socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Reinhold Schone, Sabine Wagenblass: Wenn Eltern psychisch krank sind .

Cover Reinhold Schone, Sabine Wagenblass: Wenn Eltern psychisch krank sind ... Kindliche Lebenswelten und institutionelle Handlungsmuster. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 2., unveränderte Auflage. 262 Seiten. ISBN 978-3-7799-1842-4. 20,00 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Wie gut sich Eltern den Bindungsanforderungen ihrer Kinder gewachsen zeigen, hängt in der statistischen Betrachtung mit verschiedenen Faktoren zusammen: der eigenen Bindungserfahrung, dem sozio-ökonomischen Status und der verfügbaren sozialen Unterstützung der Familie, den primären Risiken der Kinder und nicht zuletzt der psychischen Belastbarkeit und Stabilität der Eltern. Psychische Störung der Eltern tritt selten als isolierter Risikofaktor auf. In der Regel sind mehrere Faktoren mit beeinträchtigt, die für das Gelingen der familiären Sozialisationsaufgabe Bedeutung haben. Unabhängig davon, ob soziale Risiken als Folge oder als Auslöser einer psychischen Störung der Eltern auftreten, geraten die Familien sehr oft in eine Situation sozialer Isolierung. Das Hilfesuchverhalten der betroffenen Eltern ist häufig durch Scham und Furcht blockiert. Die betroffenen Kinder können dann über lange Zeit zwischen einer tief beängstigenden familiären Situation und einer Normalität fordernden äußeren Welt pendeln und tragen das Geheimnis der innerfamiliären Not. Nicht selten kommen gezielte Hilfeprozesse erst in Gang, wenn die Kinder selbst unübersehbare psychische Auffälligkeiten zeigen. Für die wünschenswerte präventive Unterstützung psychisch kranker Eltern wird vieles benötigt: neben der angemessenen fachlichen Aufmerksamkeit für das Phänomen und dem politischen Willen, die bedrohten Familien wirklich zu unterstützen, braucht es Wissen über die Bedürfnisse und Ängste der Betroffenen und die Angemessenheit verschiedener Hilfestrategien. Das 2002 in erster Auflage erschienene Buch von Reinhold Schone und Sabine Wagenblass leistet hier Pionierarbeit. Es liegt nun erfreulicherweise in der zweiten (unveränderten) Auflage vor.

Entstehungshintergrund

Das Buch geht zurück auf ein Forschungsprojekt, das im Zeitraum 1999-2002 vom Institut für soziale Arbeit e.V. Münster in Kooperation mit der Fachhochschule Dortmund durchgeführt wurde. Die beiden Buchautoren, Reinhold Schone und Sabine Wagenblass, sind Diplom-Pädagogen. Schone war als Professor für Erziehungswissenschaft an der Fachhochschule Dortmund, Wagenblass als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für soziale Arbeit e.V. Münster mit dem zugrundeliegenden Praxisforschungsprojekt befasst. Das mit hohem Aufwand durchgeführte und begleitete Projekt kombiniert quantitative und qualitative Untersuchungsstrategien. Es wurden eine städtische und eine ländliche Region in NRW (Bielefeld & Kreis Warendorf) untersucht, um die Größe der Zielgruppe zu schätzen und Aufschluss über die Lebenssituation und die Versorgungslage der Betroffenen zu erhalten, und es wurden Interviews mit erwachsenen Kindern psychisch kranker Eltern geführt und qualitativ ausgewertet, um spezifische Lebensthemen der Betroffenen zu explorieren.

Aufbau und Inhalte

Die Untersuchungsstrategie und die zentralen Ergebnisse des Projektes werden im zweiten Buchabschnitt, Praxisforschung, dargelegt.

Der erste Teil des Buches, Problemaufriss, zeichnet mit wenigen, sehr klaren Linien die besonders schwierige Lage von Kindern nach, deren Eltern von einer psychischen Erkrankung betroffen sind. Die Autoren zeigen das Risiko der Kinder auf, im Dreieck zwischen Loyalitätsdruck gegenüber dem erkrankten Elternteil, Normalitätsdruck gegenüber der Außenwelt und offener oder verdeckter Enttäuschungswut selbst in eine Störungsspirale zu geraten. Skizziert wird auch, wie die betroffenen jungen Menschen zwischen den Systemen der Erwachsenenpsychiatrie, der Jugendhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie allzu oft "durch alle sozialen und medizinischen Netze fallen", bevor sie nicht selbst extreme Verhaltensauffälligkeiten entwickeln. Das Kapitel diskutiert die sozialrechtlichen Leistungsansprüche der betroffenen Familien gegenüber der Jugendhilfe einerseits und andererseits die sorgerechtliche Eingriffsverantwortung des Jugendamtes und der Familiengerichte bei drohender Kindeswohlgefährdung. In einem Exkurs werden einige wesentliche psychische Störungen kurz beschrieben, von denen Eltern betroffen sein können; verzichtet wird auf eine Beschreibung suchtbedingter Störungen.

Der zweite Buchabschnitt, Praxisforschung, umfasst drei Kapitel.

  1. Zunächst wird der quantitative Zugang zu den Untersuchungsregionen dargelegt. Die Regionen wurden hinsichtlich der Frage untersucht, "wie viele der psychisch erkrankten Patienten minderjährige Kinder haben" und "wie viele der vom Jugendamt betreuten Kinder (diagnostizierte) psychisch kranke Eltern haben". Die vorgefundene Inanspruchnahmepopulation wird detailliert beschrieben und die geleisteten Hilfen der an der Versorgung beteiligten Institutionen werden differenziert aufgeführt. Als besonders problematisch erscheint in der Erhebung die Versorgung betroffener Familien mit Kindern unter 3 Jahren. Zeigen Kinder psychisch kranker Eltern selbst noch keine störungswertigen psychischen Auffälligkeiten erwächst ein besonderer Kooperationsbedarf. In diesem Fall müssen das System der Erwachsenenpsychiatrie und der Jugendhilfe zum Wohl der Betroffenen zusammenarbeiten. Im Vergleich zur Kooperation von Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie, in die bereits einige Forschungsanstrengung investiert wurde, sind die Ausgangsbedingungen noch komplizierter, wenn das Jugendamt und das System der Erwachsenenpsychiatrie ihre Hilfen koordinieren wollen. Die Autoren rekonstruieren spezifische Unterschiede der institutionellen Handlungsmuster von Erwachsenenpsychiatrie und Jugendhilfe, die sich als Kooperationsblockaden auswirken können, und zeigen Lösungsansätze mit dem Ziel einer Versorgungsverbesserung der betroffenen Familien auf.
  2. Kapitel 4 des Buches rekonstruiert die Lebenssituation von Kindern psychisch kranker Eltern aus der Erlebenswelt der betroffenen Kinder. Als Datenmaterial werden biografische Interviews mit erwachsenen Kindern psychisch kranker Eltern zusammengefasst und mit Originalzitaten der Betroffenen belegt. Zentrale Lebensthemen werden dabei anschaulich: das Thema der empfunden Schuld und der zu frühen Verantwortungsübernahme, der Sehnsucht nach Geborgenheit und der permanenten Bedrohung, der erlebten Katastrophe und der empfangenen Unterstützung. In diesem Buchteil wird die besondere Lebenslage der betroffenen Kinder wirklich spürbar, erhält "eine Stimme". Das Kapitel zieht klare Schlussfolgerungen aus den Interviews, welche Interaktionserfahrungen protektiven Charakter für die Kinder haben und gibt so wertvolle Hinweise für präventive Maßnahmen.
  3. Das Schlusskapitel des zweiten Buchteils nimmt eine Generalisierung der empirischen Ergebnisse vor, die gut nachvollziehbar und plausibel ist.
  4. Teil 3 des Buches, Praxismodelle, stellt exemplarisch Jugendhilfeansätze dar, die spezifisch für junge Menschen mit psychisch kranken Eltern entwickelt wurden. Die verantwortlichen Träger, Ansprechpersonen und Adressen werden aufgeführt, allerdings mit Stand 2002.

Zielgruppe und Fazit

Das Buch eröffnet Helfern auf zweifache Weise Zugang zur Problematik junger Menschen, deren Eltern von einer psychischen Störung betroffen sind. Zum einen sozialpolitisch: der Hilfebedarf und die noch nicht zufriedenstellende Versorgungslage der Betroffenen werden methodisch transparent und empirisch fundiert aufgezeigt; zum anderen sozialpsychologisch: die Interviews geben einen Einblick in die Lebenswelt der Betroffenen, der eine bessere Einfühlung in die erlebte Not der Kinder ermöglicht. Die gelungene Kombination von quantitativer und qualitativer Feldforschung, verbunden mit einer schlüssigen Interpretation der gefundenen Daten macht den hohen Wert des Praxisforschungsprojektes aus. Wer an der Versorgung von Familien mit psychisch kranken Eltern in irgendeiner Weise beteiligt ist, wird das Buch mit großem Gewinn lesen.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
E-Mail Mailformular


Alle 39 Rezensionen von Christian Brandt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 30.01.2008 zu: Reinhold Schone, Sabine Wagenblass: Wenn Eltern psychisch krank sind ... Kindliche Lebenswelten und institutionelle Handlungsmuster. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 2., unveränderte Auflage. ISBN 978-3-7799-1842-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5765.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung