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Gudrun Piechotta (Hrsg.): Das Vergessen erleben (demenzielle Erkrankung)

Cover Gudrun Piechotta (Hrsg.): Das Vergessen erleben. Lebensgeschichten von Menschen mit einer demenziellen Erkrankung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2008. 242 Seiten. ISBN 978-3-938304-70-9. 19,80 EUR.
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Thema

Eine Annäherung an das Selbsterleben der Menschen mit Demenz ist die erklärte Bestrebung der Herausgeberin, Gudrun Piechotta. Sie gibt den Menschen mit Demenz Raum, das zu erzählen, was sie denken, empfinden und was sie innerlich bewegt. Dabei ist der Blick auf die gesamte Lebensgeschichte gerichtet, in der die Erkrankung Demenz lediglich eine Lebensphase darstellt. Es geht in den Beiträgen der einzelnen Autorinnen und Autoren um ihren Blick auf die eigene Biografie und dem was geblieben ist, vom gelebten Leben. Die Herausgeberin unterstützte die Autoren, indem diese ihren Beitrag mündlich formulierten. Anschließend wurden die Tonbandaufzeichnungen transkribiert. Zum Teil wurden in die Autorenbeiträge Ergänzungen von Angehörigen integriert.

Mit der Veröffentlichung der autobiografischen Erzählungen, möchte die Herausgeberin die sozialgesellschaftliche Einseitigkeit durchbrechen, in welche Menschen mit Demenz geraten werden sie ausschließlich als "Hilfestellung Empfangene" betrachtet. Dagegen stellt das Kommunizieren ihrer Lebensgeschichte eine aktive gestaltende soziokulturelle Handlung dar. Die Beiträge der Autorinnen und Autoren können dazu beitragen, dass sich die Leserinnen und Leser aktiv mit den Vorstellungen und Ängsten auseinandersetzen, welche langläufig mit der Demenz verbunden sind. Die Herausgeberin sieht hierin eine Möglichkeit zu einer präventiven-konstruktiven Auseinandersetzung mit der Demenz.  

Aufbau

Nach einem Geleitwort durch Heike von Lützau-Hohlbein und einer Danksagung der Herausgeberin, folgen eine Einleitung durch die Herausgeberin, 10 Autorinnen- und Autorenbeiträge von Menschen mit Demenz, sowie ein umfangreicher Anhang, welcher das Buch abschließt.
Die 10 Autorenbeiträge sind in sich noch einmal untergliedert: in eine Vorbemerkung der Herausgeberin, den frühen Lebensbereich (Kindheit), die Lebensspanne Familie und Berufsleben, dem Thema Alter und Krankheit und einem Nachtrag der Herausgeberin.

Einleitung

In der Einleitung beschreibt die Herausgeberin ihre Vorgehensweise und den Kontext, aus dem heraus die Idee für das Buch entstanden ist. Sie weist darauf hin, dass es im deutschsprachigen Raum zwar eine Vielzahl von Publikationen zur Demenz gebe, diese jedoch fast ausschließlich aus der Außenperspektive geschrieben seinen, für die Herausgeberin jedoch die Innenperspektive der Betroffenen, zu einer intensiven Auseinandersetzung nicht betroffener Menschen beitragen kann und hierüber eine soziokulturelle Veränderungen angeregt werden könnte.

Die Autorenbeiträge

Allen 10 Beiträgen der Menschen mit Demenz ist eine Vorbemerkung der Herausgeberin vorangestellt. In diesen beschreibt sie, wie ihr Kontakt zu dem Menschen zustande gekommen ist und wie sich die individuelle Zusammenarbeit in der Erstellung des Beitrages gestaltete. Dabei wird auch dargestellt, welche weiteren Personen (Angehörige), sich in welcher Form, an der Erstellung des Beitrages beteiligt haben. In einer Art zusammenfassenden Retrospektive, wird ein skizzenhaftes Bild von der Autorin / dem Autor gezeichnet und ihre / seine aktuelle Lebenssituation dargestellt. Hierbei greift die Herausgeberin Inhalte der nachfolgenden Erzählung auf, welche sie als besonders prägend empfindet, wodurch die Neugierde auf die nachfolgende Lebensgeschichte angeregt wird.

Die Beiträge der Autoren sind dem Erzählfluss entsprechend gegliedert. Da die Herausgeberin allen Autorinnen und Autoren zu Beginn, mit der Frage nach ihren Erinnerungen an die Kindheit begegnet, beginnen fast alle dargestellten Lebensgeschichten hiermit. Die weitere Untergliederung in Berufs- und Familienleben, sowie Alter und Krankheit, ergeben sich aus dem individuellen Erzählfluss. Die einzelnen Abschnitte sind je nach Autoren unterschiedlich gewichtet, das Erleben des Alters und der Demenz umfasst jedoch immer einen relativ großen Anteil an den Erzählungen. Alle Autorinnen und Autoren beantworten in ihren Beiträgen die Frage: "Wenn Sie drei Wünsche frei hätten?"

Die autobiografischen Lebensgeschichten der Menschen mit Demenz sind von der Herausgeberin in sehr zurückhaltender Form redigiert, so dass die Individualität der Autorenschaft gewahrt bleibt. Wiederholungen, unvollendete Sätze oder Brüche in den Erzählungen bleiben erhalten. Hierdurch wird das Selbsterleben des mit der Demenz verbundenen Vergessenes und der Blick auf die eigene Lebensgeschichte nicht nur über den Inhalt des Erzählten, sondern auch über das Wie der Sprache wahrnehmbar. Andererseits werden von der Herausgeberin, in einer eher unkritischen Art und Weise, die autobiografischen Erzählungen durch Ergänzungen oder Korrekturen der Angehörigen vervollständigt, wodurch zum Teil die Autorenschaft verwässert wird. Zwei Kapitel sind als gemeinsamer Beitrag -Mensch mit Demenz und Angehöriger- entstanden, lediglich in diesen beiden Beiträgen werden die Partner als Autoren aufgeführt. In allen anderen Beiträgen verbleibt, trotz der Ergänzungen durch dritte, die Autorenschaft beim Menschen mit Demenz.

Allen Erzählungen schließt sich eine Nachbetrachtung der Herausgeberin an. In dieser werden noch einmal, aus der Sicht der Herausgeberin, wichtige Aspekte der Lebensgeschichte und des Erlebens zusammengefasst und zum Teil auch bewertet, wobei sie hierfür auch auf Aussagen der Angehörigen zurückgreift. In die Nachbetrachtungen bringt sich die Herausgeberin mir ihren Empfindungen ein. Dabei wird ersichtlich, dass sie durch die gemeinsame Arbeit zu den einzelnen Autoren eine Beziehung entwickelt hat. Sie blickt mit großer innerer Zugewandtheit auf die Person des jeweiligen Autors / der jeweiligen Autorin.
In mehreren Nachbetrachtungen stellt die Herausgeberin eine Verbindung zwischen der durch Ergänzungen angereicherten biografischen Lebensgeschichte und dem Selbsterleben dieser durch den Menschen mit Demenz her. In der Auseinandersetzung mit der veränderten Bewertung einzelner Lebensmomente in der Demenz, greift Frau Piechotta zum Teil auf theoretische Konstrukte zurück, welche so formuliert sind, dass sie sich gut nachvollziehen lassen. Die Herausgeberin vollzieht hier keine ausschweifenden theoretischen Abhandlungen, sondern formuliert Gedankenanregungen, die zu einer erweiterten Perspektive auf die Lebensgeschichten alter Menschen führen können.

Anhang

Im Anhang werden Adressen von einigen Verbänden aufgeführt und in umfassender Form ist eine nach Postleitzahlen sortierte Liste der Memory-Kliniken und Gedächtnisambulanzen in Deutschland, der Schweiz und Österreich enthalten.

Diskussion

Menschen mit Demenz ein Forum zu bieten, in dem sie selbst ihre Lebensgeschichte und ihre Empfindungen zur Demenz darstellen können, und dieses einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, bringt einen soziokulturellen Perspektivenwechsel mit sich. Bricht es doch mit der immer noch verbreiteten Auffassung, dass Menschen mit Demenz ausschließlich hilfebedürftig seien und in Ermangelung kognitiver Kompetenzen scheinbar keinen "sinnvollen" Beitrag für eine soziokulturelle Auseinandersetzung bzw. zum gesellschaftlichen Leben beitragen können und in der Folge aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden. In dem Band werden 10 vollkommen unterschiedliche biografischen Lebensgeschichten zusammengetragen und vermitteln sich, dank behutsamen redigierens, in einer wunderbaren Direktheit. Auch wenn die Herausgeberin betont, dass sie das subjektive Selbsterleben der Menschen mit Demenz als Wert betrachtet, verfällt sie der gängigen Praxis und fügt in sehr unkritischer Art und Weise Perspektiven und Ergänzungen der Angehörigen in die autobiografischen Erzählungen ein, die eindeutig einen korrigierenden Charakter haben. Durch die Bezugnahme Frau Piechottas zu diesen ergänzenden Elementen, in ihren die Erzählungen abschließenden Nachbetrachtungen, wird deutlich, dass sie den Ergänzungen und Korrekturen der Angehörigen mehr Wahrheitsgehalt beimisst, als den Erzählungen der Autorinnen und Autoren. Wird berücksichtigt, dass Biografien nichts Festgeschriebenes sind, sondern sich in der Vergegenwärtigung immer wieder neu konstruieren, wird die Herausgeberin an diesem Punkt ihrem eigenen Anliegen nicht gerecht. Obgleich sie mit einer kompetenzorientierten Perspektive in die gemeinsame Verwirklichung des Werkes geht, bedient sie hier ein allgemeines Defizitdenken, das eben auch darin besteht, dass den Aussagen der Menschen mit Demenz nicht ganz vertraut werden darf, da sie nicht mehr wüssten, was sie erzählen.
Andererseits vermittelt sich durch die ergänzenden Aussagen das Erleben der Angehörigen, die Teil der jeweiligen Lebensgeschichte sind. Konsequent wäre es gewesen, wenn die Herausgeberin die unterschiedlichen Bewertungen und Wahrnehmungen zu den einzelnen Lebensabschnitten als jeweils subjektive Wahrheiten nebeneinandergestellt hätte.

Fazit

Ob der Anspruch, eine präventive und konstruktive Auseinandersetzung mit der Demenz und den damit verbundenen Ängsten, bei noch nicht von Demenz betroffenen Menschen anzuregen, mit der Veröffentlichung der 10 Autorenbeiträge erreicht werden kann, lässt sich nicht so eindeutig beantworten, wie dies die Herausgeberin in den Raum stellt, zumal die Empfindungen und Umgangsweisen mit der Erkrankung bei den Autoren sehr unterschiedlich sind. Das Spektrum reicht, von einem hoffnungsvollen, ich lerne mit der Demenz umzugehen bis zu ausgedrückten Suizidgedanken. Die 10 Beiträge vermitteln eine Vielfalt im Erleben der Demenz. Vor allem wird deutlich, dass die Demenz eine Phase im Leben des betroffenen Menschen ist und erst seine gesamte Lebensgeschichte die Person ausmacht, und sich diese auch in der Demenz wiederfinden lässt, da sie Einfluss auf den Umgang mit der Demenz hat.
In dem Buch werden von der Herausgeberin, verschiedene gedankliche Ebenen in der Auseinandersetzung mit der Biografie von Menschen mit Demenz angesprochen und bedient. In den Anmerkungen und Nachbetrachtungen spricht Frau Piechotta mehrere für die Begleitung von Menschen mit Demenz bedeutungsvolle Aspekte an, ohne sie jedoch zu vertiefen. Auch wenn Piechotta über diese Gedanken zu einer weiteren Auseinandersetzung mit der Demenz anregt, wird eine eindeutige Zielrichtung nicht ganz deutlich.

Wer sich gerne, auch unabhängig von dem Thema Demenz, mit Autobiografien beschäftigt, wird beim Lesen mit einer unmittelbaren Direktheit beschenkt, die vermutlich nur aufgrund der Demenz möglich ist. Dabei stört es nicht, dass in einigen Beiträgen, auf inhaltlicher Ebene, der rote Faden, der die Sicht auf die Biografie mit dem Erleben der Demenz verbindet, nicht immer deutlich sichtbar ist. Der Zusammenhang der Gesamtbiografie mit dem Selbsterleben der Demenz, vermittelt sich in allen Beiträgen aus der Art, wie die Autorinnen und Autoren auf die eigene Lebensgeschichte zurückblicken und der Form ihres Erzählens. Taucht die Leserin / der Leser in diese Erzählungen ein, wird das Buch seinem Titel "Das Vergessen erleben", im vollen Umfang gerecht.


Rezensent
Dipl.-Gerontologe Michael Ganß
Dipl.-Kunsttherapeut. Mitarbeiter der Demenz Support Stuttgart gGmbH
Homepage kunstdialog.com
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Zitiervorschlag
Michael Ganß. Rezension vom 03.08.2008 zu: Gudrun Piechotta (Hrsg.): Das Vergessen erleben. Lebensgeschichten von Menschen mit einer demenziellen Erkrankung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2008. ISBN 978-3-938304-70-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5786.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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