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Monika Bezdek, Petra Bezdek: Spielraum Stadt. Praxisideen und Spiele für Kindergruppen

Cover Monika Bezdek, Petra Bezdek: Spielraum Stadt. Praxisideen und Spiele für Kindergruppen. Don Bosco Verlag (München) 2007. 96 Seiten. ISBN 978-3-7698-1611-2. D: 9,90 EUR, A: 13,10 EUR, CH: 23,10 sFr.

Reihe: Lebendige Kita.
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Selbstbildung und Lebensweltorientierung

In der aktuellen pädagogischen Debatte herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass Kinder nicht gebildet werden können, dass sich kindliche Bildung vielmehr als Selbstbildung vollzieht. Freilich sind Kinder dabei auf einen erzieherischen Rahmen angewiesen, der ihnen einerseits Zeit, Raum und Material, andererseits verlässliche, zugewandte und dialogische Beziehungen zur Verfügung stellt. Im Falle gelingender Selbstbildung verinnerlichen die Kinder vielfältige Interaktionserfahrungen und entfalten so ein Selbst- und Weltbild, das es ihnen erlaubt, in ihrer Welt bedürfnisorientiert zu handeln und gestaltend einzugreifen. Dabei kann die Soziale Arbeit mit Kindern auf das Konzept der Lebensweltorientierung sinnvoll rekurrieren. Denn Lebensweltorientierung rückt einerseits die alltäglichen Lebensvollzüge, also Wege, Rituale, Zeiten und Räume in den Blick, und zielt andererseits auf die dialogische Bearbeitung der Selbst- und Weltdeutungen der Kinder und ihrer Familien im Sinne eines "gelingenderen Alltags" (Thiersch).

Thema und Entstehungshintergrund

Im Kontext der hier skizzierten Fachdebatte lässt sich das Buch "Spielraum Stadt" insofern verorten als es Praxisideen für Bildungsprozesse im lebensweltlich bedeutsamen städtischen Raum vorlegt. Die Autorinnen haben den Verein "Eltern-Kind-Programm Stockdorf" mitgegründet, leiten Eltern-Kind-Gruppen, veranstalten Seminare für Eltern und ErzieherInnen und publizieren praxisorientierte Bücher für die Arbeit mit Kindern. Dabei orientieren sich die Autorinnen an einer Vorstellung "ganzheitlichen Lernens", das sie mit ihren Arbeiten zum "Spielraum Wasser", "Spielraum Wald" und nun eben "Spielraum Stadt" fördern wollen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist klar und sinnvoll gegliedert. Den Ausgangspunkt bildet die Kindertageseinrichtung als gemeinsamer alltäglicher Erfahrungsraum, den es zu erforschen und mithin anzueignen gilt. Sodann wird die Kindertageseinrichtung eingebettet in weitere lebensweltlich bedeutsame Kontexte, von der Straße über Verkehr und Verkehrsmittel, Naturräume und Parks in der Stadt, bis hin zu Verwaltung, Geschichte und Kultur. Für all diese, um die Kindertageseinrichtung gleichsam konzentrisch angelegten städtischen Räume, hält das Buch vielfältige Spielideen bereit: Es werden Materialien und Geräusche sinnlich erkundet, Traumhäuser gebaut, Feste veranstaltet, über Eindrücke und Gefühle geredet, Rollenspiele gespielt oder auch mal ein Tag ohne Strom improvisiert. Kurzum, das Buch bietet einen Fundus an Spielen, die den Kindern die Aneignung ihres städtischen Lebensraums sowie ihre Selbstverortung darin ermöglichen können.

Diskussion

Allerdings weist das Buch auch eine eklatante Schwäche auf. Diese besteht nicht in der ausdrücklichen Praxisorientierung, sondern vielmehr in der impliziten Vorstellung kindlicher Entwicklung und pädagogischer Prozesse. Hier fällt das Buch deutlich hinter die oben skizzierte Fachdebatte zurück. Die Erzieherinnen erhalten Ratschläge und Anweisungen, wie die Spiele und Erkundungen abzulaufen haben. Die Kinder wiederum führen die für sie vorgesehenen Spiele und Aufgaben durch, ihr Gleichgewichtssinn wird geschult, ihre Gehirnhälften werden verknüpft, sie ahmen nach, werden animiert, und bestenfalls kommen die Kinder auf Ideen für weitere Aktivitäten, die ohnehin schon als nächster Schritt vorgesehen waren. Dies hat mit dialogischer Haltung und Partizipation als Voraussetzung der Selbstbildung, wie sie in allen anspruchsvollen pädagogischen Ansätzen wie der Reggio- und Freinet-Pädagogik, der Psychoanalytischen Pädagogik und dem Situationsansatz vorgesehen sind, nichts zu tun. Des Weiteren wird das Buch auch dem Anspruch der Lebensweltorientierung kaum gerecht. Besonders deutlich wird dieses Defizit im Umgang mit interkulturellen und Geschlechterverhältnissen, dem Reflektieren und Ausbalancieren des Verhältnisses von Gleichheit und Differenz. So werden interkulturelle Verhältnisse auf "landestypische", bzw. "fremdländische" Kleidung, Waren und Speisen verkürzt und die Familien als bloße Repräsentanten eines klischeehaft zugerichteten Herkunftslandes verstanden, ohne auch nur im geringsten die Gründe von Flucht und Migration, die mitunter diskriminierenden Bedingungen im Aufnahmeland oder die daraus erwachsenden psychosozialen Konflikte zu reflektieren. So verwundert es auch nicht, dass kommentarlos der "Klassiker" "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann" als spaßiges Hofspiel zum Vorschlag kommt. Die Geschlechterverhältnisse tauchen im "Spielraum Stadt" ebenfalls durchgehend als fixierte Geschlechterdifferenz auf. Da wimmelt es, insbesondere in den begleitenden Liedern, von männlichen Busfahrern, Architekten, Handwerkern, Bürgermeistern und Vätern, "die zeigen dies und das", während die Mütter "ratsch, ratsch, ratsch" machen. Auf diese Weise werden kulturelle und geschlechtliche Selbst- und Weltdeutungen nicht geöffnet und erweitert, sondern unhinterfragt festgeschrieben.

Fazit

Insgesamt also kann das Buch durchaus als Fundus dienen, aus dem sich pädagogische Fachkräfte zur sukzessiven Erkundung des städtischen Raums bedienen können – die Praxisideen sollten aber dringend als Vorschlag in die dialogischen Beziehungen zu den Kindern eingebracht werden, eingebettet in einen Raum für Partizipation, Gefühle und Fantasie der Kinder sowie gestützt auf ein anspruchsvolles pädagogisches Konzept, das Selbstbildung und Lebensweltorientierung verwirklichen hilft.


Rezensent
Prof. Dr. Thilo Naumann
Lehrt Pädagogik am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesellschaftswissenschaften der Hochschule Darmstadt, Gruppenanalytiker
Homepage sozarb.h-da.de/personen/lehrende/thilo-maria-naumann/
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Zitiervorschlag
Thilo Naumann. Rezension vom 23.03.2008 zu: Monika Bezdek, Petra Bezdek: Spielraum Stadt. Praxisideen und Spiele für Kindergruppen. Don Bosco Verlag (München) 2007. ISBN 978-3-7698-1611-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5715.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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