Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Serge Paugam: Die elementaren Formen der Armut

Rezensiert von Prof. Dr. Barbara Ketelhut, 12.10.2008

Cover Serge Paugam: Die elementaren Formen der Armut ISBN 978-3-936096-90-3

Serge Paugam: Die elementaren Formen der Armut. Hamburger Edition (Hamburg) 2008. 350 Seiten. ISBN 978-3-936096-90-3. 30,00 EUR.
Originaltitel: Les Formes Élémentaires de la Pauvreté.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

In dem zuerst 2005 in Frankreich erschienen Band erhebt der französische Soziologe und Studienleiter an der École des hautes études en sciences sociales, Serge Paugam, implizit den Anspruch, eine Soziologie der Armut zu entwickeln, die Armut selbst zum Gegenstand der Analyse macht. Sie soll sich somit von der bloßen Statistik ebenso abheben wie von Studien, die zwischen Armen und Reichen vergleichen oder Armut als Bestandteil der Sozialen Frage behandeln. (Vgl. S. 13 ff.)

Aufbau und Inhalte

Serge Paugam verfolgt die Frage, inwiefern sich Armut in den verschiedenen Ländern Europas, in den urbanen und ländlichen Regionen, in den 1960er Jahren und nach der Jahrtausendwende vergleichen lässt (vgl. S. 7). Dabei geht es dem Autor um einen genuin soziologischen Ansatz, der "das Verhältnis wechselseitiger Abhängigkeit zwischen der Bevölkerungsgruppe, die gesellschaftlich als arm definiert wird, und der Gesellschaft, der sie angehört" (S. 27) fasst.

Im ersten theoretischen Teil skizziert Serge Paugam einige Grundnahmen der beiden Wegbereiter einer Soziologie der Armut: Alexis de Tocqueville und Karl Marx. Beide hätten sich mit dem Phänomen der Ausweitung der "Klasse der Bedürftigen" im 19. Jahrhundert auseinandergesetzt. Dabei sei es Tocqueville vor allem um die Folgen der Abhängigkeit gegangen, während Marx den Schwerpunkt auf die Produktionsverhältnisse und die Analyse der dem Kapitalismus immanenten Reservearmee gelegt hätte. Serge Paugam kritisiert daran, dass beide "die Pauperismusfrage" behandelt hätten, ohne sie mit "dem ökonomischen und gesellschaftlichen Tatbestand der Armenfürsorge als einer Voraussetzung für das Aufkommen des modernen Wohlfahrtsstaats" zu verknüpfen (S. 52).

In Georg Simmel nun sieht Serge Paugam den eigentlichen Begründer der Soziologie der Armut, weil er "ein Verständnis der Konstruktionsweisen der Kategorie der Armen" (S. 52) ermöglicht habe. Für Simmel gelte aus soziologischer Sicht derjenige als arm, der Unterstützung  erhält bzw. aufgrund seiner Lage einen Anspruch darauf hätte (vgl. S. 54) "Simmel zufolge ist das Schlimmste an der Armut, dass man >arm [ist] und weiter nichts<, dass man also von der Gesellschaft nicht anders definiert werden kann als eben durch den Umstand, arm zu sein." (S. 70) Auf diese beiden Annahmen gründet Serge Paugam im Folgenden seine Analysen der Unterstützungsverhältnisse und des Umgangs mit den Unterstützten in den europäischen Ländern im Vergleich. Richtet sich sein Schwerpunkt zunächst auf die gesellschaftlichen Entwicklungen insbesondere in Bezug auf die drei wohlfahrtsstaatlichen Typen (nach Gösta Esping-Andersen), die Serge Paugam um einen vierten Typ, der sich in den Ländern des Mittelmeerraumes finden lasse und durch ein rückständiges Sicherungssystem gekennzeichnet sei, ergänzt (vgl. S. 121 f.). Immer wieder entwickelt er dabei verschiedene Typologisierungen, z.B. der Unterstützungserfahrung und der Unterstützungsverhältnisse  (S. 71 f.). Im Ergebnis gelangt er zu drei Idealtypen, den "elementaren Formen der Armut".

  1. Bei der ersten Form handelt es sich um die "integrierte Armut", die in ökonomisch schwach ausgeprägten Regionen vorkomme und einen großen Teil der Bevölkerung erfasse, was mit einer eher geringen Stigmatisierung von Armen einherginge.
  2. "Marginale Armut" hingegen betreffe nur einen kleinen, sichtbaren, stark und explizit ausgegrenzten Teil der Bevölkerung im Kontext einer gering verbreiteten Arbeitslosigkeit.
  3. Mit dem dritten Typus, der "disqualifizierenden Armut" ginge im Zuge eines starken Anstiegs der Arbeitslosigkeit eine "kollektive Furcht vor dem Ausgrenzungsrisiko" einher. (Vgl. S. 112 ff.)

Im zweiten Teil seiner Auseinandersetzung greift Serge Paugam auf eine Fülle empirischen Datenmaterials zurück, an dessen Erhebungen der Autor im Rahmen von vier vergleichenden Studien zwischen den Jahren 1993 und 2001 im Auftrag von europäischen Einrichtungen, z.B. EUROSTAT, beteiligt war (vgl. S. 16 ff.). Mit Hilfe der Daten und unter Berücksichtigung der jeweiligen nationalen historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen nimmt Serge Paugam eine Zuordnung des Umgangs der einzelnen Länder mit Armut zu den vom ihm entwickelten Idealtypen der Armut vor und überprüft so ihre Gültigkeit. Abschließend erarbeitet Serge Paugam die Auswirkungen der Unterstützungsformen und des Umgangs mit als arm Definierten für die Unterstützten. Gerade dieser Teil des Buches lässt viele gesellschaftliche Zusammenhänge deutlich werden, die hier nicht alle erwähnt werden können, so dass ich mich im Folgenden auf zwei Aspekte beschränke:

  1. So gelingt es Serge Paugam mit Hilfe seiner Typologisierung zu verdeutlichen, dass im Rahmen der "disqualifizierenden Armut" eine Zunahme von sozialen Maßnahmen zur Verringerung von Armut und/oder Arbeitslosigkeit gerade dazu beitragen kann, die vorhandene Situation zu reproduzieren (vgl. S. 266 ff.).
  2. Am Beispiel Frankreich zeigt er, dass "heute paradoxerweise ein althergebrachtes Unterstützungssystem auf karitativer Basis", womit er die Tafeln meint, weiter besteht, "obwohl die Sozialbehörden ihre Maßnahmen vervielfacht haben." (S. 263)

Erwähnen möchte ich noch den Anhang, in dem die Ergebnisse von vier Umfragen zum Thema Wahrnehmung von Armut und deren Ursachen in der Bevölkerung in verschiedenen Ländern zusammenfassend dargestellt werden. Auch die erfragten Einschätzungen lassen sich, nach Serge Paugam, mit den "drei elementaren Formen der Armut" kategorisieren. (Vgl. S. 289 ff.)

Diskussion

Gerade die Tatsache, dass das vorliegende Buch zuerst 2005 in Frankreich erschien und im Wesentlichen auf Erhebungen und Analysen basiert, die selten über 2001 hinausgehen, bietet den deutschen LeserInnen die Möglichkeit, selbst an Hand der aktuellen nationalen öffentlichen Armutsdiskurse die soziologische Reichweite der Typologisierung von Serge Paugam zu prüfen: Siedelt der Autor durchaus nachvollziehbar den Umgang mit Armut in Deutschland gegen Ende der 1990er Jahre zwischen den beiden Typen: der "marginalen Armut" und der "disqualifizierenden Armut" an (vgl. S. 249). So können wir m. E. heute feststellen, dass über die Entwicklung der Folgejahre der Prozess in Bezug auf  Ausmaß und Umgang mit Armut in Deutschland trennscharf der "disqualifizierenden Armut" zuzuordnen ist.

Die Grenzen des Ansatzes von Serge Paugam liegen m.M.n. in der überwiegenden Ignoranz der wirtschaftspolitischen Orientierungen der berücksichtigten Länder. Ist es nicht gerade den neoliberalen ökonomischen Ansätzen geschuldet, dass sich insbesondere der Typ der "disqulifizierenden Armut"  ebenso weiter ausbreiten kann, wie die Anzahl der auf Unterstützung Angewiesenen?  Und wenn ja, wäre darin nicht ein Schlüssel für Interventionen zu suchen?

In Deutschland wuchs die Anzahl der Armen gemessen an der 60%-Schwelle des Median-Einkommens von 1999 bis 2005 von 12% auf 18% (vgl. 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2008, S. 294), die Arbeitslosenquoten sinken zwar gerade etwas, aber der Niedriglohnsektor expandiert (vgl. ebd. S. 12). Bekommen wir es perspektivisch mit einem ganz neuen vierten Typ von Armut zu tun?

Was passiert, wenn in diesem Kontext die Maßnahmen zur Wiedereingliederung von Arbeitslosen sich weiter ausdifferenzieren, aber die Anzahl der SozialarbeiterInnen, die sie durchführen können, immer weiter durch Verringerung der entsprechenden Studienplätze (z.B. in Niedersachsen) gesenkt wird?

Vermisst habe ich in den Ländervergleichen eine explizite Analyse des Ausmaßes, des Umgangs und der Formen der Unterstützung von solchen Gruppen, die aufgrund bestehender Geschlechter- und/oder Migrationsverhältnisse, besonders benachteiligt werden. Und wo sind diejenigen anzusiedeln, die unsichtbar bleiben müssen, um ihre Existenz nicht zu gefährden, aber dennoch kaum genug zum Überleben haben, wie die illegalisierten Flüchtlinge? Sie bleiben leider auch in der Typologisierung von Serge Paugam unberücksichtigt.

Fazit

Zu empfehlen ist das Buch von Serge Paugam sicherlich denjenigen VertreterInnen der Profession, für die es erarbeitet worden ist, den SoziologInnen und anderen SozialwissenschaftlerInnen, aber auch SozialarbeiterInnen in Ausbildung und Beruf.

Rezension von
Prof. Dr. Barbara Ketelhut
(im Ruhestand) Hochschule Hannover, University of Applied Sciences and Arts Homepage www.hs-hannover.de E-Mail: barbaraketelhut@aol.com
Website
Mailformular

Es gibt 13 Rezensionen von Barbara Ketelhut.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Barbara Ketelhut. Rezension vom 12.10.2008 zu: Serge Paugam: Die elementaren Formen der Armut. Hamburger Edition (Hamburg) 2008. ISBN 978-3-936096-90-3. Originaltitel: Les Formes Élémentaires de la Pauvreté. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5721.php, Datum des Zugriffs 08.12.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht