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Kurt Wyss: Workfare. Sozialstaatliche Repression [...]

Cover Kurt Wyss: Workfare. Sozialstaatliche Repression im Dienst des globalisierten Kapitalismus. edition 8 (Zürich) 2007. 158 Seiten. ISBN 978-3-85990-125-4. 15,20 EUR.
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Thematik

Mit dem aus dem Anglo-amerikanischen stammenden Kompositum „Workfare“ (von „Work“ (Arbeit) und „Welfare“ (Wohlfahrt)) sind sozialpolitische Bestrebungen gemeint, mit denen nach einer längeren Phase der sozialstaatlichen De-Kommodifizierung, d. h. der über die Sozialversicherungssysteme organisierten Abmilderung des wirtschaftlichen Zwangs zum Anbieten und zum Verkauf der Arbeitskraft, seit einiger Zeit ihre Re-Kommodifizierung vorangetrieben wird. Handlungsleitend ist hier der Begriff der Beschäftigungsfähigkeit („Employability“) des Einzelnen, der in diesem Sinne (staatlich) „aktiviert“, d. h. „gefördert und gefordert“ werden soll bzw. muss, damit Arbeitsuchende „wieder in Arbeit“ kommen und der Staat sich darüber von „steigenden Soziallasten befreien“ könne.

Diese Begrifflichkeiten, Ziele und Instrumente haben in verschiedener Form und Ausprägung seit den 1980er Jahren inzwischen weit über den anglo-amerikanischen Sprachraum hinaus - ausgehend von den Niederlanden – insbesondere in Nord- und Westeuropa Verbreitung gefunden [1]. Mit dem Schröder-Blair-Papier (1999), der Agenda 2010 (Regierungserklärung vom März 2003) und den „Vier Gesetzen für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ („Hartz-Reform“ ab 2005) hat das „Workfare„-Konzept programmatisch auch Einzug in die deutsche Sozial- und Arbeitsmarktpolitik gehalten.

Autor und Inhalt

Der Schweizer Kurt Wyss ist freiberuflicher Soziologe und legt mit dem hier besprochenen Band in drei Teilen eine systematische Untersuchung der Entstehung, der theoretischen Grundlagen und der praktischen Umsetzung von „Workfare„-Strategien vor. Dabei kritisiert er bisherige Untersuchungen zum Thema, die vielfach bestreiten würden, dass „[…] es sich bei Workfare um ein klar zu bestimmendes Phänomen handelt“ und „[…] dass die Sache selber sich zum einen gar nicht richtig bestimmen lasse, sie zum anderen von verschiedenen empirischen Typen dominiert sei, die in ganz unterschiedliche Richtungen tendieren […] dabei werden die Unterschiede in den Ausformungen und Entwicklungen von Workfare implizit vorschnell als Sachunterschiede gedeutet.“ (S.12).

Im ersten Teil wird die Entstehung des „Begriffs von Workfare“ dargelegt. Wyss schildert sehr faktenreich und zugleich detailliert die Entwicklung und Umsetzung erster Konzepte auf kommunaler Ebene und den Einzelstaaten der USA und Kanada in den 1980er Jahren, von wo aus „Workfare“ zu seinem weltweiten Siegeszug bis nach Australien und Neuseeland ansetzte. Dabei stellt „Wisconsin Works“ das Pioniermodell aller amerikanischen „Workfare„-Modelle dar. Es schreibt dem kommunalen Sozialamt die Funktion zu, Hilfeempfänger im Regelfall in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln und folgt dabei zwei wesentliche Prämissen: „For those who can work, only work should pay“ und zum anderen dem Grundsatz einer aufgefächerten Zielgruppenorientierung.

Wyss verdeutlicht in der Darstellung des Konzeptes und der Praxis der englischen „Work Houses“ des 16. Jahrhunderts zugleich den historischen Ausgangspunkt von „Workfare“. Vom ideologisch-praktischen Grundauftrag der „Arbeitshausbewegung“ aus („aktive Proletarisierung“ (Claus Offe), d. h. der gewaltsamen Schaffung einer kapitalistischen Arbeiterklasse im Rahmen der so genannten „ursprünglichen Akkumulation“ (Karl Marx) und „Sozialdisziplinierung“, d. h. „Leistungsansporn“ und „Förderung von Arbeitstugenden“ (Francis Piven/Richard Cloward) bis hin zur Etablierung eines kongenialen „Geistes des Kapitalismus“ (Max Weber)) sieht Wyss eine direkte inhaltliche Verbindung zu den Intentionen und der Praxis aktueller „Workfare„-Konzepte. Diese sollen damit nicht nur eine entsprechende Signalwirkung für Arbeitsuchende (Motto: „No work, no pay“ bzw. „Whoever can work must work“), sondern zugleich auch für alle Beschäftigten entfalten, mit der letztlich eine Kernbotschaft transportiert wird: „Nichtarbeiten darf/soll sich nicht lohnen“.

Den von ihm konstatierten „neoliberalen“ und von „New Labour“ propagierten Wechsel von „Welfare“ zu „Workfare“ erläutert er ausgehend von Esping-Andersens Analyse der „Three Worlds of Welfare Capitalism“ und den ihr zu Grunde liegenden verschiedenen Typen von Wohlfahrtsstaaten. Es folgt ein kurzer Blick auf die Forschungsarbeiten zur Thematik, wobei Wyss diese in die zwei Lager der (meist regierungsamtlichen) Befürworter und ihre (sozial- und politikwissenschaftlichen) Kritiker unterteilt.

Der mit „Die Workfare-Ideologie“ überschriebene zweite Teil der Untersuchung geht von einer These aus, die nach Wyss von sämtlichen „Workfare„-Verfechtern geteilt wird. Sie basiert auf der Unterstellung, „[…] dass von sozialstaatlicher Seite Druck auf die Erwerbslosen Personen ausgeübt werden müsse, um diese wieder in einer Erwerbsarbeit hinein und damit aus der potentiellen oder aktuellen Armut herauszuführen.“ (S.39). Eine Forderung, die implizit auch im Aktivierungsanspruch enthalten ist, denn nur derjenige muss zu entsprechender Aktivität angehalten werden, der sie von sich aus – angeblich – nicht zeigt oder zeigen will. Hinsichtlich des deshalb auszuübenden (sozial)staatlichen Drucks würden dabei je nach politischer Haltung unterschiedliche Prioritäten formuliert. Neokonservative setzten eher auf Kürzungen bzw. Einstellungen von Sozialleistungen, Neoliberale auf die Einführung einer allgemeinen Arbeitspflicht im Gegenzug zur Vergabe von Sozialleistungen, New Labour auf die sozialstaatliche Verpflichtung der Betroffenen, dauerhafte Bewerbungsaktivitäten zu zeigen und staatlich organisierte Beschäftigungs- bzw. Wiedereingliederungsprogramme zu nutzen. Diese unterschiedlichen Prioritätensetzungen ordnet Wyss jeweils verschiedene sozialpolitisch-ideologische Grundaussagen zu:

  • das neokonservative „Armutsfallen-Theorem“ (Charles Murray) behauptet, dass die Zahlung von Sozialleistungen ihre Bezieher in der Armut „gefangen“ hielte, was schließlich zu einem „Zerfall der (Arbeits)Moral“ führen müsse;
  • neoliberale Theorektiker wie Lawrence M. Mead behaupten, dass staatlich vergebene Sozialleistungen die individuelle und gesellschaftliche „Konkurrenz- und Wettbewerbsfähigkeit“ sowie die „durch Arbeit zu erreichende Eigenständigkeit schwächen“ würden („Welfarization“). Murray wie Mead argumentieren dabei von derselben ideologischen Basis, nämlich der Lewis„schen Figur einer „Kultur der Armut“ [2] aus;
  • die New Labour-Unterstellung argumentiert, dass mit staatlich gezahlten Sozialleistungen der „Anpassungswille sowie das Anpassungsvermögen an die sich nach wie vor bietenden (arbeitsmarktlichen) Möglichkeiten und Chancen untergraben“ werde (Anthony Giddens und Ulrich Beck).

Diese Aussagen bilden die theoretische Basis der im dritten Teil ausgeführten „Workfare-Praxis“. Wyss unterscheidet drei wesentliche Verfahrensweisen, die einerseits den Umgang mit den Betroffenen und andererseits die sozialadministrative bzw. leistungsrechtliche Form der Durchsetzung des „Workfare„-Anspruches kennzeichnen. Wichtig erscheint ihm der Hinweis, dass sich diese Strategien in der Praxis nicht streng voneinander abgrenzen lassen, insofern sie i. d. R. jeweils nicht ausschließlich oder alternierend, sondern komplementär zum Einsatz kommen:

Leistungskürzungen unter Leistungseinstellungen, d. h. „Workfare als Mittel zur allgemeinen Verstärkung des Drucks zum Autoritären“ (S.77), über den der Bezug von Sozialleistungen „unattraktiv“ gemacht werden solle und zugleich den Betroffenen wieder ein „verloren gegangenes Verantwortungsgefühl für für Familie, Arbeit und Gemeinschaft“ anerzogen werden müsse, damit diese überhaupt lernten, sich wieder in die Gemeinschaft einzuordnen.

Eine allgemeine Arbeitspflicht, bei der es darum gehe, „[…] die als erwerbsfähig, aber als nicht arbeitsbereit eingestuften Bezügerinnen und Bezüger von Sozialleistungen mittels Arbeitszwang zu sanktionieren, um hierüber der erwerbstätigen Bevölkerung zu demonstrieren, dass diese, will sie nicht ebenfalls sanktioniert werden, alles dazu tun müsse, erwerbstätig zu bleiben.“ (S.97-98).

Eine „forcierte Bewerbungspflicht“ und „gestützte Beschäftigung“ („Supported Employement“), womit die Vorstellung befördert werde, dass „[…] der globalisierte Kapitalismus für jeden Menschen und also auch für die erwerbslos Gewordenen Chancen bereithalte, es nur darauf ankomme, dass man diese Chancen zu nutzen bereit sei“ (S.117).

Ein kurzes Fazit, in dem der Autor die Ausgangsthese seiner Untersuchung noch einmal aufnimmt, schließt den Band ab.

Fazit

Kurt Wyss ist ein kritisches, dabei lehrreiches und mit wenigen, passgenau eingesetzten Übersichtsgrafiken gut zu lesendes Basiswerk gelungen, das die inzwischen international präsente und weiterhin forciert vorangetriebene Workfare-Programmatik nicht nur historisch aufarbeitet, sondern dem Leser anhand von Originalquellen zugleich begrifflich-systematisch erschließt. Diese inhaltliche Verknüpfung des „ideologischen Überbaus“ mit der ihr entsprechenden Umsetzungspraxis kann überzeugen. Sie erleichtert dem interessierten Leser den Zugang zu einer in Theorie und Praxis zentralen, dabei nach wie vor in der Diskussion stehenden sozialpolitischen Thematik der letzten Jahre.


[1] Vgl. dazu auch Katrin Mohr: Soziale Exklusion im Wohlfahrtsstaat, Wiesbaden 2007 (www.socialnet.de/rezensionen/4940.php und Nikolaus Dimmel: Gemeinnützige Zwangsarbeit? Arbeitsmarktintegration zwischen Arbeitspflicht und innovativen Beschäftigungsmaßnahmen, Wien 2000

[2] Oscar Lewis: Five Families: Mexican Case Studies in the Culture of Poverty, New York 1959.

Rezension von
Prof. Dr. Michael Buestrich
Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
Homepage www.buestrich.net


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Zitiervorschlag
Michael Buestrich. Rezension vom 02.04.2008 zu: Kurt Wyss: Workfare. Sozialstaatliche Repression im Dienst des globalisierten Kapitalismus. edition 8 (Zürich) 2007. ISBN 978-3-85990-125-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5783.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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