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Horst Biermann: Pädagogik der beruflichen Rehabilitation

Cover Horst Biermann: Pädagogik der beruflichen Rehabilitation. Eine Einführung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2008. 239 Seiten. ISBN 978-3-17-019477-9. 28,00 EUR.

Reihe: Heil- und Sonderpädagogik.
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Thema und Zielgruppen

Während es in den meisten Fachgebieten der Sozialwissenschaften Einführungen in die jeweilige Materie längst gibt, wird man nach einer ebensolchen in die "Pädagogik der beruflichen Rehabilitation" lange suchen müssen. Horst Biermann, Lehrstuhlinhaber für Berufspädagogik und berufliche Rehabilitation an der Universität Dortmund, hat diese Chance ergriffen. Sein Werk will aus berufspädagogischer Perspektive einen Überblick über Handlungsfelder, Handlungsformen und Handlungsbezüge in der beruflichen Rehabilitation geben, hierbei eine kritische Einordnung versuchen und damit zugleich zur Diskussion über diesen Bereich anregen. Zielgruppen sind Fachkräfte verschiedener Provenienz sowie Studierende in und außerhalb von Lehramtsstudiengängen.

Aufbau

Der Verfasser hat sein Werk in vier Hauptkapitel gegliedert.

Zu Kapitel 1

Er beginnt seine Erörterungen mit einer ausführlichen Skizzierung des sich wandelnden Kontextes, in dem sich berufliche Rehabilitation heute vollzieht. Typisch für diesen Kontext sind spezifische "Paradigmen und Postulate". Vor allem das Prinzip der Normalisierung, das nicht Anpassung an einen allgemeinverbindlichen Lebensführungsstandard, sondern das Ermöglichen von Heterogenität auch für behinderte Menschen einfordert, hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten als ein zentraler Legitimationsanker für das gesetzlich verbriefte Recht auf Teilhabe am Arbeitsleben durchgesetzt, eingeschlossen die dafür nötige Förderung. Heute werde mit Entschiedenheit – und in Abgrenzung zum Normalisierungsprinzip - für Inklusion votiert. Dies transportiere zwar neue Denkmuster (z.B. die Abkehr vom Fürsorgedenken), sei andererseits aber auch nicht frei von unreflektierten Idealisierungen und Utopien. Bezogen auf Arbeit und Beruf ende die neue Vision häufig in Vagheit und Selbstverständlichkeiten. Auch Fehleinschätzungen und Selbsttäuschungen ließen sich ausmachen. - Neben dem modifizierten WHO-Begriff, der zugunsten eines bio-psycho-sozialen Verständnisses mit der medizinischen Konzeptualisierung von Behinderung bricht, wird der Kontext beruflicher Rehabilitation durch weitere Postulate wie Barrierefreiheit und Prinzipien wie Selbstbestimmung, Regelförderangebote vor Sonderformen usw. bestimmt. Allerdings - so das kritische Monitum des Autors- mischen sich immer stärker ökonomische Handlungsimperative unter deren Umsetzung. Die Orientierung an Kosteneffizienz und handfesten Vermittlungsergebnissen wiege heute schwerer als die subjektiven Wünsche der Rehabilitanden und das Erschließen ihrer individuellen Fähigkeiten und Potentiale.

Neben den angedeuteten Postulaten und Maximen ist es ein vielgestaltiger gesellschaftlicher Wandel, der die berufliche Rehabilitation maßgeblich beeinflusst. Dazu gehört neben dem sozialen Wandel (Stichworte: Individualisierung, Pluralisierung, Wandel von Normen und Werten) vor allem auch der technische Wandel. Für Biermann stecken darin beachtliche Chancen für die berufliche Integration; sie sind in der Praxis noch wenig ausgelotet (u.a. das Entstehen neuer Beschäftigungsmöglichkeiten in neuen Berufen, die Kompensation intellektueller Einschränkungen u.v.m.).

Unter dem Gesichtspunkt  des "beruflichen Wandels" identifiziert Biermann "fünf sich überlagernde Entwicklungstrends auf dem Arbeitsmarkt", denen er negative Auswirkungen auf die  Beschäftigungschancen besonders von Personen mit Behinderung und Leistungsproblemen zuerkennt:

  1. Wandel der Wirtschaftssektoren,
  2. Wandel von Berufen und
  3. Tätigkeiten,
  4. die Segmentierung des Arbeitsmarktes und
  5. die generelle Tendenz der Ökonomisierung aller Lebensbereiche.

Hier sei stellvertretend für die Vielzahl der zusammen getragenen Befunde auf die Zunahme an prekärer Beschäftigung, die wachsende Ungleichheit der Arbeitnehmer, auf den zunehmenden Export von einfacher Arbeit sowie auf die scherenartige Entwicklung zwischen Angebot und Nachfrage nach einfachen Tätigkeiten bei gleichzeitig steigendem Verdrängungswettbewerb verwiesen.

Im Abschnitt "Institutioneller Wandel" geht es schließlich um den Umbau der Bundesanstalt für Arbeit zur Bundesagentur (Wegfall des Beratungs- und Vermittlungsmonopols, Aufbau von Call-Centern, Einführung von Fallmanagement, Leistungsvergabe im Wege der Ausschreibung etc.). Auffällig ist nach Biermann die stark betriebswirtschaftlich orientierte Sichtweise, die durch eine weitgehende Flexibilisierung des Rehaangebots flankiert wird. Biermanns kritisches Resümee: Für Träger und Personal in der Reha hat der Umbau erhebliche Negativeffekte gehabt; ebenso wenig lasse sich erkennen, dass sich die Ausbildungschancen von behinderten oder benachteiligten Jugendlichen grundlegend verbessert hätten. Dennoch schätzt Biermann die Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels für Menschen mit Behinderung nicht insgesamt negativ ein. In einer tabellarischen Übersicht verweist er auf neue Chancen für Personen mit Beeinträchtigungen (z.B. durch Nutzung des virtuellen Arbeitsmarktes, Übernahme von outgesourcten Arbeiten), denen aber auch eine Zunahme an individuellen Risiken und geminderten Chancen gegenübersteht (z.B. Dauerarbeitslosigkeit, Scheitern als individuelles Risiko, Verlust an institutionellem Schutz). Schade, dass der Autor es hier ohne weiter gehende Erläuterungen bei spiegelstrichartigen Andeutungen belässt.

Das Fazit unter die Erörterungen des ersten Hauptkapitels ist, dass Postulate und tatsächliche Möglichkeiten der Teilhabe in einem kritischen Verhältnis zueinander stehen. Hinter neuen Konzepten (Beispiel: Persönliche Budgets) lauern neue Risiken; finanzielle Spielräume (etwa bei der Ausgleichsabgabe) sind kleiner geworden, den politisch aufwändig inszenierten Projekten und Programmen der Arbeitsmarktintegration blieb durchschlagender Erfolg versagt. Im Gegenteil, die Option "betriebliche Beschäftigung" hat für Schwerbehinderte über die Jahre an Bedeutung verloren, während die Werkstätten enorme Zuwachszahlen verzeichnen konnten. Deutlicher könnten die Anzeichen für Exklusionsprozesse kaum sein. Prekäre Arbeit ist ebenso Teil des Teilhabegeschehens wie die Ausrichtung der Rehaträger auf Kostenfragen. Die Diskrepanzen zwischen Anspruch und Realität stellen bisweilen bereits das Inklusionsziel an sich in Frage, wenn selbst in Vereinigungen behinderter Menschen Modelle der staatlichen Grundsicherung attraktiver als ein eigenständiges Erwerbseinkommen zu werden scheinen.

Zu Kapitel 2

In seinem zweiten Hauptkapitel zeigt der Autor unter dem Obergriff "Handlungsfelder" die institutionellen Strukturen und Entwicklungslinien der Berufsbildung und Teilhabeförderung auf. Im Zeitraffer werden zunächst die duale und die schulische Berufsausbildung skizziert, werden bildungspolitische Reformansätze wie die Kollegstufe und das Berufsgrundbildungsjahr bewertet ("misslungene staatliche Intervention, die das Ziel einer qualifizierten Berufsausbildung für alle nicht realisieren konnte") und die Auswirkungen der neuen Technologien auf Konzeption und Inhalte der Berufsbildung beschrieben. Für Jugendliche mit Lern- und Verhaltensproblemen hatte die Neuordnung und Modernisierung der Ausbildungen ("Eliteausbildungen") zur Folge, dass sie den gestiegenen Anforderungen nun nicht mehr gewachsen waren.

Hinsichtlich der rehaspezifischen Systemstrukturen lässt Biermann immer wieder durchblicken, dass die Legitimation separater Einrichtungen brüchig ist. Bisher sei z.B. nicht dargelegt, dass die überdurchschnittliche Ausstattung mit personellen und sächlichen Ressourcen ursächlich einen Fördererfolg bewirkt.

Neben einer kurzen Rückschau auf die Entstehung von Berufsbildungswerken (BBW), Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) und Berufsförderungswerken (BFW) sowie einer differenzierten Vorstellung ihrer Programmatik (Zielgruppe, Angebote, Träger, Praxisentwicklungen etc.) erfolgt eine Bewertung der gegenwärtigen Risiken und Probleme, Stärken und Schwächen dieser Einrichtungen. Ergänzt wird die Analyse durch Hinweise auf neuere Entwicklungen, wie etwa die Öffnung zum kommunalen Umfeld bzw. "sozialen Raum" (z.B. durch BBW und  WfbM) oder die Entwicklung z.B. der BFW zu "Kompetenzzentren."

Biermann geht es aber auch um "die neuen Dienste" der Teilhabeförderung: Berufliche Trainingszentren (BTZ) und Regionale Einrichtungen für psychisch Kranke (RPK), Integrationsfachdienste (IFD), Unterstützte Beschäftigung (deren Aufgaben in den IFD mitenthalten sind), Persönliches Budget, Arbeitsassistenz und Integrationsbetriebe; hinzu kommen die Integrationsvereinbarung und das betriebliche Eingliederungs- bzw. Disability Management sowie neue Konzepte, wie etwa das "Virtuelle Berufsbildungswerk" oder die "Verzahnte Ausbildung" (BBW/Betrieb). Formal wäre hier einzuwenden, dass der Begriff "Dienste" einen so bunten Strauß an Dienstleistungen, Einrichtungen und Handlungskonzepten kaum umspannen kann. Man mag sich gemessen an den zeitlichen Abläufen auch fragen, inwieweit die Neuausrichtung der Bundesagentur für Arbeit zur Genese dieser Innovationen tatsächlich beigetragen hat. Wie schon bei den traditionellen Modellen der beruflichen Rehabilitation versteht es der Autor aber auch hier, die neueren Ansätze auf begrenztem Raum in ihrer Zielsetzung, Konzeption, aber auch in ihren unausgeschöpften Potentialen, ihren Widersprüchen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, ihren Entwicklungsnotwendigkeiten und bisweilen auch Selbsttäuschungen konzentriert und kritisch zu porträtieren. So heißt auf S. 76: "Wenn man z.B. supported employment den Vorzug zu den kostenintensiven sheltered workshops gibt, akzeptiert man gleichzeitig die Gruppe der `working poor`, in diesem Falle arme Gelegenheitsarbeiter mit Behinderung". Man muss dieser Einschätzung nicht unbedingt zustimmen, sie setzt aber der in der "Szene" verbreiteten Blindheit gegenüber einer mitunter zweifelhaften betrieblichen Normalität eine pointiert kritische Sicht entgegen, ohne gleich das Kind mit dem Bade auszuschütten.

Angesichts der unverkennbaren Überschneidungen zwischen beruflicher Rehabilitation und Benachteiligtenförderung ist es ein besonderer Vorzug des Werkes von Biermann, die Benachteiligtenförderung in die Betrachtung der Systemstrukturen einzubeziehen. Benachteiligte junge Menschen, für deren Abgrenzung es bisher keine allgemein konsentierte Definition gibt, stehen heute im Aufmerksamkeitsbereich verschiedener institutioneller Leistungsträger (Arbeitsverwaltung/Arge, Berufsschule, Jugendberufshilfe), mit jeweils eigenen Zielsetzungen, Traditionen und Kompetenzen. Nach wie vor – so die Bilanz des Autors- gibt es kein zwischen Bund und Ländern abgestimmtes Konzept für die Förderung benachteiligter Jugendlicher, stattdessen aber einen Dschungel von Maßnahmen. Das Ziel behinderte Jugendliche in die 2004 umgebauten berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen soweit möglich zu integrieren, wurde inzwischen sogar aufgegeben.

Das Hauptkapitel schließt mit einem Abschnitt über "Neue Handlungsfelder". Hier geht es Biermann um aktuelle (Fehl-)entwicklungen des beruflichen Bildungssystems, die er u.a. in Begriffen wie "Erosion der beruflichen Bildung", "fehlender Gestaltungswille der Politik", oder "Reformruinen" auf den Punkt bringt. Einer seiner vielfältigen Befunde lautet: "Im Vergleich zur Genese des deutschen Berufsbildungssystems stehen die neuen Qualifizierungsformen seitens der Wirtschaft unter einem rigiden ökonomischen Kalkül und nicht mehr in erster Linie unter einem Bildungsgebot." Wie die Bedürfnisse behinderter und benachteiligter Jugendlicher in der durch zunehmende Ökonomisierung bestimmten Bildungslandschaft zukünftig gewahrt werden können, ist offen. Eine Bündelung der vorhandenen Ressourcen könnte neue Horizonte für eine qualifizierte berufliche Erstausbildung aller Jugendlichen in einem differenzierten Regelsystem von kommunal verankerten Kompetenzzentren ermöglichen. Dies käme im Verhältnis zu dem überlasteten Lernort Betrieb einer Angebotserweiterung auf der Ebene von Berufsfachschulen gleich, analog zu den Qualifizierungszentren der großen Unternehmen. Separierende Subsysteme (Benachteiligtenförderung, berufliche Rehabilitation) wären dann obsolet.

Zu Kapitel 3

Unter dem Oberbegriff "Handlungsformen" diskutiert Biermann in seinem dritten Hauptkapitel zunächst allgemeine berufspädagogische Orientierungsmuster, die er sodann um rehaspezifische Akzente erweitert und mit Fallbeispielen aus der Praxis (z.B. Bigger Ausbildungskonzeption) ergänzt. Konzepte wie das überkommene Imitationslernen ("Beistell-Lehre"), das Lernen in Lehrgängen und Modulen, das lernzielgesteuerte und das handlungsorientierte Lernen, Projekte und Leittexte sind neben anderen Modellen zentrale Themenfelder; in der rehaspezifischen Ausbildung treten Orientierungsmuster wie Flexibilisierung von Ausbildungsgängen, die Ausrichtung auf Zielgruppen oder die – nach Biermann nicht immer gelungene - Übertragung etablierter Ausbildungskonzepte auf behinderte Menschen als feldspezifische Akzentuierungen hinzu. Kritisch geht Biermann mit dem Konzept des Empowerment um bzw. seinem Pendant im beruflichen Bereich, der Unterstützten Beschäftigung. Er sieht sie in der Tradition behaviouristischen Denkens, das modernen berufspädagogischen Prinzipien – Grundbildung in Verbindung mit dem Prozess der "vollendeten Handlung" - nicht standhält. Einen längeren Abschnitt widmet der Autor einem Überblick über assessmentgeleitete Verfahren in der beruflichen Förderdiagnostik.

Zu Kapitel 4

Das vierte und letzte Hauptkapitel des Buches ("Handlungsbezüge") befasst sich unter der Überschrift "Bildungsverläufe" zunächst mit einer Diagnose des beruflichen Bildungssystems. Klare, überschaubare Strukturen seien heute immer weniger erkennbar und angesichts der Neuordnung der Kompetenzen von Bund und Ländern auch für die Zukunft kaum zu erwarten. Individuelle Bildungsverläufe hingen stark vom zufällig gewachsenen regionalen Ausbildungsangebot der Betriebe, der Maßnahmenpalette, der Trägerstruktur und allgemein von der örtlichen Bildungsinfrastruktur ab. Anhand der amtlichen Daten und weiterer Forschungsbefunde zeichnet Biermann in diesem Kapitel ein differenziertes, in seinen Ergebnissen freilich wenig aussichtsreiches Bild der beruflichen Integrationschancen für benachteiligte und behinderte junge Menschen. Sonderschüler seinen weitgehend auf Sondersysteme angewiesen, in denen sie (zu oft?) in "Behindertenberufen" ausgebildet würden. Bei betrieblicher Ausbildung stünden ihnen vor allem Branchen und Berufe mit schlechter Entlohnung, geringer Übernahmechancen nach der Ausbildung und hoher Arbeitslosenquote offen. Zwar gingen die Schulentlasszahlen ab 2011 zurück, parallel dazu werde aber auch das Angebot an Ausbildungsmöglichkeiten sinken. Diesen Systemdiagnosen stellt der Autor Fallbeispiele individueller Bildungskarrieren gegenüber, deren Auswahl und Erkenntniswert allerdings nicht leicht zu erkennen sind. Unter "Handlungsbezüge" befasst Biermann sich aber auch mit Fragen der Professionalität des Personals in der beruflichen Reha. Bestenfalls sei von einer Semi-Professionalisierung auszugehen, obwohl die Umsetzung des Anspruchs auf Integration und Teilhabe doch in hohem Maße von den angemessenen Kompetenzen des Personals in der Reha abhänge. Die These von der Semi-Professionalisierung untermauert der Verfasser durch eine kritische Analyse von Ausbildungsprofilen (Berufspädagogik, Diplom- und Sozialpädagogik, Ausbilder im Betrieb, Fachkräfte zur Arbeits- und Berufsförderung in WfbM). Auch die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge in der Lehrerausbildung thematisieren zwar Aspekte beruflicher Rehabilitation, eine Doppelqualifizierung im Sinne einer "Sonderberufspädagogik" ist aber auch hier bisher nicht vorgesehen. Richtschnur für die akademische Profilierung der beruflichen Rehabilitation könnte nach Biermann die Verknüpfung von schulischen und außerschulischen Bildungsgängen sein: "Wenn nicht mehr das Lehramt Kern des Studiums ist, ausgerichtet auf den Arbeitgeber Staat, sondern ein polyvalenter BA-MA-Abschluss in der beruflichen Reha-Pädagogik möglich wäre, können sich Tätigkeitsfelder bei Bildungsträgern, Integrationsfachdiensten oder in der Wissenschaft und auch an Berufsschulen eröffnen." Dies dürfte kaum zu bestreiten sein; wie sich ein solcher, weder auf Zielgruppen noch auf das Lehramt ausgerichteter Studiengang in den Kontext des allgemeinen Berufsschulwesens einflechten ließe, wäre gewiss noch zu klären.

Das Buch endet mit einem Kapitel über Schwerpunkte und Tendenzen in der wissenschaftlichen Diskussion sowie den Desideraten in der Forschungslandschaft. Berufliche Rehabilitation gehört zweifellos zu den randseitigen Themen des Wissenschaftsbetriebs. Nur wenige Personen, Lehrstühle und Forschungsgruppen befassen sich überhaupt kontinuierlich mit der beruflichen Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Häufig sind es die etablierten Reha-Einrichtungen, die über Forschung zur Weiterentwicklung der Ausbildungspraxis beitragen. Wie in anderen politisch gesteuerten Handlungsfeldern ist auch in der beruflichen Rehabilitation Forschung nicht selten "Legitimationsforschung" für politisch gewollte Modelle und Praktiken. Die Vielzahl der Themen in der Rehaforschung kann – so einer der Befunde Biermanns – "nicht darüber hinwegtäuschen, dass keine Forschungsprogramme die Aktivitäten bündeln und dass die Ergebnisse die wissenschaftliche Diskussion in anderen Disziplinen kaum beeinflussen." Dabei sind viele Fragen bisher offen, etwa zum nachhaltigen Erfolg der Instrumente und Leistungen in der beruflichen Rehabilitation.

Diskussion und Fazit

Biermanns grundlegendes Werk ist nicht nur ein kompakter, sondern auch sehr anspruchsvoller Überblick über ein Feld, dessen Dimensionen und Bezüge in der Außensicht leicht unterschätzt werden. Das Buch weist den Autor als profunden Kenner der Materie aus, der es versteht, einen beeindruckend weiten Themenbogen auch in seinen historischen Bezügen zu spannen. Der Themenbogen umfasst u.a. Fragen des gesellschaftlichen Wandels, die verästelten Strukturen des allgemeinen wie rehaspezifischen (Aus-)Bildungssystem, methodisch-didaktische Konzepte oder Fragen nach der Professionalität der beruflichen Rehabilitation. Durchgängig unterwirft Biermann die von ihm verhandelten Gegenstände kritischer Analyse, auch dort, wo dies mutmaßlich dem Mainstream zuwiderläuft, wie sich an seinen Bemerkungen über Neuerungen wie Persönliche Budgets, Unterstützte Beschäftigung oder Empowerment zeigen lässt. Biermann fordert von seinem Leser, erst recht von dem sich einarbeitenden Leser, hohe Konzentration; schneller Konsum ist mit Sicherheit ausgeschlossen. Das liegt vor allem an der enormen Stofffülle und ihrer verdichteten Präsentation. Für das Studium wird das Buch seinen Zweck am besten erfüllen, wenn es seminarbegleitend im Rahmen einer interaktiven Lehre eingesetzt wird. Hilfreich nicht nur für Unterrichtszwecke sind die vielen Übersichten, Schaubilder und Tabellen, auch wenn diese mitunter durch den Text mehr erläutert werden könnten. Der fortgeschrittene Leser wird mit dem Werk nicht nur tiefer in die wahrlich komplexe Materie hineingeführt, sondern sich darüber freuen, eine Vielzahl von neuen Haupt- und Seitensträngen des Themenfeldes sowie kritische Einschätzungen kennen lernen zu können, die sein Lernen weiter voranbringen.

Der Band von Horst Biermann dürfte sich über kurz oder lang den zweifellos verdienten Status eines Standardwerks erwerben.


Rezension von
Prof. Dr. Rudolf Bieker
Hochschule Niederrhein/Fachbereich Sozialwesen
Lehrgebiet: Theorie und Strukturen Sozialer Dienste/Sozialverwaltung
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Zitiervorschlag
Rudolf Bieker. Rezension vom 09.10.2008 zu: Horst Biermann: Pädagogik der beruflichen Rehabilitation. Eine Einführung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-17-019477-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5777.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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