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Peter N. Stearns: Kindheit und Kindsein in der Menschheitsgeschichte

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Liebel, 25.02.2008

Cover Peter N. Stearns: Kindheit und Kindsein in der Menschheitsgeschichte ISBN 978-3-88400-332-9

Peter N. Stearns: Kindheit und Kindsein in der Menschheitsgeschichte. Magnus Verlag (Essen) 2007. 224 Seiten. ISBN 978-3-88400-332-9. 12,90 EUR.
Reihe: Magnus global. Originaltitel: Childhood in world history
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Thema

Kaum noch jemand bestreitet, dass die Vorstellungen von (wünschenswerter) Kindheit, die heute unser Denken bestimmen, historisch entstanden und erst ein paar hundert Jahre alt sind. Seit der französische Kulturhistoriker Philip Ariès seine "Geschichte der Kindheit" veröffentlicht hat (1962, dt. 1975), ist einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, dass Kinder im europäischen Mittelalter ganz anders gelebt haben und gesehen worden sind. Sie waren eng mit dem Leben der Erwachsenen verbunden und verbrachten ihr Leben nicht wie heute in besonderen Erziehungs- oder Freizeiteinrichtungen unter Altersgleichen.  Doch es wird selbst unter Fachhistoriker/innen noch darüber gestritten, ob das damalige Leben der Kinder verdient, Kindheit genannt zu werden. Oder ob es besser oder schlechter war als das Leben heutiger Kinder.  Bei solchen Debatten geht der Blick selten weiter in der Geschichte zurück oder gar über die europäischen Grenzen hinaus. Von ein paar Handbuchartikeln oder Spezialaufsätzen abgesehen, haben deutschsprachige Leser/innen kaum Gelegenheit, sich genauer über die Geschichte und die verschiedenen Formen des Kindseins bzw. die diversen Kindheiten  in den Weiten Asiens, Afrikas oder Amerikas genauer zu informieren. Angesichts dessen war auch ich auf die Lektüre des hier besprochenen Buches äußerst gespannt.

Inhalt

Der US-amerikanische Historiker Peter H. Stearns spannt in seinem Buch einen weiten Bogen. Er reicht vom Kindsein in frühen Jäger- und Sammlergesellschaften, in bäuerlichen Gesellschaften, bis zum Kindsein in der heutigen globalisierten Welt. Dazwischen informiert das Buch über das Kindsein in den antiken Hochkulturen Chinas und Indiens, in der griechischen und römischen Antike, in der Spätantike und im Mittelalter. Es gibt uns Gelegenheit, den Diskurs über das Kindsein im westeuropäischen Mittelalter und der frühen Neuzeit und die Besonderheiten der in dieser Zeit entstehenden westlichen Kindererziehung nachzuvollziehen. Das "moderne", heute vorherrschende Modell des Kindseins wird in seinem Entstehungsprozess seit dem 18. Jahrhundert nachgezeichnet. Doch wir erfahren auch über Entwicklungen "neben dem modernen Modell", vor allem über das Kindsein unter dem Joch des Kolonialismus, über die Einflüsse und Variationen des modernen Modells in Japan, über die von den kommunistischen Revolutionen ausgelösten Entwicklungen des Kindseins in Russland und China.  Mit Blick auf die heutige Zeit befasst sich das Buch ausführlich mit dem Kindsein "zwischen Schule und Konsum" in den Wohlstandsgesellschaften Europas und Nordamerikas, mit den Auswirkungen von Krieg und Gewalt auf Kinder in verschiedenen Teilen der Welt und schließlich mit der Globalisierung der Kindheit(en) und ihren "positiven und negativen Errungenschaften".

Es ist erstaunlich, welche Fülle an Informationen der Autor auf den 224 Seiten des Buches unterbringt, dem auch noch - wie sonst fast nur in englischsprachigen Publikationen üblich - ein hilfreiches Sachregister angefügt ist.  Der Autor schöpft seine Kenntnis großenteils aus Publikationen englischsprachiger Historiker/innen, die jeweils am Ende eines jeden Kapitels genannt sind. Das Buch ist auf einen breiten Leserkreis zugeschnitten  und verzichtet deshalb im Fließtext auf Quellenhinweise und Anmerkungen. Gleichwohl verschweigt der Autor weder die Begrenztheit seiner Quellen (insbesondere zu früheren Geschichtsperioden) noch die methodischen Probleme einer "Globalgeschichte".  Das Buch ist auch in der deutschen Übersetzung flüssig zu lesen. Und dennoch bleibt ein Unbehagen…

Diskussion

Auch wenn der Autor mit dem Begriff der Kindheit vorsichtig umgeht (z.B. nie von "Kindern ohne Kindheit" spricht) und den weniger ideologieanfälligen Ausdruck "Kindsein" bevorzugt, kommen Kinder an keiner Stelle des Buches als handelnde Personen, als Akteure in den Blick. Sie erscheinen als eine Art Spielbälle im Wandel der Produktionsweisen, Kulturen und Familienformen. Immer wieder ist in dem Buch davon die Rede, dass Arbeit in nahezu allen Geschichtsperioden und Kulturen eine wesentliche Rolle im Leben von Kindern spielt(e), doch diese wichtige Erkenntnis wird entwertet, indem der Autor das Verhältnis der Kinder zur Arbeit ausschließlich als eine Leidensgeschichte darstellt, die mit der "Moderne", ihrem Wohlstand und dem an die Stelle der Arbeit tretenden Schulbesuch endlich und endgültig (bald) überwunden sei. Zwar werden in der "Moderne" auch regionalspezifische Varianten und mögliche negative Effekte (z.B. Fettleibigkeit, psychische Krankheiten) ausgemacht, aber sie erscheint als das bestmögliche Modell, dem sich letztlich und unausweichlich die ganze Menschheit anschließen werde.

Kindheiten in anderen, nicht-westlichen Kulturen erscheinen als aussterbende Reste einer vergangenen Zeit oder bestenfalls als Lokalkolorit der Modernisierung. Sie haben nach dem Urteil des Autors keine eigene Existenzbasis, da sie ja nur eine Art Steinzeit oder antiquierte Agrargesellschaft repräsentieren können. Bei diesem Urteil kommt auch zum Tragen, dass der Autor ein sehr grobes Verständnis "bäuerlicher Produktionsweise" oder darauf basierender Kulturen vertritt. Dem entspricht auch ein äußerst grobes Verständnis von "Moderne" und "Globalisierung". Im Unterschied zu bäuerlichen Gesellschaften, deren "rückständige" Produktionsweise für Not, Arbeitsleid und Kindersterblichkeit stehen, verschwindet bei der Rede von Moderne und Globalisierung der Bezug zur nunmehr kapitalistischen Produktionsweise gänzlich.  Obwohl der Autor zahlreiche Grausamkeiten während der Kolonialisierung und in der heutigen Welt anführt, wird in seiner Darstellung nicht berücksichtigt, inwieweit sie mit einem Wirtschafts- und Herrschaftssystem eng verknüpft waren und sind, das auf der Ausbeutung von großen Teilen der Menschheit beruht und für das Leiden von Millionen von Kindern auf der Welt bis heute mit verantwortlich ist. Bezogen auf die moderne Kindheit beschränkt sich der Autor darauf, ihre negativen Aspekte als eine Art Kinderkrankheiten darzustellen, mit deren Verschwinden im Laufe der Zeit zu rechnen sei.  Trotz gegenteiliger Beteuerungen zeigt sich der Autor damit einem mechanischen Fortschritts- und Endzeitdenken verhaftet, das sich andere und möglicherweise gleichwertige oder gar bessere Formen von Gesellschaft und Kindsein nicht vorstellen kann.

Fazit

Ein leicht lesbares, in weiten Teilen informatives Buch, das allerdings in wesentlichen Fragen früheren, "fremden" und  heutigen Kindseins nur unbefriedigende Antworten bereit hält und kritische Leser/innen erfordert.

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children’s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 25.02.2008 zu: Peter N. Stearns: Kindheit und Kindsein in der Menschheitsgeschichte. Magnus Verlag (Essen) 2007. ISBN 978-3-88400-332-9. Reihe: Magnus global. Originaltitel: Childhood in world history. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5744.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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