsten Teil des Sammelbandes vermitteln Handlungsansätze für die Praxis. Auf Basis empirischer Ergebnisse aus der Jugendpartizipationsstudie identifizieren Helmut Schneider und Reinhard Fatke zentrale Einflussfaktoren für das Beteiligungsverhalten von Kindern und Jugendlichen in der Kommune und leiten aus diesen Befunden Handlungsempfehlungen ab, die zur Intensivierung der Mitwirkung junger Leute in ihrem Wohnort beitragen können. F. Klaus Koopmann widmet sich der Beteiligung in deutschen Schulen. Unter anderem auf Grundlage der Befunde der Jugendpartizipationsstudie kommt er zu dem Schluss, dass Schülern bzw. Schülerinnen wenig Möglichkeiten geboten werden, sich Partizipationskompetenzen anzueignen und entwickelt Empfehlungen zur Optimierung solcher Aneignungsprozesse. Waldemar Stange und Stephan Schack stellen zentrale Aspekte der Ausbildung von Moderatoren und Moderatorinnen von Partizipationsprozessen sowie Methoden zur Qualifizierung Jugendlicher zu Akteuren bzw. Akteurinnen in Beteiligungsverfahren vor. Nadia Kutscher verdeutlicht, dass die Partizipationsintensität bei sozial benachteiligten Jugendlichen geringer ist als bei jungen Leuten aus gesellschaftlich privilegierteren Milieus und legt dar, wie Beteiligungsmöglichkeiten gestaltet sein müssten, um auch die bisher weniger eingebundenen Zielgruppen zu erreichen. Roland Roth und Thomas Olk befassen sich mit dem Stellenwert von Vereinen als „Schulen der Demokratie“ und geben Anregungen, wie sich die Beteiligungswirkung hier noch steigern lässt. Sigrid Meinhold-Henschel entwickelt Qualitätskriterien für Partizipationsvorhaben in der Kommune und Stephan Schack thematisiert die Rolle von Netzwerken in Beteiligungsprozessen. Schließlich hebt Raingard Knauer die Bedeutung von Kindertagesstätten als erste öffentliche demokratische Lernorte hervor. Sie arbeitet zentrale Aspekte heraus, die bei der Beteiligung von Kindern berücksichtigt werden sollten und entwickelt Handlungsansätze zur Intensivierung der Partizipation in Kindertageseinrichtungen.

Fazit

Der Sammelband vermittelt einen guten Einblick in die aktuelle Diskussion zur Kinder- und Jugendpartizipation. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Feldern der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen sowie der Entwicklung von Impulsen zur Intensivierung der Partizipation. Durch den starken Praxisbezug ist die Publikation besonders gut geeignet für Akteure und Akteurinnen in der (sozial-)pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Studierenden der Erziehungswissenschaften, der Sozialen Arbeit sowie Lehramtskandidaten und Kandidatinnen bietet der Sammelband einen wertvollen Einstieg in grundlegende Fragen zur Partizipation der jungen Generation. Wer sich in Theorie und Praxis für die Ausweitung von Partizipationsmöglichkeiten einsetzt, findet auf Basis der in dem Band vorgestellten empirischen Befunde zum Mitwirkungsverhalten von Kindern- und Jugendlichen in Deutschland eine hilfreiche Argumentationsgrundlage. Wer allerdings eine detaillierte (gesellschafts)-theoretische Auseinandersetzung mit der Partizipationsthematik erwartet, wird eher enttäuscht sein.


Rezension von
Prof. Dr. Ingrid Burdewick


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Zitiervorschlag
Ingrid Burdewick. Rezension vom 23.07.2009 zu: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Kinder- und Jugendbeteiligung in Deutschland. Entwicklungsstand und Handlungsansätze. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2007. ISBN 978-3-89204-937-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5708.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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