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Gabriela Stoppe: Demenz. Diagnostik – Beratung – Therapie

Cover Gabriela Stoppe: Demenz. Diagnostik – Beratung – Therapie. UTB (Stuttgart) 2006. 198 Seiten. ISBN 978-3-8252-2651-0. 19,90 EUR.
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Thema

Parallel zu dem Anstieg der Lebenserwartung steigt auch die Zahl Demenzkranker. Denn Demenzerkrankungen sind eng mit dem Alter verbunden: Die Erkrankungshäufigkeit nimmt zum Alter stetig zu; während etwa 2 bis 3 Prozent der 65- bis 69-Jährigen betroffen sind, leiden über 30 Prozent der über 90-Jährigen daran. Die Zahl der heute an einer Demenz Erkrankten wird in der Bundesrepublik Deutschland auf etwa eine Million geschätzt. Es wird angenommen, dass sich diese Zahl bis zum Jahre 2030 verdoppelt.

Demenzen führen progredient zu Störungen des Gedächtnisses, der Orientierung sowie der Sprache und des kritischen Denkens. Auch treten psychische Begleitsymptome wie Unruhe, Gereiztheit bis Aggressionen, Schlafstörungen, Verkennung und Depressionen und im Spätverlauf körperliche Funktionsstörungen wie Harn- und Stuhlinkontinenz, Schluckstörungen und Gehbeeinträchtigungen auf. Demenzen schränken die Lebenserwartung und die Lebensqualität der Betroffenen drastisch ein. Demenzen führen zu emotionalen, physischen und finanziellen Belastungen der Angehörigen. Bemerkenswert ist, dass immer noch 6 von 10 Erkrankten in ihren Familien gepflegt werden. Problem ist, dass die Heime keineswegs selbstverständlich ein dementengerechtes Milieu anbieten und dass Demenzkranke, sofern sie stationäre körpermedizinische Hilfe benötigen, im Krankenhaus häufig irritierende und beunruhigende Umstände vorfinden. Auch ist keineswegs in der Praxis des niedergelassenen Arztes ein hoher Standard an diagnostischer und therapeutischer Kompetenz bzgl. Demenzerkrankungen vorauszusetzen. Schließlich erzeugen die (immer noch weitgehend unbezahlte) Pflege durch die Familien und die medizinische Behandlung und vor allem die Heimbetreuung enorme Kosten für das Gesundheitssystem.

Entstehungshintergrund und Zielsetzung

Vor diesem Hintergrund ist das Buch von Gabriela Stoppe entstanden. Ziel der Autorin war es, in komprimierter Weise das heute verfügbare Wissen zur Entstehung, Erkennung und Behandlung demenzieller Erkrankungen auf dem neuesten Stand zusammenzutragen und es den wichtigsten Primärversorgern, den Hausärzten, den Fachärzten und den Pflegekräften, zur Verfügung zu stellen. Ein besonderes Anliegen war es ihr, die Kenntnisse so aufzubereiten, dass der differenzierte Sachstand verstanden wird und seinen Weg in die Praxis findet.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst alle für den praktischen Umgang mit Demenzkranken relevanten Inhalte:

  • Epidemiologie und Risikofaktoren werden knapp und präzise abgehandelt. Dabei fällt bereits an dieser Stelle aber auch bei anderen Kapiteln des Buches positiv auf, dass nicht nur die häufigste Demenz, die vom Alzheimertyp, sondern auch seltenere, wenngleich für die Versorgung der Betroffenen relevante Demenzformen wie die vaskuläre Demenz und die Lewy-Körperchen-Demenz  Erwähnung finden.
  • Ein weiteres Kapitel widmet sich der Pathologie und der Pathophysiologie der verschiedenen Erkrankungen.
  • Bei der Darstellung der klinischen Charakteristika und der Verlaufsformen behandelt das Buch ausführlich die Diagnose und die Differenzialdiagnose des Demenzsyndroms, das diagnostische Vorgehen und vor allem therapeutische und Versorgungsaspekte. Wichtig ist, dass auch spezielle, bei Demenzkranken häufig auftretende Syndrome wie Schmerzen, Ernährungsstörungen, Schlafstörungen und Inkontinenz besprochen werden.
  • Das Buch wird abgerundet durch eine exakte Erklärung der wichtigsten Fachbegriffe, ein ausführliches Literaturverzeichnis und ein Sachregister.

Zielgruppen

Zu den Zielgruppen wird in dem Buch nicht ausdrücklich Stellung genommen. Einleitend wird erwähnt, dass es "für einen breiten Leserkreis" gedacht sei. Ich würde denken, dass es vor allem den in der Primärversorgung Tätigen, nämlich Hausarzt und Pflegepersonen in der ambulanten Pflege und in den Langzeiteinrichtungen, einen Überblick über Demenzerkrankungen gestattet. Aber auch Fachärzte und interessierte (pflegende) Angehörige können sich angesprochen fühlen.

Diskussion

Die fachliche Qualifikation der Autorin ist unbestritten. Sie ist sowohl erfahren in der praktischen Diagnostik und Therapie sowie in der Angehörigenbetreuung Demenzkranker als auch als engagierte Forscherin bekannt.

Gut ist, dass, sofern Daten dafür vorliegen, sowohl die häufige Demenzform vom Alzheimertyp als auch weitere relevante Demenzformen besprochen werden. Die Darstellung ist überwiegend klar und gut verständlich. Manchmal wirken einige Formulierungen etwas überladen und für die Zielgruppe schwerer verständlich, z.B. im Kapitel 3, Pathologie, S. 22 unten und 23 oben. Ebenso sind manche Ausführungen zur Neuropathologie für den Praktiker sicher nicht ohne Weiteres zu verstehen.

Gut ist darüber hinaus die kritische Würdigung der in der Praxis bewährten Screening-Verfahren (Kapitel 7.4). Sehr hilfreich sind Hinweise auf die Indikation für weitergehende diagnostische Maßnahmen, wie z.B. Liquoruntersuchung und CT und MRT. Es findet sich eine klare Haltung und Empfehlung zur Aufklärung von Demenzkranken - worin sich wiederum die praktische Erfahrung im Umgang mit Demenzkranken und ihren Angehörigen widerspiegelt. Eindeutig ist auch die klare Stellungnahme zum Einsatz der Antidementiva, gut geordnet sind die Empfehlungen zu den Psychopharmaka. Wichtig auch die Ausführungen zu speziellen Syndromen (s.o.) und der abschließende umfassende Überblick über die Versorgungsstrategien.

Nicht so gut gelungen scheinen einige schwerer verständliche Passagen (s.o.) sowie eine etwas ausufernde (damit nicht der Orientierung dienende) Darstellung der Skalen (Kapitel 7.6).  Die Qualität der Abbildungen ist begrenzt. Dafür ist der Preis bestechend gering.

Fazit

Als Fazit kann formuliert werden, dass es sich bei dem Buch "Demenz" von Gabriela Stoppe um einen überaus gut gelungenen Überblick über das Gebiet der Demenzen handelt, das den weiten Bogen von aktuellen epidemiologischen Zahlen über Risikofaktoren und Neuropathologie hin zu den in der praktischen Versorgung relevanten Aspekten der Diagnostik, der Therapie und der Versorgung spannt. Das Buch ist kompetent geschrieben und aktuell. Es eignet sich sowohl, um eine Übersicht über das gesamte Gebiet zu erlangen, als auch zum (stichwortgeleiteten) Nachschlagen bestimmter Teilaspekte. Es will und kann dem nach speziellen differenzierten Zusammenhängen suchenden Fachmann keine neuen Gesichtspunkte bieten. Es bedient aber in exzellenter Weise den in der Primärversorgung Stehenden.  Das Buch kann ohne Einschränkungen empfohlen werden.


Rezensent
Dr. Claus Wächtler
Leitender Arzt der Abteilung für Gerontopsychiatrie und –psychotherapie der Asklepios Klinik Nord – Ochsenzoll in Hamburg. Schwerpunkte: neben der Behandlung von Depression und Suizidalität im Alter die nicht medikamentösen Behandlungsverfahren und die Milieutherapie bei Demenz. Tätigkeit in der Fortbildung von Ärzten und Pflegekräften und Herausgeber des im Januar 2003 in zweiter Auflage veröffentlichten Buchs „Demenzen“.
Homepage www.asklepios.com/klinikumnord


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Zitiervorschlag
Claus Wächtler. Rezension vom 09.02.2008 zu: Gabriela Stoppe: Demenz. Diagnostik – Beratung – Therapie. UTB (Stuttgart) 2006. ISBN 978-3-8252-2651-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5785.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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